"Sozial schwach" ist ein dämlicher Begriff

Mal eine ganz besondere Frage: Was verdient eine Verkäuferin in einer Discount-Bäckerei? Meiner Erwartung nach wird sie eher nicht reich sein. Warum ich das wissen will? Weil die nationale Armutskonferenz gerade über den Begriff „Sozial Schwache“ diskutiert hat. Sie hat ihn zum Unwort erklärt. Ich sage „Danke“ und hoffe, dass diese Botschaft bei möglichst vielen Menschen ankommt.

Nach der bisherigen Sprachregelung müsste meine Bäckereiverkäuferin eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen. Sie müsste Schwarzfahren, immer ein bisschen Wechselgeld klauen, gleich nach Feierabend Alkohol picheln und ihr Kind mit altem Brot füttern. Außerdem müsste diese Frau die meiste Zeit dumpf und sprachlos auf ihrem Sofa herumsitzen. Kontakte zu anderen Menschen müssten ihr fremd sein.

Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Meine Verkäuferin versprüht zuverlässig gute Laune. Ihre Discounter-Filiale, in der sich die Kundschaft Brot und Gebäck selber mit Zangen aus den Regalen fischen muss, ist ein kleines Kommunikationszentrum für die Nachbarschaft geworden. Die Frau hinter der Kasse wiederum hat für ihre Kundinnen und Kunden fast immer ein gutes Wort parat. Sie ist auf jeden Fall „Sozial stark“. Am Geld liegt das sicher nicht.

Ich selber verwende den Begriff „Sozial schwach“ seit vielen Jahren nicht mehr. Ich sage „kapitalschwach“. Das halte ich für treffend, denn es ist ja nicht gesagt, dass jemand, der viel Geld hat, automatisch ein soziales Wesen beziehungsweise ein besserer Mensch ist. Ich meine zum Beispiel, dass die Steuerberaters-Gattin, die als Hausfrau lebt und nebenbei eine kleine Galerie betreibt, viel weniger in die Gesellschaft integriert ist, als meine nette „Brötchengeberin“. Ganz zu schweigen von bedeutenden Männern, die stolz sind, wenn sie den Staat unbemerkt um ein paar Steuermilliönchen betrogen haben. Der Saufkopf, der ausschließlich zwischen Sofa und Spielsalon pendelt, ist auch kein Held.

Gute, wertvolle Menschen gibt es in jeder gesellschaftlichen Schicht. Arschgeigen und Kotzbrocken auch. Die Höhe von Einkommen und Vermögen sagt darüber nichts.

Fazit also: „Sozial schwach“ ist ein dämlicher Begriff. Schaffen wir ihn ab.