Currywurst, Du bist entlarvt

Oh Currywurst, wie habe ich Dich geliebt! Wie Du vor mir lagst und mir an der Seite goldgelber Pommes immer nur eines zuriefst: „Nimm mich! Jetzt!“ Doch nun erfahre ich, dass Du mir Böses willst. Du bist eine auf den Teller gelegte Mörderin. Denn Du hilfst meinem fiesesten Feind, dem Krebs.

So sagt es die Weltgesundheitsorganisation WHO. Seit Tagen ist deren  Warnung vor krebserregenden Wurst- und Fleischprodukten das zweite große Thema neben der Flüchtlingsfrage. Doch auch hier gilt: Bloß keine Panik.

Gut gemeinte Hinweise auf falsches oder ungesundes Essen gehören zum Standardrepertoire der globalen Bewusstseins- und Ermahnungsindustrie. Völlerei wird seitens der katholischen Kirche unter den sieben Todsünden gelistet. Wobei eine unserer wichtigsten Schwächen schon im 16. Jahrhundert vom französischen Satiriker Francois Rabelais auf den Punkt gebracht wurde: „Der Appetit kommt beim Essen.“ Wie dem Esel fehlt dem Menschen die genetische Fresshemmung. Er spürt nicht, wann es genug ist. Er muss bewusst Maß halten.

Aber was ist jetzt mit unserem Schnitzel? Hier begegnen wir einem anderen Phänomen. Auch als Erwachsene sind wir bei Bedarf zu kindlicher Naivität fähig. Denn warum sollten Großschlächtereien zwar zu den größten Menschenschindern unserer Arbeitswelt gehören, aber mit ihren Produkten ausschließlich dem Wohlbefinden ihrer Kunden dienen? Im Mittelpunkt des Strebens steht der wirschaftliche Erfolg des Chef-Fleischers und dessen Teilhabern. Qualität gibt es so viel, dass kein Skandal entstehen kann.

Bleibt uns demnach nur veganes Leben? Vor naivem Denken sei auch hier gewarnt. Manche Menschen glauben daran, dass Essen lebensverlängernd wirkt, sobald es außerhalb der Todeszonen der Schlachthöfe gepflückt wurde. Nun pflanzen unsere fleißigen Bohnenerzeuger bestimmt keine Antiobiotika oder Hormonpillen. Aber es gibt Pestizide, weshalb keineswegs sicher ist, dass ein Tofuwürfel mit weniger Dreck in Berührung gekommen ist als eine Scheibe Bierschinken.

Wir sollten also essen, was uns schmeckt. Wir sollten aber nie vergessen, dass in uns ein Esel steckt.

Überwinden wir auch noch unsere Ungerechtigkeit: Liebe Waage, wie habe ich Dich gehasst! Ich war sicher, dass Du böse bist, weil Du tagtäglich gegen meine besten Freunde intrigierst. Doch nun ist die Currywurst entlarvt. Und ich sage: Danke für Alles! Auf Bald! Man wiegt sich!

 

 

Spielt’s Fußball, Ihr Lichtgestalten

Die Lichtgestalt als Fürst der Dunkelheit? In diesen schwierigen Zeiten werden Gewissheiten reihenweise in Frage gestellt. Gerade geht es um Franz Beckenbauer. Dieser gute Mensch, einer unserer Besten neben Karl dem Großen und Goethe, soll ein korrupter Gauner sein. Was nun?

Trösten wir uns. Das so genannte Sommermärchen kann uns keiner nehmen.  Dass uns die WM 2006 als großartig in Erinnerung ist, lag nicht am segensreichen Wirken der Funktionäre. Sondern daran, dass die Menschen ein paar Wochen lang derart undeutsch waren, dass der Rest der Welt gestaunt hat.  Außerdem war das Wetter gigantisch.

Dass Korruption im Spiel war, hätte man sich denken können. Denn warum sollte sich eine Fifa nur von allen anderen Nationen schmieren lassen? Zumal uns solches Verhalten nicht völlig fremd ist. In der Korruptions-Rangliste von transparency international wird Deutschland auf Rang 12 gelistet. Das ist 14 Plätze besser als das überraschend günstig eingestufte Katar, aber 57 Plätze besser als Brasilien und stolze 124 Plätze besser als der nächste WM-Ausrichter Russland. Andererseits: Die Steuerabzugsfähigkeit von Schmiergeldern wurde bei uns erst vor ein paar Jahren abgeschafft.

Aber zurück zu Franz Beckenbauer. Wie die Lichtgestalt wirklich denkt, hat sie nicht nur beim Leugnen von Sklaven in Katar bewiesen. Entlarvend waren auch Aussagen anlässlich der Anklage gegen Uli Hoeneß. Ach, der Uli, der sei so ein unermüdlicher Macher, der leiste so unglaublich viel. Der habe eben mal etwas übersehen. Anders gesagt: Steuerhinterziehung? Das ist eine Lappalie, etwas ganz Privates.

Was aber muss nun passieren? Werden sämtliche führenden Funktionäre ausgetauscht? Muss die Fußball-WM 2006 mit denselben Mannschaften  2017 auf neutralem Boden wiederholt werden? Auf Kosten des DFB? Mit Jürgen Klinsmann als Bundestrainer?

Seien wir Realisten. Wer an Profifußball ohne schwarze Kassen und halbseidene Deals glaubt, hält auch Radsport ohne Doping und eine Frau als Päpstin für möglich.

Für Veränderungen bräuchte es massenhafte Fußball-Verweigerung. Das wird es kaum geben. Also reduzieren wir den Skandal – trotz alledem – auf eines der berühmtesten Beckenbauer-Zitate: „Geht’s raus, spielt’s Fußball!“. Den meisten Leuten reicht das.

 

 

 

 

 

 

 

Das große Datensammeln hilft uns nicht

Sollten Historiker in der fernen Zukunft die politischen Debatten und Beschlüsse des frühen 21. Jahrhunderts kommentieren, könnte es sein, dass sie den Begriff „Gefährliche Scheinsicherheit“ verwenden werden. Die Vorratsdatenspeicherung fällt in diese Kategorie.

Vorratshaltung ansich ist nicht böse. Früher schaffte man im Herbst Essbares in den Speicher, um in der kalten Jahreszeit nicht hungern zu müssen. Heute sparen wir Geld, und sei es zu miesen Konditionen. Der Drang zum Hamstern steckt tief in unserer Seele. Der Philosoph Arthur Schopenhauer meinte gar: „Ein guter Vorrat an Resignation ist überaus wichtig als Wegzehrung für die Lebensreise.“

Es gibt also viel Verständnis für das Daten-Sammeln durch den Staat. Es sei doch gut, wenn dieser aufpasse. Wir bräuchten Schutz. Und überhaupt: Wir sind anständig. Wir haben nichts zu verbergen. Warum also protestieren?

Ganz einfach: Weil es staatliche Behörden nichts angeht, wann wir warum, von welchem Ort aus wir wie lange mit wem telefoniert oder gechattet haben. Das Grundgesetz garantiert das Fernmeldegeheimnis und die Unverletzbarkeit der Wohnung. Solche zentralen Rechte einschränken geht nur, wenn damit eine schwere Straftat aufgeklärt oder einem Angriff auf den Staat vorgebeugt werden kann. Sicher, die Freiheit des Einzelnen ist ein Risiko. Man weiß nicht, was einer daraus macht. Das rechtfertigt aber nicht, die gesamte Bevölkerung als gefährlich anzuschauen.

Und unsere Daten verraten viel. Wer weiß, mit wem wir gesprochen haben, kann darauf schließen, ob wir krank sind und welche religiöse oder politische Gesinnung wir haben. Er lernt unseren Tagesablauf und unsere persönlichen Netzwerke kennen. Mittels der vom Handy gesendeten Standort-Daten wird unser jeweiliger Aufenthaltsort verraten. Gespeichert werden diese Daten beim jeweiligen Anbieter. Gut vorstellbar, dass dort ein Geheimdienst schnüffelt.

Scheinsicherheit bringt die Vorratsdatenspeicherung, falls wir glauben wollen, dass sie Fahndern bei der Aufklärung schwerster Verbrechen hilft. Der Journalist Richard Gutjahr hat Daten des Justizministeriums ausgewertet. Tatsächlich geht es beim Abrufen von Verkehrsdaten nur in jedem elften Fall um Mord und Totschlag oder Landesverrat. Eindeutig am häufigsten wurde Drogendelikten nachgespürt. Und das Geld? Die Telekommunikations-Firmen werden sich ihre Dienste vom Kunden bezahlen lassen. Die Auswertung der Daten wird mit Steuergeldern  finanziert. Experten schätzen die Kosten auf eine halbe Milliarde Euro. Die Rechnung begleicht also der Überwachte selbst.

Aber kann das Ganze wirklich gefährlich sein? Leider ja. Vor dem NSA-Untersuchungsausschuss in Berlin hat gerade ein Drohnenoperator der US-Armee ausgesagt. Dieser räumte ein: Man arbeitet mit Metadaten. Eine verdächtige Mobilfunknummer kann einen tödlichen Angriff auslösen.

Vielleicht ist die Vorratsdatenspeicherung hilfreich. Für uns Bürger ist sie es nicht. Also: Weg damit!

 

 

 

 

 

 

Keine Bühne für die rechte Hetze

Hat es Sinn, mit politischen Extremisten zu reden? Müsste es nicht gelingen, sie mit Fakten zu entlarven oder gar zu überzeugen? ARD-Talkmaster Günther Jauch hat das am Sonntagabend versucht. Und ist grandios gescheitert.

Als Gast hatte seine Redaktion den AfD-Fraktionssprecher im Thüringer Landtag, Björn Höcke, eingeladen. Somit einen anerkannt fremdenfeindlichen Hetzer, der selbst seinen Parteifreunden immer wieder peinlich ist. So propagiert er, aus Besorgnis um das langfristige Überleben der Deutschen, die „Drei-Kind-Familie“. Berufliche Karrieren von Frauen zu fördern, sei deshalb falsch. Flüchtlinge brauche dieses Land schon gar nicht.

Als Journalist möchte man die Welt verbessern. Dies wiederum sei, so die idealistische Sichtweise, dann möglich, wenn man diese mit dem Hässlichen und dem Absurden konfrontiere. Man habe genug gute Argumente, um dem Fanatiker die Stirn zu bieten. Erst recht, wenn man diesen als Außenseiter in eine Gesprächsrunde von klugen Demokraten platziere. Diese würden helfen, den braunen Typen zu entlarven.

Soweit die schöne Hoffnung. Der Dialog mit Irren oder Verschwörungstheoretikern läuft aber anders. Wer für sich zum Beispiel beschlossen hat, dass all die Flüchtlinge von Konzernen ins Land geholt werden, um die darbenden Hausgeräteproduzenten zu retten, wird sich das nicht im Laufe einer Fernsehsendung ausreden lassen. Wer Zuwanderer für Außerirdische hält oder wer den Exodus der Syrer nicht mit Fassbomben, sondern mit einer verschobenen Umlaufbahn des Mondes erklärt, wird dies trotz allen Widerspruchs so glaubensfest erklären, dass jeder vernünftige Gesprächspartner irgendwann aufgibt.

Björn Höcke ist ein Verschwörungsspezialist. Seine Marktplatz-These „Die Angstträume für blonde Frauen werden größer“ ließ er sich bei Jauch nicht ausreden. Er erweiterte sie vielmehr auf brünette und rothaarige Frauen. Das musste so kommen, denn Zweifel an noch so absurden Thesen sind bei ihm nicht vorgesehen. Das Warnen vor der großen Bedrohung sowie das Bewahren der schönen Heimat sind ja sein Geschäftsmodell.

Was hat uns der Sonntagabend also gelehrt? Neonazis gehören beobachtet, analysiert und durch Fakten widerlegt. Man sollte ihnen aber keine große Bühne bieten, auch wenn Extremes die höhere Einschaltquote verspricht. Erst recht nicht, wenn dort ein netter, aber schlecht vorbereiteter Frage-Onkel moderiert. Denn so gewinnt der Rattenfänger immer.

 

 

Auch in der Steppe ist man wach

Der Blick in den Spiegel ist manchmal fatal. Gerne möchten wir in Augen blicken, aus denen uneingeschränkte Tatkraft strahlt. Stattdessen sehen wir ein trübes Flimmern. Unsere Haut ist fahl statt rosig. Und das liegt nicht am schlechten Licht. Nein, wir haben, wie so oft, nicht ausgeschlafen.

In romantischen Momenten denken wir uns dann, ob es nicht besser wäre, ganz woanders zu sein. Wir erinnern uns an die fröhlichen Leute, denen wir auf unserer Safari-Tour durch Südafrika schnuckeliges Kunstgewerbe abgekauft haben. Wie gut müssen solche Menschen schlafen. Kein Stress, kein Fernseher, kein Internet – nur süße Träume, sobald die Sonne untergeht. Schön gedacht, stimmt aber nicht.

Forscher der Universität des US-Staates New Mexico haben nämlich herausgefunden, dass so genannte Naturvölker auch nicht länger schlafen als wir. Sie untersuchten die Schlummer-Gewohnheiten der Hadza in Tansania, der San in Namibia und der Tsimanen in Bolivien. Als Durchschnitt wurde eine Schlafdauer von 6,5 Stunden ermittelt. Auch wer fernab der digitalisierten Zivilisation lebt, ist bei Dunkelheit aktiv.

Warum überrascht uns das? Weil sich Menschen dort, wo sie sind, immer für die eigentliche Krone der Schöpfung halten. Das war auch bei den Naturvölkern nie anders. Als hellhäutige Europäer mit ihren Schiffen auf Südseeinseln oder anderweitigem Neuland gelandet sind, wurden sie nicht für ganz normale irdische Wesen gehalten. Sondern zum Beispiel als bleiche Gespenster ihrer gestorbenen Vorfahren. Jedenfalls waren und sind die Einheimischen immer davon überzeugt, dass sie die eigentliche Last des Daseins tragen müssten. Während Besucher ihr Grundrecht auf Faulheit verwirklichen könnten. So sehen wir das, wenn wir ehrlich sind, ja auch.

Zumindest ein zusätzliches Leid gestehen uns die US-Wissenschaftler zu: Schlaflosigkeit kennt man in den untersuchten Naturvölkern nicht, es gibt nicht mal ein Wort dafür. Wer bis tief in die Nacht vor dem Fernseher sitzt oder durch die sozialen Netzwerke surft, kommt offenbar schlechter zur Ruhe.

Lassen wir also mal die Finger von Fernbedienung oder Smartphone. Seien wir nicht atemlos in der Nacht, sondern machen wir es es bei bei den San und Hadza. Bleiben wir wach und reden wir miteinander. Unser Schlaf wird erholsam sein. Der Blick in den Spiegel wird es beweisen.

Sie träumen vom Glück? Wir schaffen das!

In angenehmeren Zeiten, sagen wir, während Angela Merkels erster Amtsperiode, hatten wir Zeit und Muse, um uns um wirklich wichtigen Dinge zu kümmern. Nämlich um die Frage, ob dieses, unser Dasein gelingen würde. Ob wir Glück hätten, ob es uns wie ein Blitz träfe oder ob wir sein eigener Schmied sein könnten.

Klar war uns allen, dass das Glück ein flüchtig Ding ist. Wie in diesen Tagen. Zwar steht es mit 80,5 Millionen Ergebnissen bei Google noch weit oben. Aber das Thema Flüchtlinge holt auf. Innerhalb von nur von fünf Tagen ist die Zahl der Google-Einträge von 30,5 auf 35,5 Millionen Einträge gestiegen. Geht es in diesem Tempo weiter, ist Glück in gut sechs Wochen nach unten durchgereicht. Der einstmals weltberühmte Glücks-Ratgeber von Eckart von Hirschhausen ist heute beim Internet-Händler ab 13 Cent zu haben. Auch das ist ein Zeichen.

Insofern sollten wir dankbar für Initiativen sein, die unser großes Daseinsthema im Blickfeld halten. So hat die Stadt Nürnberg untersucht, in welchem ihrer Wohngebiete die glücklichsten Menschen leben. Gewonnen haben Katzwang und Kornburg, also eingemeindete Dörfer, die sich vor allem durch Einfamilienhäuser und akkurat geschnittene Hecken auszeichnen. Man grüßt sich auf der Straße und singt im Verein. Und oft wissen die Nachbarn mehr über einen als Facebook und NSA zusammen.

So also sind die Bedingungen, damit 64 Prozent der Menschen glücklich sind. Mein Wohngebiet, die Südstadt, rangiert auf Platz 16 – von 17 untersuchten Quartieren. Angeblich gibt es hier bloß 40 Prozent glückliche Leute. Wenn ich die rauchenden Männer vor den Spielsalons sehe, glaube ich das. Aber ich könnte nicht sagen, dass mich das vergleichsweise große Chaos in meiner Gegend trübselig macht. Ich finde mein Umfeld spannend und interessant und habe Spaß an Menschen, die anders sind, als es sich gehört.

Was wieder zeigt, dass Glück etwas sehr Individuelles ist. Mancher freut sich, wo andere hadern. Wobei unser mutmaßlich überragendes Thema laut Google auch nicht so wahnsinnig aufregend ist.

Zwar liegt es meilenweit vor einem wichtigen Thema, der Energiewende. Diese kommt aktuell auf 4,65 Millionen Google-Ergebnisse. Was immerhin etwas mehr sind als Franziskus. Für den Papst, der so unendlich viele richtige Dinge sagt, aber trotzdem recht wenig erreicht, meldet die Suchmaschine 4,3 Millionen Einträge. Das Glück liegt nur knapp vor dem Suchbegriff „Klopp“. Dieser republikflüchtige Fußballtrainer kommt gerade auf 33,8 Millionen Klicks. Er fährt allerdings Opel, weshalb er dem derzeitigen Skandal-Konzern Volkswagen mit dessen 453 Millionen Klicks nicht das Wasser reichen kann.

Ach so, Angela Merkel gibt es auch noch. Sie liegt mit 87,5 Millionen Ergebnissen sozusagen über-glücklich im Rennen. Ihr wollt ein schönes Leben? Fürchtet Euch nicht! Wir schaffen das!

 

 

Die Fifa ist sauber – aber nur für 90 Tage?

Da geht er hin, der kleine, große Diktator. Sepp Blatter als Präsident des Weltfußballverbandes Fifa ist nicht mehr. So sehen und so glauben wir es gerne. Aber Vorsicht: Dieser Drops ist nicht gelutscht.

Man mag sich sowieso fragen, warum es uns so sehr interessiert, wer einen internationalen Sportverband führt. Der Radball-Weltvorsitzende war noch nie berühmt. Aber gerade die Fifa greift ins Leben vieler Menschen ein. Sie macht zweifelhafte Regierungen international hoffähig, sie lässt Schwellenländer teure Stadien bauen, die nach dem Turnier keiner mehr braucht. Wie aktuell in Russland sorgt sie dafür, dass auf den WM-Baustellen Arbeitsgesetze und Schutzvorschriften nicht beachtet werden. Und ihre Mitgliedsverbände schröpfen zusehends diejenigen, die deren Personal bei der Arbeit zusehen wollen.

Aber es ist auch so ein schönes Spiel. Mit guten und schlechten Seiten, welche sich mitunter gar nicht so klar definieren lassen. Stellen wir uns nur folgende Frage: Zerstört es Ehen, weil Papa zwecks Fußball nie Zeit hat? Oder rettet es Ehen, weil der Alte zuverlässig ruhig gestellt ist?

Doch zurück zu Blatter. Zum zentralen Wesen des Fußballs gehört es, dass man nie weiß, wie es ausgeht. Das ist eine Weisheit von Wundertrainer Herberger, sie hat somit den Rang der Unfehlbarkeit. Und nun sind der Fifa-Sepp und sein Sportsfreund Platini für 90 Tage suspendiert. Also weg vom Fenster, meinen da unbedarfte Zeitgenossen.

Jedoch: Zum Wesen des Fußballs, von der Weltmeisterschaft bis in die unterste Liga, gehört die Überzeugung, dass nichts einen Kicker, Trainer oder Funktionär mehr läutert, als wenn man ihm den Ball oder seinen Platz im Stadion wegnimmt. Foul, Tätlichkeit, Beleidigung – ein paar Wochen Sperre, und der Bösewicht ist einer neuer Mensch.

Unvorstellbar, dass einer wie Blatter das anders sieht. Es sollte auch genügend seiner Jünger geben, die ihn darin unterstützen. Der nächste Akt der Fifa-Geschichte könnte also lauten: „Er ist wieder da.“ Dann allerdings in Originalbesetzung.

 

München liegt (nicht) in Nordkorea

Autarkie ist eigentlich ein Begriff von früher. Er beschreibt das Streben von Nationen nach weitestgehender Selbstversorgung. Frei nach dem Motto: Wenn wir keine Importe brauchen, müssen wir auch keine Rücksicht auf andere Länder nehmen. Die Sowjetunion hatte dieses Ziel, das faschistische Italien oder auch Indien. Heute ist Autarkie erklärtes Staatsziel nur noch in Nordkorea. Vielleicht aber auch bald in Bayern.

So jedenfalls hören sich manche Debattenbeiträge von CSU-Politikern zur Flüchtlingsthematik an. Wo sich Ministerpräsident Horst Seehofer bislang damit begnügt, Signale der Kanzlerin zu fordern, setzen jüngere Kräfte wie Finanzminister Markus Söder und Generalsekretär Andreas Scheuer, erstaunliche Gedanken in die Welt. Offenbar beseelt von der Begegnung mit dem rabiaten Ungarn Viktor Orbàn schwadronieren sie über Grenzzäune oder gar über das Schließen der Grenze zu Österreich.

Alles frei nach dem Motto: Mia san mia. Die CSU passt auf. Die böse Welt bleibt draußen.

Es handelt sich um Blödsinn für das politische Schaufenster. Was einem spätestens dann klar wird, wenn man sich vorstellt, wie ein solcher Grenzzaun aussehen müsste. Eine CSU, die noch zum G7-Gipfel für die Augen der Weltöffentlichkeit ein lustiges Elmauer Bauerntheater inszeniert hat, wird kaum fiesen Stacheldraht über Gipfel, Täler und Auen ausrollen lassen. Die Absperrung müsste schon etwas aus rustikalem heimischem Holz sein – was wiederum einen massiven Vernichtungsangriff auf die alpinen Schutzwälder bedeuten würde

Und es gibt die Bayerische Verfassung. Diese ist von einem freiheitlichen, friedliebenden Geist getragen. Wie es schon deren Präambel ausdrückt: „Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges geführt hat, in dem festen Entschlusse, den kommenden deutschen Geschlechtern die Segnungen des Friedens, der Menschlichkeit und des Rechtes dauernd zu sichern, gibt sich das Bayerische Volk, eingedenk seiner mehr als tausendjährigen Geschichte, nachstehende demokratische Verfassung.“

In ihr stehen nicht nur klassische Verfassungs-Sätze wie „Die Freiheit der Person ist unverletzlich“ oder „Ausländer, die unter Nichtbeachtung der in dieser Verfassung niedergelegten Grundrechte im Ausland verfolgt werden und nach Bayern geflüchtet sind, dürfen nicht ausgeliefert und ausgewiesen werden“. Sondern auch folgender Artikel: „Rassen- und Völkerhaß zu entfachen ist verboten und strafbar.“  Oder eben auch: „Der Genuss der Naturschönheiten und die Erholung in der freien Natur, insbesondere das Betreten von Wald und Bergweide, das Befahren der Gewässer und die Aneignung wildwachsender Waldfrüchte in ortsüblichem Umfang ist jedermann gestattet.“

Spätestens hier müsste das Denken an Zäune oder Mauern enden. Autarkie geht nicht, die Welt kommt rein. München liegt nicht in Nordkorea. Anderslautende Erklärungen sind durch Verfassungs-Artikel 110, Absatz 2, zu sanktionieren: „Die Bekämpfung von Schmutz und Schund ist Aufgabe des Staates und der Gemeinden.“

In der Hand liegt die Wahrheit

Gönnen wir uns eine Verschnaufpause. Die Krisen mögen zahlreich sein. Aber wenn wir daran denken, wie wir diese vor 25 Jahren ziemlich ungeplante deutsche Einheit hinbekommen haben, dürfen wir uns auch einmal mit einem wohligen Seufzer zurücklehnen. Und uns daran freuen, dass unsere  Wissenschaft trotz alledem unbeirrt nach Antworten auf die wirklich großen Fragen des Daseins sucht.
So haben Psychologen aus Münster und Dresden erforscht, wie sich die Handposition auf das Lösen von Aufgaben am Computer auswirkt. Dabei stellten sie fest, dass es ein Unterschied ist, ob jemand ein Rechenproblem löst oder ob er ein Flugzeug steuern will. Manchmal sei es besser, wenn die Hand nahe am Bildschirm sei, in anderen Fällen sei es andersrum.
Nun ist die Erkenntnis, dass das Leben stets ein „Einerseits, Andererseits“ sei, bereits in der Epoche des Mittelhochdeutschen, mutmaßlich von christlichen Mönchen formuliert worden. Juristen wiederum beantworten die Bitte um eine klare Rechtsauskunft gerne mit dem Satz „Es kommt darauf an“.
Bei unseren Forschern lautet diesselbe Aussage so: „Wir haben ein in der Psychologie bekanntes Phänomen im Kontext der modernen Informationstechnologie erforscht.“ Wenn sich Menschen für Dinge interessierten, nähmen sie diese in die Hand. Dies sei beim Nutzen von Computern nicht wesentlich anders. Der Lehrsatz lautet: Je näher die Hand, desto größer der Reiz.
So gesehen verheißt die Anbahnungsphase des jüngsten Händedrucks zwischen Barack Obama und Wladimir Putin nichts Gutes. Der US-Präsident hat sich erkennbar stärker für seinen Kollegen interessiert als dieser für ihn. Fatalerweise entspricht das auch der ersten Nachrichtenlage aus Syrien.
Aber bleiben wir im Lande. Von der Handposition hing es entscheidend ab, ob man in einer zum 25. Jubiläum der Deutschen Einheit gratis gelieferten Zeitung mit den bekannt großen Bildern blätterte oder ob man sie ohne Umweg in die Papiertonne beförderte. Uns wurde klar: Manche Entscheidung lässt sich getrost auch ohne Hilfe der hohen Wissenschaft treffen.