"Sozial schwach" ist ein dämlicher Begriff

Mal eine ganz besondere Frage: Was verdient eine Verkäuferin in einer Discount-Bäckerei? Meiner Erwartung nach wird sie eher nicht reich sein. Warum ich das wissen will? Weil die nationale Armutskonferenz gerade über den Begriff „Sozial Schwache“ diskutiert hat. Sie hat ihn zum Unwort erklärt. Ich sage „Danke“ und hoffe, dass diese Botschaft bei möglichst vielen Menschen ankommt.

Nach der bisherigen Sprachregelung müsste meine Bäckereiverkäuferin eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen. Sie müsste Schwarzfahren, immer ein bisschen Wechselgeld klauen, gleich nach Feierabend Alkohol picheln und ihr Kind mit altem Brot füttern. Außerdem müsste diese Frau die meiste Zeit dumpf und sprachlos auf ihrem Sofa herumsitzen. Kontakte zu anderen Menschen müssten ihr fremd sein.

Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Meine Verkäuferin versprüht zuverlässig gute Laune. Ihre Discounter-Filiale, in der sich die Kundschaft Brot und Gebäck selber mit Zangen aus den Regalen fischen muss, ist ein kleines Kommunikationszentrum für die Nachbarschaft geworden. Die Frau hinter der Kasse wiederum hat für ihre Kundinnen und Kunden fast immer ein gutes Wort parat. Sie ist auf jeden Fall „Sozial stark“. Am Geld liegt das sicher nicht.

Ich selber verwende den Begriff „Sozial schwach“ seit vielen Jahren nicht mehr. Ich sage „kapitalschwach“. Das halte ich für treffend, denn es ist ja nicht gesagt, dass jemand, der viel Geld hat, automatisch ein soziales Wesen beziehungsweise ein besserer Mensch ist. Ich meine zum Beispiel, dass die Steuerberaters-Gattin, die als Hausfrau lebt und nebenbei eine kleine Galerie betreibt, viel weniger in die Gesellschaft integriert ist, als meine nette „Brötchengeberin“. Ganz zu schweigen von bedeutenden Männern, die stolz sind, wenn sie den Staat unbemerkt um ein paar Steuermilliönchen betrogen haben. Der Saufkopf, der ausschließlich zwischen Sofa und Spielsalon pendelt, ist auch kein Held.

Gute, wertvolle Menschen gibt es in jeder gesellschaftlichen Schicht. Arschgeigen und Kotzbrocken auch. Die Höhe von Einkommen und Vermögen sagt darüber nichts.

Fazit also: „Sozial schwach“ ist ein dämlicher Begriff. Schaffen wir ihn ab.

 

Merkels Nudelholz trifft Iren-Schädel

Nichts ist strafender für Männer, als die ehrliche Verachtung des Weibes. Jetzt hat ausgerechnet die sonst so rationale Angela Merkel dieses geistig-moralische Nudelholz hervorgeholt. Sie hat sie mit Wucht auf die Schädel irischer „Dumm-Banker“ (Bild-Zeitung) gedonnert. Wir wissen nun: Jähzorn ist Mutti fremd. Aber wenn Schluss ist, ist Schluss.

Na gut, dieser Bowe, dieser Drumme und dieser Fitzgerald, früher Chefs der Pleite-Bank AIB, haben ganz böse danebengelangt. Wenn da vor knapp fünf Jahren gesagt wurde, man habe sich die Zahlen über nötige Not-Kredite  „aus dem Arsch gezogen“, um die Behörden zu täuschen, ist das fast schon deutscher Humor (traditionell analfixiert). Unsere Anleger als „Scheiß-Deutsche“ zu beschimpfen, ruft nach der Arschkarte. Unerhört auch, dass sich die irischen Geldmanager darüber lustig machen, dass sie ihre Schulden höchstwahrscheinlich nie zurückzahlen würden.

Solche Leute müssen mit aller Härte bestraft werden. Wobei mildernde Umstände zu gewähren sind. Banker sind nicht Volk und Staat, sondern ihren Aktionären verpflichtet. Falls Politiker/-innen samt Beamtenapparat in einem Finanzchaos den Überblick verlieren, kann man nicht erwarten, dass private Geldvermehrungs- beziehungsweise Geldvernichtungsmaschinen die Kohlen aus dem Feuer holen. Wenn der Staat schwächelt, muss man dies ausnutzen. Dies ist der Wille der Kundschaft. Außerdem hätten die Iren-Banker durchaus recht, sollten sie darüber schimpfen, dass es beim Bewältigen der Schuldenkrise ihres Landes immer auch darum ging, die Werte deutscher Anleger beziehungsweise von Kunden der Deutschen Bank zu schützen.

Man fragt sich noch etwas: Warum werden diese Telefonate gerade jetzt bekannt? Stattgefunden haben sie 2008. Jetzt aber, knapp drei Monate vor der Wahl, geben sie der Bundeskanzlerin die Gelegenheit, sich als energische Regierungschefin zu präsentieren. Die Bild-Zeitung zeigt sie mit ernstem Blick, offensichtlich entschlossen, den frechen Guiness-Knilchen und allen anderen Raff-Bunkern den Garaus zu machen. Bisher war das nicht ihre Spezialität. Nun aber erahnen die Betrachter, wie sehr Angela Merkel charakterlose Geldstrategen verachtet. Wie sehr sie ausschließlich vom Wohl ihres Volkes beseelt ist.

Sie riechen eine Verschwörungstheorie. Na gut. Wahrscheinlich aber ist das alles nur ein Zufall und eben ein Beispiel dafür, dass investigativer Journalismus immer etwas Zeit braucht. Wer den „Dumm-Bankern“ zuhören möchte, klickt hier: http://www.independent.ie/business/irish/inside-anglo-the-secret-recordings-29366837.html

 

 

 

 

 

Beutekunst: Jetzt hilft nur noch der Papst

Feinste Beutekunst: Der Obelisk auf dem Petersplatz.

Feinste Beutekunst: Der Obelisk auf dem Petersplatz.

Jetzt dreht sie richtig auf, unsere männermordende Bundeskanzlerin. Die Leichen vieler als alternativlos eingeschätzter Minister und Ministerpräsidenten säumen ihren Weg. Derart selbstbewusst ist Angela Merkel geworden, dass sie sich mit dem mächtigsten amtierenden Macho des Kontinents angelegt hat, mit Wladimir Putin. Es geht um Beutekunst.

Wir pflegen gerne unsere Vorurteile. Russen saufen Wodka, prassen im Ausland, akzeptieren Frauen nur ab 10 Zentimetern Absatzhöhe und tanzen wild zu Akkordeonmusik. Aber Demokratie ist ihnen so fremd wie nur irgendwas. Weshalb sie auch einen Ex-Geheimdienstler mit kalten Augen an der Spitze haben.

Aber die Beutekunst? Natürlich, es ist ein Unrecht. Wir Nürnberger kennen es, weil unsere besten Dürer-Bilder in München hängen. Aber wer Kriege verliert, muss es zunächst ertragen, dass der zuvor angegriffene Feind all das, was dem anderen gehört hat, als sein neues Eigentum betrachtet. Bis etwas zurückgegeben wird, kann es lange Zeit dauern. Zumal dann, wenn irrsinnig viele Landleute zuvor gestorben sind.

Putin braucht also vor allem eines: Gute Beispiele, die es ihm leicht machen, ein großes Herz zu zeigen. Und da gäbe es doch jemand. Nämlich Papst Franziskus. Besitzt er doch ein wunderbares Symbol für weltweite Beutekunst. Den Obelisken auf dem Petersplatz, zur Zeit von Kaiser Augustus in Alexandria geklaut vom damaligen Präfekten Gaius Cornelius Gallus.

Eure Heiligkeit, Ihr, der sympathischte, bescheidenste und freundlichste Staatschef dieses Planeten – verzichtet doch auf dieses Statussymbol. Und gebt den Ägyptern, was den Ägyptern gehört. Dann kriegen auch die Deutschen das Deutsche. Denn eigentlich, das ist uns doch klar, ist der Putin gar nicht so. Zumal im klar sein sollte: Gegen den Fluch der Merkel ist der Fluch der Pharaonen Pippikram.

 

 

 

 

Wenn Franken reden, staunt der Brite

Wie konnten wir so naiv sein? Wir haben tatsächlich geglaubt, dass die USA die größte Datenklau-Nation der Welt seien. Ein Land, in dem man erst in jüngerer Vergangenheit gelernt hat, einigermaßen akzeptable Autos zu bauen. Ein Land, das wohl noch Jahrzehnte braucht, um ein Gefangenenlager zu schließen. Ein Land, das die Microsoft-Software hervorgebracht hat, deren Macken schon viele Menschen in Jähzorn oder Depression getrieben haben. Aber jetzt ist es raus. Der britische Geheimdienst weiß am meisten.

Das hätte uns klar sein müssen. Schließlich haben die Schnüffler Ihrer Majestät immer die Spitze des nachrichtendienstlichen Fortschritts definiert. Denken wir nur an James Bond und seinen Cheftüftler Q. Welchen anderen Konstrukteuren dieser Welt ist es gelungen, ein gutes Dutzend tödliche Waffensysteme mit einer Sportwagenkarosserie zu verschrauben? Britischer Erfindergeist verblüffte uns mit Diplomatenkoffern mit integriertem Wurfmesser und Tränengaspatronen, mit Armbanduhren mit Kreissäge, Raketenrucksäcken, Kugelschreibern mit Säuresprüher oder mit explodierende Weckern.

So sind sie, die Briten. Vordergründig seriös, aber in Wahrheit für jede verrückte Idee zu haben. Wenn sie denn dem vormals weltumspannenden Empire dient.

Natürlich bin ich über Stasi-England schwerstens empört. Ich muss aber auch grinsen, angesichts der Vorstellung, dass britische Agenten fränkische Dialoge abhören. Sie können ja nicht wissen, dass der Satz „In day show dammer my face way“ in Wahrheit „In diesen Schuhen tun mir die Füße weh“ heißt. Und die kryptische Botschaft „Hide Kennedy a mall Ford gay“ sagt nur „Heute könnte ich mal fortgehen“. Was kann das an Missverständnissen und fehlgeleiteten Observationen auslösen? Was wird hier wieder sinnlos an Geld verbrannt.

Tja, aber das ist die gerechte Strafe für’s Schnüffeln. Ich halte es mit unserer Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und sage beim Telefonieren laut und zum Mithören: „Adds since queeze nash won delight?“ (Jetzt sind sie wohl närrisch geworden, die Leute?) Wahrscheinlich schon, oder?

(PS.: Der Erfinder von „Nämberch Englisch spoken“ ist der Künstler Günter Stössel . Er hat einen entsprechenden Sprachkurs 1975 und 1976 in zwei Büchern verewigt. Ein „Best of“ ist 2003 im Ars Vivendi-Verlag erschienen.)

Auch bei der SPD: Tränen lügen nicht

Manchmal ist es der letzte Versuch: Ein Mann muss tun, was er tun muss. Gelegentlich auch etwas Ungewöhnliches. Zum Beispiel Gefühle zu zeigen, wenn es niemand erwartet. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat es gemacht. Helfen wird es nicht.

Weinen ist für Männer im Rentenalter (Steinbrück ist 66) gar nicht so einfach. Einerseits macht das Leben Männer mit den Jahren immer härter. Zudem lässt die natürliche Produktion von Tränenflüssigkeit nach. Senioren haben eher trockene Augen.

Der Kanzlerkandidat hat trotzdem geweint. Aber worüber? Hat ihn tatsächlich die Rede seiner Frau so tief berührt? Oder ist ihm einfach bewusst geworden, in welch verkorkstes Projekt er momentan verstrickt ist. Die SPD als Partei, die unbedingt an die Macht möchte, ist tatsächlich schwer wahrnehmbar. Sie müsste wie Borussia Dortmund auftreten, wirkt aber wie Bochum oder Duisburg.

Im Bund mit einem Spitzenkandidaten, dessen Entdecker, der ansonsten allwissende Helmut Schmidt, sich mit Blick auf seinen Kandidaten tendenziell auf Altersdemenz beruft. In Bayern einem Anführer namens Christian Ude. Er ist der berühmteste linkshändige Bierfass-Anzapfer der Welt. Er ist auch ein vielfach gewählte Münchner Oberbürgermeister.

Aber er leidet auch unter dem Schicksal, dass sein Witz in seinen Büchern viel mehr zu erleben ist als in seinen bräsigen Reden. Wenn man ihn wenigstens nicht so arg frühzeitig ins Rennen geschickt hätte – man hätte es nicht gemerkt.

Alles in allem kann man Peer Steinbrücks Tränen auf dem Parteikonvent absolut verstehen. Seine Partei liegt aktuell bei 22 Prozent – mehr als das Amt des Vizekanzlers wird für ihn nicht herausspringen.

Und Christian Ude? Steht auch nicht gut da, könnte es aber mit einer Mehrparteien-Koalition schaffen. Dazu jedoch bräuchte es ein Ereignis oder einen Skandal, der sowohl der CSU schadet als auch der SPD nützt. Nach allem was schon war, erscheint so etwas völlig undenkbar.

Also weinen alle, die Genossen sind oder die Genossen mögen. „Tränen stillen keine Not“, heißt ein russisches Sprichwort. „Tränen reinigen das Herz“. sagt Dostojewskij. Na, immerhin.

Stolze Frauen tragen keine Leggings

Eine der großen Verheißungen des Feminismus ist es, dass sich fast alles zum Guten änderte, sobald die Frauen an der Macht wären. Die Revierkämpfe eitler Chef-Gockel wie auch das versoffene Klüngeln in den Männerbünden wären passé. Zählen würden fortan Fachwissen und emotionale Intelligenz. Der Himmel über uns würde rosa getüncht, dem Paradies auf Erden wäre der Weg bereitet.

Auf der ganz großen Weltbühne verlaufen Versuche mit mächtigen Frauen allerdings ernüchternd. Margaret Thatcher, frühere englische Premierministerin, glänzte nicht nur durch eine sagenhafte Betonfrisur, sie zermörserte komplett humorlos die Gewerkschaften ihres Landes. Schließlich führte sie gegen Argentinien Krieg um eine nebensächliche Inselgruppe am Rand der Antarktis. Unsere Bundeskanzlerin gibt sich zuletzt ziemlich locker. Authentisch wirkt Angela Merkel aber dann, wenn sie mit ihrer Sekundenkleber-Geste dasteht und mit hängenden Mundwinkeln die neuesten Alternativlosigkeiten verkündet.

Genau das ist das Erfolgsrezept. Frauen werden als führungsbereiter wahrgenommen, wenn sie nicht fröhlich wirken, sondern Stolz auf ihre eigene Leistung zeigen. Dies ist eines der ersten Ergebnisse eines langfristigen Forschungsprojekts, bei dem Wirtschaftswissenschaftlerinnen der Technischen Universität München die Auswahl und Beurteilung von Führungskräften untersuchen. Selbst Frauen erwarten demnach noch immer mehr Führungskraft von Männern. Diese sollen durchsetzungsstark, dominant und hart auftreten. Frauen hingegen sollen ausgleichend, freundlich und sozial auftreten. Andererseits wurde Emotionsfreiheit bei Frauen als Indiz für Führungswillen wahrgenommen.

Stolz und unnahbar sollen sie also sein, die Business-Ladies. Aber bitte bloß im Beruf. Denn auch eine große Online-Partnerschaftsagentur hat die Wirkung des weiblichen Geschlechts untersucht. Die Traumfrau hier: 76 Prozent der Männer finden kochende Frauen sexy, Frauen mit Doktortitel aber nur 18 Prozent. 70 Prozent der Männer klickten beim Favoritinnen-Quiz auf „attraktive Frauen“, nur 27 Prozent auf „Karrierefrauen“. Schlank, brünett und blauäugig sollen sie auch sein.

Das alles zeigt, dass es Frauen wirklich nicht leicht haben. Zumal sie, wie die Kuppelagentur ermittelt hat, auf keinen Fall Leggings und Hippiekleider tragen sollen. Zumindest diese Anforderung sollten Büro-Herrscherinnen erfüllen. Es gibt also Hoffnung. Nicht viel. Aber immerhin.

Gipfel-Mutti Merkel besiegt die Flut

Ganz oben stehen, den Blick bis zum fernen Horizont schweifen lassen, gütig hinabsehen ins Tal der Tränen mit all seinen kleinen und großen Problemen. Welcher Mensch möchte das nicht genießen? Ja, der Gipfel ist der Platz der großen Lenker(innen) dieses unseres Daseins. Und wir Deutschen sind gebenedeit unter den Völkern. Denn für uns sorgt die treue Gipfel-Mutti.

Es ist eines der großen Erfolgsrezepte der Angela Merkel, dass sie weitgehenden Politikverzicht durch eine vermeintliche Höhe ihres Denkens und Handelns kaschiert. In ihrer Regierungszeit ist unsere Demokratie zu einem mittleren Hochgebirge herangewachsen. Wohin das Auge blickt, gibt es Gipfel. Integrationsgipfel, Bildungsgipfel, Elektromobilitätsgipfel, Eurokrisenbankenrettungsgipfel, und, und, und…

Nun plant sie den nächsten Coup, den Flutgipfel. Es ist also angedacht, dass sich wichtige Menschen ganz oben treffen, ein wenig miteinander plaudern, ehe Angela Merkel sowie vermutlich der einzig wahrhaftige Nettozahler Markus Söder den Hahn aufdrehen, so dass sich ein Strom von Geld heilend ins versunkene Land ergießt. Spontan wirkt dieses Bild beängstigend. Die Flut durch eine Flut zu bekämpfen, ist schon verwegen. Doch andererseits: Es gibt ja noch Wolfgang Schäuble. Und der wird schon dafür sorgen, dass der Strom der Rettung ein Rinnsal bleiben wird.

Andererseits: Gelingt die Übung, ist der Weg endgültig frei für Politik aus der Höhenluft. Wir freuen uns auf den Mietpreisbremsengipfel, den Gammelfleischvernichtungsgipfel, den Windkraftgipfel und den Wetten, dass…?-Moderatorensuchegipfel. Die Näherinnen in Bangladesh werden glücklich sein, wenn sie einen Großauftrag mit schwarz-rot-goldenen Gipfelmützen nähen dürfen. Mit 20 Prozent Neoprenanteil, so dass eine ganze Nation an den Rockgipfel der Kik-Ikone Verona Pooth hängt.

Es wird schön werden, wenn Philipp Rösler ein Gamsbart wächst. Während seine Chefin endgültig in die Daseinsform der unabwählbaren Regentin hinübergleitet. Nie mehr Hektik im Bundeskanzleramt, sondern nur noch Goethe: „Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest du, kaum einen Hauch. Die Opposition schweigt im Walde. Warte nur, balde
ruhest du auch.“ Amen.

Obama, warum hast Du so große Ohren?

Wir haben ihn alle nicht richtig ernst genommen, den US-Präsidenten Barack Obama. Weil da einer mit schwarzer Haut ins Weiße Haus eingezogen ist, waren wir sicher, dass das ein besonders guter Mensch sein muss. Wir sind in einen romantisierenden Rassismus verfallen. Aber so ging es Menschen auf der ganzen Welt. Obama ist der erste Politiker, der es mit lediglich zwei, drei guten Reden zum Friedensnobelpreis gebracht hat. Spätestens nach diesem verrückten Ereignis hätten wir Verdacht schöpfen und ihn uns genauer ansehen müssen.

Haben wir nicht getan. Er hat ja auch so eine schicke Frau. Und der Zwischenruf „Aber besser als der Bush ist er schon“ wird akzeptiert. Es war aber auch nicht schwer, netter als der dumme Texaner zu sein. Obama hat Einiges zum Guten verändert. Aber das Großmacht-Gehabe der USA pflegt er weiter. Wie jetzt der Abhörskandal zeigt.

Man fragt sich doch: Welchen Charakter hat ein Staat, der für sich beansprucht, dass er ganz selbstverständlich in den Daten von Telefon- und Internet-Anbieter herumwühlen darf? Wer sind die Vereinigten Staaten, dass sie weltweit Passwörter klauen, Suchmaschinen-Anfragen analysieren oder Chat-Verläufe nachlesen? Haben wir es mit einem Übermaß an Verfolgungswahn zu tun? Oder ist es die kompromisslose Dreistigkeit des erfolgreichen Kriminellen? Ist es die amerikanische Definition von Freiheit, dass man für sich den Rest der Welt zum Eigentum erklären kann?

Von allem etwas. Aber der wichtigste Aspekt ist wohl doch die Paranoia, die Angst vor dem unbestimmten Bösen. Es gibt ja keine andere Demokratie, in der ein derart hoher Anteil der männliche Bevölkerung in Gefängnissen sitzt und in der so viele Menschen ernsthaft daran glauben, dass Waffen das Leben sicherer machen. Die US-Abhörzentrale in Bluffdale der Wüste von Utah ist ein Bauwerk mit 92.000 Quadratmetern. Die Speicherkapazität der dortigen Computer beträgt ein Yottabyte, das sind rund 500 Trillionen oder 500.000.000.000.000.000.000 Textseiten. An weiteren Standorten dienen rund 10.000 Mitarbeiter dem riesigen Horch-und-Guck-Speicher als Zulieferer von Informationen.

Wer einen solchen Aufwand für Spionage betreibt, muss – alles in allem betrachtet – eine Scheiß-Angst haben. Die Rotkäppchen-Frage „Obama, warum hast Du so große Ohren?“ ist somit beantwortet. Sein Land und er müssen alles wissen. Uns, den Abgehörten, hilft das nicht wirklich. Wir können nur hoffen, dass unser amerikanische Internet-Schnüffler immer auch in unserem Spam-Ordner landet. Dort wird er erfahren, dass es bei uns auf jedes x-beliebige Produkt mindestens 50 Prozent Rabatt gibt, dass Urlaubsreisen, Boxershorts und die berühmten iPhones einfach so verschenkt werden und dass auf jeden deutschen Mann 430 sexhungrige Singlefrauen warten. Und dann schlackern ihm die Ohren. Hoffentlich.

Wir nach der Sintflut

„Das ist ja wie die Sintflut!“ Das rufen die Menschen gerade überall. Selten hat es eine derartige massenhafte Wiederentdeckung des Alten Testaments gegeben. Was die meisten übersehen: Es ist tatsächlich eine neue Sintflut. Gott hat es mit dem Bestrafen der Menschen heute bloß schwerer.

Der Herr hat gute Gründe für seinen Zorn. Wir glauben immer noch fest an Angela Merkel, die CSU könnte trotz der Verwandtenaffäre die absolute Mehrheit bekommen. Die FDP ist völlig grundlos wieder bei fünf Prozent – und Bayern München gewinnt alles, was es zu gewinnen gibt. Wer fressen die sinnlosesten Lebensmittel und bereiten uns durch den Kauf von Vierrad-Fahrzeugen auf die schwierigeren Straßenverhältnisse durch Starkregen und Wüstenausbreitung vor. Die Nation glotzt „Wer wird Millionär?“ oder „Germany’s Next Top Model“, während in Südeuropa zwecks Jobmangel eine junge Bürgerkriegsgeneration herangezüchtet wird. Und, und, und…

Sicher, zur Zeit des Alten Testaments gab es reichlich Unrecht und Barbarei. Wer sich mit dem Nachbarn über einen falsch gesetzten Gartenzaun gestritten hat, hat ihm mit dem Knüppel die Rübe weggehauen. Heute schickt man Drohnen los. Diese töten mit dem Bösewicht zwölf unschuldige Zivilisten. Sie arbeiten aber sauberer.

Recht hat er also, der liebe, wütende Gott. Er hat bloß ein Problem: Er kriegt das mit der Höchststrafe – dem Ausradieren aller Sünder – nicht mehr hin. Denn seit Noah hat sich einiges geändert. Es wurden Deiche gebaut, in jedem Baumarkt gibt es Hochleistungspumpen. Und schließlich sind überall aktive Ortsgruppen von Feuerwehr oder Technischem Hilfswerk im Einsatz.

Man fragt sich doch: Wie wäre es in der Bibel weitergangen, wenn es zu Noahs Zeiten schon Talsperren und Regenrückhaltebecken gegeben hätte? Wenn die freiwilligen Abpumper schon gelebt hätten? Wären vielleicht nur die Nagetiere ersoffen und die Menschen hätten Gott besiegt und wären noch schneller böse geworden?

Wir werden darauf, wie auf viele Fragen des Glaubens, keine eindeutige Antwort finden. Wir wissen allerdings, dass Angela Merkel und Horst Seehofer das überflutete Passau besuchen werden. Gemeinsam, wahrscheinlich in Gummistiefeln. Das ist der endgültige Sieg des modernen Menschen über das Alte Testament. Fürchtet Euch nicht!

Ganz menschlich: Nach dem Triple kommt der Frust

Welch Glück! Bayern München hat das Unfassbare geschafft, das Triple! Ein 68-jähriger Trainer und seine Fußballer sind zu so genannten Legenden geworden. Man surft jubelnd mit der Erfolgs-Flatrate. Ich, als Nicht-Fan dieses Vereins, sage ganz gelassen: Lasst sie ruhig feiern. Sie werden sich noch umschauen.

Gäbe es ein Individual-Triple aus beruflichem Erfolg, Liebesglück und konstantem Fettabbau – ich möchte es gar nicht haben. Denn das Glück rächt sich, wenn es zu perfekt geworden ist. Unser Menschen-Dasein ist ja so angelegt, dass wir zumindest auf dieser Welt nie ganz zum Ziel kommen. Wir streben etwas an und kommen dem Idealzustand im besten Fall ganz nahe. Den Rest regelt das Paradies.

Wenn es allzu gut läuft, wird es gefährlich. Wer kennt sie nicht, die Geschichten von abgestürzten Lotto-Hauptgewinnern? Wem fallen nicht Sängerinnen ein, die sich kurz nach dem lange erträumten Platin-Album mit Kokain oder Alkohol zugedröhnt haben? Sind alle Oscar-Gewinner/-innen glückliche Menschen? Man kennt es anders.

Glück macht unglücklich, wenn es nicht mehr gesteigert werden kann. Wenn es fast sicher nur schlechter werden kann. Welche Freude sollte ein Golfspieler noch an seinem Sport haben, wenn er in einem Turnier alle Löcher mit nur einem Schlag getroffen hat? Ich meine, keines mehr.

Auch für die reichen Münchner Kicker gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder es wird schlechter, und der Frust ist groß. Oder man bleibt ganz oben und beginnt, sich und andere zu langweilen. Fußball vom anderen Stern? Nein, den will auf Dauer keiner sehen. Also feiert. So ein wunderschöner Tag, der dürfte nie vergeh’n. Aber er tut’s. Ganz bestimmt.