Die Flucht endet im sprachsensiblen Ohr

„Ein Flüchtling zu sein, ist von großem Nutzen. Da ist man der Wirklichkeit viel näher.“ Der Dalai Lama muss es wissen, zählt er doch zu den prominentesten Heimatvertriebenen dieses Planeten. Unserem Dauerthema dieses Jahres fügt er so eine überraschende Betrachtung hinzu. Facettenreich ist das Wort sowieso.

Das findet auch die Gesellschaft für Deutsche Sprache, weshalb sie „Flüchtlinge“ zum Wort des Jahres gewählt hat.  Nach Ansicht der Forscher führt die Zusammensetzung aus dem Verb flüchten und dem Ableitungssuffix -ling dazu, dass das Wort für „sprachsensible Ohren“ abschätzig klinge. Das sei auch bei Begriffen wie Eindringling, Emporkömmling oder Schreiberling so.

Vielleicht ist der Grund aber auch, dass Flüchtling durch andere Umstände zurecht schlecht angesehen sind. Nehmen wir den Steuerflüchtling. Es gibt zwar die verbreitete Meinung, dass es sich beim Betrug am Staat um eine lässliche Sünde handle. Insbesondere bei Prominenten, welche unzumutbar hohe Summen abführen müssten. Das denken aber nur Menschen, die nicht so weit denken, dass sie selbst Teil des Staates sind, und das vom Flüchtling Gesparte mitfinanzieren müssen.

In der Arbeitswelt wiederum gibt es den Tarifflüchtling. Hier handelt es sich um zumeist angesehene Unternehmer-Persönlichkeiten, die irgendwann entscheiden, dass das für sie arbeitende Humankapital  als lästiger Kostenfaktor betrachtet werden müsse. Dieses sei dem Wesen nach nutzlos und deshalb sowieso überbezahlt. Der Tarifflüchtling greift den Menschen in die Tasche und sorgt zudem dafür, dass seine anständigen Kollegen nicht mehr konkurrenzfähig sind und in seinem Sinne nachziehen. Dass Arbeit etwas wert ist, interessiert diesen Flüchtling nur am Rande.

Schließlich gibt es den Realitätsflüchtling, welcher allerdings – solange er nicht zu Pegida schlurft – harmlos ist. Ihm reichen ja ein Sofa, Dosenbier, Chips sowie Bundesliga- und Porno-Flatrate zum Leben.  Gäbe es ihn nicht, die Welt würde es nicht bemerken.

Wahrscheinlich aber waren letztere Flüchtlinge bei der Wahl zum Wort des Jahres nicht gemeint. Seien wir also fair und nennen die Zuwanderer sprachlich fair „Geflüchtete“. Die anderen Zeitgenossen sollten ihre Bezeichnungen behalten. Sie haben sich unseren Zorn ja redlich verdient…