Ein Gürteltier, das kein Arsch ist

Ach, es hätte so gut gepasst. Der übermächtige Welt-Fußballverband Fifa als übergroßér Trottel. Weil nämlich das Maskottchen der Weltmeisterschaft „Fuleco“ genannt wurde. Und dieses Wort bedeute in Brasilien umgangssprachlich „Arsch“. Welcher Fehltritt!

Reden wir nicht davon, dass Fifa-Maskottchen meistens beschissen ausschauen, Man erinnere sich nur an den völlig verkorksten Zottel-„Goleo“, der 2006 für die WM in Deutschland geworben hat. Diesmal handelt es sich um ein Gürteltier in den brasilianischen Landesfarben, das wie ein Gummi-Schwimmtier vom Discounter erinnert. Bestimmt kein Fan-Produkt, das man sich freiwillig in die Wohnung holen würde.

Aber der Name? Dass es sich um eine Umschreibung für „Anus“ handeln soll, meldete in Deutschland zuerst die „Welt“. Ein renommiertes, glaubwürdiges Blatt also. Und so machte die vermeintliche Enthüllung schnell worldwidewebweit die Runde. Witze wie „Leckt’s mich am Fuleco“, „Fuleco auf Eimer“ oder „Fifa zieht Fuleco-Karte“ wurden getwittert,

Inzwischen hat sich das Blatt gewendet, zugunsten der Fifa. Diese wollte ein Kunstwort aus Kurzformen von Fußball und Ökologie bilden. Weil die Brasilien-WM so umweltfreundlich sein wird. Das ist zwar vermutlich gelogen, immerhin hört man von Säuberungen von Kriminalitätsnestern. Aber das Wort „Fuleco“ ist in Brasilien tatsächlich unbekannt. Es bedeutet nichts.

Fazit: Das Maskottchen sieht blöd aus, ist aber kein Arsch, Die Fifa als solche auch nicht. Aber ganz weg ist das Thema nicht, Es soll ja Freunde des Fußball-Weltverbandes geben, die noch nie einen Sklaven in Katar gesehen haben. Und was kommt raus, wenn man am Becken herumbaut? Unter Umständen ein A….

Aber das ist jetzt ein anderer Kontinent.

PS.: Wie sagt man in Brasilien zum Arsch. Laut www.leo.org „Bunda“. Ich geb’s so wieder. Mit aller Vorsicht.

 

Das Rätsel der anderen Zeit

Na, auch so müde? Schon gestern beim Bäcker gab es an den Kaffeetischchen nur diese Fragen: Wird es jetzt früher hell oder später dunkel? Ist die Nacht länger? Was sagt die Katze, die ihr Fressen später bekommt? Oder kriegt sie es früher als sonst? Werden wir diese schwierige Situation gut überstehen? Richtig erkannt, es ging um die Sommerzeit.

Die alljährliche Zeitumstellung ist ein Rätsel. Wir haben uns mit so Vielem abgefunden: Damit, dass uns Angela Merkel bis 2025 regieren, dass nur noch Bayern München deutscher Meister werden und dass zwecks Klimawandel irgendwann die Welt untergehen wird. Aber bei der Sommerzeit ist das anders. Wir hadern und fragen, was in aller Welt das Ganze bringen soll.

Vielleicht ja, weil es bei diesem Thema Gewinner und Verlierer gibt. Wer im Frühtau zur Arbeit muss, grummelt darüber, dass es morgens wieder dunkel ist. Wer gerne nach Feierabend durch die Wälder joggt, freut sich darüber, dass er dabei die Wurzeln besser sieht. Eventuell wurmt es uns leistungsbereite Menschen nur, dass wir in einer Nacht Zeit verloren haben. Wenngleich nur eine Stunde.

Die Zeitumstellung überfordert uns aber auch ganz einfach. Nur wenige, vermutlich logisch Hochbegabte, können spontan erklären, wie sie sich auswirkt. Und das ist verständlich, denn Sommerzeit ist unlogisch. So hat Portugal die gleiche Uhrzeit wie England oder die Faröer-Inseln, obwohl in letzteren Gegenden die Sonne eine Stunde früher aufgeht. In Spanien wiederum ist die Zeit erst recht nach hinten verschoben. Daran sollten vor allem die bleichen deutschen Touristen denken, wenn sie in den Schatten flüchten. Nicht um 12 Uhr Ortszeit entgehen sie der stärksten Sonneneinstrahlung, sondern gegen 14 Uhr. Oder ist das eine Verschiebung nach vorne?

Geben wir auf. Sehen ir es positiv. Schön ist doch: Es ist gleich Mittag und wir haben nicht mal richtig Hunger. Nutzen wir die Chance. Starten wir eine Diät. Die neue Zeit macht es möglich.

 

 

 

Lebenskraft muss billig sein

Wieder ist es da, das ultimative Sonderangebot: Drei Rinder-Minutensteaks für 3,49 Euro, drei Schweine-Riesenschnitzel für 4,49. Nein, in diesem Land muss niemand hungern. Irgendein fettiges Brett kriegt jeder zwischen die Zähne.

Fleisch ist eben ein Stück Lebenskraft. Daran glauben wir seit der Zeit des Wirtschaftswunders. Das Hungern nach dem großen Krieg war vorbei. In jeder Küche durfte nun täglich gebrutzelt werden. Und wenn nicht, gab es ja immer noch Wurst für das Abendbrot. Sicher, viele Menschen haben dieses Muster überwunden. Auf unseren Italienreisen lernten wir, dass man Nudeln nicht nur für die Buchstabensuppe brauchen kann. Wir mögen auch das Besondere. Wir rollen unser Sushi selbst und kratzen kleine Köstlichkeiten aus Tapas-Schüsselchen.

Essen und Trinken in Deutschland haben sich gewandelt. Davon kündet gerade auch eine große Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn. Curry- und Bratwurst sind unsere Favoriten geblieben, aber den Toast Hawaii mit Ananas-Ring und Deko-Kirsche bestellt kaum noch jemand. Pizza geht immer, vietnamesische Gerichte sollen unbedingt gesund sein.

Man könnte also sogar auf vegetarische Gedanken. Doch davor bewahren uns die Discounter. Bei ihnen herrscht immer Preiskampf. Und gerade geht es nicht um Duschgel, Zahnpasta oder Pferdeabschwitzdecken, sondern um Fleisch. Aldi hat jüngst entdeckt, dass es seine Lieferanten noch ein bisschen mehr melken kann. Die Konkurrenz heult kurz auf, zieht aber nach. Ob die Viecher vor der Fahrt zum Schlachthof Müll gefressen haben, interessiert keinen mehr.

Es gibt richtig leckere Fleischgerichte, die sich immer lohnen. Aber zu viele Menschen belegen ihre Teller nach dem Motto „Billiges muss nicht gut sein“. Und tragischerweise stimmt auch dieses: Viereckiges Essen macht kugelrunde Menschen. Erst recht als Sonderangebot.

Gib mir Sicherheit…

Wir brauchen Sicherheit, wenigstens ein kleines bisschen. Genauso wie das Zootier, das für regelmäßiges Fressen bereitwillig seine Wildheit einbüsst, akzteptieren auch wir seltsame Dinge, wenn uns denn nichts passiert. Zum Beispiel im Flugverkehr.

Nehmen wir einen durchschnittlichen Flug mit Chickenwings (Name von der Redaktion geändert). Hier wird der Passagier zunächst bewusst verunsichert. Er kommt mit einem Gepäckstück, welches nur unwesentlich größer ist als der Schminkkoffer einer in Würde gealterten Film-Diva. Weil er Flüssigkeiten mitführt, möchte unser Flugfreund sein Köfferchen aufgeben. 25 Euro würde der Transport kosten. Mehr, als es im Nebensaison-Sale gekostet hat. Keine Alternative also.

Fortgesetzt wird die Konditionierung des Fluggastes an der Sicherheitskontrolle. Auf Höhe des Schildes „Diskretion“ ist quer über den Boden eine gelbe Linie gezogen. Diese darf auf gar keinen Fall überschritten werden. Sonst folgt, so unsere Befürchtung, wie beim olympischen Dreisprung die Disqualifikation durch Ungültigmachung der Bordkarte. Vor allem ältere Ehepaare diskutieren Verstöße schonungslos.

Dann die Sicherheitskontrolle: Man hat also noch Shampoo. Bis zu 100 Milliliter sind erlaubt, sofern sie „sicher“ in einer mit einem Reißverschluss versehenen – und bestimmt explosionssicheren – Plastiktasche verpackt sind. Unser Passagier hat eine 150-Milliliter-Flasche. Also rein damit in den Flüssigkeiten-Sammelkorb.

Man könnte den Kosmetik-Artikel leicht identifizieren. Einfach mal dran riechen, denn es ist doch unwahrscheinlich, dass es einem Terroristen gelingen könnte, das von einem Weltkonzern komponierte Pfirsich-Aroma originalgetreu zu fälschen. Was aber soll ein Bösewicht mit Haarshampoo machen? Landeklappen verkleben, es dem Piloten in die Augen schmieren und ihn auf diese Weise blind machen? Am Sitzplatz Panik-Schaum erzeugen? Pfirsich-Allergiker zu Geiseln machen?

Gut, all das kann nicht mehr passieren. Aber anderseits gibt es viel schlimmere, völlig legale Bedrohungen. Der dem Shampoo-Fläschchen beraubte Fluggast kann nämlich im Airport-Shop einkaufen. Dort gibt es massive Spirituosen-Flaschen oder Monster-Toblerone-Riegel, die man dem Piloten über die Rübe ziehen könnte. Gekauft werden können auch die wunderbaren Produkte der Parfüm-Industrie, die entweder das Cockpit-Personal benebeln oder in einen todbringenden Hormonrausch versetzen könnten.

Im Flugzeug selbst gibt es Ledergürtel und Schals zum Erdrosseln und massive Kugelschreiber, die sich gut als Behelfs-Dolche eignen. Man könnte Terrorist sein, wenn man Terrorist sein wollte. Auch ohne unser Shampoo.

Zum Abschluss folgende Mitteilung: Der Chickenwings-Flug A799 ist sicher gelandet. Immerhin.

 

Der Eiserne Vorhang wirkt noch

Man hätte es im Europa des 21. Jahrhunderts nicht für möglich gehalten: Da kommt ein „lupenreiner Demokrat“ und lässt seine Soldaten ein Stück Land, so groß wie Mittelfranken und Oberbayern zusammen, erobern. Die Krim hat den Besitzer gewechselt. Präsident Wladimir Putin ist der unumstrittene Held des russischen Riesenreiches.

Er wird jetzt schonungslos analysiert. Sein Großvater war ein Koch von Stalin. Sein Vater soll ihn mit dem Gürtel geschlagen haben. Andere Kinder sollen ihn gehänselt haben, weil er dünn und schmächtig gewesen sei. Als KGB-Agent in Dresden musste er sächsisch sprechende Menschen ausspionieren. Demnach wäre da einiges abzuarbeiten gewesen.

Was aber hilft uns das? Keine Ahnung. Sicher, es darf nicht sein, einem souveränen Staat eines seiner Teile einfach wegzunehmen. Andererseits wäre ich heilfroh, wenn aus dieser Geschichte kein militärischer Konflikt wird, in den am Ende auch die Nato hineingezogen werden.

Mir wird in diesen Tagen etwas ganz anderes bewusst: Der Eiserne Vorhang wirkt – zumindest bei mir – noch heute. Jahrzehntelang hat uns Osteuropa nicht interessiert. Wir haben einem in den USA geprägten Lebensstil nachgeeifert, haben uns Italien und Spanien als liebste Urlaubsziele auserkoren. Das, wo früher Kommunismus war, ist uns fremd geblieben. Oder wer kann behaupten, dass er die geographische Lage von Staaten wie Polen, Ukraine oder Bugarien auf einer blanken Landkarte korrekt eintragen könnte?

In der Gedankenwelt zu vieler Menschen sind Polen Diebe und Betrüger, kommen Rumänen und Bulgaren in Wohnwagen-Kolonnen nach Deutschland, um die Sozialsystems zu plündern. Ukrainische Frauen werden als heiratswillige Blondinen eingeschätzt. Und die Russen gelten als dem Wesen nach brutal. Sie häufen rücksichtslos Milliardenvermögen an, saufen Wodka, singen laut und tanzen Kasatschok. Bei dieser Lage wundert es uns nicht, dass ein Boxer mit regelmäßiger „Bild“-Kolumne aufbrechen muss, um in dieser vertrackten Gegend die Demokratie durchzusetzen.

Dem steht eine lange Geschichte enger Beziehungen gegenüber. Also wirkt es absolut logisch, die Ukraine enger an die EU zu binden. Aber so, dass die Distanz zu Russland nicht zu sehr wächst.

Man sieht: Hier äußert sich ein Ahnungsloser. Aber er kann schreiben, wie Steinmeier redet. Ist ja auch schon was.

 

 

Energie gibt's. Aber die Wende?

Da ich erstens fleißig und zweitens der Zukunft zugewandt bin, habe ich mich diese Woche in die Fortbildung gestürzt. Thema heute: Der Klimawandel als journalistische Herausforderung. Das ist er ohne jeden Zweifel. Schon deshalb, weil wir unsere weltberühmte Energiewende kaum hinbekommen dürften.

Man hofft ja, dass man sich nach einer Tagung anders fühlt als nach dem Konsum einer öffentlich-rechtlichen Talk-Show. Das ist nicht wirklich so. Zwar sind die Informationen fundierter, klüger, inhaltsschwerer. Man ist auch nicht durch Chips und Nüsschen abgelenkt. Aber am Ende bleibt – hier wie dort – dieses unbestimmte Gefühl, dass es vergebene Liebesmüh sein könnte, die Menschen im Detail zu informieren.

Ich habe gerlernt, dass sich Kohlendioxid-Moleküle in der Atmosphäre bewegen und deshalb Wärme auf die Erde zurückstrahlen. Das sei ein Hauptgrund für den Klimawandel. Dieses Wissen hilft mir kaum. Denn den meisten Leserinnen und Lesern wird das Thema an dieser Stelle zu kompliziert. Erst recht, wenn noch erklärt würde, ob ein Molkül-Hüpfen von links nach rechts schlechter ist als ein Molekül-Sprung von oben nach unten. Würde ich wiederum schreiben, dass der Anteil von Kohlendioxid in der Atmosphäre aktuell bei 0,04 Prozent liegt, würden viele Leute sagen: „Und wegen diesem bisschen Dreck machen die so einen Aufstand. Deswegen schmilzt doch kein Nordpol.“

Weitere Auszüge aus meiner heutigen diffusen Informationswolke: Man wird sich in der EU nicht einig, weil die Polen auf Atomkraft setzen und die Briten für Fracking sind. Die Chinesen bauen die riesigsten Solaranlagen, kaufen aber immer mehr unserer Autos und verpesten damit die Atmosphäre. Wenn ein Wüstenbewohner einen Europäer auffordern würde, lediglich zehn Mal so viel Wasser zu verbrauchen wie er, würde der Europäer bestenfalls lachen. Die Weltklimakonferenz 2015 in Paris soll unbedingt ein Erfolg werden. Vertreter/-innen von 193 Staaten sehen aber die Dinge naturgemäß sehr unterschiedlich. Schwer zu beantworten ist die Frage, warum wir so fest daran glauben, dass ein Elektroauto Nullkommanull Abgas erzeugt. Und warum wir bei der Verzückung über den sauberen Energieträger Gas völlig ausblenden, dass auch dessen Förderung eine ziemliche Umwelt-Sauerei sein kann. Schließlich sind Parteien wie SPD und Linke eigentlich dem Fortschritt verpflichtet. Aber der Kohleabbau sichert die Arbeitsplätze der eigenen Klientel.

Was sagt uns das? Wir können es drehen und wenden wie wir wollen. Das Einzige, was wir zur Rettung der Welt beitragen können, ist Energiesparen. Das aber bedeutet Veränderung, das Investieren von oftmals nicht vorhandenem Geld und obendrein Verzicht. Vor drei Jahrzehnten hat man die Menschen dazu gebracht, es toll zu finden, wenn sie ihre Fischgräten und Milchtüten in der jeweils richtigen Tonne entsorgen. Wenn es um klimafreundliches Verhalten geht, werden die Glückshormone nicht ausgeschüttet. Irgendwie macht Energiesparen keinen Spaß. Den gilt es zu wecken. Sonst wird das nichts mehr mit einer lebenswerten Zukunft. Wahrscheinlich.

 

 

 

Wählen kann auch sexy sein

Absolute Mehrheit für die Nichtwähler! Nach der Kommunalwahl herrschte nicht nur bei uns in Nürnberg unter Politikern und politisch Interessierten totales Unverständnis, wieder einmal. Woher in aller Welt komme diese Wurstigkeit? Was erlaube Wahlvolk?

Wundern kann man sich schon. Das bayerische Kommunalwahlrecht ist Demokratie pur. Man ist an keine Partei gebunden. Man kann einzelne Kandidaten favorisieren oder streichen. Ganz wie man will. Bei uns hatten die Menschen 70 Stimmen zum persönlichen Jonglieren. Das Jammern, dass man ganz und gar den Vorgaben der Parteien ausgeliefert sei, passt hier nicht. Trotzdem lag die Wahlbeteiligung nur bei 44 Prozent.

Wundern muss man sich nicht. Eine hohe Wahlbeteiligung entsteht durch Spannung. Wenn kontroverse Themen fehlen, wenn sich die Stadtbewohnern wohlfühlen, anstatt zu diskutieren, fehlt das Gefühl, dass man als Nichtwähler etwas verpassen könnte. Wenn dann auch noch Sofawetter herrscht, panaschiert man eben lieber mit Kaffee, Chips und Bienenstich.

Wundern muss man sich nicht. Denn wir sind gar nicht so interessiert daran, was vor unserer Haustüre passiert. Wenn der Schnee zuverlässig von der Straße geräumt wird, ist schon viel errreicht. Wir schimpfen über Hundekot, Ratten, Tauben, Müll auf den Straßen, Spielsalons und benzingetriebene Laubbläser. Für die wirklich großen Probleme fehlt uns die Zeit. E läuft ja Bundesliga.

Freuen darf man sich doch. Ein aus Afrika stammendes Ehepaar wählt, frisch eingebürgert, zum ersten Mal. Mit Stolz und strahlenden Gesichtern. Wählen kann also sexy sein. Man muss es nur zu schätzen wissen.

Hoeneß-Prozess: Es lebe die "tätige Reue"

Erster Tag im Prozess gegen Uli Hoeneß. Es lebe die „tätige Reue“. Auf diese hatte sein großer Bewunderer Edmund Stoiber in Günther Jauchs Talkshow immer wieder hingewiesen. Tatsächlich hat der Präsident von Bayern München vor Gericht ein umfassendes Geständnis abgelegt. Aber Reue? Das nehme ich ihm nicht ab.

Zumindest keine Reue in dem Sinn, dass er es bedauert, der Gesellschaft einen zweistelligen Millionenbetrag vorenthalten zu haben. Steuersünder wie er geben zwar zu, einen Fehler gemacht zu haben. Sie beklagen aber in Wahrheit die negativen Auswirkungen auf sich selbst. Ob mit ihren Steuergeldern ein Kindergarten hätte gebaut werden können, ist ihnen egal. Die persönliche Schande ist ihre Tragödie, Auch eine Alice Schwarzer denkt sehr wahrscheinlich so.

Steuersünder/-innen dieses Kalibers denken an ihre Verdienste. Haben sie nicht diesem Land den Champions-League-Sieg beschert? Haben sie nicht den Guardiola nach Deutschland geholt? Haben sie nicht hunderttausenden Frauen zu Equal Pay verholfen? Haben Sie nicht die Deutsche Post zum Global Player umgebaut. Und haben sie nicht irrsinnige Geldbeträge einfach so – beziehungsweise steuerabzugsfähig – gespendet? Hat jemand, der so massiv seinem Land gedient hat, nicht auf Anspruch auf einen Steuerbonus?

Und so läuft im Fall Hoeneß die Rechtfertigungsmaschinerie. Er sei eben, unter dem immensen Druck seines Amtes, eine gespaltene Persönlichkeit gewesen, salbaderte Ex-Ministerpräsident und FC-Bayern-Spezi Edmund Stoiber in der Jauch-Talkshow. Schon gut. Gespaltene Persönlichkeit heißt Schizophrenie.

Ich habe vergangene Woche als ehrenamtlicher Richter mit entschieden, dass ein Mann mit einer schizophrenen Störungen zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen wird. Er hat kein Geld veruntreut, sondern im Wahn einen anderen Mann mit einem Messer verletzt. Das Urteil war nach meiner Überzeugung richtig. Aber es hat mir weh getan.

Warum aber sollte nicht auch jemand, der der Gesellschaft als sonstiger Ehrenmann zwecks vorübergehender Persönlichkeitsspaltung Millionen Euro vorenthalten hat, nicht auch hinter Gittern büßen? Ich weiß es nicht. Den Münchner Richtern wünsche ich alles Gute…

 

 

 

Reichtum wächst – Verarsche geht immer

Na also, die Welt ist wieder in Ordnung. Bill Gates, als Microsoft-Gründer ein Gottvater unserer modernen Kommunikation, ist wieder der reichste Mann der Welt. 76 Milliarden Dollar lagern nach Recherchen der Zeitschrift „Forbes“ in seinen Depots.

Staunen tun wir aber schon. Hatte nicht dieser Bill Gates zusammen mit weiteren stinkreichen Kumpanen einen stattlichen Teil seines Vermögens gespendet? Sollten mit dem Geld nicht Aids und andere Seuchen in Afrika bekämpft werden? Da müsste doch was fehlen. Wurden die Spenden nur vorgetäuscht? Hat es beim Online-Banking mit Microsoft-Produkten einen verheerenden Software-Fehler gegeben, der die Überweisung verhindert hat?

Muss nicht sein. Denn ab einer gewissen Größe des Vermögens ist wachsender Reichtum unvermeidlich. Das Sparschwein wird Mehrschwein. Ein Bill Gates bunkert sein Geld schließlich nicht – wie wir – für 0,15 Prozent Jahreszinsen auf einem  Sparbuch. Sondern er geht vielleicht zur Nummer 4 der Welt-Reichenliste, dem Herrn Buffet (53,3 Milliarden Dolar). Und sagt „Warren, kümmer‘ dich drum.“ Der kümmert sich, überreicht dem Bill am Buffet die neuesten Kontoauszüge und fragt lächelnd „Na, Gates?“. Ja, es geht bestimmt.

Schließlich ist der Reichtum der Reichsten zu einem erheblichen Teil auf Verarsche begründet. Die geht immer. Die irren Vermögen sind der Ertrag der irremachenden Hotlines, die Dividende des schlechten Service, der schamlosen Ausbeutung und des immer wiederkehrenden Verdrusses. Die Nummer 2 der Milliardäre, Carlos Slim Helu, ist mit seinen 72,1 Miliarden Dollar der Chef der Mexico-Telekommunikation. Die Nummer 3, der Spanier Amancio Ortega (Zara-Chef) verkauft billig produzierte Mode, ist also ein analoger Exot. Auf Platz 6 allerdings rangiert Larry Ellison, Chef des Software-Konzerns Oracle.

Wenn uns also all diese Herrschaften wieder einmal mit einem zuckersüßen Singsang-Werbespot klarmachen wollen, dass ihre neueste All-Net-For-Ever-Family-Friends-Flatrate ein Geschenk an die Menschheit sei, dann vermeiden wir bitte eines: den Rückzugsbefehl an den Mittelfinger. Öffentlich müssen wir ihn ja nicht zeigen.

Kleider machen Leute – und täuschen uns

Zu den Grundlagen der journalistischen Ausbildung gehört die Erkenntnis, dass die Schlagzeile „Hund beißt Mann“ nicht, die Überschrift „Mann beißt Hund“ aber sehr wohl interessant sei. Die Spannung ergibt sich also aus dem Unerwarteten, dem Widerspruch. Man könnte es auch Humor nennen. Nun also hat ein Gast des weltberühmten Küss-die-Hand-Opernballs in Wien einem anderen Frack-Träger einen Kinnhaken verpasst. Die Medien sind begeistert. Tolle Story!

Aber: Was gibt uns eigentlich den Glauben, dass auf Opernbällen ausschließlich zivilisierte Menschen unterwegs sind? Die gibt es, richtig nette sogar. Doch das Gegenteil ist nahe liegender. Solche Ereignisse sind, erstens, das Schaulaufen der Mächtigen, die durch die Wähler/-innen sowie durch das skrupellose Wegräumen etwaiger Konkurrenten nach oben gekommen sind. Sie sind, zweitens, der Treffpunkt des Geld-Adels. Warum aber sollte jemand, der durch seine Kompetenz beim Verlegen von Abwasserrohren reich geworden ist, auf einmal beim Sekttrinken den kleinen Finger abspreizen? Weil er in Smoking oder Frack steckt?

Kleider machen Leute. Aber gerade deshalb täuschen sie uns. Was ist dran, polierte Lackschuhe zu tragen? Wenn man sie sich leisten kann? Und will?

Nein, der wahre Schöngeist bleibt solchen Ereignissen fern. Entweder, weil er Musik tatsächlich genießen möchte. Oder weil ihm der Hintern einer Kim Kardashian trotz aller vorauseilenden Sensationsschilderungen egal ist. Oder weil er die Sprüche von Fernseh-Comedians wie Oliver Pocher nicht lustig finden mag.

Es gibt zu alldem einen bedenkenswerten Satz: „Reichtum ist die Kotze des Glücks.“ Der wiederum stammt weder aus einem Pocher-Interview noch aus einem Bushido-Song. Sondern wurde gesagt von dem griechischen Philosophen Diogenes von Sinope. Sehr derb, aber wahr. Der gute Mann trainierte übrigens seine Fähigkeit zum Verzicht, indem er steinerne Statuen um milde Gaben bat. Man möchte sagen: Der ideale Bettler für den Opernball.