Kontrolle macht das Leben unsüß

Egal, was da kommen mag: Wir haben alles unter Kontrolle. Vor allem uns selbst.

Der moderne Mensch ist ein Gefangener des so genannten Benchmarkings, also des Vergleichens mit ähnlichen Menschen oder Konkurrenten. Begonnen hat diese Zeiterscheinung in der Arbeitswelt. In manchen Unternehmen sind Controller, die Zahlen lesen und/oder interpretieren, inzwischen zahlreicher und mächtiger als jene Beschäftigten, die tatsächlich etwas produzieren. Die Frage, ob Tätigkeiten auf die richtigen Kostenstellen geschrieben sind, ist heute von überragender Bedeutung.

Das färbt ab. Deshalb wächst auch in jedem von uns die Angst, etwas Unvernünftiges oder zu wenig Vernüpftiges zu tun. Wir wollen gut, wir wollen besser sein als andere. Was wiederum nie so einfach wie heute war, haben wir doch Smartphones, die uns kontrollieren und uns zu Spitzenleistungen antreiben. Da gibt es eine Jogging-App, die es uns erlaubt, noch vor dem Duschen allen Freundinnen und Freunden mitzuteilen, dass wir gerade 6,8 Kilometer durch den Wald getrabt sind. Schrittzähler teilen uns jeden Abend mit, ob wir die von der Weltgesundheitsorganisation ermpfohlene Zahl von Schritten gegangen sind. Mit Hilfe der beliebten Sixpack-App verwandeln wir Bauchfett in Muskelstränge.

Bei alldem werden Daten über uns gesammelt. Und dafür gibt es Interessenten. So hat die Generali Lebensversicherung bekannt gegeben, dass sie Fitnessdaten ihrer Kunden abgreifen möchte. Der Konzern wolle, so die für die Masse der Naiven formulierte Begründung, seine Beitragszahler dabei unterstützen, sich selbst und aktiv um ihre Gesundheit zu kümmern. Wer eifrig rennt, springt und sich dehnt, soll mit Gutscheinen für Rei­sen und fürs Fitnessstudio belohnt werden. Im nächs­ten Schritt seien Rabatte bei den Versicherungsprämien möglich.

Oder auch nicht. Wir müssten doch bescheuert sein, unsere Daten ausgerechnet denen zu geben, die uns für möglichst viel Geld eine möglichst geringe Leistung bieten wollen. Lassen wir das – und vergessen wir nicht: Sinnloses, lustvoll getan, kann ungemein gesund sein. Einfach, weil Kontrollverlust auch mal Freude macht. Also, liebe Generali, sei leise und teste Dich selber. Deine Controller sind bereit.

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