Der Friedhof Mittelmeer macht zynisch

In manchen Zeiten führt Zeitungslektüre zwingend zu zynischen Ideen. Gerade ist es wieder so. Wegen der massenhaft ertrinkenden Bootsflüchtlinge.

Die Friedensnobelpreisträgerin Europäische Union hat also aus wirtschaftlichen Gründen dafür gesorgt, dass Flüchtlinge, die bisher schon nahe der libyschen Küste gesehen und immer wieder mal geborgen wurden, aus dem Blickfeld geraten ist. Der europäische Küstenschutz und damit auch das von abendländischen Werten getragene amtliche Menschenrettungswesen beginnt jetzt erst kurz vor Italien. Wer auf dem Weg dorthin ersäuft, hat Pech gehabt. Massenhafter Tod ist unsichtbar geworden.

Und dann lese ich einen netten Artikel aus der Kategorie „Gute Nachricht“. Darin wird geschildert, wie ein Biber, der auf einem nächtlichen Streifzug ins Schwimmerbecken des Nürnberger Naturgartenbades gefallen ist, in einer dramatischen Aktion gerettet wurde. Unter Hinzuziehung des Biberbeauftragten einer Naturschutzorganisation wurde das laut Berichterstattung vom Dauerschwimmen entlang des für ihn zu hohen Beckenrandes erschöpfte Tier gerettet.

Da kommt dir – auch wenn du diesen Zynismus nicht willst -ein Gedanke: Ach, wäre dieser Biber doch ein Bootsflüchtling gewesen. Wie menschlich hätte man sich um ihn gekümmert. Und wie wäre es, wenn es einen europäischen Flüchtlingsbeauftragten gäbe, der beim Retten von Ertrinkenden einfach so handeln darf wie er möchte.

Eine weitere Nachricht lieferte der G7-Gipfel in Lübeck. Im bei solchen Treffen üblichen Begleitprogramm wurden die anwesenden Staatenlenker auf ein Schiff der Küstenwache gebeten. Sie bekamen blaue Hansestadt-Lübeck-Jacken angezogen und durften bei ihrer Bootstour für die Fotografen souverän lächelnd in die Ostsee schauen.

Und dann denkst du dir, wie es wäre, wenn diese Gipfel-Diplomaten ein bisschen weiter rausgefahren wären. Und 30 Kilometer vor der Küste hätte der Kapitän den Motor abgestellt, den Schlüssel ins Wasser geworfen und das Schiff samt Crew mit dem Rettungsboot verlassen. Ob die dabei erlebte  Erfahrung von Wellengang und Orientierungslosigkeit politisch etwas ändern würde?

Nein, das ist nicht passiert. Und es wäre – das denkst du dir dann – auch wirklich zu böse.

Dein Rest-Zynismus ist aber keineswegs weg. Er sagt dir Folgendes: Im Gegensatz zu Bibern stehen Flüchtlinge bei uns nicht unter Naturschutz. Doch das solltest du wahrscheinlich nur ganz, ganz heimlich denken. Es ist auch wirklich zu böse.