Kehren für Bier – Der Lohn der Sucht

„Was Krupp in Essen sind wir in Saufen“. Der alte Spontispruch bekommt gerade eine neue Bedeutung. Denn die Ruhrgebietsstadt lässt mit einem Sensations-Modellprojekt aufhorchen. Arbeitslose Alkoholiker/-innen sollen die Straßen reinigen. Ihr Lohn: Fünf Dosen Bier am Ende der Schicht. Ist das nun genial? Oder gaga?

Alkoholkranke zu heilen,ist keine leichte Aufgabe. Nehmen wir bloß das Arbeitsleben: Vorgesetzte wollen sich ein solches Problem nicht aufhalsen und schauen weg. Kolleginnen und Kollegen wollen niemand anschwärzen. Und überhaupt, so lautet eine beliebte Beschwichtigungsparole, arbeiteten Trinker/-innen mit einem gewissen Promillepegel besser. Für Suchtkranke ist somit der Absturz wahrscheinlicher als eine erfolgreiche Therapie.

Wer den Kampf gegen den Alkohol verloren hat, könnte also, so das Kalkül im Essener Rathaus, durch den Spezialjob zumindest einen strukturierten Tag bekommen. Er/sie würde während der Arbeit weniger trinken als auf der Parkbank. Und fünf Bier zum Feierabend seien eine angemessene Dosis.

Clever, dieser Ansatz. Aber gefährlich. Auch andere Suchtkranke könnten ihren Lohn fordern. Tablettenabhängige würden sich nicht mehr mit vielen bunten Smarties zufrieden geben. Ecastasy-Fans würden steuerfinanzierte Steigerungsformen von Red Bull einfordern. In den Tarifverhandlungen für spielsüchtige Straßenkehrer würde die Casino-Flatrate ins Spiel gebracht werden. Und, und, und…

Nein, lassen wir das. In Essen und anderswo. Wer Arbeit mit Sucht belohnt, lässt die kranken Menschen fallen. Setzen wir lieber auf Therapie. Weiten wir den Kampf gegen Abhängigkeiten aus und sorgen wir für eine bessere Welt.

Gehen wir zum Beispiel die in den Chefetagen verbreitete Yacht-, Villen-, Geld- und Golf-Sucht an. Wenn das gelingt, würden auch niedrigere Gehälter die Lebenshaltungskosten unserer Manager  decken. Und vielleicht erkennt der eine oder andere Macher sogar dieses: Sekt mag fein sein. Aber Sodbrennen durch Dosenbier ist eher unbekannt.

Obamas Ehestress ist unser Trost

Er ist schon ein Pechvogel, dieser Barack Obama. Einst lagen wir ihm zu Füßen, weil wir glaubten, dass er damit über’s Wasser laufen könnte. Inzwischen hat er sich selbst weitestgehend entzaubert. Und jetzt hat er nicht mal mehr seine Ehe im Griff.

Hätte er bloß nicht dieses Foto mit der blonden Dänin gemacht. Noch dazu vor all den Leuten. Das kränkt die stolze First Lady grässlich. Zumal sich der Rest der Welt köstlich über ihren grantigen Blick amüsiert.

Andererseits: Das lustige „Selfie“ war kein wirklich schlimmer Fehltritt. Sowas passiert. Barack Obama ist mit 52 im besten Midlife-Crisis-Alter. Das Fahren von Harley Davidsons ist ihm aus Sicherheitsgründen verwehrt, für Triathlon fehlt ihm die Zeit. Dafür fristet er – bei aller Macht, die er hat – ein recht freudloses Dasein. Seinem Staat fehlt das Geld, böse Konservative funken ihm dauernd dazwischen, alle paar Tage muss er mutmaßliche Terroristen töten lassen. Und: Nicht mal die Deutschen mögen ihn mehr, seitdem sein Geheimdienst unbedingt wissen will, wer sich online welche Liebesromane bestellt.

So ein Leben im Weißen Haus ist bestimmt aucch nicht so prickelnd. Sicher, es gibt immer eine warme Mahlzeit. Auch die Betten werden wohl gemacht. Aber was soll schön daran sein, wenn unter jedem Türrahmen ein breitschultriger Bauernschrank vom Sicherheitsdienst steht? Vielleicht kümmert sich Obama aus Trotz so wenig um die überfüllten US-Gefängnis oder um Guantanamo. Er ist ja selbst eingesperrt, wenngleich aus freiem Willen.

Wie schön wäre da wenigstens ein harmonisches Eheleben. Aber Pustekuchen, die Welt ist grausam. Und: Tut uns Barack Obama jetzt leid? Nein, das nicht. Wir sind neugierig. Wir freuen uns diebisch. Vor allem aber trösten wir uns. Denn wenn selbst das mächtigste Paar der Welt massivsten Beziehungsstress erlebt, geht es uns nicht schlechter. Oder sogar noch viel, viel besser…

 

 

 

Kampf-Frauen braucht es wirklich nicht

Es gibt so einen seltsamen Aspekt in unserem Leben: Erwarte das Unerwartete, aber errege dich über das Naheliegende. So geht es mir angesichts der neuen Meldungen über die Bundeswehr. Frauen seien dort – speziell in den Kampftruppen – nicht gerne gesehen, heißt es. Die Studie wird veröffentlicht, und ein Seufzen hebt an. Wie könne es auch heute noch geschlossene Männergesellschaften geben? Ich meine: Es ist nicht notwendig, Frauen zum Töten auszubilden und einzusetzen. Wir sollten uns das sparen.

Wer ehemaligen Soldaten zuhört, wird leicht erkennen, wie wichtig das vermeintlich Männliche für das Funktionieren einer Armee ist. Kaum einer wird davon erzählen, wie toll es war, an einem Nachmittag zehn blutrünstige Taliban erschossen zu haben. Die Legenden des schönen Soldatseins drehen sich um das, was man in diesem Umfeld als „Kameradschaft“ versteht. Also zum Beispiel um das kollektive Komasaufen im Bierkeller der Kaserne. Wer zum Töten (was in der Kriegslogik liegt, weil er ansonsten selbst erschossen wird) rausfährt, möchte nicht in die Verlegenheit kommen, der Kollegin die Luke zum Panzer aufhalten zu müssen.

Genau in diese Richtung gehen aber die Verlautbarungen unserer „Flinten-Uschi“ (Quelle: heute-show). Die Bundeswehr solle einer der modernsten Arbeitgeber werden. Vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf solle gefördert werden. Gut, es kann ja sein, dass ein Cyber-Soldat, der per Joystick Drohnen über den Jemen lenkt, unsere Demokratie lieber in Teilzeit verteidigt. Weil er auch mal bei den Kindern sein will. Gleiches gilt für die Vorschriftenverwalter in den Stäben. Aber ansonsten ist der Soldatenberuf dem Wesen nach familienfeindlich. Oder ist es wirklich so gedacht, dass Papa seine Zwillinge auf dem Weg zur Front in der Montessori-Kinderkrippe „Afghanenzwerge“ abgibt?

Ich halte das für reine PR für einen Beruf, den keiner mehr machen will. Viel wichtiger wäre es, dass die Politik dafür sorgt, dass Soldaten nach Kampfeinsätzen ins normale Leben zurückkehren können. Zum Beispiel durch eine sichere Zusage für geeignete Jobs nach dem Ende der Dienstzeit. Der Attraktivität der Bundeswehr würde es helfen.

Ja, und was ist mit den Soldatinnen? Da bin ich komplett von gestern. Rein evolutionstechnisch sehe ich Frauen als Wesen, die Leben schenken. Und nicht nehmen. Gleichberechtigung an der Waffe? Das braucht es wirklich nicht. Weniger Soldaten überhaupt – das wäre das richtige Ziel.

 

 

 

 

Die Flucht vor den Gelben Engeln

Es ist immer tragisch, wenn Institutionen bröckeln. Jetzt also geschieht dies mit dem ADAC. Einem Verein, von dem ich schon als Kind wusste: Er ist zuverlässig und hilft den Menschen. Seine politischen Parolen mögen manchmal blöd sein. Aber ehrlich ist er.

Ich habe den ADAC tatsächlich als rettende Organisation erlebt. Vor allem denke ich an die Benzingutscheine. Sprit war in Italien schon in den 70-er Jahren ausgesprochen teuer. Der „Allgemeine Automobilclub“ sorgte durch kräftige Rabatte dafür, dass die Überquerung der Großglockner-Hochalpenstraße nicht durch übermäßige Treibstoffkosten belastet wurde. Und wenn ein Mann seinen ersten Schutzbrief gekauft hatte, wusste man, dass Liebesbriefe fortan selten würden. Die Jugend war zu Ende. Man war Autofahrer geworden, der jeweils samstags die rollende Gefährtin einseifte, während die Gattin daheim den Boden schrubbte. Die „Gelben Engel“ wiederum beeindruckten nicht durch wallende Gewänder oder Leuchtschwerter, sondern durch die besten Starthilfekabel der Welt.

In den 80-er Jahren wiederum bin ich – wirklich wahr – aus dem ADAC ausgetreten. Unter den damaligen Umständen ein ungeheurer Akt der Rebellion. Mich hatte die Haltung des Clubs zum Thema Tempolimit elendig genervt. Also habe ich nachgefragt, wo man denn in diesem Verein eine andere Meinung unterbringen könnte. Es gab keine Möglichkeit. Ich hätte wohl nur über einen Motorsportclub den Zugang zu den Entscheidern bekommen können. Ich habe für mich den Schnitt vollzogen. Das Röhren von Sportwagen wurde mir gleichgültig. Stattdessen lauschte ich den Gesängen der Buckelwale.

Im Ernst: Der ADAC ist schon lange kein Verein mehr, der in erster Linie den Menschen dient. Er ist ein astreines Wirtschaftsunternehmen, das sich wegen seines gemeinnützigen Status Vorteile gegenüber der Konkurrenz verschafft. Was nur geht, weil er wegen seiner enormen Zahl an Mitgliedern ein Machtfaktor ist, mit dem sich die Politik nicht anlegen möchte. Ein lausiger Arbeitgeber ist er – zumindest in einigen Regionen – obendrein. So hatte und hat das Arbeitsgericht Hannover reichlich Arbeit mit den Aktionen einer ziemlich durchgeknallten Gschäftsführung.

Aber wird der „Allgemeine Automobilclub“ jetzt untergehen? Das sicher nicht. In der „Motorwelt“ sind heute deutlich mehr Anzeigen für Treppenlifte als für Auto-Tuning abgedruckt. Das dazugehörige Publikum geht nicht so einfach. Alte Bäumre verpflanzt man nicht. Ein paar Tausend Leute werden gehen, doch das ist bei Groß-Institutionen normal. Den Kirchen geht es nicht anders. Somit ist alles gut: Engel sind ans Davonlaufen gewöhnt.

 

Schluss mit Skandalen! Doktortitel für Alle!

Ja, es stimmt. In Sachen Politik suche ich stets das Haar in der Suppe. Heute jedoch wende ich mich mit einem gut gemeinten Rat an Regierende und Volk: Kümmern wir uns endlich um die großen Themen. Machen wir Schluss mit vermeidbaren Skandalen. Starten wir die Aktion „Doktortitel für Alle!“.

Geweckt wurde meine heiße Sehnsucht nach Harmonie durch ein gegeltes Haar in der Suppe. Sozusagen. Der neue CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer verzichtet ab sofort auf das Führen seines Doktortitels. Diesen hatte er als „kleines Doktorat“ auf eine billige Art in Prag erworben. Die Pinscher-Promotion hatte er gewählt, weil man ihn an der Universität seiner Heimatstadt Passau zugelassen hatte. Der zuständige Politik-Professor Heinrich Oberreuter (als TV-Analytiker von der CSU durchaus geschätzt) erinnert sich: „Andreas Scheuer gehörte nicht zu denen, die sich uns dazu aufgedrängt hätten, dass wir sie zu höheren akademischen Weihen führen.“

Es ist also wieder ein Schaumschläger entlarvt. Aber was bringt uns das? Wir wissen doch eh, dass scharfer Intellekt oder gar ausgewiesene Klugheit den erfolgreichen Politiker nicht zwangsläufig ausmachen. Wir wissen zugleich, dass sich viele Politiker/-innen Respekt sehnen. Niemand soll Zweifel daran haben, dass sie etwas Besonderes sind. Wohlklingende Titel oder Anreden für die Herrschenden hat es immer gegeben.

Majestät, Durchlaucht, Exzellenz – das alles klingt nach etwas. Wie öde wirken dagegen Titel wie MdB (Mitglied des Bundestages) oder MdL (Mitglied des Landtags). Da lacht doch selbst der gemeine Facharbeiter.

Ich schlage deshalb Folgendes vor: Wir erkennen an, dass die Fähigkeit, in einer 15-minütigen Wirtshausrede  sowohl über Familienpolitik, Armut, Rentenkasse, Afghanistan, Schulobst wie auch Windkraft zu schwadronieren, als akademische Leistung anerkannt wird. Was bedeutet, dass jedem/r Politiker/-in vom Landtag aufwärts nach erfolgter Wahl der Doktortitel zugesprochen wird. Fraktionsvorsitzende und deren Stellvertreter/-innen dürfen sich für die Dauer dieser Tätigkeit „Professor auf Zeit“. Ab Minister aufwärts darf zwischen Anreden gewählt werden. Eminenz für christliche Politiker oder ZK-Chef für Linke sind im Angebot. Schließlich: Wenn sich das Ganze bewährt hat, werden Doktortitel auch für TÜV-zertifizierte Wichtigtuer freigegeben.

Dann ist Frieden an der Plagiatsfront. Dann steht die Sonne der Forschung endlich tief. Und dann, wir wissen es vom Satiriker Karl Kaus, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten.

 

 

 

 

 

Wenn Tourismus hinterfotzig wird…

Es ist also „Sozialtourismus“. Das „Unwort des Jahres“ gehört zu jenen Erfindungen, für die man der hohen Wissenschaft zutiefst dankbar sein darf. Deckt es doch die Hinterfotzigkeit dieser politischen Parole auf, welche uns ausschließlich Folgendes suggerieren soll: Passt auf. Das Fremde ist böse. Wir aber beschützen Euch.

Man muss das Unwort 2014 nicht unbedingt negativ lesen. Tourismus kann ausgesprochen sozial sein. Dann nämlich, wenn er dazu beiträgt, dass es den Menschen in der besuchten Region besser geht. So, wie es früher bei den Ägyptern war, welchen wir aber den Rücken gekehrt haben, weil sie uns wegen ihres Strebens nach Demokratie bedrohlich erscheinen. Der so genannte Ballermann auf Mallorca stand für die Variante Asozialtourismus. Die Unkultur der Saurauslasser soll es ja auch geben.

Aber dem nunmehr Sprachschöpfer des Unworts ging es um etwas anderes. Er will uns einreden, dass es dunkelhaarige, braunäugige, ungepflegte Menschen gibt, die mit ihren Schrottkisten nur deshalb in unsere Städte kommen, weil sie auf der Durchfahrt die famosen Hartz-IV-Leistungen mitnehmen oder anderweitig schmarotzen wollen. Subjekte, die man nie in unseren schönsten Kirchen und Museen lustwandeln sehen wird. Sie machen uns Angst. So sehr, dass der freistaatsgläubige Altöttinger Saufkopf nach jedem Schluck den Bierdeckel auf den Maßkrug legt, damit ihm kein Bulgare überfallartig die Schaumkrone vom Madonnen-Schwarzbräu wegschlürft.

Warum aber wird uns die Fremdenfeindlichkeit nicht direkt ins Gehirn gedübelt? Warum wählt man nett klingende Begriffe? Wahrscheinlich, weil man „Zigeuner“ nicht mehr sagen darf.

Die Hinterfotzigkeit der aktuellen politischen Kampagne ist doch, dass man so tut, als wäre Armut kein ehrbarer Grund, eine neue Heimat zu suchen. Das ist nicht immer so. Wenn irgendwo in Deutschland eine größere Fabrik schließt oder wenn ein Firmenstandort verlagert wird, schreien Wirtschaft und Politik laut nach der Flexibilität der Arbeitnehmer. Wer diese zeigt, wird ausdrücklich gelobt.

Und: Sind nicht ab Ende des 19. Jahrhunderts Hunderttausende Deutsche auf Dampfschiffen vor ihrer Armut nach Amerika geflüchtet? Wie ist es mit den Sudetendeutschen, die von Gewalt und Enteignung in die Flucht geschlagen wurden? Werden sie nicht in Festreden als „der vierte Volksstamm Bayerns“ gefeiert? Und zwar mit besonderer Hingabe von CSU-Politikern?

Ja aber, kommt es dann, das seien schließlich Landsleute, Menschen von unserem Blut. Dazu fällt mir: Mein Arzt hat schon mehrfach meinen Hämoglobin-, Harnsäure oder Cholesterinwert ermittelt. Den Deutschseins-Koeffizienten noch nie. Das Mann muss bei den Grünen sein…

 

 

 

 

 

 

Auch schwul ist die Wahrheit auf'm Platz

Und jetzt auch das große ZDF-Interview…  Ich finde, dieser Thomas Hitzlsperger macht einen bewundernswerten Job. Allerdings ist mir das mediale Ausmaß der Geschichte verdächtig. Entwickelt sich die Diskussion über Homophobie, die der Mensch Hitzlsperger anstoßen will, zu einer Kampagne, die nach einem wohl bekannten Muster abläuft? Mords-Getöse, das Thema wird auf allen Kanälen rauf und runter gespielt – und nach spätestens drei Wochen im Aktenordner „Gerechtigkeit, erledigt“ abgeheftet.

Mich hat Hitzlspergers Bekenntnis nicht so übermäßig aufgewühlt. Einfach, weil es egal ist, wen ein Fußballer liebt. Entscheidend sind verhinderte und erzielte Tore. Die Wahrheit ist auf’m Platz und nicht im Bett. Warum also rein Privates diskutieren? Aber wahrscheinlich wird diese wurschtige Haltung dem Problem nicht gerecht. Denn tatsächlich werden Fußballer, speziell solche, die damit vor großem Publikum Geld verdienen wollen, wegen ihrer Homosexualität diskriminiert. Sofern sie offen damit umgehen.

Das zu ändern, ist notwendig. Es wird aber dauern. Denn die Hoffnung, dass sich Fußballstadien ab sofort nur noch mit aufgeklärten und toleranten Menschen füllen werden, ist trügerisch. Zumal gerade beim Fußball Feindschaften zwischen Vereinen gepflegt werden, die zum Teil noch aus dem frühen 20. Jahrhundert stammen. Wenn Fans eigentlich nicht wissen, warum man die anderen verachten muss, greifen sie zu Schmähungen, die den Gegner vielleicht verletzen könnten. „Schwule Sau“ ist so eine, die Hautfarbe von Spielern gibt es auch noch.

Homophobie steckt noch immer tief in vielen Köpfen. Wenn ein namhafter baden-württembergischer CDU-Politiker gerade mit dem Satz zitiert wird, seine Partei sei tolerant gegenüber „anderen Lebensformen“, dann erklärt er Schwule und Lesben geradezu zu Aliens. Und Klischees gibt’s reichlich. Mit Blick auf den Fußball wird man Innenverteidiger nicht als homosexuell ansehen, bei Torhütern und Linksaußen sind wir nicht so sicher. Oder andere Sportler: Kugelstoßer, Hammerwerfer und Rubgby-Spieler betrachtet man als heterosexuell, bei Eiskunstläufern, Turmspringern oder Doppelsitzer-Rodlern sieht man die Sache anders.

Diese und andere Schwul- und Nicht-Schwul-Listen müssen aus den Köpfen verschwinden, Erst dann ist es gut. Denn niemand ist genau so, wie die anderen meinen, dass er sein sollte. Sondern im besten Fall er/sie selbst.

Danke, Pofalla! Du gibst uns Hoffnung!

Ist ja wieder mal typisch für diese moderne Gesellschaft: Da wird ein Bösewicht ausgemacht, an den medialen Pranger genagelt – und wird prompt zum Opfer für den Rest der Welt. Das hatten wir beim Limburger Bischof Teebürzel oder so. Jetzt hat es den ehemaligen Kanzleramtsminister Ronald Pofalla erwischt. Er gilt uns als neuester Prototyp für raffgierige Politiker. Wie ich finde, zu Unrecht. Denn dieser Mann macht Hoffnung!

Betrachten wir das Alter. Da ist es einem 54-Jährigen gelungen, seine Anschlussverwendung so zu regeln, dass er hinterher weniger Arbeit, aber mehr Geld hat. Das beweist uns doch, dass das Leben für Menschen dieser Altersgruppe selbst nach einer grandiosen Fehlleistung – vorzeitige Beendigung der NSA-Affäre – nicht vorüber sein muss. Dieser Mann steht auf, er zeigt seinen Kritikern die lange Nase. Zumal er weiß, wie sehr ihn seine Feinde um den neuen Job beneiden.

Außerdem hat Ronald Pofalla zu Protokoll gegeben, dass er sich nach seiner Zeit als Angela Merkels Wachhund verstärkt um seine junge Frau kümmern und eine Familie gründen wolle. Als Vorstand der Deutschen Bahn sollte er eine Schlafwagen-Netzkarte besitzen. Na, ist bei unserem Zorn vielleicht auch Neid im Spiel?

Aber dieser Mann macht auch Hoffnung für viele junge Menschen. Nicht nur, dass er als Sohn einer Putzfrau und eines Feldarbeiters sowieso weit gebracht hat. Nein, wegen seiner Ausbildung. Viele Eltern flehen ihren Nachwuchs an, doch bitteschön etwas Solides zu lernen und nicht irgendeiner brotlosen Kunst zu verfallen. Also nicht Geisteswissenschaftler zu werden, um schließlich Pils zu zapfen oder mit schwarzer Hornbrille „irgendwas mit Medien“ zu machen.

Oder – fast noch schlimmer – Sozialpädagoge zu werden, um sich für 35.000 Euro Jahresbrutto alles Leid dieser Welt aufzuladen. Nicht so Ronald Pofalla:  Er hat sich zum Sozialpädagogen ausbilden lassen. Aber bringt es voraussichtlich auf 1,3 Millionen. Auch pro Jahr.

Dieser Mann zeigt uns: In diesem Leben ist nichts zementiert. Es gibt großartige Karrieren, auch wenn sie nicht leicht zu begreifen sind. Diese Botschaft brauchen wir alle. Deshalb sprühen wir’s an jede Wand: Danke, Pofi! Dich braucht das Land!

 

 

Amazon, Igelchen und Papst: Mein Best-of-2013

Eingeweihte wissen es: Ich bin nicht Günther Jauch. Deshalb bringe ich meinen Jahresrückblick nicht schon vor dem ersten Advent, sondern nach Neujahr. Welches also waren meine meist gelesenen Blog-Einträge in 2013?

Die größte Resonanz hat dee Botschaft „Nieder mit Amazon! Hoch auf Aldi!“ gefunden.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/03/12/nieder-mit-amazon-ein-hoch-auf-aldi/

Kleine Anmerkung: Ich rufe nicht zum Boykott von Amazon auf. Meine Gewerkschaft ver.di hat schon viel für die ausgebeuteten Mitarbeiter/-innen dieses Unternehmens erreicht. Und die Konditionen werden zusehends besser. Wie bei der Ostpolitik. Annäherung durch Wandel.

Und wer war das Igelchen?

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/01/24/das-igelchen-beweist-print-wirkt/

Bis heute wissen wir nicht, welcher Ehemann sich per Zeitungsanzeige bei seiner Ehefrau für einen Fehltritt entschuldigt hat. Print wirkt. Klicktechnisch war’s Platz zwei.

Man kann auch über’s Wetter schreiben – und den dritten Platz ernten.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/02/21/lass-die-sonne-wieder-scheinen/

Jedenfalls war im Februar die Sonne weg. So wie auch im November, Dezember…

Zumal der Eintrag „Hilfe, der Frühling hat Burnout“, einen Monat später geschrieben, viertmeistgelesener Eintrag geworden ist,

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/03/23/hilfe-der-fruhling-hat-burnout/

Und: Ich hasse den Begriff „Schlecker-Frauen“. Noch mehr aber die Parole vom Zeitungssterben. Platz fünf

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/01/15/schlecker-frauen-mein-unwort-ist-zeitungssterben/

Und hier – unkommentiert, also zur freien Beurteilung – die Plätze sechs bis zehn:

6. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/04/12/wenn-bei-haarausfall-der-porsche-hilft/

7. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/02/17/wenn-uns-der-himmel-auf-den-kopf-fallt/

8. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/02/28/9701/

9. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/04/05/der-tod-lauert-in-der-badewanne/

10. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/03/15/messi-nasenbar-und-neuer-papst/

 

 

 

 

 

 

Gute Vorsätze? Nö, die CSU macht Angst

Gute Vorsätze für das neue Jahr? Nein, das lasse ich diesmal besser bleiben. Zu schwer wiegt die aktuelle Drohung der CSU, „Wer betrügt, der fliegt“. Und, ja, ich habe mich und andere an Silvester schon zu oft selbst betrogen. Ich habe mir heilige Versprechen gegeben und sie nach spätestens drei Tagen gebrochen. Das würde ich wieder tun, der Rauswurf aus dem Freistaat Bayern wäre denkbar. Also gibt’s für 2014 keine offiziellen Pläne.

Dabei bin ich keineswegs völlig gescheitert. Seit zirka 20 Jahren bin ich mir mit mir einig, dass ich im jeweils neuen Jahr abnehmen sollte. Stattdessen bin ich schwerer geworden. Unter Anwendung der hellenischen Prinzipen der EU-Troika war ich gleichwohl erfolgreich. Denn meine regelmäßigen Mahnungen an mich selbst haben ein Abflachen meiner Zunahme-Kurve bewirkt. Ohne gute Vorsätze wäre ich längst so weit, dass mich das Rote Kreuz im Falle einer Krankheit mit einem Kranwagen abholen müsste. Bewältigt ist die Krise nicht, jedoch in ihrem möglichen Ausmaß begrenzt worden.

Eine ganz andere Frage ist, ob ich mich und andere überhaupt betrogen habe. Wäre ich eine Partei, dann eher nicht. Schließlich gehört es zum Wesen der Politik, mehr zu versprechen, als erreicht werden kann. Man nennt das Wahlprogramm oder (in besonders freigeistigen Talk-Shows) Vision. Sobald gewisse Pläne aufgeschrieben oder verkündet sind, ist allerdings auch den Wählern klar, dass diese scheitern werden. Es gibt ja so viele Gründe dafür. Mal sind es die äußeren Umstände im Allgemeinen, mal eine plötzliche Krise, die Sorge um den Industriestandort oder einfach ein böswilliger Koalitionspartner.

Das Gute für Parteien ist allerdings, dass ihre guten Vorsätze gerne vergessen werden. Nur selten kommt es vor, dass, wer betrügt, auch fliegt. Das passiert vor allem nicht, wenn eine Partei als unverzichtbar angesehen wird. Wie die CSU in Bayern. Deshalb glaubt sie, dass sie Rumänen und Bulgaren generell unter Betrugsverdacht stellen, ihr nahe stehende entlarvte Betrüger aber verteidigen kann. Sie darf das. Das Volk erlaubt das.

Für mich wiederum gilt eine andere Wahrheit, nämlich „Jeder Mensch ist ersetzbar“. Also halte ich mich zurück. Bis das Rauswurf-Versprechen der CSU vergessen ist. Ich rechne damit etwa sechs Wochen nach der Europawahl. Bis dann!