Stehpinkeln an den Nachthimmel

Alle Jahreswechsel wieder kommt er – der Appell an unsere Vernunft. Wir möchten doch auf die sinnlose Silvester-Kracherei verzichten und statt Böllern Brot kaufen oder an die Armen der Welt verschenken. Ganz bestimmt: Hier spricht die Vernunft. Aber andererseits…

Die wohlmeinenden Appelle kratzen an einem der letzten Refugien altmodischer Männlichkeit. Was machen heutzutage tendenziell nur Männer? Müll nach unten bringen, Auto waschen, am Grill stehen – und an Silvester Rabatz machen. Weil es nun mal zur männlichen Risikobereitschaft gehört, mehr oder weniger besoffen ein Feuerzeug an eine ziemlich kurze Zündschnur zu halten.

Das Abschießen von Raketen ist genauso unvernünftig, wie die Weigerung, sich auf eine Toilettenschüssel zu setzen. Aber es macht Spaß. Feuerwerk ist das Stehpinkeln an den Nachthimmel. Und deshalb bei Männern beliebt.

Die Industrie hat das durchschaut. Sie unterlegt den männlichen Todesmut mit den Bezeichnungen der Feuerwerkskörper. Man kauft Knallfrösche? Ach was. Papas Pyrotechnik heißt jetzt „Monsterblaze“, „Sniper“ oder „Metalhead“. Ja, es können sogar „Earthquake“ und „Thunderstorm“ entstehen, wenn der „Master of Rockets“ und „Power Lord“ der Nachbarschaft einen Meteorenregen um die Ohren haut.

Jeder ist gerne mal Held. Und sei es nur für die jeweils erste Viertelstunde im neuen Jahr. Ganz bestimmt: Wir achten daran, dass die Raketenverpackung in den Gelben Sack muss. Wir bringen die Raketenabschuss-Sektflaschen zum Altglascontainer. Und wer weiß: Vielleicht haben wir als guten Vorsatz aufgeschrieben, dass wir ab 2015 im Sitzen pinkeln. Aber das bleibt erstmal geheim…