10,10 €: Franken bestaunt den Wies’n-Mauerfall

Zu den Konstanten im Leben der Franken gehört es, staunend auf München zu blicken. Auf die herzige Weltstadt des Glitzers, Glamours und des mindestens Double-Siegers. Wir erfahren fassungslos von den dortigen Wuchermieten, denken uns aber, dass an der Isar das Geld eben lockerer sitzt. Grandiose Bankenpleiten inklusive. Und nun leuchtet München wieder, mit einem neuerlichen Glanzpunkt: Die Oktoberfest-Maß kostet ab diesem Jahr erstmals über 10 €.

Mit dem Preis von 10,10 € ist eine, wie das so schön heißt, Schallmauer durchbrochen worden. Es ist ein Wert, der uns Franken geradezu obszön erscheint. Wobei es aber nicht so ist, dass es solche Tarife ansonsten nirgendwo geben würde. In Ländern, die zwecks Gesundheitsschutz Alkohol hoch besteuern, kann so etwas schon passieren. Auch in den Nepper-Etablissements in Rotlichtvierteln sollten ähnliche Bierpreise gängig sein.

Ansonsten aber wirkt der aktuelle Wies’n-Wucher unzeitgemäß. Nicht etwa, weil die Höchstpreise in Oktoberfest-Zelten seit jeher mit betrügerischem Einschenken kombiniert werden. Nein, zum Beispiel deshalb, weil die Europäische Zentralbank gerade die Leitzinsen auf nahezu Null gesenkt hat. Inflation ist eigentlich nirgends vorhanden. Auch sonst entwickelt sich die Wies’n zur billigeren Veranstaltung. Die für den weiblichen Volkfest-Frohsinn verpflichtenden Dirndln werden heute nicht mehr von oberbayerischen Dorfschneiderinnen aus edlen Materialien hergestellt, sondern aus billiger Kunstfaser von ostasiatischen Kindern genäht. Selbst Lederhosen gibt es beim Discounter.

Und wurde ausreichend bedacht, dass die fröhlichsten Trinker in Bussen aus dem südeuropäischen Krisenland Italien herangekarrt werden?

Doch das meiste Grübeln bereitet uns die Frage nach dem Wechselgeld. Der Preis ist ja äußerst unpraktisch. Brauchen also die Oktoberfest-Bedienungen in Zukunft jeweils einen Sklaven, der ihnen einen Rucksack mit Münzen nachträgt? Oder zählen die Festwirte auf die Münchner Schickeria-Großkotzigkeit? Nach dem Motto: „Hier, 20 Euro, stimmt so.“?

Vielleicht ist es ja ganz anders, und Weltstadt sowie Staatsregierung planen das nächste Laptop- und Lederhosen-Projekt: Das bargeldlose Festzelt. Arbeitstitel: KmK – Komasaufen mit Kreditkarte.

Kann es für den modernen Menschen Schöneres geben? Wir Franken werden wieder staunen.

 

3 Kommentare in “10,10 €: Franken bestaunt den Wies’n-Mauerfall

  1. Bis dahin gibt es bestimmt eine fesche Wies’n-App. Mit der sich die Maß ganz virtuell bezahlen lässt. Schleppen muss da keiner mehr.
    Ups. Doch. Die Bedienungen. Das Bier ist ja nicht virtuell und schwerelos. Der Kater hinterher auch nicht.

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