Wem gehört die Zeit?

„Gott hat dem Menschen Zeit gegeben. Aber von Eile hat er nichts gesagt.“ So lautet ein türkisches Sprichwort. Das klingt anheimelnd und nett. Doch ist das hier beschriebene Recht auf Faulheit eine Verheißung? Nein! Nie mehr!

Seit Erfindung der Flatrate lebt der moderne Mensch in zwei Welten, analog und digital. Das fordert uns heraus. Um auf jeder Daseinsebene mitmischen zu können, sind wir immer und überall auf Empfang. Wir verpassen nichts mehr und sind allzeit bereit, um unseren Kunden zu dienen. Schließlich sind Beruf und Geld der Maßstab für den Sinn unserer Existenz.

Der Bundesverband der Deutschen Arbeitgeber reicht uns zu diesem Zweck hilfreich die Hand. In einem Positionspapier hat diese ehrenwerte Vereinigung festgestellt, dass die digitale Welt voller Chancen stecke. Dort gebe es enorme Umsätze und Gewinne, die nur darauf warteten, eingesackt zu werden. Was auch klappe, wenn man nicht zu viele Pausen macht.

Jedoch, es gibt Gesetze. Diese besagen zum Beispiel, dass ein Acht-Stunden-Tag die Regel sein und ein Zehn-Stunden-Tag die absolute Obergrenze sein sollen. Diese verlangen, dass nach spätestens sechs Arbeitsstunden eine Pause von mindestens einer halben Stunde gemacht werden und dass zwischen Arbeitsende und -beginn eine Ruhephase von mindestens elf Stunden liegen muss.

„Nostalgie“, „veraltet“, rufen da die Arbeitgeber. Das Heil der Zukunft sei die Flexibilisierung. Nichtstun ist verschenkte Lebenszeit, wer im Urlaub seine E-Mails nicht wenigstens liest, ist ein unbrauchbarer „Low Performer“.

Man könnte das Richtige tun, nämlich den Arbeitgebern eine lange Nase machen, pünktlich die Firma verlassen und sich gemütlich auf’s Sofa oder in eine Pilsbar setzen. Das wäre richtig, denn niemand ist unendlich belastbar. Und wer Burnout hat, ist im Durchschnitt sieben Wochen krank. Der Marathon im Hamsterrad macht kaputt, ein Dauerkranker kostet bloß.

Aber sieht das diese Gesellschaft so? Als in Nürnberg bekannt wurde, dass im Hauptbahnhof ein Discounter eröffnet und an allen sieben Wochentagen von 6 bis 22 Uhr geöffnet sein soll, erhoben Kirchen und Gewerkschaften zarte Einwände. Gerade am Sonntag müsse das doch nicht sein. Die überwiegende Reaktion des Volkes? Diese überbewerteten, gestrigen Organisationen sollten den Mund halten. Konsumenten wollen Freiheit!

Es scheint, dass das stets erreichbare Smartphone die Massen erfolgreich sozialisiert hat. Aber auch dessen Akku ist mal leer. Wenn also die Frage „Wem gehört die Zeit?“ auftaucht, sollte man gelegentlich einfach „Mir!“ sagen. So viel Luxus muss erlaubt sein.