Currywurst, Du bist entlarvt

Oh Currywurst, wie habe ich Dich geliebt! Wie Du vor mir lagst und mir an der Seite goldgelber Pommes immer nur eines zuriefst: „Nimm mich! Jetzt!“ Doch nun erfahre ich, dass Du mir Böses willst. Du bist eine auf den Teller gelegte Mörderin. Denn Du hilfst meinem fiesesten Feind, dem Krebs.

So sagt es die Weltgesundheitsorganisation WHO. Seit Tagen ist deren  Warnung vor krebserregenden Wurst- und Fleischprodukten das zweite große Thema neben der Flüchtlingsfrage. Doch auch hier gilt: Bloß keine Panik.

Gut gemeinte Hinweise auf falsches oder ungesundes Essen gehören zum Standardrepertoire der globalen Bewusstseins- und Ermahnungsindustrie. Völlerei wird seitens der katholischen Kirche unter den sieben Todsünden gelistet. Wobei eine unserer wichtigsten Schwächen schon im 16. Jahrhundert vom französischen Satiriker Francois Rabelais auf den Punkt gebracht wurde: „Der Appetit kommt beim Essen.“ Wie dem Esel fehlt dem Menschen die genetische Fresshemmung. Er spürt nicht, wann es genug ist. Er muss bewusst Maß halten.

Aber was ist jetzt mit unserem Schnitzel? Hier begegnen wir einem anderen Phänomen. Auch als Erwachsene sind wir bei Bedarf zu kindlicher Naivität fähig. Denn warum sollten Großschlächtereien zwar zu den größten Menschenschindern unserer Arbeitswelt gehören, aber mit ihren Produkten ausschließlich dem Wohlbefinden ihrer Kunden dienen? Im Mittelpunkt des Strebens steht der wirschaftliche Erfolg des Chef-Fleischers und dessen Teilhabern. Qualität gibt es so viel, dass kein Skandal entstehen kann.

Bleibt uns demnach nur veganes Leben? Vor naivem Denken sei auch hier gewarnt. Manche Menschen glauben daran, dass Essen lebensverlängernd wirkt, sobald es außerhalb der Todeszonen der Schlachthöfe gepflückt wurde. Nun pflanzen unsere fleißigen Bohnenerzeuger bestimmt keine Antiobiotika oder Hormonpillen. Aber es gibt Pestizide, weshalb keineswegs sicher ist, dass ein Tofuwürfel mit weniger Dreck in Berührung gekommen ist als eine Scheibe Bierschinken.

Wir sollten also essen, was uns schmeckt. Wir sollten aber nie vergessen, dass in uns ein Esel steckt.

Überwinden wir auch noch unsere Ungerechtigkeit: Liebe Waage, wie habe ich Dich gehasst! Ich war sicher, dass Du böse bist, weil Du tagtäglich gegen meine besten Freunde intrigierst. Doch nun ist die Currywurst entlarvt. Und ich sage: Danke für Alles! Auf Bald! Man wiegt sich!