Wer den Bossen blind vertraut, lebt verkehrt

Wir sehen diesen Herrn im feinen Anzug, entweder drahtig und durchtrainiert oder grauhaarig-professoral. Ja, da ist einer, der uns zu führen vermag. Ein Chef wie aus dem Bilderbuch. Wir vertrauen, fühlen uns wohl dabei – und machen einen großen Fehler.

Ex-VW-Chef Martin Winterkorn hat uns das gerade wieder gelehrt. Vor wenigen Wochen hat er einen heftigen hausinternen Machtkampf gewonnen, weil er von seinen Unterstützern als fähigster Manager überhaupt angesehen wurde. Jetzt ist er weg. Als oberster Verantwortlicher des Größten Anzunehmenden Unfalls, den sein Konzern erleben konnte.

Doch auch andere bedeutende Männer haben uns schwer enttäuscht. Denken wir an den vermeintlichen Quelle-Retter Thomas Middelhoff oder an den Manager Peter Hartz, früher ebenfalls in Diensten von Volkswagen. Nach ihm wurden sogar Gesetze benannt – der Charakter hielt auch bei ihm mit dem Ruhm nicht Schritt.

Sicher, es ist schwer, sich von der Kombination Macht und Geld nicht korrumpieren lassen. Zumal sehr wichtige Personen immer viele Jünger finden und zahlreich Freunde haben. Und wenn dann noch der Zwang dazu kommt, ein Produkt so schönzureden, dass ein Höchstpreis verlangt werden kann, wird es in Sachen Ethik erst recht problematisch.

In Nürnberg wurde gerade ein Gewerkschafter, der sich für die Rechte von Textilarbeiterinnen und -arbeitern in Bangladesch einsetzt, mit dem Menschenrechtspreis geehrt. Amirul Haque Amin kann die Gewinnspanne einer sympathischen Marke wie Adidas sicher gut nachvollziehen. Er wird sie unerhört nennen.

Sehen wir die Dinge realistisch. Dazu gehört zum Beispiel die Erkenntnis, dass vor unseren Arbeitsgerichten die Zahl der Gesetzesbeuger und -brecher auf Arbeitgeberseite höher ist als unter den dort auftretenden Arbeitnehmern. Das mag in der Natur der Sache liegen, weil ja fast immer nur Unternehmen verklagt werden.
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Trotzdem: Der Glaube an die Redlichkeit und Ehrlichkeit aller Bosse ist pure Naivität. Schauen wir also beim nächsten Mal nicht auf den Anzug vom Maßschneider oder auf die seidene Krawatte. Schließen wir die Augen und hören wir zu, was einer sagt. Und die Entzauberung hat begonnen…