Germanwings-Tragödie: Der Mord als Sehnsucht der Medien

Der Absturz der Gemanwings-Maschine in den französischen Alpen ist eine schreckliche Tragödie mit einer verrückt wirkenden Hauptperson. Sie hat unfassbares Leid ausgelöst. Aber muss die Berichterstattung deshalb ins Hysterische oder Abstoßende abgleiten? In manchen Medien geht es nicht mehr um Information, sondern um den Nachweis, dass es sich um einen geplanten Massenmord gehandelt hat. Vorneweg marschiert die Bild-Zeitung.

Beim Sammeln hilfreicher Fakten und Behauptungen bringt das Blatt ein Interview mit der Ex-Freundin des Co-Piloten ankündigt. Die darin enthaltenen Zitate vermitteln, dass Andreas L. auf seine Tat hingearbeitet hat. „Eines Tages wird jeder meinen Namen kennen“, zitiert die Frau ihren früheren Freund.

Vielleicht hat er das gesagt, aber: Es gehört zwar zu den Anforderungen an moderne Menschen, dass Trennungen so zu regeln sind, dass Ex-Verliebte Freunde bleiben. Oft klappt das aber nicht. Man kann also nicht erwarten, dass sich jemand wohlwollend an seinen Ex erinnert. Zumal dann nicht, wenn ein cleverer Interviewer die „richtigen“ Fragen stellt. Ist der ominöse Satz wirklich einer, den kein junger Mensch jemals bei irgend einer Gelegenheit sagen könnte? Als ehrlichere Variante der Befragung empfiehlt sich: „Hier sprechen die ärgsten Feinde von Andreas L.“.

Nächster „Beweis“: Andreas L. war krank geschrieben, er hat seine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zerrissen. Wer hat sich noch nie schlecht gefühlt, ist zum Arzt, dann aber trotzdem zur Arbeit gegangen, weil sich der Zustand gebessert hatte? Wer hat noch nie seine Krankheit vorzeitig beendet? Und wer hat es noch nicht erlebt, dass Kollegen hustend und schniefend zum Dienst erschienen sind, weil sie sich für unersetzbar gehalten haben? Oder weil die Abteilung wegen Krankheit oder Urlaubs dünn besetzt war? Die Absicht, einen Suizid zu begehen, gehört nicht zwingend zu einem solchen Verhalten.

Nächster „Beweis“: Andreas L. war wegen psychischer Probleme in Behandlung. In seiner Wohnung wurden Tabletten gefunden. Ja und? Die Statistiken aller Krankenkassen belegen, dass psychische Erkrankungen immer mehr zunehmen. Diese sind längst ein Massen-Phänomen. Würden alle Menschen, die an solchen Problemen leiden, ihre Arbeit einstellen oder würden diese vom Job ferngehalten, würde unsere Wirtschaft still stehen.

Auch Menschen mit Depressionen sind keineswegs per se eine Gefahr für die Umgebung. Das wissen wir auch. Oder würde man sich weigern, zu einem Bekannten ins Auto zu steigen, wenn man um dessen Leiden wüsste? Wahrscheinlich nicht, sonst könnte man als Fußgänger nur noch in heller Panik herumlaufen. Schließlich gibt es mit Sicherheit depressive Bus-, Lastwagen- und Lieferwagenfahrer.

Wahr ist: Tödlichen Unglücksfällen oder auch Amokläufen kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit vorgebeugt werden. Es ist einfach möglich, dass jemand scheinbar völlig grundlos durchdreht. Wer das anders sieht, träumt vom Paradies auf Erden. Aber das wurde bisher noch nirgends erreicht. Leider.

PS: Die Bild-Chefs Kai Diekmann und Julian Reichelt haben ihre Motivation, den vollen Namen des „Todespiloten“ zu nennen, auf Facebook so beschrieben: „Wir haben es mit einem Mann aus der Mitte unserer Gesellschaft zu tun, der als Figur des Grauens, als bisher größter deutscher Verbrecher des (jungen) 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen wird.“ Nehmen wir an, es stellte sich heraus, dass der angebliche Massenmörder – wie vielfach gemutmaßt – tatsächlich krank war, so dass ihm die für einen Mord erforderliche Heimtücke gefehlt hat. Wie wird sich Bild dann bei den Angehörigen entschuldigen? Und noch etwas: Bei einer Namensnennung kommt es nicht nur darauf an, ob man etwas macht. Sondern auch, wie man es macht. Bild macht es übel. Eben so, dass es einem übel wird.