Kommunikation 4.0: Die vorgehaltene Hand

Was ist bloß los? Sind die alle krank? Haben sie Mundgeruch? Immer häufiger sehen wir Menschen, die beim Reden die Lippen abschirmen. Die vorgehaltene Hand ist der große Trend der nicht-virtuellen Kommunikation. Das muss auch sein. Denn es wird zugeguckt und abgehört wie nie zuvor.

Unser aller Bundestrainer Jogi Löw kann davon ein Lied singen. Während des Spiels gegen Gibraltar wurde er beobachtet, wie er sich die Fingernägel feilte. Was ihm als übelste Arroganz ausgelegt wurde – während er es später mit einem abgebrochenen Nagel begründete. Noch mehr jedoch  interessiert, was er während einer Begegnung so sagt. Dies wiederum erforschen Lippenleser, die vor Monitoren sitzend nach Hinweisen auf taktische Finessen spähen. Um sie dann auf die eigene Ersatzbank oder via Twitter dem Rest der Welt zu melden. Löw etwa wurde nachgewiesen, dass er nach einer verpasssten Großchance „Verdammte Scheiße“ geflucht hat. Das muss man wissen.

Was hilft? Richtig, die vorgehaltene Hand. Vor allem in den Stadien der erfolgreichsten Fußball-Ligen ist sie zum Kommunikations-Standard geworden. Die dortigen besonders wichtigen Persönlichkeiten tuscheln fast ausschließlich. Denn es könnte ja ein Spiel komplett verändern, es könnte Millionen kosten, wenn bekannt würde, dass der spanische Star-Trainer zum Star-Spieler sagt: „Ramos, hau mal den Messi um“. Oder es drohten  wochenlange Schlagzeilen über Team-Konflikte, wenn herauskäme, dass der Stürmer zum Mitspieler sagt: „Gib doch mal ab, du Depp.“

Nun sind sich Fußballer bewusst, dass sie genauestens beobachtet werden. Bei uns galt das bis vor einiger Zeit nur für frühere DDR-Bürger. Da war klar, dass bestimmte Themen nicht zu laut und schon gar nicht am Telefon besprochen werden sollten. Aber bei uns, im freien Westen? Hier gilt  inzwischen: Man darf zwar sagen, was man will, aber im Zweifelsfall bekommt es irgendeiner mit. Und wenn wir vor dem PC sitzen, sollte klar sein, dass die Kamera laufen könnte, während wir in der Nase bohren.

Heute ist es Luxus, Geheimnisse zu haben. Um die zu bewahren, trifft man sich am besten zum Tuscheln auf einer Lichtung im Wald, während das Handy daheim im datentechnisch abgeschirmten Kühlschrank liegt. Dann ist man sicher. Oder? Die Tücken der menschlichen Kommunikation hat der römische Kaiser Marc Aurel so beschrieben: „Manche Leute verstehen unter Verschwiegenheit, dass sie die ihnen anvertrauten Geheimnisse nur hinter vorgehaltener Hand weitererzählen.“

Fazit also: Nur die Gedanken sind frei. Noch.