Sterbehilfe? Mein Tod gehört mir

Manchmal schafft unser Parlament die adäquate Inszenierung. So wie gerade bei der Entscheidung über die Neuregelung der Sterbehilfe. Debattiert wurde am Beginn des Totenmonats November. Dem Ergebnis muss man kein allzu langes Leben wünschen.

Die Abgeordneten durften ganz nach ihrer Befindlichkeit reden und ohne Fraktionszwang entscheiden. Wenn das erlaubt ist, weiß man, dass es um eine Angelegenheit geht, bei der das Gewissen mutmaßlich eine größere Rolle spielt als bei anderen Entscheidungen. Man weiß auch, dass die Interessen multinationaler Konzerne nicht berührt sind. Und es, so gesehen, um eine Abstimmung minderer Brisanz geht.

Geschäftsmäßige Sterbehilfe wird also verboten. Sicher, niemand möchte, dass man auf einer Intensivstation oder im Pflegeheim mit Anfragen gewerblicher Jenseits-Schlepper konfrontiert wird. Keiner kann auch wollen, dass Familien Opa und Oma unablässig an deren Verantwortung für das große Ganze, also das Geld der Erben erinnern.

Komisch ist aber doch, dass Geschäftsmacherei rund um den Tod  kein gesellschaftliches Problem ist. Ärzte, Krankenhäuser und Pharmaindustrie profitieren, Pflegeheime verlangen Mondpreise. Sarg- und Urnenpflicht sind die Regel, Bestattungsinstute lassen sich Dienstleistungen eher vergolden denn bezahlen. Und der Glaubensaspekt, dass allein Gott der Herr über Leben und Tod sei und dass der Mensch ihm dessen Entscheidung nicht abnehmen dürfe? Wenn man bedenkt, wie gleichgültig dieser Gott zusieht, wie Menschen in Kriegsgebieten verbluten oder irgendwo jämmerlich verhungern – warum sollte er sich ausgerechnet dafür interessieren, wie ich nach einem alles in allem sehr erfreulichen Leben diese Welt verlasse?

Und sonst? Wie kann man eigentlich von einer Sternstunde des Parlaments reden, bloß weil Abgeordnete frei abstimmen können? Zumal es rein objektiv um ein kleines Thema geht. Etwa 25 Personen haben sich in Deutschland bisher mit Hilfe von professionellen Sterbehelfern getötet. Dem stehen etwa 50.000 Suizide seit dem Jahr 2010 gegenüber. Wurde diesen, oft verzweifelten Menschen die totale, vom Fraktionszwang befreite  Fürsorge des Staates gewährt? Oder haben dessen Gesetze, sagen wir Hartz IV, in Wahrheit nicht um ein Vielfaches mehr Tote herbeigeführt als Vereine wie „Sterbehilfe Deutschland“ oder „Dignitas“?

Lassen wir doch die Verlogenheit und stellen wir fest: Wie jemand stirbt, geht den Staat nichts an. Woher nimmt der Bundestag das Recht, den Bürgern zu verordnen, dass sie sich am Ende ihres Lebens auf der Palliativstation betreuen lassen müssen? Es gibt Menschen, für die eine Endphase voller Schmerzen und mit schwindenden Fähigkeiten lebenswert ist. Aber wer Gestorbene gesehen hat, weiß auch, dass die letzten Stunden grausam sein können.

Der Tod gehört zum Leben, er kommt ab der Geburt täglich näher. Und so, wie wir versucht haben, unser Leben nach unseren Vorstellungen zu gestalten, möchten wir auch sterben dürfen. Mein Tod gehört mir. Kingt flapsig, aber so ist das.

 

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