Wenn der Mount Everest wackelt, lässt der Seegang nach

Wie gut. Ein Erdbeben. So, wie diese kûrzen Sätze dastehen, lesen sie sich hochgradig zynisch. Aber so ist das Leben. So denkt die Politik. Da war unsere Kanzlerin samt Gefolge angesichts der Empörung über massenhaft ertrinkender Flüchtlinge tatsächlich in Bedrängnis geraten. Man stand kurz davor, Herz zeigen zu müssen. Und dann wackelt der Mount Everest.

Nepal muss geholfen werden. Schnell und wirksam. Ich habe vor ein paar Jahren eine Journalisten-Delegation aus diesem Land betreut. Die Vorstellung, dass die netten Kollegen von damals irgendwo in Kathmandu unter einem Schuttberg begraben sein könnten, gefällt mir gar nicht. Selbstverständlich sollten wir alle etwas spenden.

Aber die Dauerkatastrophe im Mittelmeer darf nicht in Vergessenheit geraten. Denn die Beschlüsse des EU-Gipfels sind vor allem eine auf Öffentlichkeit getrimmte Realpolitik. Die verändert nur selten viel. Die  aktuellen Spitzenkräfte der Friedensnobelpreisträgerin Europäische Union haben ein bisschen Zucker beschlossen, also mehr Geld für Seenotrettung. Zugleich aber deutlich mehr Peitsche, so etwa durch das Erfassen von Fingerabdrücken bei Flüchtlingen, um eine Wiedereinreise nach abgelehntem Asylantrag zu verhindern.

Die größtmögliche Schnapsidee aber ist der Versenken von Schleuser-Booten. Nach allem, was wir wissen, setzen die Schlepper in der Regel Boote ein, auf deren Rückkehr sie gerne verzichten. Flüchtlinge auf diese Weise stoppen zu wollen, ist so, als würde man Schrottplätze bombardieren, um die Staus im Berufsverkehr zu bekämpfen. Untergangsfahrzeuge übelster Qualität werden sich für „hochkriminelle Schleuser“ immer wieder finden lassen.

Man kann auch anders fragen: Gehört es nicht zu unseren wichtigsten westlichen Werten, dass das Eigentum anderer Menschen respektiert wird? Ist der Kapitalismus nicht die Wurzel unseres Wohlstandes? Woher nehmen wir das Recht, mittels Kampfflugzeugen Schiffe versenken zu spielen und das Eigentum anderer Leute zu vernichten? Würden wir es mit einem Schulterzucken hinnehmen, wenn libysche Drohnen unsere Busbahnhöfe beschießen würden, weil sich die Regierung dieses Landes vorgenommen hat, etwas gegen unsere anarchistische Reisefreiheit zu tun? Sicher nicht.

Hinzu kommt, dass die chirurgische Präzision westlicher Luftschläge ähnlich ausgeprägt ist wie die Treffgenauigkeit des Bundeswehr-Gewehrs G 36. In Afghanistan oder Pakistan wurde das ausreichend  belegt. Wenn der Westen seine Grenzen schützt, möchte man kein unbescholtener Fischer sein.

Das Leid wird weitergehen. In Nepal bis auf Weiteres. Im Mittelmeer auf Dauer. Vielleicht lässt wenigstens der Seegang nach. Für eine Verschnaufpause. Das Top-Thema der Medien ist gerade ein anderes.