Obama – unser großer Irrtum

Hiermit stelle ich Folgendes fest: Berti Vogts versteht mehr von Fußball als Pep Guardiola. Ja, ich spüre ihn, Euren Aufschrei. Rund 101 Prozent meiner Leser/-innen fragen soeben, ob ich über’s Wochenende irre geworden bin oder eine Drogenkarriere begonnen habe. Nein, keineswegs. Mir geht es um etwas anderes. Wir neigen dazu, uns in anderen Erdbewohnern zu täuschen. Und leiden an der Wahrheit.

Nehmen wir die Erdmännchen. In jedem Tiergarten gehören sie zu den Stars. Weil sie so süß, so irgendwie menschlich sind. Wenn sie durch die Gegend wuseln und sich wachsam aufrichten, denkt keiner daran, dass es sich um Raubtiere handelt, die bei passender Gelegenheit kräftig zubeißen. Oder Eisbärenbabys. Das so genannte Kindchenschema verführt uns dazu, dass wir gegenüber diesen weißen Knäueln Eltern-Gefühle entwickeln. Würde uns nicht unser Resthirn davon abhalten, wir würden die Streichelhand auch einem erwachsenen Eisbären entgegenstrecken – und nach dieser Begegnung allenfalls froh sein, dass die ungeschicktere der beiden Hände weg ist.

Womit wir bei Barack Obama wären. Was haben wir nicht in diesen Mann hineinprojeziert? Schon als Kandidat war er für uns das andere Amerika. Der perfekte Gegenentwurf zum tumben George W. Bush. Dunkelhäutig, jung, lässig, rhetorisch hochbegabt, zudem Ernährer einer Musterfamilie. Ein Bill Cosby der Weltpolitik, bei dem nur noch gefehlt hat, dass bei seinen launigen Reden an den richtigen Stellen die Lacher eingeblendet werden. Wer nach seiner Vereidigung mahnte, dass auch dieser US-Präsident nicht über’s Wasser gehen könne, galt als schlecht gelaunter Miesmacher. Stattdessen hat man ihm den Nobelpreis verliehen.

Was aber haben wir gelernt? Dieser Barack Obama ist kein Erdmännchen, wie wir es gerne hätten. Er ist ein Machtpolitiker, der weder Tod noch Teufel kennt, wenn es darum geht, seiner Nation Vorteile zu verschaffen. Der US-Präsident tut all das, was wir eigentlich vom skrupellosen Russen Wladimir Putin erwarten. Was stören könnte, wird ausgehorcht.

Tja, es gibt eben auch das wohlmeinende Vorurteil. Genauso wie das andere. War Guardiola jemals Europameister? Man sieht, auch im Fußball wird gerne überschätzt.

Merkelgate? Die Leiden des NSA-Manns

Abhängig Beschäftigte wissen es: Nichts beschleunigt Veränderungen mehr, als wenn auch Chef oder Chefin betroffen sind. Somit können wir sicher davon ausgehen, dass nach dem Anzapfskandal um Angela Merkels Handy das Thema Datenschutz mit Macht auf die politische Agenda kommt. Bis hin zum Verbot von Smartphones – man denke an Fukushima – scheint derzeit alles möglich zu sein. Schließlich leben wir in einem Land, dem das Abhören befreundeter Mächte ganz und gar fremd ist. Das macht kein BND nicht, oder????

Aber hier geht es um etwas anderes, nämlich um Mitgefühl. Der NSA-Skandal sollte uns auch an jene Menschen denken lassen, die diesen dreckigen Job erledigen. Da wird also dieser kurzgeschorene Jüngling, den Sie bei den Marines wegen einer Bandscheibenverkrümmung aussortiert haben, an seinen neuen Arbeitsplatz geführt. Der Dschennerell ruft ihn und bellt: „Constable, are you ready to attack Germany?“ „Sir, yes, sir, yes!“ „Are you ready to späh out the migthiest women of this world?“ „Sir, yes, sir, yes.“ „So do it!“ „Sir, yes, Sir, yes!“.

Und dann geht es los. Da hört dieser junge Mann 26 Mal pro Tag den Satz „Deutschland geht es gut“. Oder diesen: „Man kann sich nicht darauf verlassen, dass, was vor den Wahlen gesagt wird, auch wirklich nach den Wahlen gilt, und wir müssen damit rechnen, dass sich das in verschiedenen Weisen wiederholen kann.“ Oder: “Insofern werden wir Wege finden, die parlamentarische Mitbestimmung so zu gestalten, dass sie trotzdem auch marktkonform ist, also dass sich auf den Märkten die entsprechenden Signale ergeben.” Oder: „Die Beschäftigung mit nicht vorrangigen Dingen darf aber kein Ersatz dafür sein, dass wir auf die eigentlich bedrängenden Fragen keine Antwort haben.“ Oder: „Seehofer ist ein Arsch.“

Am Abend schließlich muss der kurzgeschorene Ex-Marine zum Chef. Er soll die aktuellen weltpolitischen Pläne Deutschlands erklären, aber er wird sich fühlen wie Maybritt Illner, Anne Will, Peter Klöppel und Stefan Raab zusammen. Auf die entscheidende Frage seines Chefs wird er sagen. „Sir, sorry, Sir. I don’t know. And who the fuck is Seehofer?“

Wie der BND soeben meldet, hat sich ein NSA-Mitarbeiter freiwillig für Guantanamo gemeldet. Als Häftling.

Wo Respekt ein Fremdwort ist

Kennen Sie das? Respekt? Es ist ein Wesenszug, der unserer Gesellschaft mehr und mehr abhanden kommt. Besonders deutlich zeigt sich das in der Wirtschaft.
Wenn Angela Merkel die Hände vor den Kanzlerinnen-Nabel legt, spricht sie auch gerne von der sozialen Marktwirtschaft. Abhängig beschäftigte Menschen seien den Ausbeutern nicht hilflos ausgeliefert. Dies sei in vielen Jahrzehnten Demokratie erreicht worden.
Stimmt schon, bloß: Bei uns wird die Uhr zurückgedreht. Es war doch die Verheißung eines humanen Wirtschaftens, dass Arbeitnehmer/-innen keine Zukunftsangst haben müssten. Wer sich in seinem Betrieb etabliert hatte, konnte davon ausgehen, dass seine Treue geschätzt und er seinen „wohlverdienten Ruhestand“ mit einer auskömmlichen Rente verbringen konnte. Die Grundbotschaft lautete „Du bist Dein Geld wert“.
Da hat sich der Tonfall grundlegend geändert. Wer arbeitet, ist für viele Arbeitgeber in erster Linie ein Kostenfaktor, der minimiert beziehungsweise prekarisiert werden muss. Wer eine faire Bezahlung fordert, muss zumindest ein schlechtes Gewissen haben, weil er damit seine Firma ruinieren könnte. Die Botschaft 2013 lautet: „Du bist Dein Geld nicht wert. Jedenfalls nicht jetzt.“
Unter diesem Motto ist eine neue Währung entstanden, nämlich die Aussicht auf späteren Ruhm. Daran kann mit Gratis-Praktika bei öffentlichen Einrichtungen wie Kulturbüros oder bei namhaften Architekten gearbeitet werden. Oder auch mit freier Mitarbeit in der Medienbranche.
Ein gutes aktuelles Beispiel ist die gerade gestartete deutsche Ausgabe der „Huffington Post“. Diese Internet-Zeitung war in den USA entstanden, um George W. Bush und seinen konservativen Medienjüngern als Fackel der Freiheit Paroli zu bieten. Bei uns wird sie vom konservativen Burda-Verlag herausgebracht. Wobei dieser nicht die Welt verbessern, sondern möglichst schnell Geld verdienen möchte.
Das Geschäftsmodell funktioniert aus Verlagssicht so: Du gibst uns Deine Texte und Bilder gratis. Wir bekommen die Vermarktungsrechte. Falls es mit einem Text rechtliche Probleme gibt, musst Du das selber regeln. Als Gegenleistung versprechen wir, dass Dich so viele Menschen lesen werden, wie nie zuvor in Deinem Leben. Was Du schreibst, ist uns nicht so wichtig.
Ist das Respekt? Sicher nicht, denn dieser drückt sich auch dadurch aus, dass arbeitende Menschen an der Wertschöpfung ihrer Firma beteiligt werden.
Jedoch, dass das Gegenmodell funktioniert, liegt auch in unserer Natur. „Aus Angst, mit Wenigem auskommen zu müssen, läßt sich der Durchschnittsmensch zu Taten hinreißen, die seine Angst erst recht vermehren“, formulierte schon der griechische Philosoph Epikur. Womit wir auch lernen: Wer keine Achtung vor sich selbst hat, wer alles mitmacht, ist des Ausbeuters bester Freund. Wir brauchen Respekt!

Die Politik wird ohne Mut gemacht

Man kann die Eigenschaften der Bundespolitik auf vielerlei Art beschreiben. Ein Wort passt aber ganz bestimmt nicht: Mut. Das zeigt der bisherige Verlauf der Koalitionsverhandlungen.

Es soll also so kommen, wie es zuletzt fast alle erwartet haben. Die SPD ist bereit, sich aus Verantwortung für das Land für das große Ganze aufzuopfern und sich an der Seite von Angela Merkel dauerhaft im 25-Prozent-Ghetto einzurichten. Denn es wird doch niemand glauben, dass es den Sozialdemokraten gelingen wird, sich an der Seite der Schwarzen Witwe als eigenständige politische Kraft zu profilieren. Das bisschen Mindestlohn wird dazu nicht reichen, zumal es wichtige Branchen gibt, die sich lautstark dagegen wehren. Weshalb die SPD bei der Gewerkschaft ver.di sondiert hat, ob man die Sache mit den Achtfünfzig für die Zeitungszusteller irgendwie anders regeln könnte.

Mit Mut ginge es anders. Etwa dann, wenn die Grünen über das Stöckchen gesprungen wären, das ihnen Angela Merkel und Horst Seehofer hingehalten haben. Aber die Verhandler/-innen der Ökopartei waren offenbar davon überrascht, wie offen ihnen die Union begegnet ist. Dabei hätten sie wissen müssen, wie leicht die Kanzlerin und/oder der CSU-Chef eigene Positionen aufgeben, wenn sie ihrem Machterhalt nutzt. Diese Koalition wäre ein interessanter Versuch gewesen, zumal ihr – anders als bei der Großen Koalition – eine einigermaßen starke, zur Kontrolle der Regierung fähige Opposition gegenüber gestanden hätte.

Doch die deutsche Politik hält es lieber mit dem alten Adenauer und sagt „Keine Experimente“. Und die SPD muss darauf hoffen, dass Mietpreisbremse, Angleichung der Renten in Ost und West sowie eine Finanztransaktionssteuer dereinst als ihre großen Errungenschaften in den Geschichtsbüchern stehen werden.

Zumindest soll niemand bei der SPD behaupten, sie könne den Kanzler auf gar keinen Fall selbst stellen. Rot-Rot-Grün kommt als Koalitionsoption irgendwann so oder so. Aber diesmal gilt als Richtschnur Merkels großer Satz „Sie kennen mich“. Wer kann da noch widerstehen.

Zu Hilfe, wir werden immer müder

Es passiert selten, aber es passiert: Eine Nachricht wird in die Welt gesetzt – und plötzlich sind Dir die Augen geöffnet. Du liest, hörst und verstehst. So geschehen mit dieser wissenschaftlichen Erkenntnis: „Schlaf reinigt das Gehirn.“

Demnach dürfen wir sicher davon ausgehen, dass wir alle dümmer oder grantiger werden. Woran das Fernsehen schuld ist. Zwingt es uns doch dazu, lange wach zu bleiben. Es ist doch so, dass es bis tief in die Nacht dauert, ehe der quotenträchtige Sendeschrott abgearbeitet ist. Wen nicht interessiert, wer eine nette Schwiegermutter bekommt oder welcher Prominente das größte Wissen über australische Beuteltiere hat, braucht Geduld. Interessante Reportagen laufen bevorzugt kurz vor Mitternacht.

Um diese Uhrzeit enden die sensationellen Shows der privaten Kanäle. Was nicht anders sein kann, weil es jeweils 30 Minuten braucht, die Hotline-Nummern und den Hauptgewinn des Abends vorzustellen. Von der Stunde weiterer Werbung ganz zu schweigen.

Zweites Drama: Unser geliebter Fußball. Früher haben Spiele um 19 Uhr begonnen, die Interviews dauerten maximal drei Minuten. Heute ziehen sich Länderspiel- oder Champions-League-Berichte gerne mal bis kurz vor Mitternacht. Wenn, wie diese Woche, Armenien und Russland erst um 23.30 Uhr gezeigt und hinterher noch „Pelzig hält sich“ läuft – wer soll da mit sauberem Gehirn in den neuen Tag starten? Bald kaum jemand mehr, denn: Wir sind übermüdet, wir werden immer müder. Wir werden denkfaul und grantig. Unsere Gehirne verstauben, es knirscht im Kopf.

Und einen Ausweg gibt es nicht. Für Politik, Kultur und sonstiges Niveau gibt es nur die späten Sendeplätze. Und so bleibt uns, wie so oft im Leben, nur der flehende Blick nach oben. Wir beten also „Herr, lass‘ Hirn vom Himmel regnen“ und hoffen auf frisches Material. Denn wacher werden wir nicht.

Europa ist Absurdistan

Europa ist Absurdistan, sein Zentrum ist Italien. Der Kontinent sieht ratlos oder desinteressiert zu, wie im Mittelmeer massenhaft Menschen ertrinken. Zeitgleich wird in Rom versucht, eine würdevolle Bestattung für die Leiche des Nazi-Kriegsverbrechers Erich Priebke zu inszenieren. Wo fasst man sich eigentlich hin, wenn der Kopf nicht mehr reicht?

Zumal man bei den Tragödien vor Lampedusa auch an den Friedensnobelpreis denken muss. Diese Auszeichnung ist immer ein Risiko, denn es geht nicht nur um tatsächliche Leistungen, sondern immer auch um die mit einer Person oder Organisation verbundenen Hoffnungen. Mit der Preisträgerin dieses Jahres, der Organisation für das Verbot chemischer Waffen, hat das Vergabekomitee bestimmt keinen Fehler gemacht. Wer wollte ihrem Ziel widersprechen? Und wenn das Teufelszeug trotz aller Anstrengungen weiterhin eingesetzt wird, ist man immerhin redlich gewesen.

Aber die Europäische Union? Sie steht für die famose Idee, einstmals verfeindete Staaten durch gemeinsames Recht und eine gemeinsame Währung zu versöhnen und auf diese Weise neue Kriege zu verhindern. Das ist über viele Jahrzehnte hinweg gelungen. Doch stehen wir nicht angeblich auf einem abendländisch-christlichen Fundament? Die EU-Flagge steht mit ihren nur zwölf Sternen symbolisch für Vollkommenheit, Vollständigkeit und Einheit. Sie erinnert aber auch an den Strahlenkranz beziehungsweise Heiligenschein der Jungfrau Maria.

Wenn Boote aus Afrika ankommen, ist es mit dem Glauben vorbei. Der christliche Wert im Umgang mit Flüchtlingen ist Barmherzigkeit. Aber diese wollen wir uns nicht leisten. Würden wir diese Menschen nämlich freundlich empfangen, so unsere Überlegung, würden immer mehr kommen. Also lässt man die Angelegenheit von Grenzschützern regeln. Deren Bezeichnung „Frontex“ klingt wie eine Mischung aus Mauer, Schädlingsbekämpfungsmittel und Exitus. Und so ist es auch. Frieden in Lampedusa übersetzt die EU mit „Ruhe sanft“.

Während im Mittelmeer gestorben wird, wird für einen Menschen, der am Mord an über 300 Menschen beteiligt war, eine Totenmesse in lateinischer Sprache gehalten. Die widerlichen Piusbrüder schwelgen in Barmherzigkeit für ihren „treuen Soldaten“.

Man kratzt sich, wo auch immer, und fragt sich, ob es nicht gerecht wäre, den toten Priebke irgendwo bei Lampedusa ins Meer zu schmeißen. Die Antwort ist Nein. Es wäre eine Beleidigung für die Flüchtlinge. Die preisgekrönte Friedensorganisation EU, sie ruhe unsanft.

Limburgs Bischof und sein Bobby-Car

Geht das immer so weiter? Hört das nie auf? Müssen wir uns für alle Zeiten mit Nebensächlichem befassen, anstatt über wirklich wichtige Probleme zu diskutieren? Ja, es ist so. Das zeigt die Aufregung um den klapperdürren Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst.
Man hatte doch hoffen dürfen, dass das mediale Aufblasen von Kleinkram wenigstens nach den Wahlen aufhören würde. Stattdessen wird ganz Deutschland mit den Verfehlungen eines katholischen Provinzfürsten medial befeuert. Sicher, die Ausgangsposition für einen Skandal ist wie gemalt. Hier die heilige katholische Kirche, die unter dem neuen Papst aus Argentinien die reinigende Kraft der Armut entdeckt. Da der unheilige Verschwender, der in der Luxusklasse in indische Slums fliegt. Das passt, das Böse in der Kirche ist ein seit Jahrhunderten beliebtes Thema, das ganze Biblio- und Videotheken zu füllen vermag.
Doch seht, liebe Leute: Der Nachweis, dass die von Franziskus ausgerufene Bescheidenheit am Ende mehr sein wird, als eine clevere PR-Aktion, muss erst noch erbracht werden. Und wo wären wir, wenn die katholische Kirche niemals verschwendet hätte? Wir hätten ein paar Sehenswürdigkeiten und Kunstschätze weniger. Früher litten die Menschen unter der Ausbeutung, aber sie waren dann doch stolz, wenn mit ihrem Geld zum Ruhme Gottes der höchste Kirchturm der Region aufgeschichtet wurde. Wo Macht ist, wird verschwendet. Das wissen wir doch.
Und so ist der Amtssitz des Limburger Bischofs kaum etwas anderes als der Mittelfinger von Peer Steinbrück, das vegetarische Kantinen-Essen der Grünen oder das Bobby-Car von Christian Wulff. Es ist die Aufarbeitung des vermeintlich Unfassbaren, das am Ende schnurzegal ist. Weil nichts leichter ist als die Empörung über einen folgenlosen Skandal. Denn Limburg wird in einem halben Jahr in den überregionalen Medien wieder ähnlich selten vorkommen wie Unterschlauersbach oder Ouagadougou.
Dass Geistliche nicht ausschließlich erleuchtet sind, hat der französische Philosoph Denis Diderot blendend beschrieben: „Der Priester, ob gut oder schlecht, ist immer ein zweideutiges Geschöpf, ein zwischen Himmel und Erde schwebendes Wesen.“ Alsdenn, Herr Papst. Befreien Sie Limburg, versetzen Sie diesen Tebartz-van Elst in eine Missionsstation in Afrika. Aber wehe, er fliegt Erster Klasse.

Berlusconi, der Märtyrer der Missverstandenen

Steht auf, Ihr Missverstandenen dieser Erde! Sehet, Euch wurde ein Märtyrer geschenkt! Es ist ein kleiner Mann mit Wachspuppengesicht und flachgebügelten Haaren. Ja, ist ist Silvio Berlusconi. Und er ist doch viel netter als man dachte.
Der famose italienische Cavaliere (Ritter) hat gerade eine politische Schlacht krachend verloren. Weil ihn der Senat wegen seiner „Decadenca“ (muss man nicht übersetzen, wir alle kennen die Geschichten) ausschließen wollte, wollte er die Regierung zu Fall bringen und Neuwahlen erzwingen, bei denen er wie Alberich aus der Asche wiederkehren sollte. Dieser diabolische Plan erschien aber selbst seinen treuen Parteisoldaten als untragbar. Viele von ihnen verweigerten die Gefolgschaft, woraufhin der römische Beraz (Bester Regierungschef aller Zeiten) höchstselbst im Parlament verkünden musste, dass seine Kollegen und er die amtierende Regierung unterstützen würden. Zuvor hatte unter anderem Angela Merkel tadelnd den Finger erhoben.
Jetzt steht der Medienzar ziemlich dumm da. Ohne parlamentarische Immunität muss er damit rechnen, dass die gegen ihn gefällten Urteile wirksam werden. Gut, ins Gefängnis muss er nicht, dafür ist er in Italien mit seinen 76 Jahren zu alt.
Weil er aber keine Lust darauf hat, während eines Hausarrests in seiner Villa monatelang die missratenen Shows seiner Fernsehsender anzugucken, will er seine Strafe mit Sozialarbeit ableisten. Wie großartig: Ein auf jugendlich gebotoxter Milliardär schickt sich an, alten Menschen in einem Pflegeheim zu helfen.
Und: Silvio kann das. Schließlich jobbte er als Student als Sänger und Pianist auf Kreuzfahrtschiffen und komponierte zuletzt liebestrunkende Balladen. Das ergibt geballte Rollstuhl-Romantik statt Decadenca und wogende Sitztänze statt Bunga Bunga.
Allerdings sollten die ominösen blauen Pilen weggesperrt werden. Denn Krankenschwestern sind für bekanntlich Männer die größtmögliche Erotik-Projektionsfläche unter allen berufstätigen Frauen. Was bei Berlusconi kaum anders sein wird. Ist er doch im Geiste ein Mega-Mann, ein Cavaliere extra potente. Wie sagt man auf Italienisch naochmal für „Damit könnten Sie gut ein Dirndl ausfüllen…?“

Bella und Hasso sind auch nur Menschen

Molly, Hasso, Hansi, Resi: Haustiere mit solchen Namen kennt jeder. Sie geben unseren vierbeinigen, fliegenden oder schwimmenden Hausgenossen einen Charakter. Katze Molly liegt faul rum, Schäferhund Hasso beißt Einbrecher in die Flucht, Sittich Hansi pfeift fröhliche Lieder, Milchkuh Resi fährt auf Bauers Traktor ab. Und doch sind Tiernamen ein wissenschaftlich noch unzureichend beackertes Feld. Was sich in den nächsten Tagen ändern wird.

Am 7. und 8. Oktober 2013 findet an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz erstmals eine Tagung zur Benennung von Tieren statt. Die Forscher betrachten die raren Erkenntnisse über dieses Thema als Missstand. Weshalb sie richtig zur Sache gehen werden. Die Tagung soll Haus- und Nutztiernamen ebenso engagiert diskutieren wie Zirkus- und Wildtiernamen oder gar Versuchstiernamen. Auf dem Programm stehen Vorträge zu Hunde-, Katzen-, Kaninchen- und Kuhnamen in verschiedenen Kulturen. Man wird nach Benennungsstrategien suchen und die Frage stellen, wie stark anthropomorphisiert, also auf das menschliche Rufnameninventar zugegriffen wird.

Beim Menschen gilt im Grundsatz: Der Mann, den sie Pferd nannten, ist die Ausnahme. Aber ansonsten gibt es reichlich Zeitgenossen, die sich privat wie Tiere liebkosen lassen müssen. Auf deutschen Sofas sitzen Goldfasan, Floh, Maus, Nasenbär, Ente oder Kater. Und zu jedem Namen haben wir eine Idee.

Aber auch bei den Tieren übertragen wir unsere Vorstellungen auf die Kreatur. Für Katzen und Hunden gibt es die gleichen Lieblingsnamen. Kätzinnen und Hündinnen heißen am häufigsten Bella, sind also schön und anschmiegsam. Männliche Vierbeiner hören am häufigsten auf den Namen Max, sind also frech und schlau. Klassiker wie Kitty, Simba, Molly oder Rocky sind weiterhin beliebt. Aber nachdenklich sollte uns der Vormarsch von „Sophie“ machen. Dieser Name liegt bei Katzen und Hunden inzwischen auf Platz sechs – und bei den Menschen immer locker unter den ersten drei. Das Felltier gilt mehr denn je als eines von uns – und das menschliche Denken wird immer bizarrer.

So kam ein User von www.agrarheute.de bei der Forums-Suche nach den besten Rindernamen zu folgendem Fazit: „Eine Kuh muss Klaus heißen“. Womit sich für mich endgültig gezeigt hat, dass sich auch unterhaltsame Themen bei unzureichender wissenschaftlicher Reflexion sehr unangenehm entwickeln können. Die Mainzer Tagung – sie möge gelingen!

Klima wandelt sich, der Mensch nicht

„Klimawandel immer schlimmer“. So haben Schlagzeilen der vergangenen Tage gelautet. Wir haben erfahren, dass in hundert Jahren riesige Gebiete nicht mehr bewohnbar sein werden. Und dass auch wir in unserem schnuckeligen Landstrich damit rechnen müssen, dass uns zirka drei Mal im Jahr durch Regen und Sturm das Dach abgedeckt wird. Sofern unsere Häuser nicht umgeweht werden.
Und nun? Passiert was? Wird sich etwas ändern? Ich sage Nein. Denn wir sind bloß Menschen. Unsere Vorstellung von der Zukunft trügt, sie hängt auch stark von der allgemeinen Stimmung ab. Nach der Mondlandung 1968 war für uns klar, dass im Jahr 2000 die erste Mars-Kolonie Richtfest feiern und unsere Autos zehn Meter über dem Grund schweben würden. Als 1990 die Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen wurde, glaubten wir gerne Franz Beckenbauers Prognose, dass die wiedervereinigte deutsche Nationalelf auf viele Jahre hinaus unschlagbar sein würde.
Heute sind uns Visionen jedweder Art abhanden gekommen. Bundesumweltminister Peter Altmaier etwa ließ zu den neuesten Klima-Katastrophenberichten Folgendes verbreiten: „Das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, sei nur mit den richtigen Weichenstellungen zu erreichen.“ Diese billige Sprechblase wird es bestimmt nicht in die Stratosphäre schaffen. Wir wissen, dass uns, spätestens aber unserer Nachfolge-Generation, kollektive Altersarmut drohen wird. Wir sehen, dass wir kein Vermögen aufbauen können, weil es keine Zinsen mehr gibt. Was sollen uns da ein paar Naturkatastrophen schrecken? Die Zukunft wird öde, wir kriegen Hartz Fünf bis Zehn. Aber das ist halt so. Sollen sich die Eisbären eben anstrengen, dass ihnen Kiemen wachsen.
Wir Menschen sind nicht für den Wandel gemacht. Wer von uns schafft es schon, Gewohnheiten ersatzlos aufzugeben? Es mag sich ja mancher Ex-Raucher die Zigaretten abgewöhnen. Aber er lutscht dann eben Bonbons und wird dick und dicker. Durch die Super-Wahnsinns-Spezial-Diät verlieren wir 30 Kilogramm. Um innerhalb von sechs Monaten 40 Kilogramm zuzunehmen. Wir sind Pendelwesen, die den Drang haben, nach einer Phase der Veränderung in die Ausgangsposition zurückzukehren.
Ist demnach alle Zukunftshoffnung dahin? Nicht unbedingt. Nehmen wir an, die Klimaforscher seien ähnlich kompetent wie die so genannten Wirtschaftsweisen. Hoch angesehene Professoren, die der Politik das Handeln diktieren, aber mit ihren Prognosen meistens falsch liegen. Dann kommt alles ganz anders und der Klimawandel macht aus dieser Erde ein Paradies für alle. Das ist die Vision. Ansonsten möchte man kein Kind sein.