Ein Piepmatz stiehlt die Langeweile

Wie öde und beruhigend zugleich war es doch damals. Man stand auf Bahnsteig 9, wartete auf den Zug – und guckte in die Luft. Der moderne Mensch kennt diese gepflegte Langeweile nicht mehr. Er beugt sich nach vorne, schaut auf sein Smartphone, grinst, schüttelt den Kopf oder tippt etwas. Schuld ist Larry, ein nach dem Basketballer Larry Bird benannter kleiner Vogel auf blauem Grund.

Seit dem 21. März 2006, also seit genau zehn Jahren gibt es den Kurznachrichtendienst Twitter. Er ist schon deshalb ein Phänomen, weil man gemeinhin davon ausgeht, dass es wirtschaftlicher Stärke bedarf, damit ein Unternehmen die Welt verändern kann. Die Zwitscher-Firma indes ist notorisch in den roten Zahlen. 2013 wurde bei einem Umsatz von 665 Millionen Dollar ein Verlust von 645 Millionen Dollar „erwirtschaftet“. Freude macht sie ihren Aktionären nur dann, wenn sie wieder mal gerüchteweise aufgekauft wird.

Trotzdem hat Twitter unser Leben verändert. Auch weil es die meisten interessanten Leute tun. Obama twittert, der Papst, Lukas Podolski und Markus Söder.  Wobei sich der wahre Erfolg an der Zahl der Follower bemisst, also an jenen Menschen, die keine Ereignis im Leben ihres Idols verpassen wollen. Königin der Welt in diesem Sinne ist eine notorisch fröhliche US-Sängerin namens Kate Perry. Ihr folgen 84 Millionen Menschen, ihr Kollege Justin Bieber ist von 76 Millionen abonniert. Die deutsche Twitterkönigin ist Heidi Klum. Sie hat 3,5 Millionen Follower, Ilse Aigner bloß 1500.

Womit sich zeigt, dass die Wege der Popularität seltsam sein können. So wie die Wege von Twitter selbst. Es gibt gelogene Tweets, Hasserfülltes und ganz gar Blödes. Aber: Man lernt virtuell viele nette und kluge Leute kennen. Manche trifft man zum Twabendessen, andere zum #Tatort-Gucken, wieder andere zu einer Revolution.

Und die Langeweile und die Faulheit? Sind die wirklich ganz und gar weggezwitschert? Ganz sicher nicht. Denn 44 Prozent der 320 Millionen Twitter-Nutzer haben noch nie einen Tweet geschrieben. Worauf der Volksmund zwitschert: Faulheit ist der Schlüssel zur Armut.

Twitter lebt von Tweets, weshalb dieser Beitrag mit einem Solchen endet: Wenn alles immer so bleibt, wie es immer war, wird nichts so sein, wie es eigentlich auch sein könnte. #HimmelHerrgottjetztzwitschertdochmal