Merkel zeigt: Politik ist kein Job für große Gefühle

Zu den größten Belastungen für menschliche Beziehungen zählt der so genannte Forderungsüberschuss. Man hofft, dass sich Partner oder Partnerin in jeder Situation gemäß der eigenen Ideale verhalten. Man erwartet, dass sie reges Interesse für all das zeigen, was einem selbst wichtig ist. Anders kommt es oft.  Wenn aber die Wunschvorstellung gar nicht klappt, ist die Enttäuschung riesengroß.

In eine solche Situation ist Angela Merkel hineingeraten. Ein weinendes Flüchtlings-Mädchen aus Rostock namens Reem hat sie aus der Fassung gebracht. Die Inszenierung einer Schülersprechstunde hat nicht nach Plan geklappt. Die Bundeskanzlerin streichelte das Mädchen unbeholfen – und wird nun der emotionalen Eiseskälte verdächtigt. Unter dem Hashtag #merkelstreichelt tobte im Internet rasch der Shitstorm. Ist Angela Merkel also böse?

Von Joschka Fischer stammt der Satz: „Das Amt verändert den Menschen mehr als der Mensch das Amt.“ Das gilt nicht nur für Spitzenpolitiker, das gilt bis hin zum ehrenamtlichen Vereinsvorstand. Wer zeit- und arbeitsintensive Aufgaben übernimmt, wird nur selten den offenen und freundlichen Blick für seine Umgebung bewahren können. Wer selbst Teil des Programms ist, wer die Erwartungen des Publikums/der Kundschaft kennt, wird seine Rolle spielen. Je höher das Amt, desto kälter wird es. Selbst der Papst hat nicht immer gute Laune.

Also sollten wir nicht zu anspruchsvoll sein. Wer von Politikern spontane – und glaubwürdige – Empathie verlangt, fordert Übermenschliches. Echte Gefühle sind in diesem Geschäft die ganz große Ausnahme.

Immerhin: Ein gewisser Dirk W. Eilert, Berufsbezeichnung Gesichterleser, erklärte zur Begegnung von Reem und Kanzlerin: „Merkel neigt den Kopf leicht zur Seite, die Augenbrauen-Innenseiten zieht sie hoch. Dies ist der kulturübergreifende Gesichtsausdruck für Mitgefühl und zeigt, dass sie entgegen der Meinung der meisten Menschen in den sozialen Medien nonverbal empathisch reagiert hat.“

Ist doch schön. Und die Umfragewerte für die CDU sind über’s Wochenende auch gestiegen.

2 Kommentare in “Merkel zeigt: Politik ist kein Job für große Gefühle

  1. Herzlos oder nicht, das ist nicht die Frage. Warum recherchiert kein Journalist und stellt den Hintergrund der „integrierten Familie“ dar? Wieso sind sie seit 4 Jahren im Wartestand, wovon leben sie, welche Zuwendungen erhalten sie. Was ist der wirkliche Grund der Flucht? Diese Geschichte ist nicht sauber und wird so oder so zu Propagandazwecken missbraucht.

  2. Für mich geht es nicht darum, ob Frau Merkel „emotional“ beteiligt war oder das Amt den Menschen verändert.

    Das Kind hat sich mit seinem Problem an den Menschen gewandt, der dafür zuständig ist. Der die Situation ändern könnte. Der für das Problem verantwortlich ist.

    Und dieser Mensch sagt nichts anderes als „Hast du halt Pech gehabt“. Und das ist der Punkt.

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