„Katastrophen“ im Mittelmeer? Das meiste Leid bleibt im Dunkeln

Ja, wir sind beunruhigt. Weil im Mittelmeer Boot um Boot voll ist, weil es nicht mehr zu ertragen ist, wie sich angeblich anständige Bürger in Terroristen verwandeln, Flüchtlingsheime anzünden und „Weg mit dem Dreck“ schreien. Ob es anders wäre, wenn wir den ganzen Wahnsinn kennen würden, den die Menschen durchlebt haben, wenn sie es bis zu uns geschafft haben?

Wir reden viel von den „Katastrophen im Mittelmeer“. Die gibt es täglich und wir schauen schockiert zu, weil in der Nähe der italienischen Küste genug Kamerateams sind, die uns Bilder liefern. Das Management des massenhaften Sterbens läuft dann so, wie wir es in unserem behüteten Deutschland von den Lebensmittelskandalen kennen. Es wird „Drama“ und „Skandal“ gerufen, es werden schärfere Kontrollen und entschlossene Maßnahmen gefordert. Drei Tage später ist Fußball und Kita-Streik. Das Thema gerät in Vergessenheit. Bis zum nächsten Mal.

Die allermeisten anderen Tode bleiben vor unseren Augen verborgen. Wir wissen nicht, was auf der Fluchtroute in die Türkei passiert, die Korrespondenten berichten nur selten über Assads Fassbomben und schildern den IS-Terror aus sicherer Entfernung, und sei es mit Hilfe der Propaganda-Videos. Es gibt keine Filme von den Leichen der Verdursteten in der Sahara, obwohl deren Zahl bestimmt größer ist dürfte als jene der Opfer im Mittelmeer.

Die irrwitzigen Zustände in den Flüchtlingslagern auf griechischen Inseln scheinen gelegentlich. Aber wer sieht schon TV-Beiträge über die ungarischen und bulgarischen Polizisten, die Flüchtlinge von ihren scharfen Hunden mit sadistischer Gier verfolgen lassen.

Der Fußweg zuvor war lang. Aber es ist so: Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg ist ein Hit, Amir auf dem Trampelpfad durch Serbien ist eine Bedrohung. Zumal er ein Gespenst bleibt. Die Bilder für die große Masse entstehen anderswo. Die ganze Wahrheit bleibt im Dunkeln.  Würden wir sie wissen wollen? Wer mag das von sich sagen?