Das Ei des Führers

Ein ehernes Gebot des deutschen Journalismus lautet: Hitler geht immer. Ein Foto des entschlossen dreinblickenden Diktators vermag die Auflagen  auch dann zu steigern, wenn darunter ein paar bescheuerte Zeilen stehen. So ist es wieder geschehen. Die größte uns bekannte Boulevard-Zeitung, also Bild, titelte: „Hitler hatte nur einen Hoden“.

Ratlos lässt uns diese Schlagzeile zurück. Sollen wir lachen, staunen oder weinen? Was juckt diese Nachricht angesichts von zig Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg? Nur Neonazis tun sich leicht. Sie können die medizinische Wahrheit zum Hirngespinst der Lügenpresse erklären. Und fertig.

Uns andere lädt Bild zum Nachdenken über die Frage ein, was es für einen Mann bedeutet, ausgerechnet in seiner Männlichkeit unvollkommen zu sein. Ist er in seiner Depression vereint mit den zu kleinen Regenten? War es sein Schicksal, sich wie Napoleon oder Sepp Blatter durch immerwährenden Kampf über andere zu erheben? Ist so einer nachhaltigst verklemmt, und kompensiert sein Nicht-Sexleben durch übertriebene Gewalttätigkeit? Oder ist jemand, der weiß, dass er keine Kinder zeugen kann, freier in seinem Handeln? Weil er weiß, dass ihm kein Nachkomme jemals Vorwürfe machen wird?

Bevor wir uns aber das Hirn darüber zermartern, wo das zweite Ei des Führers dereinst gefunden werden wird – ich persönlich tippe auf ein Schmuckkästchen in einem Schrank des Bernsteinzimmers – dürfen wir feststellen, dass unsere Vorstellungen von gutem und schlechtem Journalismus wieder einmal bestätigt wurden. Der ärztliche Befund ist nämlich den Akten entnommen, die ab 1923 während Hitlers Festungshaft in Landsberg am Lech angelegt wurde.

Aus all diesen Dokumenten gehen auch andere Dinge hervor. Zum Beispiel, dass die „Haft“ eher eine nette Männer-Wohngemeinschaft war, in welcher  der Häftling Adolf H. den Respekt seiner Wärter und sogar Luxus genießen konnte. Er hatte, speziell im Freistaat Bayern, einflussreiche Freunde und Gönner. Viele spätere Nazi-Größen waren gingen im Knast ein und aus.

Das sollte uns mehr interessieren. Hervorgehoben haben diese Fakten die schlauen Medien. Bild hingegen formulierte hodenlos. Hitler geht immer – und immer noch ein bisschen schlimmer.