Ein Rutsch geht durch Deutschland

Monstertaifune, Tsunamis, Erdbeben, Dürreperioden: Naturkatastrophen plagen diese Welt, und sie werden, wie es scheint, immer häufiger. Auch wir leiden. Denn wenn es passiert, steht alles still. Knochen bersten, Nerven und Sehnen reißen. Was aber ist diese vernichtende Urgewalt? Die Antwort: Drei Zentimeter Neuschnee.

Bei uns in Nürnberg war es gerade wieder soweit. Die Schneeflocken fielen, hatten sich aber als Zeitpunkt ausgerechnet den morgendlichen Berufsverkehr ausgesucht. Die Folge: Die Männer in den Räum- und Streufahrzeugen meinten es zwar gut, standen aber mit den gestressten Zeitgenossen in den Autos einträchtig im Stau. Es gab kein Entrinnen, dafür aber Einsätze mit seltsamen Geräten. Kleinen Traktoren etwa, an die vorne eine gelbe Bürste gespannt war. Damit sollten Fußgängerüberwege freigemacht werden. Stattdessen wurde der frische Schnee plattgewalzt, so dass eine richtig glatte Fläche zurückblieb. Wir sahen den Laubsauger des Frostes.

Das Gesamtergebnis: Jammer, wohin das Auge blickte. Selbst deutscheste Autofahrer drückten die Verzweiflungshupe. Es war wie immer beim ersten Wintereinbruch. Wobei man sich wundern darf. Denn Schneefall verlängert nicht die Länge der Strecken. Wenn alle Menschen 20 Minuten früher losfahren würden und entsprechend langsamer unterwegs wären, müsste doch alles wie sonst auch sein. Meint man – als schlichtes Gemüt.

Man fragt sich auch, wie jene Menschen unsere Probleme anschauen würden, die in den Weiten der USA oder Kanadas leben und schon deshalb mächtige Geländewagen fahren, damit sie sich bei Schneefall eine minimale Chance bewahren, oben rauszuschauen. Vielleicht würden sie sich wundern. Spätestens aber dann verstehen, wenn man ihnen erklärt, dass vom Parlament des lustig-derben Lederhosenlandes Bayern wegen eines einzigen Tieres dieser Spezies ein Braunbärenbeauftragter ernannt wurde.

Geben wir es zu. Wir sind verweichlicht. Wir halten nichts aus. Wir drehen durch, wenn es anders kommt als gewohnt. Worin ein Auftrag für unsere famose Industrie liegt. Kann man nicht Autos erfinden, die durch den Auspuff Streusalz versprühen? Wie wäre es mit kleinen Schaufeln, die bei Schnee und Matsch vor den Reifen heruntergelassen werden? Wo bleibt das Allwetter-Luftkissen-Elektro-Nullemissions-SUV? Brauchen wir Salz-, Sand- und Blähton-Drohnen, die das rettende Material von oben verstreuen? Rüstungskonzerne müssten das können. Schwerter zu Schneepflugscharen.

Oder aber wir reißen uns zusammen. Begreift es endlich: Es muss ein Rutsch durch Deutschland gehen.