Der Engländer in uns ist aerosexuell

Wir in Nürnberg haben die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 noch gut in Erinnerung. Wir denken an die Mexikaner mit ihren witzigen Hüten und an die lustigen Holländer in ihren verrückten orangefarbenen Kostümen. Aber auch an die Engländer. Deren äußeres Erkennungszeichen waren – wie in vielen Urlaubs-Orten auch – die nackten Oberkörper. Wir sahen Fans. Bar jeder Kleidung, aber sehr oft auch bar jeder Ästhetik. Was wir damals nicht wissen konnten: Eben dieses ist zum Trend geworden.

Die Wissenschaft hat die passende Bezeichnung für die wachsende Gruppe der Oben-ohne-Männer gefunden: Sie nennt sie die Aerosexuellen. Männer also, die beschlosen haben, in jeglicher Lebenslage so viel Luft wie nur irgend möglich an ihren Körper zu lassen. Die Entblößung wird zum persönlichen Genuss. Was andere denken, interessiert nicht so.

Das wäre auch schwierig, denn die Geschmäcker sind verschieden. Es mag ja sein, dass der Coca-Cola-Light-Körper mit straffer Brustmuskulatur samt angegliederten Sixpack das Schönheitsideal schlechthin darstellt. Aber es soll auch nicht so aussehen, als hätte der Muskelträger täglich drei Kübel Eiweißpulver zu sich genommen. Ein maßvoller Hühnerbrustfaktor ist erlaubt. Und Brustbehaarung? Ist unmodern, eigentlich. Andererseits ist der Gesichts-Vollbart gerade in.

Wir können uns die Debatte aber auch sparen. Denn wer sich zu sehr mit dem Oberkörper befasst, übersieht die eigentliche Problemzone, den Bauch. Laut einer aktuellen Umfrage finden 55 Prozent der Deutschen, dass ihre Körpermitte unvorteilhaft aussieht. Dabei haben 44,2 Prozent der Männer erklärt, dass sie ihren Bauch am Strand nur ungern zeigen.

Was für sich betrachtet ein schlimme Entwicklung ist. Hieß es doch einst aus gutem Grund, dass ein Mann ohne Bauch ein Krüppel sei. Übrigens: Die Zahl der Männer, die ihre Beine ungern herzeigen, liegt nur bei 10,6 Prozent. Leider, möchte man sagen. Denn diese Beine stecken allzuoft in Socken und Sandalen.

Bei Frauen ist der Anteil der sich Schämenden um den Faktor drei bis vier höher. Egal, ob es um Bauch, Narben oder Po geht. Die endgültige Emanzipation in Sachen Selbsthass ist also noch nicht geschafft.

Trotzdem: Das allgemeine Leiden ist groß. Es könnte kleiner werden, wenn sich zum Beispiel Männer zusammenfinden würden, um wenigstens alle 14 Tagen die superschnelle zweite Halbzeit von Deutschland gegen Ghana nachzuspielen. Das würde die Brust stählen und den Bauch schrumpfen lassen. Aber wie ist es wirklich? 65 Prozent der Bundesbürger verfolgen die WM-Spiele am liebsten auf ihrem Sofa – und belassen es auch dabei. Die Eigensportquote ist gering.

Somit könnte es passieren, dass die nackten Oberkörper der nicht mehr WM-interessierten Fans der Engländer bald besser aussehen. Also: Lassen wir die Hemden an. Es wird zu kompliziert.