Telefon: Die Doktorarbeit im Beipackzettel

Was ist Humor? Doch vor allem, wenn das, was man von jemand erlebt, nicht mit den Erwartungen übereinstimmt. Würde bekannt, dass Uli Hoeneß Steuern zahlt, wäre das doch zum Wiehern. Wissenschaftler der Universität Hohenheim haben nun eine richtig kuriose Erkenntnis hervorgebracht: Die Kundenkommunikation von Telekommunikationsunternehmen ist besonders unverständlich.

Glauben mögen wir das nicht. In den Werbespots der Telefonanbieter sieht man doch nur glückliche Menschen. Jung und schick sind sie, tippen tanzend auf ihre Smartphone-Tastaturen. Und wenn sie mal älter sind, sind sie an der Grenze zu sympathisch doof. Aber auch die Musik, die heute  für Handy-Läden wie für Hitparaden gleichermaßen komponiert zu sein scheint, vermittelt uns diese Botschaft: Nimm uns – und dein Leben wird leicht und leichter.

Eben nicht.Wie die Forscher herausgefunden haben, verfehlen die von ihnen untersuchten Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGBs) für Mobilfunk sowie die „häufig gestellte Fragen“ (FAQs) zum Thema Festnetzportierung, der Mitnahme der Telefonnummer, die Zielwerte für verständliche Kommunikation teilweise sehr deutlich. Einige von ihnen befinden sich auf dem sprachlichen Schwierigkeits-Niveau einer Doktorarbeit.

Die Kommunikationsexperten nennen ein Negativ-Beispiel aus einer Allgemeinen Geschäftsbedingung (AGB) eines Mobilfunkanbieters: „Macht der Kunde von seinem Widerrufsrecht im Hinblick auf die Lieferung von Waren Gebrauch, so hat er die Kosten für die Rücksendung zu tragen, wenn die gelieferte Ware der bestellten entspricht und wenn der Preis der zurückzusendenden Sache einen Betrag von 40 Euro nicht übersteigt oder wenn der Kunde bei einem höheren Preis der Sache zum Zeitpunkt des Widerrufs noch nicht die Gegenleistung oder eine vertraglich vereinbarte Teilzahlung erbracht hat.“ Hinzu kommen Monster-Wörter wie „Verzichtserklärungs-Assistent“ oder „Festnetz-Rufnummernmitnahme“ sowie Anglizismen wie „Simple Service Discovery Protocol“. Davon haben wir bekanntlich schon als Kind geträumt.

Aber woran liegt es? Ein Grund könnte sein, dass die Beipackzettel der Telekommunikationsprodukte von Chinesen geschrieben werden, die sich dabei auf Übersetzungsprogramme stützen. Oder – und das ist die wahrscheinlichere Variante – die Produkte und Preise sind einfach so mittelmäßig bis schlecht, dass man sprachliche Nebelkerzen zünden muss. Man kennt das auch aus der Politik. Hier ist es Konzernpolitik. Und wer diese  wählt, ist selber schuld.

Prima, wir sind alle reich!

Haben Sie schon bemerkt? Wir sind reich, jawohl! Und werden immer reicher. Um sagenhafte 52 Milliarden Euro ist nach offiziellen Angaben das Geldvermögen der Menschen in Deutschland im ersten Quartal dieses Jahres gewachsen. Also: Seien wir dankbar. Machen wir Schluss mit unserem Gejammer.

Mit 4992 Milliarden Euro hat unser Vermögen einen neuen Rekordwert erreicht. Das meldet nicht etwa die Propagandaabteilung der Bundesregierung, sondern die selbstverständlich in jeglicher Hinsicht unabhängige und vertrauenswürdige Bundesbank. Im Vergleich dazu nehmen sich die Schulden mit 1594 Milliarden Euro absolut überschaubar aus. Es geht aufwärts. Wohin auch immer.

Wir könnten jubeln, wenn diese famose Statistik nicht kleine Widerhaken hätte. Das Geldvermögen ist im Quartal um 1,1 Prozent gestiegen. Das ist zwar ein Vielfaches dessen, was es auf das Sparbuch gibt. In der Rechnung berücksichtigt sind aber zum Beispiel auch die Ansprüche gegenüber Versicherungen. 4,4 Prozent jährliche Rendite erwarten wir da schon. Zudem existiert dieses Phänomen namens Inflation. Das frisst uns ein knappes Prozentchen weg. Bei Nahrungsmitteln, die für das Überleben nicht unwichtig sind, lag die Preissteigerungsrate zuletzt bei 5,7 Prozent. Wenn wir schließlich ans Gesamtvermögen denken, spielen auch Immobilien eine Rolle. Wenn deren Marktwert steigt, erhöht das den allgemeinen Reichtum, ohne dass der Mensch, der die nächsten 20 Jahre seine Wohnung abzuzahlen hat, auch nur einen Cent mehr in der Tasche hat.

Statistik besteht immer aus objektiver Wahrheit und mehr oder weniger stark gesteuerter Lüge. Wer etwa die Zahl der Hartz-IV-Aufstocker kennt, wird das deutsche Jobwunder kaum noch mit Verklärung anbeten. Wer liest, dass die deutsche Wirtschaft neuerdings den älteren Arbeitnehmern zu Füßen liegt, mag bejubeln, dass ein wachsender Anteil der 60-Jährigen noch täglich seinen Job ausübt. Wenn es darum geht, wie viele Menschen das tatsächliche Rentenalter als Arbeitnehmer erreichen, ist die Quote aber nach wie vor erbärmlich.

Ihre Stimmung ist jetzt erfolgreich versaut? Grämen Sie sich nicht. Denken Sie an Papst Franziskus und daran, wie sehr diesen frommen Mann sein eigener Reichtum ankotzt. Ihm reicht es völlig, wenn jemand da ist, der ihm zuverlässig das weiße Gewand bügelt. Mehr braucht er nicht. Von ihm lernen wir: Selig sind die zufriedenen Armen. Denn sie machen den Reichen das Leben leicht.

 

Zu Hilfe, Petrus hat Demenz!

Nein, dieses Wetter ist nicht mehr in Ordnung. Was hatten wir zuletzt? Einen überlangen Winter, wochenlang bedeckten Himmel, keine Sonnenstrahlen, verheerende Überschwemmungen, Ölheizung im Juni und zuletzt eine Hitzewelle mit saharischen Temperaturen. Es scheint so, als habe das Wetter seine Mitte verloren. Ich befürchte: Petrus, unser Wettergott, leidet an Demenz.

Er hat es, das sei ihm zugestanden, aber auch nicht leicht. Nehmen wir nur jene Gruppe von Menschen, die sich, gemäß Auftrag des Herrn, die Erde untertan macht. Es sind die Bauern, die grundsätzlich am Wetter herummäkeln. Ist der April sonnig, mit Temperaturen über 20 Grad, fehlt aus deren Sicht das Wasser. Ist es im Mai kalt, jammern sie, weil der Spargel im Boden bleibt. Regnet es zuviel, hadern sie damit, dass die Kartoffel-Krautfäule um sich greift. Hat es mehr als fünf Tag über 30 Grad, meldet der Bauernverband eine drohende Versteppung des halben Bundesgebietes.

Die Restbevölkerung ist nicht besser. Wenn das Wetter nur ein bisschen von Durchschnittswerten abweicht, wird lautstark geklagt. Man kann sogar davon ausgehen, dass Hochwasseropfer, die vor kurzem noch mit dem Schlauchboot durch ihr Wohnzimmer gefahren sind, spätestens nach sieben Tage Bruthitze Regentänze aufführen.

Trotzdem: Was Petrus, oder genauer Simon Petrus, in diesen Tagen, Wochen und Monaten abliefert, ist nicht mehr tragbar. Seine Kälte-Hitze-Nässe-Zuteilung passt nicht mehr nach Mitteleuropa. Es wirkt so, als habe der Wettergott sein Koordinatensystem verloren und würde nun immer mal ein paar Tage herumprobieren. Das ist verdächtig. Und wenngleich Petrus als Heiliger über besondere Kräfte verfügen sollte, kann es doch sein, dass er seinem hohen Alter Tribut zollen muss. Er ist vielleicht nur vergesslich geworden.

Im Alter von 65 bis 69 Jahren leiden 1,2 Prozent der Menschen in Deutschland unter Demenz. Bei den 80- bis 84-Jährigen sind es 13,3 und bei den über 90-Jährigen schon 34,6 Prozent.  Unser Wettergott hat gut 2000 Jahre auf dem Buckel. Da kann es, nein, muss es Demenz sein. Schließlich haben wir ja alles getan, damit es keinen Klimawandel gibt.

Somit gibt es nur eine Hoffnung: Jörg Kachelmann muss schleunigst in den Himmel kommen und dort das Ruder übernehmen. Blöderweise ist er erst 55 Jahre alt. Doch nie wäre ein Frühableben sozialverträglicher als in diesem Fall. Und wer weiß, vielleicht kann es zur Belohnung ausnahmsweise ein paar christliche Jungfrauen geben.  Lieber Gott, hilf uns. Das mit der Sintflut hast Du ja hoffentlich vergessen.

 

Der Zeitgeist fährt im Kreis

Jeder Zeitraum hat seine Bauwerke, die einen besonderen Geist ausstrahlen. Im Mittelalter waren es die Burgen, im Barock die Schlösser, im Nachkriegsdeutschland die Berliner Mauer und die CSU-Zentrale. Rot-Grün hat unsere Landschaft um riesige Windräder bereichert. Das Zeitgeist-Bauwerk dieser Tage aber ist der Kreisverkehr.

Es scheint so, als sei es La Grande Nation gelungen, einen Mega-Trend zu setzen. Mit Autos aus Frankreich haben wir es ja nicht mehr so. Aber neben Baguette, Sigarette, Fromage und Vin galt uns  der Kreisverkehr  als gallische Spezialität. Was historisch nicht ganz stimmt. Zwar wurde der erste große Kreisverkehr in Europa 1907 am Triumphbogen in Paris angelegt, aber auch in Deutschland waren diese Rondelle lange Zeit gang und gäbe.

Erst ein internationales Abkommen über den Straßenverkehr aus dem Jahr 1968, wonach in Kreisverkehren zwingend die Rechts-vor-Links-Regel  gelten müsse, hat das geändert. Die Deutschen waren anderer Meinung und stellten fortan lieber Ampeln auf.

Was aber hat das mit unserem heutigen Leben zu tun? Zunächst ist es so, dass sich Journalistinnen und Journalisten wie auch die von ihnen beobachteten Politiker/-innen in einem immerwährenden Kreisverkehr befinden. Nehmen wir Nürnberg: Das Jahr beginnt mit der Inthronisation des Faschings-Prinzenpaares, gefolgt vom Neujahrsempfang des Oberbürgermeisters, Spielwarenmesse,  Frühlingsvolksfest, wahlweise Abstieg oder Klassenerhalt des 1. FC Nürnberg, Norisring-Rennen, Klassik Open Air, Herbstvolksfest, Altstadtfest und Christkindlesmarkt. Dann geht es wieder von vorne los.

Auf höherer Ebene wiederum läuft es inzwischen anspruchsvoller. Auch die große Politik kennt ihre zuverlässig wiederkehrenden Themen. Etwa dieses: Ilse Aigner verspricht nach einem Lebensmittelskandal schärfere Kontrollen. Angela Merkel allerdings hat auch die heilsame Wirkung der Neben-Ausfahrten entdeckt. Atomkraft geradeaus? Biegen wir doch mal ab.

Viele andere Themen könnten wir so beschreiben. Der Kreisverkehr ist da, aber manches fliegt erst mal raus und landet in einem anderen Rondell, wo es talkshow-kompatibel weiterrotiert. Das ist Regierungskunst, wie sie der Zeitgeist verlangt. Glückwunsch, Frau Kanzlerin!

Nachsatz: Wenn in einigen Jahrhunderten Außerirdische die Erde betreten, werden sie uns als heidnisches Volk einstufen, welches seine wichtigsten Straßen um Keltengräber herumgebaut hat. Aber das sollen sie ruhig denken. Was wissen Aliens schon von unserem Zeitgeist?

 

Guter Kaffee für falsche Zähne

Schau an, bei  Tchibo gibt es jetzt auch falsche Zähne, auf Anfrage zügig geliefert aus Manila. Diese Nachricht überrascht, denn Kaffee verursacht  weder Parodontose, noch muss er risikoreich gebissen werden. Aber so ist das heute.  Produktdiversifizierung ist alles. Und sei sie noch so absurd.

Tchibo als Kaffeehändler einzuschätzen ist sowieso ähnlich absurd wie der Gedanke, dass man ein Telekom-Handy hauptsächlich zum Telefonieren verwendet. Diese Firma hat es geschafft, sich mit teilweise nutzlosen Produkten ins Herz der Menschen zu handeln. Ich weiß nicht, ob es eine elektronische Saftpresse mit Solarmodul gibt. Aber falls ja, dann von Tchibo.

Ich gehe außerdem davon aus, dass mindestens acht Prozent der T-Shirts  und zwölf Prozent der Unterhosen in Deutschland bei Tchibo gekauft worden sind. Ein Großteil der Terracotta-Gartenfrosch-Population geht vermutlich ebenfalls auf diese Firma zurück.

Aber falsche Zähne? Aus Manila? Dieses Angebot hätten wir doch eher als Wiedergutmachung des Herstellers von Storck-Riesen angesehen. Aber gut, Amazon hat auch einmal mit Büchern angefangen, seine Belegschaft auszubeuten und tut es heute sozusagen mit allen Gütern dieser Welt. Währenddessen Praktiker, berühmt für die Slogan-Zusatz „Außer Tiernahrung“ (als ob Baumärkte Katzenfutter verkaufen müssten), offenbar das Zeitliche segnet. Wobei einen, wie bei anderen Todesfällen auch, das Gefühl beschleicht, dass man etwas verpasst hat. Nämlich, den zukünftig arbeitslosen Baumarkt-Mitarbeitern dafür zu danken, dass sie die famosen Billigaktionen durch Lohn- und Provisionsverzicht erst ermöglicht haben.

Karstadt taumelt, Zalando schreit vor Glück. Es ist, wie es ist. Fragt sich nur, wie die Angehörigen der neuen Krisenbranche, die Autohersteller, die Kurve kriegen. Ich empfehle Rundum-Sorglospakete zum Thema Mobilität. „Audi. Vorsprung durch U-Bahn“, „Volkswagen. Der Wanderschuh“ – wir werden diese Slogans erleben.  Darauf eine Tasse Kaffee.

 

Mit Rollator-Pizza und Parkinson-Frisur

Elf Prozent. Das ist sie, die aktuelle Chiffre für die wahrhaftige Altersteilzeit in Deutschland. Dieser Anteil der Rentner/-innen – jede/r Neunte – geht nebenher arbeiten. Einige aus Lust, die meisten aber, weil das Geld nicht reicht. Uns allen ist klar: Die Tendenz ist steigend.

Wenn Abschiedsbriefe an ausscheidende Beschäftigte verschickt werden, ist gerne vom „wohlverdienten Ruhestand“ die Rede. Dieser Begriff soll ausdrücken, dass es völlig in Ordnung ist, wenn jemand, der über 40 Jahre gearbeitet hat, fortan nur noch die Füße hochlegt und keinen Finger mehr krümmt. Außer für seine Hobbys. In Zukunft könnte „wohlverdient“ für etwas Anderes stehen. Dafür, dass der sorglose Ruhestand nur solchen Menschen gilt, die ihn sich „wohl verdient“ haben. Ein Durchschnittseinkommen wird da kaum reichen, ein Mindestlohn schon gar nicht.

Die Politik sagt es noch nicht in dieser Schärfe, Aber im Hintergrund laufen die Vorbereitungen. Die Zahl der in Deutschland lebenden Hundertjährigen hat sich seit dem Jahr 2001 verdreifacht. Und dies ruft die Forscher am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg auf den Plan. Sie haben jetzt ihre zweiten „Heidelberger Hundertjährigen-Studie“ fertiggestellt.  In dieser wollen sie der Welt ein umfassendes Bild der deutschen Hochaltrigen und ihrer Lebenssituation zeigen. Neben den Herausforderungen des Alltags werden darin auch „die Stärken der Hundertjährigen“ dargestellt.

Na, wenn da nicht was dahintersteckt. Zum Beispiel die Überlegung der Märkte, dass die ärgerliche produktivitätsfreie Lücke zwischen Kinderkrippe und G-8-Abitur über einen Generationenvertrag durch die Alten geschlossen werden könnte. Und Stärken haben sie doch: Keiner kann so gut zuhören wie ein alterstauber Psychologe. Keiner kommt mit der Pizza so schnell durch den Stau wie der Rollator-Kurier. Und keiner zaubert ähnlich kreative Fransen wie der Parkinson-Friseur.

Es warten noch viele Herausforderungen. Und irgendwann wird auch die Politik  – kurz nach einer Wahl – mitteilen: Liebe Leute, Ihr habt Euch den Ruhestand verdient. Aber Ihr kriegt ihn nicht. Macht aber nix. Man lebt ja nur einmal.

P.S.: Der Hundertjährige (Kalender) meint für die Zeit vom 15. bis 31. Juli: „Schön bis schwül warm“. Sie haben Stärken, die Alten.

 

Gabriele und Mercedes – es war so schön

Meine Schreibmaschine heißt Mercedes.

Meine Schreibmaschine heißt Mercedes.

Was für eine wunderbare Idee! Wir ziehen den Geheimdiensten dieser Welt den Stecker. Über allen Glasfaserkabeln ist Ruh‘. Dafür wird das leise Tocken der Computertastaturen von einem herzhaften Klackern abgelöst. Jawohl, wir hacken wieder auf der Schreibmaschine herum.

Der kluge Gedanke kommt vom russischen Geheimdienst. Spähern, Spannern und anderen Datendieben kann man ganz einfach das Handwerk legen, indem man dem Internet den Strom abklemmt, indem man unplugged werkelt. Eine mechanische Schreibmaschine hat kein Kabel, also kann auch nichts abgesaugt werdeen.

Und, ehrlich gesagt: Die mechanischen Zeiten waren so schlecht nicht. Mein erstes Arbeitsgerät als freier Mitarbeiter einer kleinen Lokalzeitung hörte auf den schönen Namen „Gabriele“. Eine Maschine dieses Namens hatte ich später auch im Büro. Artikel zu schreiben, war eine sinnliche Tätigkeit. Denn die Tasten hatten einen echten Widerstand. Nach einem Tag mit hingebungsvoll protokollierter Brauchtumspflege, mit Autounfall und Gesangsvereins-Konzert (Standard-Überschrift: „Meisterhafte Interpretation“) konnten einem die Finger weh tun.

Sinnlose Recherche war nicht. Wenn nach dem Frühstück das Postfach geleert war, war ziemlich klar, was am Tag darauf in der Zeitung stehen sollte. Die anderen Geschichten holte man sich als Redakteur auf der Straße oder im Café. Telefone, Festnetz wohlgemerkt, gab es noch nicht in jedem Haushalt.

Das klingt jetzt sehr romantisch. Also möchte ich schon zugeben, dass das Auswechseln eines Farbbandes einen ähnlichen Nervfaktor hatte wie heute das Aktivieren eines Surfsticks. Schreibfehler waren ein größeres Problem als heute. Weshalb man vor dem Buchstaben mehr Respekt hatte als heute vor dem flüchtigen Zeichen.

Das erste Faxgerät in unserer Redaktion schließlich wirkte gewaltig. Es war in Orange lackiert und stand da wie eine Tiefkühltruhe. Die Übertragung eines Blattes Papier dauerte drei bis fünf Minuten. Aber schon damals war spürbar: Was durch den Draht kommt, wird als wichtiger empfunden.

Das hat sich nicht mehr geändert. Gabriele habe ich schon vor vielen Jahren auf den Wertstoffhof gebracht. Geblieben ist ihre antike Schwester namens Mercedes. Ja, ich sollte wieder einen Text hacken. Mit geschwungenen Buchstaben und zu 100 Prozent abhörsicher. Wenn da nicht diese Meldung vom Support wäre: „Ihr Farbband wird vom Hersteller nicht mehr unterstützt. Mit freundlichen Grüßen. Ihre NSA.“

Das Grundgesetz ist kein Altpapier

Es ist eine große Verheißung: Ein Gesetz, das den Menschen bedingungslos geschenkt wird und an das sich alle halten. Unabhängig davon, woher sie kommen, woran sie glauben, ob sie arm oder reich sind. Diese Vision gibt es. Sie nennt sich Grundgesetz und ist ein prima Regelwerk für’s friedliche Zusammenleben freier Menschen. Aber funktioniert es noch?

Nehmen wir Artikel 13: „Die Wohnung ist unverletzlich.“ Hier haben wir gerade ein großes Missverständnis erlebt. Einem Mieter wurde fristlos gekündigt, weil er starker Raucher ist. Nun kann man verstehen, dass einem Vermieter der Kamm schwillt, wenn er erleben muss, wie sein Eigentum radikal zugepafft wird. Aber eigentlich war mit Unverletzlichkeit der Wohnung nicht gemeint, dass die Rauhfasertapeten zuverlässig weiß bleiben. Sondern vielmehr, dass sich ein Mieter in seinen vier Wänden so leben kann, wie es ihm gefällt. Das Düsseldorfer Amtsgericht hat es anders gesehen.

Fast schon reine Ironie ist Artikel 10: „Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.“ Da unsere komplette Telekommunikation an verschiedenen Stellen gebündelt wird, kann sie lässig angezapft werden. Was ja auch passiert. Ich frage mich zwar, wie lange ein Geheimdienstspitzel massenhaften Hirnschrott lesen kann, ehe er reif für die Klapse ist. Und ich frage mich auch, warum wir einer Regierung nicht, einem Mark Zuckerberg aber schon vertrauen. Trotzdem lohnt es sich, um die letzten Reste dieses Versprechens zu kämpfen.  Man muss auch mal das Unmögliche wagen.

Wie wunderbar ist Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“  Nicht nur in Verbindung mit Artikel 8 „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln“ (man denke an den kürzlichen Polizeieinsatz in Frankfurt), sondern auch mit Artikel 12. Dessen erster Satz lautet: „Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.“  Sind Hartz-IV-Empfänger mit ihren vom Amt zugewiesen Ein-Euro-Jobs demnach keine Bürger? Wie steht es überhaupt um die Menschenwürde, wenn es für gute Arbeit lächerliche Löhne gibt? Ist das Verarschen junger Praktikanten nicht auch verfassungsfeindlich?

Es gibt so viele Fragen. Und es gibt ein gutes Gesetz. Als Altpapier ist es viel zu schade.

 

Papst Wojtyla, der wundersame Heilige

Oh, Polen! Du Land der Heiligen! Du hast uns Walesa geschenkt, den Heiligen der Werftarbeiter. Lewandowski, den Heiligen der Strafräume. Und jetzt wird Karol Jozef Wojtyla, – neben seinem Vorgänger Johannes XXIII. – der wahrhaft HeiligeVater! Wir falten die Hände. Und danken dem Herrn.

Prinzipiell ist gegen die Heiligsprechung des ehemaligen Papstes nichts einzuwenden. Er hat 26 Jahre einen wirklich anstrengenden und mitunter eigenartigen Job gemacht. Und zwar bis zum letzten Atemzug. Charisma hatte er. Er hat den Kommunismus in Osteuropa in aller Redlichkeit bekämpft, war aber in Sachen Empfängnisverhütung oder Frauenordination ein wahres Ärgernis.

Nun kennt jeder Verein für seine wackersten Streiter die Ehrenmitgliedschaft. Das entspricht bei Päpsten der Seligsprechung, welche bei Johannes Paul II. am 1. Mai 2011 erfolgt ist. Die noch höhere Stufe ist der Ehrenvorsitz, also die Heiligsprechung. Sie ist der Weg, um einen Sterblichen endlich von jeglicher Bodenhaftung zu erlösen. Papa Wojtyla selbst hat in seiner Zeit als Chef des Vatikans 486 Personen heiliggesprochen.

Nun ist bei ihm die Sache nicht so einfach. Die katholische Kirche verehrt ja vor allem solche Menschen, die für ihren Glauben gelitten haben oder gestorben sind. So kommt man verhältnismäßig leicht ins Heiligenverzeichnis, das sicher nicht umsonst Martyrologium heißt.  Johannes Paul II. hat ein Attentat überlebt. Aber das zählt hier nicht. Und deshalb muss geklärt sein, dass er zwei Wunder vollbracht hat.

Seine Kirche gräbt also nach und wird – welche Überraschung – tatsächlich fündig. Demnach hat der frühere Papst mit Gott über die französische Nonne Marie Simon-Pierre gesprochen. Woraufhin diese von Parkinson geheilt worden sein soll. Und weil es ohne Martyrium zwei Wunder braucht, taucht in den Akten eine Frau aus Costa Rica auf, welche von einer schweren Hirnverletzung erlöst wurde. Was zweifelsfrei der zu diesem Zeitpunkt bereits toten Papst ermöglicht haben soll.

Liebe katholische Kirche, sprich heilig, wen Du willst. Ich find’s gut. Aber höre bitte damit auf, Deine Schäfchen und den Rest der Welt für blöd zu halten. Selbstverständlich redet niemand mit Gott, bloß weil er am Petersplatz in Rom wohnt. Die Hirnverletzung von Costa Rica könnte auch eine unbekannte Voodoo-Priesterin kuriert haben. Man weiß es einfach nicht.

Ich sage: Wenn Johannes Paul II. den Zölibat abgeschafft hätte – das wäre ein Wunder gewesen. Das hat er ausgelassen. Also bete ich nicht mit, sondern gebe mich der spirituellen Verheißung eines italienischen Sprichwortes hin: „Ein Fass Wein beinhaltet mehr Wunder als eine Kirche voller Heiliger.“ In diesem Sinne: Prost. Und Amen.

 

 

 

 

Ägypten: Die zwangsläufige Gegenrevolution

Wir schauen nach Ägypten,wir sind beeindruckt und fassungslos. Das hatten wir schon mal vor knapp zweieinhalb Jahren. Damals wurde Präsident Hosni Mubarak von seinem Volk verjagt. Doch der Neustart ist schief gegangen. Es hat sich nichts Wesentliches verbessert. Weshalb der aktuelle Militärputsch nicht überraschend kommt.

Ich zitiere mich einfach mal selbst. Am 28. Januar 2011 lautete mein Statement so: „Über Jahre hinweg hatten uns vor allem die Fernsehbilder westlicher Sender ein sehr einseitiges Bild der Araber(innen) eingetrichtet. Nämlich eines von dumpfen religiösen Fanatikern, die irgendwelche Mullahs anbeten und laut schreiend dänische oder andere Fahnen verbrennen. Und denen durch Geistesgrößen wie Georg W. Bush erst einmal die Demokratie beigebracht werden muss.

Nun zeigt sich urplötzlich dieses: Anscheinend haben Menschen überall auf der Welt die gleichen Träume. Sie wollen möglichst frei über ihr Leben entscheiden, gleiche Chancen haben und gerecht behandelt werden. Auch in Ländern wie Tunesien oder Ägypten. Es sind, so gesehen, Menschen wie Du und ich. Warum eigentlich ist das für uns erstaunlich?“.

Mitte Juli 2011 hatte sich gezeigt, dass wir mit der Revolution in Ägypten nicht so recht umgehen konnten. Ich habe es so formuliert: „Als Touristen sind wir eine seltsame Spezies. Fragt jemand nach dem Demokratie-Index an unserem Traumstrand? Nehmen wir Kuba. Eine tolle Insel, tolle Leute, tolle Musik, tolle Zigarren. Aber auch – zum Beispiel – der größte Journalistenknast der Welt. Schöne, heiße Gegenden wie der Oman oder das künftige Fußball-WM-Gastgeberland Katar sind keine freien Länder.

Aber gerade beim Blick nach Arabien wird es absurd. Ein Land wie Ägypten war wegen seiner reichen Kultur, der günstigen Preise und wegen der gastfreundlichen Menschen immer ein beliebtes Reiseziel. Auch in Tunesien ließen sich deutsche Touristen gerne in der Sonne grillen.

Bis, ja bis in beiden Ländern die Demokratie ausgebrochen ist. Seitdem gehen die Gästezahlen nach unten, in Tunesien stärker als im Land der Pyramiden. Das wirkt, als wären uns von verlässlichen Diktatoren kontrollierte Urlaubsgebiete  lieber, als Regionen, in denen freie Menschen leben. Als fänden wir es schöner, wenn uns billige Sklaven bedienen als Gastgeber, die uns auf Augenhöhe begegnen.

Warum helfen wir den jungen Demokratien nicht, indem wir gerade jetzt hinfahren? Warum bestrafen wir Diktaturen nicht durch Urlaubsboykott? Wenn es nicht reine Ignoranz ist, muss es wohl eine Angst vor der Freiheit geben. In diesem Sinne: Bloß gut, dass Weißrussland nicht am Meer liegt“.

Am 6. Dezember 2012 habe ich geschrieben:  „Seit einiger Zeit sind mir bestimmte Textzeilen aus der “Internationalen” ins Hirn gedübelt. In diesem Arbeiter-Kampflied heißt es:  “Es rettet uns kein höh’res Wesen. Kein Gott, kein Kaiser, noch  Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, müssen wir schon selber tun.” Über 100 Jahre ist dieser Text alt. Und trotzdem hoch aktuell. Denn er sagt auch: Wenn die Wirtschaft nicht richtig funktioniert, wenn Wohlstand nicht gerecht verteilt ist, wächst die Sehnsucht nach höheren Wesen.

Ein Beispiel dafür ist für mich Ägypten. Dort hat das Volk einen Diktator aus dem Amt gejagt. Es gab die Hoffnung, dass dort die Demokratie ausbrechen würde. Aber die Wirtschaft ist am Ende, auch deshalb, weil die Touristen, aus Angst vor unkontrollierten freiheitlichen Umtrieben, weggeblieben sind. Kein Geld, keine Perspektive – also hilft vielleicht der liebe Gott. Man baut auf die Religion und auf jene, die sie für Machterwerb und -erhalt nutzen. Solche Kräfte haben zudem die reichsten Sponsoren. Wahrscheinlich wird eine Diktatur durch eine andere ersetzt.“.

Es ist traurig, dass die Menschen in Ägypten so wenig von ihrer Revolution profitiert haben. Wünschen wir, dass der neue Anlauf besser gelingt. Und:Irgendwann ist der große Stress vorbei. Dann fahren wir mal wieder hin.