Sein Volk macht sich jeder selber

Was für eine hässliche Szene: In einem Bus sitzen verängstigte Menschen, draußen erwartet sie eine grölende Masse mit Drohgebärden und dem Schlachtruf „Wir sind das Volk!“. Vor einem Vierteljahrhundert wurden damit Freiheit, Demokratie und das Ende einer Grenze mit Schießbefehl gefordert. Heute ist die Botschaft eine andere: Grenzen dicht, Fremde raushalten. Wenn Stacheldraht nicht mehr hilft, auch mit Gewalt.

Angesichts der Geschehnisse im sächsischen Clausnitz oder ganz aktuell in Bautzen, wo der Brand in einer geplanten Flüchtlingsunterkunft von Schaulustigen bejubelt wurde, stellt sich die Frage, wer oder was das Volk ist. In der staatstragenden Betrachtung der Neujahrsansprachen pflegt man die Idee des großen Ganzen. So wie es die Präambel des Grundgesetzes vorgibt: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“ Ein klarer Auftrag ist auch Artikel 1 unserer Verfassung: „Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Unser Problem: Ein solches Volk gibt es nicht. Und eine wirklich gemeinsame Verständigung auf bestimmte Werte schon gar nicht. Mehr und mehr suchen Menschen nach kleinen Gemeinschaften, die ihnen vermeintlich Schutz bieten vor dem Zugriff der Bedränger. Diese können Asylbewerber sein, aber auch eine Kanzlerin, der Staat als solcher, die Medien, das Finanzamt oder die lästige Dame von der Verkehrsüberwachung.

Man organisiert sich, um Angriffe abzuwehren. Ob es diese tatsächlich gibt, ist nebensächlich. Was Wahrheit ist, wird in der Gruppe festgelegt. Ist die Wahrheit anders, wird sie ignoriert. Muss man sie doch akzeptieren, wird betont, dass es trotzdem anders sein könnte. Die bundesweiten Demonstrationen von russisch-sprachigen Menschen wegen einer nie stattgefundenden Vergewaltigung sind hierfür ein aktuelles Beispiel.

„Wir sind das Volk!“ hat dann mit der Sehnsucht nach Freiheit nichts mehr zu tun. Er ist vielmehr die Chiffre für ein „Lasst mich in Ruhe! Bleibt weg aus meinem Vorgarten!“. Der gute Schlachtruf von damals ist seelenlos geworden und gedankenfrei. In Clausnitz und anderswo hätten sie auch fäusteschwingend „Zickezackezickezacke Hoihoihoi“ rufen können. Es wäre diesselbe Botschaft gewesen. Der üble Empfang für Menschen, die dem Tod entkommen sind, wäre offenkundiger hirnlos, aber nicht weniger widerlich gewesen.

Unsere Demokratie ist verletztlich geworden. Sie zeigt Wirkung, die Herrschaft des rechten Mobs oder auch bloß der „besorgten“ Kleingeister ist keine völlig abseitige Vision mehr. Wer das nicht will, muss es deutlich sagen. Denn das bessere Volk ist die klar Mehrheit. Noch immer.