Unser Autopilot: Fortschritt durch Hirngespinst

Wir lesen, checken unsere Mails, mampfen Chips oder machen sonstwas – und das mitten auf der Autobahn, bei Tempo 130. Selbstfahrende Pkw sollen in naher Zukunft unser Leben schöner machen. Das Projekt ist eine große Verheißung. Vor allem für die Autoindustrie.

Verkehrsminister Alexander Dobrindt hat wegen der auf Eis gelegten Pkw-Maut gerade Zeit. Also hat er den technologischen Fortschritt schlechthin verkündet. Die Autobahn zwischen Nürnberg und München soll Teststrecke werden – wieder einmal. In den 80-er Jahren wurden auf einem Teilstück die Auswirkungen von Tempo 100 getestet. Man stellte sinkende Unfallzahlen fest, was aber gegenüber der Öffentlichkeit unter Verschluss gehalten wurde.

Logisch, denn Verkehrspolitik dient vor allem  den Fahrzeugherstellern und ihren Beschäftigten. Gerade leiden VW, BMW, Audi & Co. schwer darunter, dass das Autofahren aus der Mode zu kommen scheint. Teure Fahrräder oder Smartphones gelten inzwischen als spannendere Statussymbole. Junge Leute, für die der eigene Wagen das allerhöchste Glück ist, findet man heute eher in China als bei uns. Also braucht es einen neuen technischen Kick. Nach der Devise: Wenn schon Stau, dann wenigstens so, dass die Zeit nicht verloren ist.

Aber hat es wirklich einen Reiz, wie damals im Kinderwagen betreut herumgefahren zu werden? Wollen echte Autofahrer nicht auch ein bisschen Vettel sein? Also durchaus mal Sonntagsfahrer ausbremsen und riskant überholen? Lässt sich mit der Selbstfahr-Botschaft ein knalliger Werbespot produzieren? „Trotz Demenz ganz schnell im Benz“?

Was bedeutet es für den Klimaschutz, wenn Staus nicht mehr lästig und öffentliche Verkehrsmittel deshalb weniger attraktiv sind? Und: Wer muss sich im Verkehr an wen anpassen? Die Maschine an den Menschen oder der Mensch an die Maschine? Ist unfallfreies Auto-Autofahren möglich, wenn gleichzeitig aggressive Radler und träumende Fußgänger ohne Sensoren unterwegs sind?

Ohne Komplett-Überwachung der Umwelt wird’s wohl nicht gehen. Aber so sind die neuen Zeiten. Früher hieß es „Vorsprung durch Technik“. Heute gilt „Fortschritt durch Hirngespinst“. Meister Dobrindt wird’s schon richten.