Petry Heil vor Lesbos

Empörung über AfD-Größen teile ich in den allermeisten Fällen. Nun hat Parteichefin Frauke Petry erklärt, dass man zum Schutz der Grenzen in letzter Konsequenz auf Flüchtlinge schießen müsse. Der Aufschrei ist groß und kommt von allen Seiten. In diesem Fall ist die Heuchelei allerdings groß.

Ganz leise sein sollte jene, die nach  Turbo-Abschiebungen, Obergrenzen für Asyl und gesicherte Außengrenzen rufen oder darüber schwadronieren , dass Griechenland „seine Hausaufgaben“ machen müsse. Würden ihre Vorschläge zu realem Handeln, würde brutale Gewalt gegen Menschen zwangsläufig. Denn wie anders wollte man Zuwanderung eindämmen, wenn Flüchtlinge zahlreicher kommen als vom Parlament beschlossen? Es müsste Gegenmaßnahmen geben.

Wie zum Beispiel bei Melilla. Drei, bis zu sieben Meter hohe Zäune schotten diese spanische EU-Exklave in Nordafrika gegen den Nachbarn Marokko ab. Zwischen den Zäunen gibt es Stolperfallen, das Drahtgeflecht ist so dicht, dass sich ein Mensch beim Hochklettern kaum festhalten kann. Es wird berichtet, dass gescheiterte Flüchtlinge verprügelt und schließlich von der Polizei in irgendeiner menschenleeren Gegend ausgesetzt werden. Wollen wir Vergleichbares auch auf Lesbos und an anderen bisher schönen Stränden des Mittelmeeres?

Zyniker würden einer Frauke Petry in diesem Fall höchste Kompetenz zuschreiben. Sie ist selbst hinter dem Zaun aufgewachsen. Die Grenzanlagen der DDR waren Meisterwerke deutscher Bürokraten-Gründlichkeit. Es war kaum möglich, gesund von Ost nach West zu kommen. Wer sich erwischen ließ, bezahlte gegebenenfalls mit dem Leben. Man hat sogar Maschinen erfunden, um Menschen zu erschießen. Auch dieser unerträgliche Zustand hat zu einer friedlichen Revolution und zur Wiedervereinigung beigetragen.

Im Westen hat man sich stets über den Schießbefehl empört. Man hat ihn als für Demokraten undenkbaren Staatsterrorismus bezeichnet. Droht nun die erneute Einführung der Todesstrafe? Oder wollen wir es allen Ernstes so sehen, dass sich der Staat angesichts von Zuwanderung in einer Notwehrsituation befindet, die alles erlaubt, was eigentlich undenkbar ist?

Gar das, was die stellvertretende AfD-Vorsitzende Beatrix von Storch ergänzend zu den Aussagen ihrer Chefin zu Protokoll gegeben hat? Polizisten müssten auch auf Kinder schießen, wenn diese nach Deutschland eindringen wollten. „Wer das HALT an unserer Grenze nicht akzeptiert, der ist ein Angreifer. Und gegen Angriffe müssen wir uns verteidigen“, lautet ihre Logik.

Eine derzeitige Zehn-Prozent-Partei in diesem Land hat also Anführer/-innen, die keinen Skrupel hätten, Polizisten zu Mördern in Uniform zu machen. Menschenverächter sehen sich im Krieg – und sie sind auf dem Vormarsch. Es wird Zeit, aufzuwachen und umzukehren. Gerade für die, die sich ganz bieder „besorgte Bürger“ nennen.

 

 

Kauflust – mit ziemlich mieser Laune

Niemand sollte die Deutungsmacht der Marktforschungsinstitute gering- oder unterschätzen. Denn sie horchen uns aus, bewerten die gesammelten Daten und sagen uns daraufhin wie wir sind. Oder wie wir zu sein behaupten. Manchmal interpretieren die professionellen Verhaltensforscher aber falsch.

So hat die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung wie jedes Monat die Kaufneigung der Deutschen erforscht. Trotz Börsenturbulenzen, Terrorgefahr und des politischen Streits über die Asylpolitik sei die Kaufneigung ungebrochen. Eine gute Nachricht sei das, meint man bei der GfK. Nicht einmal die Flüchtlinge spielten beim Shoppen eine Rolle. Der Zuzug werde erst zur Belastung, wenn Verbraucher um ihren Job fürchteten. Ansonsten herrsche Kauflust.

Was für ein abseitiges Gerede. Die guten Umsätze im Handel ergeben sich kaum deshalb, weil der Anteil der wohlhabenden Menschen durch eine famose Wirtschaftspolitik gestiegen ist. Sondern eher dadurch, dass es in einer alternden Gesellschaft zusehends unwichtig wird, ob man Geld hat. Die Finanzkarriere des sorgsam alternden Menschen sah in der langen Ära vor der digitalen Finanzwirtschaft so aus, dass man bis zur Rente möglichst viel Geld gespart hat. Das hat man anschließend nicht verjubelt, sondern hat sich zu von den Zinsen zu Weihnachten etwas Nettes angeschafft. Geschrumpft ist das Vermögen nur sehr langsam.

Heute läuft das anders. Wegen der Politik der Europäischen Zentralbank gibt es keine Zinsen mehr. Wer ein gutes Polster hat, erlebt, wie es immer weiter schrumpft. Und sollte jemand teure Pflege brauchen, lautet die Formel: Hilfe bekommt nur, wer zuvor arm geworden ist.

Also raus in die Fußgängerzone, ran an den Computer – und weg mit dem Ballast. Seien wir verschwenderisch, befreien wir uns von der Last des Geldes. Die Konsumforscher sind dankbar. Sie jubilieren mit heißem Herzen. Unsere Laune ist schlecht, vielleicht fluchen wir sogar. Doch die Kassen klingeln lauter.

Was ist deutsch?

Diese schwierigen Zeiten haben etwas Gutes. Sie bringen uns zum Philosophieren über wahre Werte, unser Denken und Reden wird tiefschürfender. Denn wir müssen klären, wer wir Deutschen sind und wie Flüchtlinge werden müssen, damit sie irgendwann dazugehören. Es geht um den Fortbestand der „deutschen Leitkultur“.

Alsdenn: Was ist das? Wer oder was steht für diese „deutsche Leitkultur“? Um das herauszufinden, sollten wir den zeitlichen Rahmen unseres Definitionsversuches abstecken. Nicht anzuzweifeln ist ja, dass unser aller Ureltern Afrikaner waren. Von dort aus breitete sich der Homo sapiens unaufhaltsam aus. Die Umstellung von Jagd auf Ackerbau und Viehzucht – was der betont agrarfreundlichen CSU immer sehr geholfen hat – erfolgte auf dem Gebiet des heutigen Syrien beziehungsweise Irak.

So weit sollten wir nicht ausholen. Zwingend werden wir jedoch anerkennen müssen, dass der Kaffee aus Arabien und die Kartoffel aus Südmerika zu uns gekommen sind. Die Erfindung des Bieres können wir auch nicht für uns beanspruchen. So zeigt das Neue Museum in Berlin die vor rund 3750 Jahren modellierte Figur eines ägyptischen Bierbrauers.

Reindeutsch sind Tore von Thomas Müller und Götze sowie Flugparaden von Neuer. Was aber ist mit Treffern von Özil oder Podolski? Helene Fischer wirkt geradezu nibelungenblond, stammt aber aus Kasachstan. Bushido – einer von uns? Gut möglich, einen Integrationspreis hat er ja bekommen.

Erschließt sich die Kultur über unsere Tugenden? Pünktlichkeit? Leider durch Berliner Flughafen und Elbphilharmonie widerlegt. Ehrlichkeit? Man schaue auf Volkswagen und Uli Hoeneß. Großartiger Erfindergeist? Die Pkw-Maut lässt uns zweifeln. Wir sind christlich? Dann dürften wir Bedürftige nicht zurückweisen. Wir sind für Frauenrechte? Die Zahl der Chefinnen in unseren Firmen sagt etwas anderes.

Aus all diesen Aspekten ergibt sich: Um eine wirklich gute deutsche Leitkultur formulieren zu können, müssten wir einige als besonders deutsch oder bayerisch geltende Persönlichkeiten abschieben. Das zieht sich allerdings, aus rechtlichen Gründen. Also sollten wir uns zunächst auf folgenden Grundkonsens einigen: Der Genuss von Schweinefleisch und Alkohol ist unantastbar. Wenn das vereinbart ist, ist der größte Ärger weg. Wir philosophieren fortan ohne Stress. Und das kann nur gut sein.

Reich sein ist nicht so einfach

Oh Unrecht, wie bist du groß! Die 62 reichsten Menschen der Welt besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Dem reichsten Prozent gehört mehr als dem ganzen großen Rest. So sagt es die soziale Organisation Oxfam. Wir schauen auf diese Nachricht mit großer Empörung und ziemlichem Neid. Aber seien wir barmherzig. Reich sein ist nicht so einfach.

Zunächst müssen wir einen immer noch weit verbreiteten Irrtum überwinden: Der Kapitalismus ist dem Wesen nach nicht sozial. Die Gierigsten sind seine Helden. Man muss ihn – mit wirksamen Gesetzen – menschenfreundlich formen.

Nun hat unsere Marktwirtschaft mehr abhängig Beschäftigten zur eigenen Doppelhaushälfte verholfen als jedes realsozialistische System. Aber sie ist im Laufe der letzten Jahrzehnte zusehends unsozial geworden. Staatliche Vorschriften wurden zurückgefahren, verrückt spekulierende Banken wurden gerettet, verschärfte Kontrollen und Zwangsmaßnahmen wurden für die Arbeitslosen eingeführt. In der Diskussion wirkte es manchmal so, als seien diejenigen, die nichts besitzen, die rücksichtslosesten Ausbeuter der Gesellschaft.

Doch wozu der Neid? Ein wirtschaftlich erfolgreicher Mensch sieht sich auf der Sonnenseite des Schicksals. Aber wie bei jedem Glück lässt das nach, wenn es zur Routine wird. Der Reiche lebt tendenziell in Angst. Er hat ja viel zu verlieren. Sowieso ist er vom Reichtum überfordert.

Nehmen wir einen 60-Jährigen, zehn Milliarden Euro schweren Mann.  Würde er keinen Cent mehr dazuverdienen, müsste er bis zum seinem Ableben im 90. Lebensjahr täglich 913.000 Euro ausgeben, um sein Vermögen komplett aufzubrauchen. Selbst wenn man berücksichtigt, dass er zum 80. Geburtstag eine 25-jährige Luxusfrau heiraten muss, um auf Glitzer-Partys auch mit Rollator noch willkommen zu sein, kann der Geldspeicher kaum komplett geleert werden. Und die junge Frau, der die Integration in die Gesellschaft durch eigene Arbeit verwehrt bleibt, wird ihn zusehends spüren lassen, dass sie ihn statt im Ehebett lieber in einem Sarg sähe.

Unser Fazit in zwei Sätzen lautet also: Übergroßer Reichtum ist sinnlos. Bittere Armut ist ein Skandal. Zwingen wir das Kapital also ruhig zur Rücksichtnahme, zum Beispiel durch höhere Steuern. Ganz sicher: Es ist das Beste für alle.

 

 

Frieden schaffen – oder Mauern bauen

Manchmal reicht eine einzige Fernseh-Talkshow, um zu begreifen, dass man beim Thema Flüchtlinge verrückt werden könnte. Beim Sonntags-Comeback von Anne Will diskutierte eine Runde kluger Menschen lebhaft über die Zukunft Europas, über schärfere Gesetze sowie über die Sexualität des arabischen Mannes im Allgemeinen und im Besonderen. Alle nannten die Zahl der Neuankömmlinge zu hoch. Wirklich neue Erkenntnisse gab es nicht.

Was aber könnte die Zahl der Flüchtlinge dauerhaft verringern? Die Antwort: Frieden statt Krieg. Daran mag man mit Blick auf Syrien oder Irak nicht glauben. Aber es wäre der Königsweg. Und ist nicht die Europäische Union Trägerin des Friedensnobelpreises? Könnte sie nicht ihre Kompetenz gewinnbringend einsetzen? Angesichts der Halb- oder Voll-Irren in gewissen Gegenden dieser Welt wirkt das Ziel höchst utopisch. Es wird sicher noch Zeit brauchen, bis sich jemand findet, der mit IS-Führern redet. Was andererseits irgendwann passieren wird.

Frieden ist also aktuell kein Thema. Und so erleben wir einen Überbietungswettbewerb an immer neuen Vorschlägen, von denen die meisten wirkungslos bleiben werden. Einfach so abschieben, am besten ohne Gerichtsverhandlung, geht in einem Rechtsstaat einfach nicht. Wer schärfste Kontrollen an den Landesgrenzen fordert, muss auch sagen, wo dann der Lkw-Stau in Richtung Österreich beginnen soll. Am Chiemsee? Griechenland zwecks Solidarität mit uns zum stärkeren Schutz der EU-Außengrenzen auffordern? Haben die Griechen uns als solidarisch erlebt? Haben sie genug Geld für diese Aufgabe?

Was also ist die Alternative? Auch das ist klar: Unsere friedliebende EU müsste kriegerisch werden. Sie müsste an ihren Grenzen hohe Mauern oder elektrische Zäune errichten. Sie müsste ihre Grenzschützer mit scharfen  Waffen ausrüsten, inklusive Schießbefehl. Und sie müsste Flüchtlinge genauso skrupellos zurück in den Bürgerkrieg schicken, wie das unser hilfreicher Nato-Partner Türkei bereits tut.

Wollen wir das wirklich? Oder halten wir es doch aus, dass wir viele verzweifelte Menschen aufnehmen und integrieren müssen? Machen wir es sogar gern?

Wir alleine schaffen keinen Frieden in der Welt. Aber vielleicht machen wir ein bisschen Frieden. Den mit uns selbst.

 

Edel, hilfreich – Gutmensch

Diese Zeiten sind durchgeknallt. Da gibt es überall reichlich Bomben und Geschrei. Und dann werden diejenigen, die bedrängten Menschen helfen, auch noch beschimpft. „Gutmensch“ ist das Unwort des Jahres.  Trost ist selten – aber es gibt ihn.

Die Sprach-Jury hat zutreffend gewählt. Denn eigentlich dürfter unser Begriff keine Häme vermitteln. Er ist aus zwei positiven Worten zusammengesetzt (sofern man das beim Homo Sapiens so sehen mag) und beinhaltet erstrebenswerte Eigenschaften. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, ließ schon Goethe verlauten. Der große Dichter ging sogar so weit,  Texte unter dem Pseudonym „Gutmann“ zu veröffentlichen.

Woher also der Hass? Letztlich dürfte es ein psychologisches Phänomen sein. Die selbst ernannten Retter des Abendlandes wissen nur zu gut, dass dessen Leitreligion das Christentum ist. Dieses wiederum gibt seinen Gläubigen ein Mindestmaß an Barmherzigkeit vor. Auf Erden wird entschieden, wo man seine Ewigkeit verbringt. Auf der Wolke oder im Feuer.

Nun möchten auch Pegida-Leute in den Himmel. Daran arbeiten sie, indem sie sich den satanischen Botschaften der Lügenpresse mutig entgegenwerfen. Das mit der Nächstenliebe kriegen sie aber nicht so gut hin, weil ihnen dazu das Herz fehlt. Scheitern jedoch macht mürrisch und grantig auf jene, die zumindest neutestamentarisch betrachtet als Vorbilder gelten würden.

Also sagt man, dass es sich um naive, depperte Romantiker handelt, die für Dunkeldeutschland sorgen, da sie dauerhaft den Halbmond ins Land holen. Solche Leute gehören weggebrüllt.

Was ist der Trost? Die Schreihälse sind nicht die Mehrheit, sie sind bloß lauter. Beim Neujahrsempfang der Stadt Nürnberg gab es für die Rede des Oberbürgermeister immer dann spontanen Beifall, wenn er die Flüchtlingshelfer und alle anderen Menschen lobte, die ehren- oder hauptamtlich daran mitwirken, dass das Ankommen der Fremden in einer menschlichen Atmosphäre geschieht.

Man sieht, die guten Reflexe funktionieren noch. Und seien wir ehrlich: Ein Schlechtmensch zu sein – das kann niemand wirklich wollen.

 

 

Von Flüchtlingen und billigen Tomaten

Reden wir über Tomaten. Über diese wunderbare Frucht, ohne die unsere Pizza wie trockenes Brot und unser Speiseplan öde wäre. Diese Frucht hat mit Flucht und Asyl zu tun. Mehr, als wir vielleicht denken.

Ich habe mich für ein Medienprojekt in Mali engagiert. In Nara und Timbuktu im Norden des Landes werden mit Hilfe von Spenden Radiospots produziert und ausgestrahlt. Diese werben für ein tolerantes Zusammenleben, aber auch dafür, auf die gefährliche Reise nach Europa zu verzichten. Den Hörern  werden Tipps gegeben, wie man in der Heimat Geld verdienen könnte.

Die Sendungen sind sehr erfolgreich. Gerade hat das Büro der UN-Friedensmission in Goa dem örtlichen Projektleiter eine dauerhafte Finanzierung in Aussicht gestellt. Die Empfehlungen haben gewirkt: Mindestens 20 junge Männer, die bereits von Schleppern angesprochen worden waren, haben sich auf die Tomatenzucht verlegt.

Aber ist das eine gute Idee? Man kann es nur hoffen. Die Zeit hat jüngst über Ghana berichtet. Im Mittelpunkt dieses Artikels stand ein Tomatenbauer. Seine Arbeit lohnt sich nicht mehr, denn die von ihm angebauten Früchte sind auf dem örtlichen Markt nicht konkurrenzfähig. Es gibt zum Beispiel viel billigere Dosentomaten aus China.

Nun hoffen viele junge Ghanaer auf ein besseres Leben in Europa. Wenn sie Glück haben, überleben sie die Reise durch die Sahara und über das Mittelmeer. Die Flüchtlinge suchen Arbeit und finden sie zu Tausenden auf den großen Tomatenfarmen in Apulien. Für zwölf Stunden Arbeit bekommen sie an guten Tagen 50 Euro. Sie machen also für schlechtes Geld das, was sie auch daheim täten: Tomaten pflücken.

Allerdings werden die von ihnen geernteten Früchte für den Export von der EU subventioniert. Sie landen somit – konkurrenzlos billig – auf den Märkten Afrikas.

Es gibt noch eine andere Facette des Flüchtlingsthemas: Als in den 60-er Jahren die so genannten Gastarbeiter gekommen sind, war der Deal, dass sie hier freie Arbeitsplätze übernehmen und einen guten Teil der Löhne in die Heimat schicken. Die Ursprungsländer wurden so gestärkt.

Heute gibt es in den arabischen und/oder afrikanischen Ländern einen enormen Überschuss an ziemlich chancenlosen jungen Menschen. Auch sie werden, wenn sie es denn schaffen, die Menschen in ihrer Heimat unterstützen. Für jede Regierung in dieser Weltregion ist der Exodus somit von Vorteil.

All das zeigt, dass jene Politikerinnen und Politiker, die jetzt sagen, dass es nur ein paar schärfere Gesetze, Obergrenzen oder internationale Konferenzen bräuchte, um das Flüchtlingsthema in den Griff zu bekommen, um leichtsinnige (Vor-)Gaukler handelt. Es wird nicht allzu lange dauern, und ihre Versprechen werden als unerfüllbar entlarvt, mit der Folge eines weiteren Vertrauenverlustes.

Viel muss verändert werden. Mit den billigen Tomaten könnte es beginnen…

 

 

 

 

Köln kann überall sein

Seit Tagen also Köln. Die gewalttägigen Exzesse der dortigen Silvesternacht wirken ungewöhnlich lange nach. Warum berühren sie uns so sehr? Wahrscheinlich, weil wir Betroffenheit empfinden. Weil wir das Gefühl haben, dass Derartiges auch in unserer Nähe hätte passieren können und in Zukunft möglich ist.

Um zu wissen, dass das stimmt, muss man bloß den Wahnsinn einer Silvesternacht aus der Nähe erlebt haben. Auch bei uns in Nürnberg wurde auf manchen Plätzen oder Kreuzungen wie irrsinnig geknallt. Das ist ja gesellschaftlich geduldet. Klar ist auch: Wenn in einem solchen Pulverdampf Straftaten begangen werden, kann keine noch so gute Videoüberwachung alle Täter sicher identifizieren.

Es macht den Eindruck, als dass der Hang zum verabredeten Exzess in Verbindung mit völliger Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Menschen zugenommen hat. Der Alltag prickelt nicht, also lässt man bei passender Gelegenheit die Sau raus. Man denke nur an den Nürnberger Fußballfan, der  im August 2014 einen Feuerlöscher gegen einen entgegenkommenden U-Bahn-Zug geschleudert hat. Seine Fahrerin hätte getötet werden können. Sie ist bis heute traumatisiert.

Die Brutalität der Silvesternacht hat mit Herkunft und kulturellen Prägungen zu tun. In etlichen Weltregionen sind Frauen wenig oder nichts wert. Das wurde von Migranten im dortigen Chaos ganz offensichtlich ausgelebt.

Beim Blick auf die Fremden dürfen unsere „deutschen“ Probleme nicht übersehen werden. Eine wachsende Gruppe junger Männer befindet sich auf Realitätsflucht. Diese sitzen vor ihren Computern und interessieren sich für die drei großen S – Spiele, Sport und Sex. Das unmittelbare Gespür für andere Menschen geht ihnen verloren.

Und wir erleben die Folgen der neoliberalen Phase der 90-er Jahre. Die Botschaft, dass der freie Markt alles besser regeln kann, als das träge Beamtentum, wirkt sich bis heute aus. Öffentliche Dienste, sei es als Polizei, sei als Sozialarbeit, wurden zu Randthemen der Politik und wurden immer schlechter ausgestattet. Man brauche das nicht mehr, glaubte man. Wie falsch das war, zeigt sich heute.

Wobei die Diskussion wenigstens in zweierlei Hinsicht in eine falsche Richtung geht. Da sind zunächst jene Politiker/-innen oder anderen Lautsprecher, die so tun, als gebe es für das Problem die schnelle Lösung. Ausländische Straftäter quasi im Vorbeigehen abschieben, funktioniert nicht. Zuvor muss es ein entsprechend hartes Gerichtsurteil geben. Taschendiebe oder Grabscher werden nicht ins Ursprungsland zurückgeschickt.

Kritisch sind aber auch Debattenbeiträge zu sehen, wonach Frauen per se beschützenswerte Wesen seien, um die sich die Gesellschaft kümmern müsste. Das weist ihnen kollektiv die Opferrolle zu und hilft nicht wirklich.

Tatsächlich geht es um den eigentlich natürlichen Respekt vor der Würde und der Gesundheit anderer Menschen. Dieser fehlt zu oft. Wir sollten un einig sein: Wer ihn erst lernen muss, muss die passenden Hilfen  bekommen. Und wenn es ein Aufenthalt im Knast ist…

 

 

 

 

Politiker/-innen

 

„Beste Freunde“ können eklig sein

Seine Verwandtschaft kann sich niemand aussuchen. Es gibt nette Tanten, nervende Schwager oder hyperaktive Nichten. In der großen Politik ist das nicht anders. So genannte Verbündete hat man nicht unbedingt, weil man die anderen sympathisch findet. Es geht um das Sichern von Mehrheiten, um das Verwirklichen der eigenen Ziele, um billige Rohstoffe oder auch darum, unliebsame Neuankömmlinge fernzuhalten.

Angela Merkel kann davon ein Lied singen. Sie hat alles, zum Beispiel den Verbündeten vom Typ trotziges Kind. Dieser, nennen wir ihn Horst, kann  lieb sein, wenn ihm Mutti einen bösen Blick zuwirft. Sobald sie jedoch außer Reichweite ist, stampft er wütend auf den Boden. Und ruft „Obergrenze“, Obergrenze“ oder „Maut, Maut, Maut“. Eine Kanzlerin kann ihn ertragen. Er nervt zwar, richtet aber letztlich keinen Schaden an.

Weitaus komplizierter wird es beim Typ brutaler Zyniker. Er, nennen wir ihn Wladimir, kann bei Bedarf charmant flüstern. Er geht von seiner überragenden Bedeutung aus. Und wenn er sich zurückgesetzt sieht,  provoziert er, indem er anderen etwas wegnimmt. Man muss vorsichtig mit ihm umgehen, weil er richtig gefährlich werden kann. Geld wegnehmen, das geht noch. Auf die Finger klopfen aber nicht.

Und es gibt den perversen Onkel. Nennen wir ihn Salman ibn Abd Al-Aziz. Er hat Dinge, auf die auch für eine Kanzlerin wichtig sind. Erdöl etwa oder jede Menge Geld für den Kauf famoser Waffen. Wer unter seinem Einfluss lebt, muss strengsten Regeln folgen, über die noch nicht einmal laut nachgedacht werden darf. Er geht über Leichen. Trotzdem helfen wir ihm, dass er seine Macht über andere Menschen verteidigen kann.

Unser Horst übrigens hat im April letztes Jahr über den Regenten von Saudi-Arabien Folgendes gesagt: „König Salman ist eine beeindruckende Persönlichkeit… Er hat uns überzeugend dargelegt, dass es sein Hauptziel ist, dass die Menschen friedlich zusammen leben.“

Der perverse Onkel wird also hofiert. Er wird weiter zur Familienfeier eingeladen, er bekommt einen besonders schönen Sessel und ein extra großes  Stück vom Kuchen. Man muss bloß den Brechreiz unterdrücken. Aber keine Sorge: Wer Politik macht, lernt das irgendwann.

 

Meine Jahrescharts 2015: Rechte Hetzer und andere Katastrophen

Kein Jahreswechsel ohne Jahresrückblick. Das gilt selbstverständlich auch für mich. Hier sind die Klick-Top-Ten meiner Blog-Einträge in 2015:

Platz 1: Eindeutig am häufigsten gelesen wurde der Beitrag zum Auftritt des AfD-Politikers Björn Höcke bei Günther Jauch. Die Forderung Keine Bühne für die rechten Hetzer  fand großen Zuspruch.

Platz 2: Auch 2015 hat sich meine Erkenntnis „CSU geht immer“ bewahrheitet. Im Beitrag Dobrindt zupft am Gänseblümchen geht es um den herzzerreißenden Einsatz des Verkehrsministers für die Pkw-Maut.

Platz 3: Besonders freut mich der Erfolg von Beiträgen mit gewerkschaftspolitischem Inhalt. So wie dieser mit dem Titel Arbeitgeber sind wie Wasser  …sie finden immer einen Weg.

Platz 4: Zu den erschütterndsten Ereignissen des vergangenen Jahres gehörte der Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo. Mein Kommentar hierzu lautete: Das Massaker von Paris – Die Religion ist nicht schuld .

Platz 5: Der mutwillig herbeigeführte Absturz eines Flugzeuges in den französischen Alpen war ein weiteres großes Thema. Der Beitrag Germanwings-Tragödie: Der Mord als Sehnsucht der Medien  befasste sich mit der allzu hysterischen Berichterstattung.

Platz 6: Das furchterregende Gespenst der Griechenland-Krise war ein lässig-rotziger Finanzminister namens Varoufakis. Ihm war der Text mit dem Titel Du böser, böser Souvlaki-Finger! gewidmet.

Platz 7: Ist die kollektive Umarmung der Medien nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo richtig? Oder ist viel falsche Sympathie im Spiel? Darum ging es im Beitrag Die Lügenpresse hat ziemlich falsche Freunde egenpresse-hat-ziemlich-falsche-freunde.

Platz 8: Mutmaßlich ungenießbare Kost gehört fest zur Dramaturgie des RTL-Dschungelcamps. Meine Theorie hierzu: Ekelessen macht uns nur noch stärker.

Platz 9: Franz Beckenbauer hat in Katar keine Sklaven gesehen. Dabei müsste man sich nur in bestimmte Flugzeuge setzen: Du willst Sklaven sehen? Flieg mit Qatar Airways.

Platz 10: Und gestreikt wurde auch noch, insbesondere im Verkehrswesen. In der Zeit vor Ostern lernten wir: Das neue Fastengebet: Mein Freund ist Lokführer