Nur zu: Fordern macht sympathisch

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ Der alte Dichterfürst und begabte Säufer Johann Wolfgang von Goethe hat uns diesen Floh ins Ohr gesetzt. Also gilt für unsere Karriereplaung: Wer immer Treu und Redlichkeit übt, wer anderen bereitwillig zur Hand geht, der wird im Leben schließlich belohnt. Er wird beliebt, geliebt und berühmt werden – und kommt am Ende in den Himmel. Schöne Theorie. Sie stimmt bloß nicht.

Mancher glaubt, dass er für das Wohlbefinden seiner Umgebung höchstpersönlich verantwortlich sei. Man nennt das auch Co-Abhängigkeit. Wer an dieser Krankheit leidet, legt es darauf an, anderen Menschen jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Du möchtest Urlaub in der Zeit, wenn ich wegfliegen möchte? Bitteschön, nimm ihn Dir! Du möchtest Kaffee? Ich koch ihn dir. Du machst diese Arbeit nicht so gerne? Ich erledige sie für dich.

Bestmöglicher Kollege, meint man. Doch wer immer nur hilft, wird auch recht schnell zur Nervensäge. Denn in unserem Kopf läuft etwas anderes ab. Sagen die Psychologen.

Unser Gehirn braucht Harmonie, es braucht das Gleichgewicht. Es folgt dem von Experten so genannten „Benjamin-Franklin-Effekt“. Der frühere US-Präsident hatte erfahren, dass einer seiner Kontrahenten ein seltenes Buch besessen hat. Er gab sich einen Ruck – und bat den anderen, ihm dieses Werk für ein paar Tage auszuleihen. Dieser tat ihm den Gefallen, aus Feindschaft wurde eine lebenslange Freundschaft. Und deshalb gefallen uns auch die nicht Hilfreichen, Menschen, die etwas von uns wollen und das auch aussprechen. Weil unser Hirn nämlich zu wissen glaubt, dass wir nur solchen Menschen einen Gefallen tun, die wir mögen. Fordern oder nachfragen – das macht sympathisch. Es führt zu Anerkennung.

Und somit ist die Frage beantwortet, warum Chefs , die ihre Sekretärinnen Kaffee kochen lassen, deshalb nicht zwingend unten durch sind. Genauso wenig wie die Mitarbeiter/-innen, die mehr Geld fordern. Alsdenn, lasst das Buckeln, seid ruhig mal dreist. Euer Gehirn – und das der anderen auch – wird es euch danken.

Verdiente Watschn für eine träge Partei

Das Wesen der bayerischen „Watschn“ wie auch der fränkischen „Schelln“ ist es, dass diese krachende Ohrfeige für die meisten Betroffenen unerwartet kommt. Ihr Effekt ist dafür umso donnernder. Denn sie ist zwar eine unmoderne, aber meistens auch gerechte Maßregelung. In diesem Sinne hat es jetzt die CSU erwischt. Das 40-Prozent-Ergebnis bestraft eine Partei, die denkfaul und träge geworden ist.

Diese vermaledeiten Landtagswahlen. Immer wenn diese gut gelaufen sind, steigt der CSU der Erfolg zu Kopf. Das war so, als Edmund Stoiber mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit gesegnet wurde und sich danach in einen krankhaft fanatischen Aktionismus gestürzt hat. Nach einem brutalen Absturz gewann man vor einem Jahr die absolute Mehrheit zurück. Horst Seehofer und die Seinen vermittelten danach den Eindruck, dass ihr Allmachtsanspruch für Bayern fortan für alle Ewigkeit bestehen würde. Egal, ob das, was heute gesagt wird, morgen noch gilt. Eigentlich egal, was überhaupt gesagt wird.

Großer Irrtum! Das gestrige Wahlergebnis ist so, als würde Bayern München die Qualifikation für die Europa-League verpassen. Beim Nobelverein gäbe es sofort harte Konsequenzen, in der CSU wird man sich wahrscheinlich erst einmal fassungslos fragen: „Was erlaube Volk?“ Dabei liegen die Gründe auf der Hand. Der CSU ist zu Europa nichts Originelles eingefallen. Zu hören war nur die alte Leier, dass außerhalb des Muster-Freistaates das Böse lauert. Dass Armut zuwandert, dass Flüchtlinge die Sozialkassen plündern und dass wichtigtuerische Bürokraten in Brüssel nur eines vwollen: Das schöne weiß-blaue Leben mit unnötigen Vorschriften zu erschweren.

Nur die CSU kann Bayern in Europa retten. Das war die Melodie der CSU-Wahlwerbung schon in den 80er Jahren. Aber wer sollte bitteschön daran glauben, dass acht Gesandte des Freistaates den Kurs von 760 Europaabgeordneten steuern könnten? Oder jetzt nur noch fünf?

Märchen sind schön. Aber in der Politik helfen sie auf Dauer nicht. Die Ideensuche darf beginnen…

Steinmeier: Die Eule hat Reißzähne

„Eulen und Falken sitzen nicht auf demselben Balken.“ Dieses Sprichwort sagt uns, dass wir die Eule als sanftes Wesen ansehen. Sie ist zwar Fleischfresserin, aber eben eine, die die meiste Zeit mit stoischem Blick herumsitzt. Ein Raubtier, das jenseits des Hungers den Frieden liebt und den gnadenlosen Jäger-Falken einen Falken sein lässt. Die Eule ist nicht sympathisch, aber sie meint es im Großen und Ganzen gut.

So haben wir bisher auch Frank-Walter Steinmeier angeschaut. Unser Außenminister, vom Gesicht her der Eule nicht unähnlich, galt uns als aufrechter Versöhner. Als einer, der in der Ukraine auch den eigenartigsten Regierungsvertretern, Separatistenführern und Oligarchen die Hand schüttelt. Ein Mann, der – mehr Beamter als Politiker – zuverlässig seinen Dienst verrichtet und dabei weder Merkel noch Gabriel scheut. Einer mit großem Herz, der seiner kranken Ehefrau eine Niere gespendet hat. Aber auch einer, der so trocken ist, dass der Rasensprenger losgeht, wenn er seinen Garten betritt.

Jetzt jedoch haben wir ihn ganz anders erlebt. Weil ihn Demonstranten auf  dem Alexanderplatz in Berlin als“Kriegstreiber“ beschimpft hatten, wurde die Eule zum wilden Tier. Mit einer fast schon beängstigend zornigen Rhetorik hat Steinmeier seinen Widersachern die Leviten gelesen.

Und ist ratfatz zum Pop-Star geworden. Ein zweiminütiger Redeausschnitt auf YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=AX5m5swD-QU) hatte bis Freitagfrüh fast zwei Millionen Aufrufe. Damit ist der Minister Helene Fischer auf den Fersen, er hat sich in die Kategorie Udo Jürgens, Heino und Bembers katipuliert. Sogar die Video-Sammlung „Top 20 Motorrad fail – Idioten auf dem Bike“ hat nur wenig mehr Betrachter gefunden.

Aber warum ist das so? Weil es unerwartet kommt. Ein Politiker zeigt heftige Emotionen, wenn es um seine Arbeit geht. Er verteidigt sich ohne Wenn und Aber. Man glaubt ihm sogar, dass er für Europa Leidenschaft empfindet. Solche Reden überzeugen mehr als tausend Plakate. Vielleicht ist das mit dem Wählen doch nicht so verkehrt…

 


Europawahl – es ist ein Jammer

Es ist schon eine seltsame Zeit. Wenn du in diesen Tagen zu jemand „Denk dran, am Sonntag wird gewählt“ sagst, kann es dir leicht passieren, dass du in etwa diese Antwort bekommst: „Ja, es ist im Wirtshaus immer qualvoll, diese Entscheidung zwischen Schäufele und Jägerschnitzel.“ Dabei ist es doch wichtig. Es geht um das künftige Europaparlament. Um unsere Zukunft. So richtig interessiert ist kaum jemand.

Das liegt stark an den großen Parteien. Die Plakate von CDU und CSU zum Beispiel wirken, als habe man vergessen, sie nach den letzten Wahlen wegzuräumen. Angela Merkel und Horst Seehofer grinsen uns an, haben aber selbst keinerlei Ambitionen, jeden Tag in Brüssel mit Edmund Stoiber zu frühstücken. Es läuft eben nach dem Prinzip „Sie kennen mich“. Wenn uns Kanzlerin und Landesvater beistehen, wird es schon  in Ordnung sein.

Und weil die Angelegenheit nicht mal die großen politischen Akteure interessiert, schlägt die Stunde der Desinformation. Die  EU hat den  Friedensnobelpreis bekommen. Wir jedoch lieben Debatten über Kleinigkeiten. Über mutmaßlich sinnlose Verordnungen, welche von einer gigantischen Bürokratie im Minutentakt ausgestoßen werden. Da geht es um krumme Gurken, Sicherheitsvorschriften für Friseure, Stromverbrauchsgrenzen für Staubsauger oder um das Olivenölkännchen-Verbot.

Selbstverständlich macht uns die Armutszuwanderung kaputt, wir müssen wegen der EU das Sozialamt der Welt sein, müssen mit unseren hart erarbeiteten Steuergeldern kaputte Staaten retten. Und wenn das alles noch nichts hilft, halten CSU-Politiker  Kruzifixe in die Höhe und werben flehend für die Rettung des christlichen Abendlandes.

Ach ja. Man müsste den Verblödungsstrategien trotzden und richtig wählen. Wir aber lassen es uns gerne gefallen, weil uns Europa zu undurchsichtig, zu kompliziert oder einfach zu weit weg erscheint. Einziger Trost: Ganz egal ist den Parteien die Abstimmung dann doch nicht. Wenn es darum geht, die Menschen zu einer hohen Wahlbeteiligung zu bringen, wird sogar das ganz große Versöhnungswerk beschworen. Das glauben wir gerne. Aber nur, weil wir nicht wissen, dass es für jede einzelne Stimme Wahlkampfkostenerstattung gibt. Keine Wähler, kein Geld. Wehe, wenn sich das herumspricht…

 

Unrecht, dein Name ist E-Bike

Das Unrecht hat viele Gesichter. Und manchmal tarnt es sich als Fortschritt. So wie das E-Bike beziehungsweise Pedelec. Dabei ist es eine Bedrohung für die mentale Gesundheit dieser Gesellschaft.

Diese Zweiradversion ist ein riesiger Erfolg. Während in Deutschland bislang nur rund 12.000 der mutmaßlich klimarettenden Elektroautos zugelassen sind, schnellen die Verkaufszahlen für die Fahrräder mit Hilfsmotor in jährlichen Zehn-Prozent-Sprüngen nach oben. 380.000 Stück wurden 2012 in Deutschland verkauft. Von den Autoherstellern schneidet nur VW besser ab. Man sieht: Hier rollt ein wahrer Trend.

Zwangsläufig fragt man sich: Warum haben Guido Westerwelle und Rainer Brüderle nichts dagegen getan? Das E-Bike steht wie kaum ein anderes Produkt für anstrengungslosen Erfolg. Es verhöhnt das Leistungsprinzip unserer Gesellschaft, es ist spätrömische Dekadenz mit Pedalen.

Und hat noch keiner an das Leid, an die massenhafte Demoralisierung der wirklichen Radfahrer gedacht? Da hat ein Mann jahrelang trainiert, um sein Rennrad flott bewegen zu können. Er strampelt heftig, vielleicht ein bisschen keuchend – um dann von seiner 75-jährigen Nachbarin überholt zu werden, die aufrecht sitzend ihren Blumenkohl nach Hause  fährt. Was geht in diesem Radler vor, was denkt er? „Leistung muss sich wieder lohnen“ bestimmt nicht. „Wer betrügt, fliegt“ schon eher.

Unrecht sieht aber auch so aus: Für die Fahrer/-innen von Mofas, die laut Straßenverkehrsordnung 25 km/h schnell sein dürfen, gilt die gesetzliche Helmpflicht. Pedelec-Strampler, die mit bis zu 40 km/h das Geschwindigkeitslimit jeder Tempo-30-Zone atomisieren können, dürfen die Köpfe ungeschützt nach oben recken. Und ein Nummernschild brauchen sie auch nicht.

Diese Gesellschaft wird älter, die Zahl der schnellen Rentner/-innen wird steigen und steigen. Die Radwege werden nur langsam besser.

Wir alle wissen also, was uns mittelfristig blüht. Sage keiner, er hätte es nicht gewusst.

Der Vollbart, das Freiheitssymbol

Hipster kennen wir. Also junge Männer, die sich bewusst von geschniegeltes Modetrends abgrenzen. Die mit Holzfällerhemden in flotten Clubs sitzen und auch im Hochsommer die Stirn durch Wollmützen verdecken. Die, vor allem aber, ihren Vollbart sprießen lassen. Doch eines hätten wir nicht gedacht: Dass ein Mann, der eine Frau spielt und dabei seinen Vollbart stehen lässt, einen europaweiten Gesangswettbewerb gewinnen könnte. Und dabei die Höchstpunktzahl auch aus Georgien und Portugal bekommt.

Genau das aber ist passiert. Ein Künstler namens Conchita Wurst hat beim Eurovision Song Contest abgeräumt und  ist als Österreicher nationaler Nachfolger von Udo Jürgens geworden. Dieser hatte 1966 gesiegt. Im Vergleich zum „Merci, Cherie“-Interpreten ist die Erscheinung verstörend. Das lange Kleid saß deutlich besser als bei der tatsächlichen Frau aus Spanien. Aber da ist eben dieser pechschwarze Vollbart im Gesicht der Kunstfrau.

Trotzdem reagierte Europa begeistert. Selbst aus der mutmaßlich unschwulsten Nation des Kontinents, aus Russland, gab es fünf Punkte. Was bedeutet das nun? Entspringt die Sympathie für Frau Wurst der gleichen Regung, die früher die Menschen auf die Jahrmärkte gelockt hat? Als die Dame ohne Unterleib gemeinsam mit dem stärksten Mann der Welt aufgetreten ist? Wo auchFrauen mit extremen „Damenbärten“ vorgeführt wurden?

Vielleicht ist es das, möglicherweise wurde auch ein Signal für einen Gegentrend gesetzt. Seit einigen Jahren sind die Menschen ja unter Druck geraten, Körperbehaarung jeder Art zu bekämpfen. Es ist eine globale Wachs- und Epilierindustrie entstanden, die uns die Werbebotschaft vermittelt hat, dass ausschließlich blanke Haut auch schön sein. Das zwang zu zwanghaften Aktionen. Die Rasur wurde zur logischen Begleitaktion zu Botox und Essendiät.

Aus langjähriger eigener Erfahrung weiß ich, dass der Vollbart von der täglichen Rasur befreit. Aber vielleicht ist er seit Samstag noch ein ganzes Stück mehr. Wenn der Bart aussagen sollte, dass Vielfalt unter Menschen Spaß macht, dass jeder so sein soll, wie er sein möchte, dann ist er ein Freiheitssymbol erster Güte. Mach es, wie Du willst. Was andere denken, ist Wurst. Eine schöne Botschaft.

 

 

Schland, oh Schland. Bitte nicht so arg!

Ich habe Angst. Große Angst. Die Fußball-Weltmeisterschaft naht – und damit kommen sinnlose Artikel in den Farben Schwarz-Rot-Gold. In den Geschäften ist die Eroberung Brasiliens mittels deutschem Frohsinn voll in Gang. Werden wir wieder zu Schland?

Die berühmte Kette von Angela Merkel ist schnell in Vergessenheit geraten. Sie hatte erfoglreich geholfen, die Aufmerksamkeit von Fernsehzuschauern und Berichterstattern von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wegzulenken. Der Juwelier hat sich eine goldene Nase verdient. Er ist wahrscheinlich längst nach Brasilien gereist, liegt am Strand oder sucht nach Steinen für ein grün-weißes DFB-Collier.

Das wäre auch eleganter als ein „Schland“-Produkt. Die Farbkombination Schwarz-Rot-Gold ist doch tendenziell unschick. Bei Brasiliens Farben denkt man an Strand und Samba, an ungebremste Fröhlichkeit. Aber unsere Zusammenstellung? Jenseits von WM-Zeiten käme niemand auf die Idee ein teures Sakko oder ein Kleid in diesen Farben zu tragen. Niemand würde sein Auto dauerhaft so lackieren oder die Haustüre seines Reihenhauses so einsprühen.

Das deutsche National-Farbenspiel taugt also am ehesten für temporäre Ramschware vom Billig-Discounter. Also gibt es  lächerliche Mützen, Fußball-Sonnenbrillen, Blech-Sambatrommeln, aufblasbare Jubelfinger, Plastiktröten, Zottelperücken, Radkappenüberzieher oder einen elend schlechten WM-Song der RTL-Dschungelkönigin Melanie Müller, welcher nur nach dem Genuss von wahlweise sechs Halben Landbier oder von drei gegrillten Koala-Beuteln zu ertragen ist.

Schön wär’s doch, wenn es ohne zu viel Schwachsinn ginge. Lieber mit einer Überdosis ehrlicher Begeisterung. Ein bisschen Brasilianer sind wir doch alle…

Man isst nur mit den Augen gut

Wir wissen es doch. Uns ist klar, dass es mit uns ein böses Ende nehmen wird. Weil wir nicht aufhören, uns ungesund und dabei auch noch  maßlos zu ernähren. Warum ändern wir uns nicht? Die Antwort: Erstens, weil wir es nicht können.  Zweitens, weil das Abspecken uns gar nicht gut tut.

‚Diät bedeutet meistens Zwang. Wir sollen nach „Low-Carb“ oder „Low-Fat“ streben. Wir sollen lernen, rechtzeitig vor dem ersten Biss den glykämischen Index unseres Essens zu ermitteln. Entscheidend ist ja die  Wirkung kohlenhydrathaltiger Lebensmittel auf unseren Blutzuckerspiegel. Wir denken beim Einkaufen daran, dass unsere Blutgruppe darüber entscheidet, wie gut wir unsere Nahrung verarbeiten. Wir betreiben Dinner-Cancelling und sitzen unerotisch gelaunt bei Kerzenlicht vor leeren Tellern.

Wir kosten Steinzeiternährung mit Fisch und Nüssen, testen an die KFZ-Diät, bei der Fette und Kohlehydrate getrennt werden. Weil wir Fett mögen, freut uns die Existenz der österreichischen Lutz-Diät, die genau diesen Nahrungsbestandteil erlaubt. Wir geben „Kohlsuppe“ bei Google ein, um uns schließlich per Fernhypnose eintrichtern zu lassen, dass Kartoffelchips und Salzstangen wie Hundescheiße aussehen.

Womit wir beim Kern des Problems angelangt sind. Liebe geht durch den Magen, Appetit geht durch die Augen. Wie Wissenschaftler des  Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin gerade festgestellt haben, machen wir es uns am liebsten möglichst einfach. Wir wollen uns die ganzen Spezialfragen eben nicht stellen. Sondern wir entscheiden, wie eine Studie unter Kantinenbesuchern ergeben hat, ganz einfach mit den Augen.

Was gut aussieht oder uns vertraut vorkommt, wird mit Genuss verzehrt. Ein paniertes Schnitzel schmeckt uns also auch dann, wenn es unter der goldbraunen Kruste aus Dachpappe besteht. Forscher nennen dieses Vertrauen in das Bekannte „Adaptive Rationalität“.

Und das ist auch in Ordnung. Denn Hungern macht nicht nur nicht glücklich, sondern krank. „Dicke Menschen leben länger“, versichert etwa  der Lübecker Forscher und Adipositas-Spezialist Achim Peters anlässlich des Anti-Diät-Tages am 6. Mai. Stress sei viel schlimmer als Übergewicht. Wer ständig mit seinem Dasein oder auch mit seinem Gewicht hadere, leide unter einem ständig erhöhten Pegel des Stresshormons Cortisol. Andere Menschen kompensierten die Mühen des Lebens mit vermehrtem Essen. Und seien glücklich, weshalb der Forscher sein Buch „Mythos Übergewicht – Warum dicke Menschen länger leben“ genannt hat.

Was für ein schöner Titel!  Achim Peters und der 6. Mai – sie leben hoch!

 

1. Mai: Rituale können sinnvoll sein

Es ist seltsam: Als dem modernen Leben zugewandter Mensch kannst du an einem 1. Mai alles machen. Den Rausch der Walpurgisnacht ausschlafen, Rasen mähen, im Wildgehege Rehe füttern, Schweinebraten mit Kloß wegschaufeln oder auf einer Wiese im Stadtpark neuartige meditativ-gymnastische Übungen ausprobieren. Aber auf eine Gewerkschaftskundgebung gehen? Da reagieren manche Leute so: „Ist ja gut, dass wenigstens du da hingehst. Ich hab‘ für sowas keine Zeit.“

Gleich wird auf das Motto verwiesen. „Gute Arbeit. Soziales Europa“. Wie wolle man denn, heißt es, mit einem derart drögen Spruch Menschen auf die Straße locken? Das sei doch einfallslos, miefig, komplett prickelfrei. Stimmt schon. Aber andere machen es auch nicht besser. Ein CDU-Slogan zur Europawahl lautet „Damit ein stabiler Euro allen hilft“. Das allerdings reicht für knapp 40 Prozent bei 40 Prozent Wahlbeteiligung.

Erstaunlich ist die Leichtigkeit, mit der die gewerkschaftliche Maifeier zum langweiligen, also verzichtbaren Ritual erklärt wird. Tatsächlich, sie ist ein Ritual, weil sich der Ablauf alljährlich wiederholt und weil lediglich einige Akteure wechseln. Aber: Bei anderen Institutionen wird genau dies als Stärke wahrgenommen. Als die katholische Kirche jetzt zwei ihrer früheren Chefs die Ehrenmitgliedschaft im Paradies zugesprochen hat, geschah diese Heiligsprechung in einem – objektiv betrachtet – langweiligen Ritual. Millionen haben die Veranstaltung gleichwohl als erhebend wahrgenommen.

Der größte Irrtum ist aber, dass es das Arbeitnehmer-Brimborium sowieso nicht bräuchte. Die Wirtschaft boome doch, die Erwerbslosenquote sei niedrig und sinke weiter. Die Menschen seien doch bei ihren Bossen in guten Händen.

Wirklich? Dann fragen wir doch mal anders: Warum gibt es immer mehr Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen? Warum werden junge Menschen in befristeten Jobs weichgekocht und von einer verlässlichen Zukunftsplanung ferngehalten? Warum müssen wir einen Mindestlohn von im Grunde läppischen 8,50 Euro als Erfolg feiern? Warum gibt es auf der Bank keine Zinsen mehr?

Die Reihe der offenen Fragen ließe sich problemlos fortsetzen. Es gibt also allen Grund für Arbeitnehmer/-innen, sich am Tag der Arbeit zu versammeln. Und wenn es auch nur die sind, die Ungerechtigkeit nicht akzeptieren wollen. Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly hat diese Menschen auf der Kundgebung „Stolze Stellvertreter“ genannt. Alsdenn, wir waren da. Den Schweinebraten holen wir uns später.