Der Akku ist dem Mensch sein Blinddarm

Treue Begleiter. Welcher Mensch bräuchte sie nicht? Und, oh Glück, es gibt sie. Wir nennen sie kurz Akkus. Sie sind immer in unserer Nähe, sie sichern uns den Strom für all unsere globalen kommunikativen Verrichtungen. Ohne sie geht nichts. In Worten: Nichts.

Hätte ich nicht das mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium besucht, hätte ich den Akkumulator wahrscheinlich für eine Dinosaurier-Art gehalten. Einen mit dünnen Beinen, großenFüßen, spitzem Kopf und Fleischfresser-Gebiss. Bei uns aber gehörten diese handlichen Stromspeicher, nach meiner Erinnerung, zum Lehrplan der zehnten oder elften Klasse. Ich wusste um ihre Existenz und um ihren Sinn. Mir war bewusst, dass es sich um eine wiederaufladbare Ausführungsform galvanischer Zellen handeln würde. Allerdings hatte ich nur selten mit solchen Geräten zu tun. Für meine damals favorisierte Medien-Hardware bevorzugte ich herkömmtliche Batterien. Wie etwa für den Grundig-Radiocassettenrecorder für das Sommerpicknick am Baggersee.

Heute sind diese meist viereckigen schwarzen Dinger in ihrer Inkarnation Ladegerät (also mit Schnur) zum Suchtobjekt geworden. Denn die Lebenserfahrung des modernen Menschen lehrt: Immer dann, wenn man ein Smartphone, ein Tablet oder einen Laptop besonders dringend braucht, ist der Akku leer oder leert sich unerwartet schnell. Der Akku ist unser Diener, bestimmt aber auch über unser Dasein. Er ist sozusagen ein externes Organ, unser virtueller Blinddarm.

Bloß, warum helfen uns Apple. Samsung und andere Geräteproduzenten nicht wirklich? Warum gibt es noch keine Geräte für erneuerbare Energien? Warum gibt es Taschenrechner mit Solarzellen, aber keine Handys, die man aufladen kann, indem man es in den Wind oder in die Meeresbrandung hält?  Warum wird kein Laptop verkauft, den man nur zehn Minuten in die Sonne legen muss, damit er wieder vor Kraft strotzt?

Ist doch klar: Die Hersteller wollen Geld verdienen. Mit Zubehör geht das. Deshalb achten sie auch strikt darauf, dass ihre Akkus nicht für Geräte anderer Firmen verwendet werden. Der Stecker ist mal kleiner, mal größer, mal rund, mal eckig. Hauptsache, man braucht zum Handy für 29 € einen gleich teuren Akku.

Es liegt auf der Hand, dass das so nicht sein müsste. Aber das ist das Wesen unserer Wirtschaft. So lange sich Konsumenten verarschen lassen, wird auch mit sinnlosen Produkten Kasse gemacht. Tja, Akku, bei dieser Sachlage müsste ich dich zur Strafe auf der Stelle entsorgen. Aber keine Sorge. Ich kann nicht ohne Dich. Und ein paar Milliarden andere Menschen auch nicht.

Gott liebt die Außenseiter

Frohlocket! Jauchzet! Uns ist ein Kind geboren! Wir freuen uns zu Recht. Allerdings ist auch festzuhalten, dass dieser Jesus von Nazareth einen ziemlich verqueren Lebenslauf hatte. Heutzutage hätte er nur schwerlich Karriere gemacht.

Es soll hier nicht darum gehen, dass der Messias für den Rest der Ewigkeit zur Rechten seines Vaters sitzen muss. Was ja durchaus ein Schicksal für sich sein kann. Beginnen wir am Anfang, bei der Geburt.

Jesus wird also als Nachkomme einer verheirateten(!) Jungfrau geboren. Diese muss ihrem offenbar  schüchternen Ehemann die Ankunft eines Kuckuckskindes beichten, welches allerdings ohne Sex gezeugt worden sei. Der Satz „Wer’s glaubt, wird selig“ muss bei dieser Gelegenheit entstanden sein.

Das Baby liegt schlummernd in seiner Krippe in einem Stall, als drei stinkreiche Handelsvertreter auftauchen. Sie überbringen feierlich Weihrauch und Myrrhe, was unter den gegebenen Umständen ähnlich sinnvoll erscheint, als würde man einem hungernden Säugling unserer Tage ein Smartphone ins Bettchen legen.

Gut, der Knabe wächst heran und erweist sich bald als ziemlich rebellisch. Er tobt gegen übertriebenen Konsum, proklamiert das Recht auf Faulheit sowie Nächsten- und gar Feindesliebe. Er verwandelt Wasser in Wein und sieht konsequent das Gute in jenen Menschen, die für die Anderen Abschaum sind

Und wie auch sonst im Leben schaut die Obrigkeit nicht endlos zu und bringt das störende Element um die Ecke. Am Ende allerdings war das Opfer der große Held.

Was lehrt uns das alles? Gott liebt die Außenseiter, die Kämpfer für Gerechtigkeit. Wenn Euch also Unrecht begegnet, schaut nicht weg. Sondern kneift die Pobacken zusammen, drückt das Kreuz durch und seht zu, dass Ihr etwas ändern könnt. So handelt Ihr im Auftrag des Herrn. Amen!

 

 

Die Krise beim Fliegen

Der beste Freund des Menschen ist…??? Natürlich, es ist nicht mehr der Hund. Es ist das Smartphone, unser  treuer Begleiter, der uns immer in Kontakt mit der Welt hält, der uns die Zeit vertreibt und uns zuverlässig mit nutzlosen Informationen versorgt. Falls nicht der Akku leer ist. Oder falls wir nicht abheben.

Tatsächlich, im Flugzeug ist alles anders. Hier verblasst die Flatrate zugunsten des Flugmodus. Viele Menschen sind in diesen Tagen über den Wolken unterwegs. Aber ist die Freiheit wirklich grenzenlos, wenn die Luftaufsichtsbaracke außer Sichtweite kommt? Wahrscheinlich  ist es genau andersrum. Falls Professor Dr. Tilmann Allert richtig liegt.

Der Frankfurter Soziologe hat gründlich über Flugreisen nachgedacht. Er kam zur Erkenntnis, dass es für den Menschen gar nicht so einfach ist, in einem Jet zu sitzen. Als Passagier habe dieser seine raumzeitliche Verortung verlassen. In seiner transitorischen Krise entwickle er unterschiedliche Strategien, um sich damit zu arrangieren, dass er zur Untätigkeit verdammt in einer Gruppe von wildfremden Leuten sitzen muss.

Wir kennen diese Airbus-Nebenleute (und uns selbst). Da gibt es die scheinbar Tiefenentspannten, die mit geschlossenen Augen ihren Tagträumen nachhängen. Da ist der meckernde Querulant.  Vielleicht noch schlimmer sind diejenigen, die ihre Zwangslage mit übertriebener Geschwätzigkeit. Die dir das Du anbieten, sobald nach dem Start das Anschnallzeichen ausgeschaltet wird.

Andere lassen ihren schlechten Manieren freien Lauf, pöbeln herum und saufen literweise  holländisches Industriebier anstatt Tomatensaft. Wieder andere kaufen auf ihrem Fernflug den Bordshop leer. Und schließlich gibt es, so unser Professor, die Gruppe, die wirklich Panik hat. Ihre Flugangast sieht er als Sehnsucht nach Verortung.

Es gibt aber noch einen Aspekt. Einen, der dieses Land noch massiv verändern könnte. Zum Wesen des Fliegens gehört, so Allert, „der scharfe Kontrast zwischen maximaler Überwindung von Raumgrenzen und dem Minimum an Eigenanstrengung. Kann es demnach sein, dass das böse Wort vom „anstrengungslosen Wohlstand“ während eines transitorischen Tagtraumes entstanden ist? Wie wäre die Bundestagswahl ausgegangen, wenn Guido Westwelle nicht vielfliegender Außen-, sondern Justizminister gewesen wäre? Und wie viel weniger hätte die NSA über Angela Merkel erfahren, wenn sie neben Smartphones auch Hunde lieben würde?

Das Reisen in großer Höhe erscheint uns selbstverständlich. Und doch steckt es voller tiefgründiger Fragen. Wo, bitte, war nochmal der Notausgang?

 

GroKo und die weiß-blauen Bettvorleger

Als Löwen gesprungen, als Bettvorleger gelandet. Dieses Schicksal hat gerade die CSU ereilt. In der neuen Großen Koalition ist sie die neue FDP, also weitgehend überflüssig.

Vor einigen Wochen hatte das noch ganz anders ausgesehen. Absolute Mehrheit in Bayern zurückerobert, Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem blendenden Wahlergebnis zwischen Main und Zugspitze in die Nähe derselben gebracht. Horst Seehofer und die Seinen schwelgten im Glück, sie konnten vor Kraft nicht laufen.

Und nun? Der neue Verkehrsminister heißt Alexander Dobrindt. Der Experte für überflüssiges Getöse und schiefe Sprachbilder darf also beweisen, dass er sowohl Pkw-Maut als auch Berliner Flughafen hinbekommt. Sein Kollege Gerd Müller führt das Entwicklungshilfeministerium, dessen Existenzberechtigung ja durchaus umstritten ist.Den großartigsten Abstieg aber hat Hans-Peter  Friedrich hingelegt. Der ehemalige Innenminister, der dem Großen Verbündeten USA so mutig die Stirn geboten hat, darf in Zukunft gemeinsam mit den Imkern gegen die Verbreitung der Varroa-Milbe kämpfen und sich an der Seite des EU-Bürokratenschrecks Edmund Stoiber für den freien Verkauf krummer Salatgurken einsetzen. Da Verbraucherschutz nicht mehr zu seinem Ressort gehört, wird er sich mit seinem Staatssekretär heftig um den Posteingang balgen.

Wie aber konnte das passieren? Wer, bitteschön, hat unsere CSU geschrumpft? Antwort: Es war der Horst. Man darf davon ausgehen, dass Parteichef Seehofer die Bundespolitik egal ist. Sinnstiftend für die CSU ist die absolute Mehrheit im schönen Bayern. Und dann ist es gut, wenn man mit den wirklich kontroversen oder schmerzhaften Themen nichts zu tun hat. Eurorettung? Macht der Mann im Rollstuhl. Energiewende? Schaut Leute, der irre Gabriel schröpft die Bürger. Pflegenotstand? Den regelt der Gröhe mit der lustigen Frisur. Gäbe es ein Bundesministerium für Bedeutungslosigkeit – die CSU hätte es genommen.

Denn was immer auch in Berlin passiert: Schuld sind die anderen. Man kann das als taktisch versiert ansehen. Tatsächlich zeigt es eine feige Gesinnung. Manche Bettvorleger haben ihr Schicksal verdient…

Frau Ursula, wir warten auf die Sturmfrisur

Die Große Koalition ist perfekt! Und allen Grund zum Jubeln haben die Haar-Stylisten. Mit Ursula von der Leyen gibt es eine Frau mit allem Potential zum Trendsetting. Es lebe die Sturmfrisur.

Das Dasein der Friseurinnen und Friseure ist nicht das Leichteste. Sie müssen dafür sorgen, dass ihre Kundschaft so aussieht, wie sie sich selbst am liebsten sieht. Sie müssen aber auch fähig sein, die seltene Situation zu meistern, dass jemand einen ganz neuen Schnitt haben möchte. Gerade Frauen in Trennungs- beziehungsweise Veränderungssituationen neigen zu neuen Farben oder Föhnwellen. Dafür braucht es Vorbilder, bevorzugt Prominente. Beispiel: Auf Victoria Beckham und ihre professionellen Stilwechsel blickten die Figaros mit Hingabe.

Und jetzt Ursula von der Leyen. Es hat etwas Absurdes, dass ausgerechnet eine Mutter von sieben Kindern dafür verantwortlich sein soll, junge Menschen in Kriege zu schicken. Sollte sie es besonders überlegt tun, wäre das nur gut. Sicher darf man sein, dass die Betrachtungen der neuen Ministerin zur Sicherheitslage gut klingen werden. Diese Frau hat kein Problem, rhetorisch von der Frühförderung in der Krabbelstube zum Training für Scharfschützen zu wechseln. Sie kann zu jedem Thema ohne Punkt und Komma referieren,

Aber sie wird auch stylingtechnisch hinterfragt werden. Die ihrerseits journalistisch stilbildende „Bild am Sonntag“ zeigte sie bereits mit lustiger Tarnschminke und Kampfhelm. Und was steckt drunter? Die bisherige saubere Blondfrisur ist für Berlin oder Hannover blendend geeignet. Im zugigen Sand- und Geröllstaat Afghanistan hält sie wohl nicht einmal mit Armee-Drei-Wetter-Taft. Da bleibt nur: Toupieren, wild und grell, so dass selbst der übelste Taliban den Fluchtreflex verspürt.

Dann ist das Versprechen erfüllt: Das deutsche Kabinett hat einen neuen Star. Blond, immer lächelnd, eher leise als laut – aber bei Bedarf ultra-hart. Wenn Panzer und Drohne gemeinsam inkarnieren…

 

 

 

 

 

Der Trend der Jahres: Macht ist unsexy

Frau Merkel, geben Sie Acht. Es mag ja sein, dass die Koalition mit dem Sozi-Siggi klappt, aber die Gesellschaft treibt in eine andere Richtung. Geliebt wird nicht, wer regiert. Die Idole unserer Zeit sind die sanften Querköpfe. Wie der neue Papst oder der Enthüller Edward Snowden.

Aufgezeigt hat das das US-Magazin „Time“. Dieses ernennt seit 1927 den „Menschen des Jahres“. Also sozusagen den Helden der Welt. Und früher waren das die großen Männer. Die Ahnenreihe beginnt mit dem fliegenden Atlantiküberquerer Charles Lindbergh und wird fortgesetzt mit dem Automobilpionier Walter Percy Chrysler. US-Präsident Franklin D. Roosevelt ist dabei, Äthiopiens Kaiser Haile Selassie, Adolf Hitler (upps!), Josef Stalin (doppel-upps), George W. Bush (Allmächd) und Barack Obama. Von den 20 letzten Top-Personen waren 19 Männer.

Eigentlich eine depperte Liste, aber sie sagt etwas über die Stimmung der Menschen aus. Früher war es wohl tatsächlich so, dass man zu den Weltenlenkern aufgeschaut hat. In meiner Anfangszeit bei einer Lokalzeitung war die Rede eines einfachen Bundestagsabgeordneten ein Ereignis. Bei Staatssekretär-Visiten wurde die Redaktionsleitung nervös. Beim Besuch von Franz-Josef Strauß streiften selbst die hartgesottenen Investigativ-Schlurfer ein Sakko über.

Das alles ist erstmal vorbei. Aktuell haben die Menschen die Zampanos satt. Sie lieben Personen, die Macht freiwillig hergeben. Oder die den Mächtigen Probleme machen, Da ist Papst Franziskus, der sein brokatbehängten Amtsbrüder derart mit seinen Armutsparolen nervt, dass sie in Rom inzwischen schon darüber spekulieren, wie sich Tee rückstandsfrei vergiften lässt, Möge es Gott verhüten. Und Snowden? Der US-Staat hasst ihn, unsere Regierenden würden seine Existenz am liebsten  ignorieren. Trotzdem landete er auf Platz zwei.

Die Time-Liste ist an dieser Stelle ausgesprochen  sympathisch. Man möchte hoffen, dass sie nicht nur einen kurzlebigen Zeitgeist widerspiegelt. Wer den Mächtigen das Leben schwer macht, tut ein gutes Werk. Und verdient es, ein Idol zu sein.

Allerdings: Auch Gandhi war „Person des Jahres“. Das war 1930. Später kam Hitler…

Wie lange wollen wir leben?

Zum Wesen unseres Daseins gehört das Dilemma. Wir stehen vor Entscheidungen, die uns zuwider und dabei nicht mal mit Gewissheit richtig sind.

So geht es den SPD-Mitgliedern, die gerade entscheiden müssen, ob sie Angela Merkel als Bundeskanzlerin ertragen wollen. Es geht noch schlimmer: Würde man, wenn man in einem überfüllten Boot sitzt, zehn Menschen ins Wasser stoßen, um 70 andere zu retten? Grundsätzlich lautet die Frage so: Wie lebe ich am wenigsten verkehrt?

Gerade hat die Regierung von Großbritannien ihre neuesten Pläne für die Sozialversicherung bekannt gegeben. Das Renteneintrittsalter soll demnach anhand der durchschnittlichen Lebenserwartung ermittelt werden. Werden die Leute älter, bleiben sie auch länger im Job. Auf der Insel würde die aktuellste Berechnung dazu führen, das heute 20-Jährige mit 70 Jahren in den Ruhestand gehen könnten.

Das schockt uns. Schließlich vermuten wir (ohne statistische Absicherung), dass die Briten eine geringe Lebenserwartung haben. Das Essen ist schlecht, der Bierkonsum ist hoch, der Linksverkehr ist eine Gefahr an sich. Wenn dort schon das Rentenalter 70 gelten soll – was blüht dann uns?

Und schon sind wir mittendrin im Dilemma. Wir haben ja schon viel getan. Unseren Lungen zuliebe mit dem Rauchen aufgehört, dem Übergewicht trotzend mit dem Joggen begonnen. Wir schieben schon das zweite Bier zur Seite und trinken missmutig linksdrehendes Vogesen-Wasser oder schlabberigen Holundersprudel. Wir achten auf ausreichend Schlaf, unterbrechen unsere Büroarbeit alle drei Stunden für dreiminütige Dehnübungen. Statt Bratwurst gibt es Tofu. Auch weitere Gefahren des Alltags vermeiden wir, so gut es irgendwie geht.

So werden wir es schaffen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in diesem Land auf 90Jahre und mehr steigen wird. Zum 115. Geburtstag wird man über uns berichten: „Er liest noch jeden Tag seine Zeitung.“

Es fragt sich: Ist es gut, ein gesundes, aber langweiliges Dasein auszudehnen? Oder würde es sich mehr lohnen, wenn wir alle immer wieder mal die Sau rauslassen und dafür ein paar Jahre früher sterben würden? Früherer Renteneintritt inklusive?

Wie man es macht, ist es verkehrt. Auch dieser Satz hat seinen Charme. Das Dilemma, es bleibt uns!

Es gibt auch Helden in der Politik

Nelson Mandela - für mich ein echter Held.Es schimpft sich leicht über die Politiker. Ihnen fehle jedes Gespür für das wahre Leben. Sie seien verlogen, arrogant, ausschließlich geil auf wichtige Posten. Und sie taugten ganz und gar nichts. Weil sie nicht handelten, sondern nur schön reden würden. Das sagen wir – und rufen nach besseren Volksvertretern.

Zum Glück: Es gibt in der Politik auch Helden. Nehmen wir Nelson Mandela. Der jetzt gestorbene südafrikanische Präsident hat einen schier unfassbaren Lebenslauf. Als Anwalt der schwarzen Bevölkerung zu lebenslanger Haft verurteilt, lehnte er nach 23 Jahren im Gefängnis  seine Freilassung ab,  weil ihm die Abschaffung der Apartheid nicht zugesichert wurde. Erst weitere vier Jahre später war er ein freier Mann.

Seine wahre menschliche Größe zeigte er, als er als erster schwarzer Staatspräsident keinen Rachefeldzug gegen die ehemaligen Unterdrücker führte. Er setzte, im Gegenteil, auf eine versöhnliche Aufarbeitung der Geschichte. So wurde Nelson Mandela zum wirklich würdigen Friedensnobelpreisträger.

Gäbe es mehr Politiker/-innen dieses Kalibers, könnte man sich zurecht Hoffnungen auf eine bessere Welt machen. Aber es sind auch andere da.

Nehmen wir Hans-Peter Friedrich. Der CSU-Mann aus Naila in Oberfranken ist der nachvollziehbar schlechteste Innenminister seit vielen Jahrzehnten, vermutlich sogar seit dem Zweiten Weltkrieg. Aus einer Gegend stammend, aus der die Menschen wegziehen, hat er meistens von Vertretern seiner Partei besetzte Rolle des Überfremdungs-Mahners übernommen.

Tausende von Flüchtlingen ersaufen im Mittelmeer „Italien muss seine Hausaufgaben machen“, sagt Friedrich. Freizügigkeit für EU-Bürger/-innen? Ja, aber bloß nicht für Bulgaren und Rumänen. Auch dann nicht, wenn es überwiegend gebildete, gut ausgebildete Migranten sind. Und Rückgrat zeigen bei Großmachts-Gehabe der USA? Nicht mit Friedrich, dem großen Freund des großen Verbündeten.

Fazit: Es stimmt, dass es falsch ist, nur über die Politiker zu schimpfen. Aber dass zu oft die Falschen am Ruder sind, stimmt leider auch.

 

 

 

Große Männer und die böse blonde Frau

Unfassbar, diese impertinente Person! So hätte man früher über die Fernsehjournalistin Marietta Slomka geschimpft. Unternahm sie doch den Versuch, den kommenden Vizekanzler Sigmar Gabriel am Nasenring durchs öffentlich-rechtliche Fernsehen zu führen. Mit der Frage, ob der von ihm ausgerufene SPD-Mitgliederentscheid zur Großen Koalition ein, pointiert ausgedrückt, Anschlag auf die Verfassung sei.

Stimmt schon, die Fragestellung war abseitig. Aber das erklärt nicht die irre Aufregung um das ZDF-Interview. Ich meine, es steckt mehr dahinter. Nämlich die Angst der großen Männer vor der bösen Frau.

Es hätte sich doch niemand aufgeregt, wenn ein Siegmund Gottlieb den SPD-Chef mit den identischen Fragen gemartert hätte. Man hätte „Typisch für die schwarze Föhnwelle“ gesagt und das Interview abgehakt. Aber eine Frau mit stahlblauen Augen, die einen angehenden Groß-Staatenlenker vorführt? Das geht nicht. Da hebt selbst CSU-Chef Horst Seehofer schützend die bayerische Pranke über den Konkurrenten von der Magenta-Fraktion. Politiker dürften nicht wie Schulbuben dastehen, zürnt er. Wobei er sich den Hinweis, dass die oder der Slomka in Bayern fürderhin ausschließlich als Verlierer in der Arroganz-Arena gern gesehen sei, erstaunlicherweise verkniffen hat.

Die Angst funktioniert frei nach Sokrates, der seinerzeit erklärte: „Eine Frau, gleichgestellt, wird überlegen.“ Und das gilt es zu vermeiden. Also ruhig mal einschüchtern, die Dame.

Und bei alldem wird übersehen, dass etwas anderes lebhafte Ablehnung verdient, nämlich komplett inhaltsleere, langweilige Interviews. Sie wissen, um wen es geht? Mag sein. Aber diese Frau M. hat ihren Sokrates längst hinter sich. Sie ist überlegen. An sie traut sich kein noch so großer Mann heran.