Alles neu, oder: Die Liebe der Veganer zur Wurst

Kennen Sie Ferran Adriá? Es handelt sich um den spanischen Koch, der vor gut 20 Jahren damit begonnen hat, Lebensmittel in ungewohnten bis verrückten Erscheinungsformen zu präsentieren. Seine so genannte Molekularküche hat Köche weltweit beeinflusst. Inzwischen hat die Kunst  des kulinarischen Sphärisierens die Luxuszone verlassen und den Markt der Normalsterblichen erreicht.

Zurzeit kommen zwei Zeiterscheinungen zusammen. Im Sommer wird gegrillt. Doch wir leben auch in einer Epoche des gewachsenen Ernährungsbewusstseins sowie der christlich-buddhistischen Sanftheit. Töten ist böse. Also werden wir Vegetarier. Oder noch mehr.

Wo es bisher den Aufruf zur vergnügten Nackensteak- und Sparerib-Party gegeben hat, kommt jetzt die Einladung zum „veganen Weißwurstfrühstück“. Das macht stutzig. Bedeutet das, dass man in dieser Runde die Würste nur anschauen, aber nicht essen darf. Oder sind diese Würste ohne tierisches Eiweiß gemacht? Und tatsächlich: Pflanzliche Grillwurst ist im Kommen, das entsprechende Soja-Produkt eines niedersächsischen Großschlächters hat gerade bei einem Geschmackstest gut abgeschnitten.

Bloß: Wozu die Mühe. Warum ist es für Veganer, die ja tierische Produkte ablehnend, eine Wurst verlockend? Weil unbearbeitetes Tofu wie Quallenrotz aussieht?

Man rätselt, und fragt sich, was passieren würde, wenn querdenkende Veganer und Vegetarier entdecken sollten, dass Fleischgenuss das Non-Plus-Ultra ist. Wird es dann das Wiener Schnitzel als Nachbildung einer Aubergine serviert, wird die Schweinshaxe vor dem Verkauf in einen Blumenkohl verwandelt? Glättet und färbt Ikea seine Kötbullar und legt sie als Tomaten an die Theke?

Niemand weiß das. Sicher ist bloß, dass wir, was das Essen angeht, noch viele Überraschungen erleben werden. Wissen heute die Kinder, dass Kühe lila sind, werden sie in zehn Jahren sehnsuchtsvoll in die Baumkronen schauen, weil sie dort Fischstäbchen vermuten. Wie Essen aussieht – das wird wurst. Ferran Adriá wäre glücklich. Ganz bestimmt.