Pessimisten leben länger

Habe, ach, studiert 25 Bücher über Glück und über Wege dorthin. Habe die zehn Gebote für angehende Optimisten auswendig gelernt. Und jetzt dies: Allzu großer Optimismus im Alter kann zu einem erhöhten Erkrankungs- und Sterblichkeitsrisiko führen. Das zeigt eine Studie von Forschern der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg gemeinsam mit weiteren schlauen Leuten aus Berlin und Zürich. Demnach leben ältere Menschen, die ihre künftige Zufriedenheit gering einschätzen, offenbar länger und gesünder als ältere Menschen, die für sich eine rosige Zukunft sehen.

Herausgefunden haben die Forscher Folgendes: Im Gegensatz zu den älteren Menschen zeichneten junge Erwachsenen dabei meist ein unrealistisch rosiges Bild von ihrer Zukunft. Menschen im mittleren Erwachsenenalter dagegen waren weitgehend realistisch. Je älter die Befragten waren, umso pessimistischer schätzten sie ihre Zukunft ein. Überraschend sei gewesen, dass die Befragten umso pessimistischer in die Zukunft sahen, je stabiler ihre Gesundheit und je höher ihr Einkommen war. Meinen die Erlanger Experten.

Was bitte ist an diesen Erkenntnissen überraschend? Es ist doch klar, dass jeder Mensch als grenzenloser Optimist anfängt. Kinder lernen jeden Tag Neues und unterliegen somit naiv und fröhlich dem Trugschluss, dass das Leben unbegrenzte Möglichkeiten böte. Ein Problem ist die Pubertät. Nachdenklichen jungen Menschen wird in dieser Entwicklungsphase bewusst, dass sie in naher Zukunft zu den Erwachsenen gehören. Das muss nicht zwangsläufig als erstrebenswert angesehen werden. Erst wenn dieser Stress überwunden ist, ist wieder für ein paar Jahre Platz für grenzenlose Zuversicht.

Danach, so ab 30, greift jedoch das Sprichwort „Ein Pessimist ist ein Optimist mit Lebenserfahrung“. Denn immer dann, wenn wir glauben, dass die größten Sorgen abgehakt sind und somit der Weg zum Glück bereitet ist, tauchen neue Probleme auf. Unser Pessimismusanteil steigt mit jedem Lebensjahr, zumal uns die ersten Optimisten schon viel zu früh verlassen haben. Etwa ab 70 sind wir endgültig zu Realisten geworden.

Ist das jetzt zum heulen? Aber nicht doch. Auch hier kommt es, wie immer im Leben, sehr darauf an, was man daraus macht. Der Pessimist hat also ein längeres Leben. Das ist aber nur schlecht, wenn er nicht weiß, was er damit anfangen soll. Tatsächlich ist es so: Wer düsterer nach vorne schaut, wird seltener enttäuscht und ist am Ende – jawoll – glücklicher.

Sehen wir die Dinge also ganz anders als Nina Ruge: Alles wird schlecht. Aber vielleicht nicht so schlimm wie man denkt.

PS: Unser Sterblichkeitsrisiko liegt bei 100 Prozent. Bei Optimisten und Pessimisten. Das müssen auch Forscher akzeptieren.