Wer niest, sündigt nicht

Es gehört zum Wesen der kalten Jahreszeit, dass der Mensch auf existenzielle Lebensfragen zurückgeführt wird. Wenn die Grippewelle übers Land wogt, bewegen uns sogar inmitten zahlloser Weltkrisen vor allem Vorbeugung und Therapie. Zum Beispiel die Frage, wie man richtig niest.

Das Niesen ist als plötzlicher Ausbruch das Tourette-Syndrom unter den einfachen Körperfunktionen. Also hat man in allen Kulturen über seine Ursachen und Folgen nachgedacht. In Spanien war der Aberglaube verbreitet, dass sich jemand mit seiner Schleimeruption auch gleich die Seele aus dem Leib schleudern kann. In Ostasien ging man davon aus, dass im Moment des Niesens an einem anderen Ort jemand über einen redet. Man stelle sich das Näschen von Helene Fischer vor, wenn dies nur ansatzweise stimmen würde. Im alten Griechenland war gezieltes Niesen Teil der Empfängnisverhütung.

Wie auch immer. Wer niest, ist ein Opfer. Nicht einmal die mächtigsten Herrscher dieser Welt können es unterdrücken. Für seine Umgebung ist der Niesende jedoch meistens ein Problemfall. Wenigstens dann, wenn er es nicht schafft, diese Übung bloß mit einem unterdrückten Quietschen zu erledigen. Wer urplötzlich losdonnert, erschrickt andere Menschen zu Tode. Und er bringt sie gefühlt an den Rand desselben, indem er sie mit einem scharfen Sprühregen aus Viren und Bakterien benetzt. Bis zu 160 km/h kann die ausgeatmete Luft erreichen.

Was aber hilft? Der Benimm-Ratgeber Knigge sähe es am liebsten, wenn man sich noch vor der Eruption ein Taschentuch vor das Gesicht halten könnte. Auch Linkshänder sollten vermeiden, in die rechte Grußhand zu nießen. Wer besonders gesundheitsbewusst ist, nutzt ein ansonsten vergessenes Körperteil, die Ellbogenbeuge. Wer hier entsorgt, schont die nächste Umgebung, sollte aber für den Rest des Tages von Umarmungen absehen.

Schade ist nur eines: Das tröstende „Gesundheit!“ ist aus den Benimm-Regeln gestrichen worden. Stattdessen wird erwartet, dass der Nieser „Entschuldigung“ sagt. So ist es, in dieser Gesellschaft. Früher kam ein „Helf Dir Gott!“. Heute heißt es „Hilf Dir selbst“. Selbst mit Fieber wird es kälter. Schade, eigentlich.