Kehren für Bier – Der Lohn der Sucht

„Was Krupp in Essen sind wir in Saufen“. Der alte Spontispruch bekommt gerade eine neue Bedeutung. Denn die Ruhrgebietsstadt lässt mit einem Sensations-Modellprojekt aufhorchen. Arbeitslose Alkoholiker/-innen sollen die Straßen reinigen. Ihr Lohn: Fünf Dosen Bier am Ende der Schicht. Ist das nun genial? Oder gaga?

Alkoholkranke zu heilen,ist keine leichte Aufgabe. Nehmen wir bloß das Arbeitsleben: Vorgesetzte wollen sich ein solches Problem nicht aufhalsen und schauen weg. Kolleginnen und Kollegen wollen niemand anschwärzen. Und überhaupt, so lautet eine beliebte Beschwichtigungsparole, arbeiteten Trinker/-innen mit einem gewissen Promillepegel besser. Für Suchtkranke ist somit der Absturz wahrscheinlicher als eine erfolgreiche Therapie.

Wer den Kampf gegen den Alkohol verloren hat, könnte also, so das Kalkül im Essener Rathaus, durch den Spezialjob zumindest einen strukturierten Tag bekommen. Er/sie würde während der Arbeit weniger trinken als auf der Parkbank. Und fünf Bier zum Feierabend seien eine angemessene Dosis.

Clever, dieser Ansatz. Aber gefährlich. Auch andere Suchtkranke könnten ihren Lohn fordern. Tablettenabhängige würden sich nicht mehr mit vielen bunten Smarties zufrieden geben. Ecastasy-Fans würden steuerfinanzierte Steigerungsformen von Red Bull einfordern. In den Tarifverhandlungen für spielsüchtige Straßenkehrer würde die Casino-Flatrate ins Spiel gebracht werden. Und, und, und…

Nein, lassen wir das. In Essen und anderswo. Wer Arbeit mit Sucht belohnt, lässt die kranken Menschen fallen. Setzen wir lieber auf Therapie. Weiten wir den Kampf gegen Abhängigkeiten aus und sorgen wir für eine bessere Welt.

Gehen wir zum Beispiel die in den Chefetagen verbreitete Yacht-, Villen-, Geld- und Golf-Sucht an. Wenn das gelingt, würden auch niedrigere Gehälter die Lebenshaltungskosten unserer Manager  decken. Und vielleicht erkennt der eine oder andere Macher sogar dieses: Sekt mag fein sein. Aber Sodbrennen durch Dosenbier ist eher unbekannt.