Peer Steinbrück: Ein Kerl für die Landwirtschaft

Hiermit stelle ich Folgendes fest: Ich finde Peer Steinbrück witzig. Einen Politiker, der derart ohne Rücksicht auf Verluste sagt, was er gerade denkt, hatten wir schon lange nicht mehr. Aber ob er der richtige Kanzler ist?

Der SPD-Kanzlerkandidat hat unter Ausnutzung seiner sämtlichen Beinfreiheit erklärt, dass er ziemlich entsetzt beobachtet habe, dass in Italien zwei Clowns die Wahlsieger seien. Und prompt läuft die allgemeine Empörungsmaschinerie. Aber was ist falsch daran? Wahlsieger Nummer 1, Beppe Grillo, ist Komiker von Beruf. Und zwar einer, der sich härter äußert, als es ein Peer Steinbrück je machen würde. 25 Prozent der Wählerstimmen hat er mit seinen Sprüchen erreicht. Also ein Ergebnis, mit dem eine SPD zur Not leben könnte.

Und Silvio Berlusconi? Zirka 99 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass es sich bei ihm um einen, wenn auch fiesen Clown handelt. Und hatte sich nicht Angela Merkel dereinst an der Seite des französischen Staatskomikers Nicolas Sarkozy köstlich über den verrückten Italiener amüsiert?

Warum also darf man das nicht sagen? Na klar, weil es in der ganz großen Politik nicht um die Wahrheit geht. Ein Bundeskanzler muss jederzeit in der Lage sein, einem Massenmörder lächelnd die Hand zu schütteln. Vor allem dann, wenn sein Land über Bodenschätze oder über einen stolzen Militärhaushalt verfügt. Er muss selbst bei den übelsten Typen so tun, als seien sie irgendwie nette Kerle. Die Kunst des Redens geht einher mit der Bereitschaft zum Schweigen.

Also kann Genosse Peer schwerlich Kanzler, aber schon gar nicht Außenminister in einer großen Koalition werden. Sein bestmöglicher Job wird zurzeit von einer gewissen Ilse Aigner besetzt. Man stellte sich vor: Der SPD-Kampfplauderer als der unerbittlichste aller Lebensmittelkontrolleure, als Rächer der Dioxin-Eier und Gammel-Döner. Steinbrück for Landwirtschaft! Das haut hin! Das ist der Plan!

Silvio? Die Mörderpuppe ist nie ganz weg

Es lebe die Mörderpuppe!

Es lebe die Mörderpuppe!

Es gibt Lebewesen und Dinge, die man einfach nicht wegkriegt. Spinnen, Kakerlaken, Hundeflöhe, Gartenschnecken, Maulwürfe, aber auch Blut-, Rost- und Rote-Beete-Flecken. Und es gibt Silvio Berlusconi. Über ihn wissen wir jetzt endgültig, dass er nie ganz weg sein wird. So lange es in Italien Politik gibt.

Beim Anblick des Cavaliere, dem die Mimik inzwischen komplett aus dem Gesicht operiert worden ist, rauschen mir – passend eigentlich – 50 Jahre Fernsehgeschichte durch den Kopf. Berlusconi erinnert mich an einen Helden meiner Kindheit, den Springteufel Zebulon. Wenn die kleinen Fernsehzuschauer dachten, dass Ruhe im Karton ist, ging der Deckel hoch, und das seltsame Wesen sprang mit einem lauten „Turnikuti, Turnikuta, Zebulon ist wieder da!“ aus der Schachtel. Das war Mitte/Ende der 60-er Jahre. Auch der Zonk aus der TV-Show „Geh aufs Ganze!“ erinnert mich an unseren ewigen Zombie.

Aber das ist nicht richtig. Denn eigentlich ist das Problemäääh, dass wir Deutsche nicht wolle verstähä, was italienise Sääle bewägä tut.“ In seiner Heimat ist Berlusconi nämlich ein Mischwesen aus zwei anderen Protagonisten der Fernsehunterhaltung. Des grimmigen Alles-Wegräumers Gernot Hassknecht aus der heute-show und des Glücksbringers im Postboten-Gewand, Walter Spahrbier. Des biederen Schutzheiligen der „Aktion Sorgenkind“.

Silvio, ein Glücksbringer? Kann nicht wahr sein – stimmt aber doch. Denn so sehr es sich bei Berlusconi um einen offensichtlichen Lumpen und altersgeilen Bock handelt, so clever ist er als Verkäufer in eigener Sache. Er gibt seinen Landleuten immer noch das Gefühl, dass er sie vor Angela Merkel, verückten Richtern, Dieben aller Art und dem Staat als solchem beschützt. Was weh tut, wird von Onkel Silvio geheilt. Deses Volk will in Freiheit glücklich sein. Oder wenigstens daran glauben.

Übersehen wird dabei ein wichtiger Aspekt. Berlusconi tut zwar so, als würde er seine Wahlversprechen mit Milliarden aus seinem Geldspeicher bezahlen. Daran aber denkt er gar nicht. Er macht Politik, um seine Reichtümer zu bewahren. Egal, wem das schadet. Arme Italiener, Ihr verehrt einen Filmstar, die Reinkarnation von Chucky, der Mörderpuppe. Wer das nicht glaubt, schaue auf das Bild zu diesem Beitrag. Er ist es. Und er kommt immer wieder.

Pille danach? Okay, aber nicht für alle Fälle

Wie nett: Da hat sich eine Runde von alten Männern tiefgründig mit dem gebärfähigen Körper der Frau befasst. Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich ein Thema vorgenommen, das ihre Mitglieder eigentlich ganz und gar nichts angeht. Aber immerhin: Es ist Hirn vom Himmel gefallen. Deutschlands oberste Katholiken haben ihren grundsätzlichen Widerstand gegen die „Pille danach“ aufgegeben. Frauen müssen den Zorn Gottes nicht mehr fürchten, wenn sie das Kind ihres Vergewaltigers nicht austragen wollen. Sagen seine angeblichen Stellvertreter auf Erden.

Da hat in aller Nachhaltigkeit die Barmherzigkeit gesiegt, möchte man jubeln. Aber dafür gibt es keinen Grund. Denn es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen selbst über eine Pille gegen eine ungewollte Schwangerschaft entscheiden. Auch ohne Rücksprache mit dem jeweils diensthabenden Exorzisten. Aldenn: Es ward geredet. Es ward gut. Und Gott sah es mit Wohlgefallen. Punkt.

Träumen wir lieber ein bisschen von den vielen wunderbaren Möglichkeiten, die uns die „Pille danach“ noch schenken könnte. Wie etwa sähe unser Showbusiness, wie unser RTL-Programm aus, wenn sie gleich nach der ersten Produktion von Dieter Bohlen geschluckt worden wäre? Wie unsere Kommunikation, wenn sie bereitgelegen wäre, als Mark Zuckerberg sein Facebook scharfgestellt hat?

Wie schön wäre diese Pille, wenn sie der Fußballfan nach dem Abstieg seines Lieblingsclubs schlucken könnte? Wie gut wäre es für unser geliebtes Nachbarland Italien, wenn sie nach dem nächsten Wahlerfolg von Berlusconi wirken würde?

Die Einsatzmöglichkeiten wären unbegrenzt. Aber erstmal geben wir die „Pille danach“ den Frauen. Doch nur in wirklich bösen Fällen. Was Frauen wirklich wünschen, ist ja klar. Eine Pille danach, die nach sieben Jahren Ehe automatisch zugeteilt wird und optional verwendet werden kann. Hier gilt jedoch: Das gibt es nicht. Das geht zu weit. Das ist Teufelszeug. Sakrament!

Lass' die Sonne wieder scheinen

Spüren Sie es auch? Irgendwie ist uns gerade vieles egal. Alles wirkt ein bisschen uninteressant. Nicht einmal der Rücktritt des Papstes bringt uns dazu, in einem letzten Akt der Solidarität mit dem Stellvertreter Christi die Fastenzeit ausnahmsweise ernst zu nehmen. Stattdessen lassen wir uns gleichmütig einen undramatischen Lebensmittelskandal um die Ohren hauen. Und was ist der Grund? Die Sonne ist irgendwie weg. Es ist, als würden ihre Strahlen im Sog des Asteroiden an der Erde vorbeisausen. Immer nur Wolken. Das macht keinen Spaß.
In Nürnberg, wo dieses Blog geschrieben wird, haben die Meteorologen die ganze böse Wahrheit gerade nachgewiesen. Ihren Angaben zufolge hat es im Winter 2012/2013 nur 78 Sonnenstunden gegeben. Noch trüber war der Winter zuletzt im Jahr 1903. Der Durchschnitt für Mittelfranken liegt bei 173,6 Stunden.
Die Wolken müssen endlich weg. Dringend. Darauf hoffen nicht nur die Existenzgründer, die im Vertrauen auf den Klimawandel in den Aufbau von Ananas- und Dattelpalmenplantagen investiert haben. Darauf hoffen nicht nur die Betreiber von Vorsaison-Biergärten oder die Familienpolitiker, die um die fruchtbarkeitsfördernde Wirkung von Sonnen-Vitaminen wissen. Und auch nicht nur die Bauern, die im Märzen die Rösser anspannen. Wenn sie sie noch nicht an eine Discounter-Fleischerei verscherbelt haben.
Wir alle brauchen mehr Licht, denn die gute, alte Option „Ich bin dann mal weg“ funktioniert nicht mehr so. Es fehlt uns am Geld. Nach vielen Jahren Lohnverzicht mit dem Ziel, Deutschland als „kranken Mann Europas“ zu retten, sind drei Wochen Sonne für viele nicht mehr drin. Bei sieben Tagen Dom-Rep lohnt sich der Flug aber kaum.
Und Autoreisen sind auch schwieriger geworden. Wer kann es sich schon noch leisten, seine 13 Jahre alte Pannenkröte spontan durch ein nagelneues flottes Gefährt zu ersetzen?
Tristesse auf dem Konto, Tristesse am Himmel. Beides gleichzeitig ist einfach zu viel. Alsdenn, ihr Herren der Erde: Macht uns arm und ärmer. Aber Du, lieber Gott, lass‘ die Sonne wieder scheinen…

Wenn uns der Himmel auf den Kopf fällt…

Große Fragen der Menschheit begegnen uns immer wieder dort, wo wir sie gar nicht erwarten: Denken wir nur an Abraracourcix, jenen in Deutschland als Majestix bekannten Dorfhäuptling aus Asterix & Obelix. Er fürchtet nicht Römer, Tod und Teufel. Sondern bangt, dass ihm und seinen Schutzbefohlenen der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Und gerade das bewegt auch uns zur Zeit.

Da ist tief in Russland ein Meteorit nach dem Eindringen in die Atmosphäre explodiert. Ein Ereignis, das die Glaserinnungen dieser Republik nur zu gerne bewältigt hätten. Draußen im Weltall wiederum ist ein Kleinplanet in ungewöhnlich geringer Entfernung an der Erde vorbeigerast. Hätte er eingeschlagen, wäre es auf unserem Planeten ziemlich dunkel geworden. Jetzt ist der Asteroid wieder weg. Bruce Willis muss nicht mit Flugabwehrraketen ins All starten, sondern kann beruhigt für seinen neuen Film werben.

Alarm wird es irgendwann wieder geben. Die Erde hängt ja ziemlich schutzlos im Weltall herum. Eine Wegduck-Funktion ist ihr vom Schöpfer nicht gegeben worden. Also ist der große Rumms immer denkbar.

Klar, wir lehnen diesen Gedanken ab. Andererseits ist der Tod das Einzige, was in unserem Leben ganz sicher passieren wird. Nur die Todesart ist ungewiss. Das gefällt uns nicht, weil wir uns der eigenen Einzigartigkeit bewusst sind. In dramatischer Selbstüberschätzung, versteht sich. Denn wenn man 1 von 7 110 000 000 Menschen ist, ist von der eigenen Ersetzbarkeit in verschärfter Form auszugehen. Außerdem gibt es draußen mit Sicherheit Trilliarden von außerirdischen Schmorpfs, Orchs und Grantels. Weshalb die Bedeutung des einzelnen Menschen sehr begrenzt ist.

Trotzdem: Gerecht ist ein tödlicher Beschuss aus dem All nicht. Wir machen uns ja schließlich auch unsere Gedanken. Wir planen unser Dasein mit Hingabe, unsere nächsten 14 Tage sind unter Berücksichtigung einer anständigen Work-Life-Balance durchgetaktet. Und was soll werden, wenn genau jener Artikel, an dem ich gerade arbeite, ungeschrieben bleibt? Mein Wichtigster überhaupt!

Das alles zählt intergalaktisch nicht? Na gut, dann bete ich für einen Kompromiss. Schickt ruhig Eure todbringenden Himmelskörper. Aber wartet damit, bis der Currywurst-Tag in der Kantine vorbei ist. Das wäre mir noch wichtig gewesen…

Das Pferd, das sie Rind nannten

Kennen Sie diesen Film? „Das Pferd, das sie Rind nannten.“ Anlässlich des aktuellen Lebensmittelskandals könnte dieser Streifen gedreht werden. Mit zahlreichen dokumentarischen Einschüben aus Nachrichtensendungen und empörten Stellungnahmen von Politikern. Ich frage mich? Warum eigentlich diese Aufregung?

Ein echter Skandal ist es doch, wenn man etwas Schlechteres bekommt, als versprochen wurde. Pferdefleisch jedoch ist grundsätzlich besser als das Fleisch von Rindern oder gar von hormongemästeten Superschweinen. Sein Verzehr ist bloß ungewohnt. Und natürlich ist uns das Ross eher ein geschätzter Freund. Kühe werden keine Olympiasieger. Aber kühl betrachtet lautet unser Aufschrei so: „Ich wollte einen Opel. Und musste einen BMW nehmen.“

Kein Vergleich jedenfalls zu den früheren Lebensmittelskandalen. An Glykol im Wein sind Menschen gestorben. Fischwürmer und Gammelfleisch-Döner haben Übelkeit ausgelöst. BSE galt als Frontalangriff auf unsere Hirngesundheit, in Schweinefutter wurde das Ultragift Dioxin gefunden. Und, und, und…

Lebensmittel als solche galten deshalb immer wieder als grundsätzlich lebensvernichtend. Obwohl wir doch dank „Dschungelcamp“ wissen, dass der Mensch viel mehr verträgt, als man allgemein so denkt.

Womit wir beim Kern des Problems wären: Wie kann jemand, der im Supermarkt tiefgekühlte Fertigkost kauft, empört sein, weil er betrogen wurde? Das ist gar nicht möglich, denn dieser ganze Fraß ist ein einziger Beschiss. Wer das nicht glauben will, lese bitte die Zutatenliste. Nein, wir essen alles, ohne groß nachzudenken. Weil wir den Geschmack verschiedener Essen eh nicht mehr auseinander halten können.

Wir sind also auch selber schuld. Martin Luther würde sich mächtig über uns wundern und in seiner Verwirrung vielleicht diesen Satz sagen: „Wenn ich wüsste, dass meine Lasagnenudel ab morgen aus Styropor ist, würde ich heute ein Pferd schlachten.“ Amen.

Nix mehr Papst! Man kann's verstehen

Die aktuelle Frage: Gibt es Rücktrittsberatung im Vatikan?

Die aktuelle Frage: Gibt es Rücktrittsberatung im Vatikan?

Jetzt sind die Grundfesten dieser Welt erschüttert. Endgültig. Für immer. Unser Wir-Papst Benedikt XVI. hat für den 28. Februar 2013 seinen Rücktritt angekündigt. Einfach so. Ihm fehle die Kraft, sein Amt weiterhin gut auszuüben. Als ob das für einen 85-Jährigen eine stichhaltige Begründung wäre.

Die wahren Ursachen liegen doch auf der Hand. Für die katholische Kirche läuft es derzeit, mit Verlaub, beschissen. In Europa, und insbesondere in Deutschland, werden dauernd sinnlose Reformen gefordert. Zölibat abschaffen, Priesteramt für Frauen, Barmherzigkeit für Vergewaltigungsopfer, Verfolgung von Kinderschändern – alles ein furchtbares Gedöns, das den Blick von ewigen Wahrheiten ablenkt. „Katholiken fühlen sich gerade wie Fans von Schalke 04“, hat es die famose Fernsehwurst Johannes Benedikt Kerner gerade bei Günther Jauch auf den Punkt gebracht.

Immer mehr Katholiken laufen ihrer Kirche davon. In anderen Teilen der Welt werden Christen verfolgt, weil sie Christen sind. Schwierigkeiten, wohin das Auge blickt.

Und daheim in Rom ist es auch nicht mehr so schön. Man muss schließlich auch einem alten Papst zugestehen, dass er gelegentlich etwas Neues erleben möchte. Stattdessen: Immer die selben Rituale. Beten, Füße waschen, in 150 Sprachen die Welt grüßen. Der Papst hat vielleicht erkannt, dass er einer der größten Plagiatoren unter der Sonne ist. Und für die ist das Leben gerade nicht so leicht.

Aber wenden wir uns seinen eigenen Worten zu. Sofern den Journalisten die Übersetzung aus dem Lateinischen gelungen ist, sagte Benedikt XVI.: „Ich gehe zum Wohl der Kirche.“ Das mag sein. Man weiß aber nicht, was nachkommt. Ihn drücke das Alter, sagte er weiter. Kann man verstehen. Aber bisher war das kein Argument. Fast alle Päpste sind direkt ins Jenseits abgetreten. Laut Wikipedia gibt es nur folgende Ausnahmen: 537 gab Silverius auf oströmischen Druck hin drei Wochen vor seinem Tod das Amt auf. Johannes von Velletri, 1059 als Benedikt X. inthronisiert, konnte sich kein Jahr halten und wurde obendrein exkommuniziert. Coelestin V. trat Ende 1294 zurück und starb 1296. Gregor XII. wurde schon 1409 abgesetzt, erklärte aber erst 1415 offiziell seinen Rücktritt.

Ein mutiger Schritt also. Bleibt die Frage: Wie kommt Papst auf dieses Rücktrittsdatum? Die Antwort: Im Dreikaiseredikt Cunctos populos von Thessaloniki schufen die Herrscher Theodosius I., Gratian und Valentinian II. am 28. 2. 380 das Fundament für das Christentum als römische Reichskirche.

Tja, das ist ein Pfund. Und die Bild-Schlagzeile nehmen wir auch gleich vorweg: „Nix mehr Papst!“ Wetten, dass…?

Der große Trend: Anonym killt gut

Es ist ein uralter Menschheitstraum: Die Idee, zumindest zeitweise unsichtbar zu sein, um andere Menschen ungestört beobachten oder aber gefahrlos erledigen zu können. Für Nibelungen-Siegfried gab es eine welt-exklusive Tarnkappe bei Giftzwerg Alberich. Heute ist diese Vision für viele Menschen wahr geworden. Dank Computertechnik liegt anonymes Attackieren voll im Trend.

Das prominenteste Opfer dieser Tage ist die bisherige Hochschulministerin Annette Schavan. Der offenbar richtige Vorwurf, sie habe beim Schreiben ihrer Doktorarbeit allzu großzügig abgekupfert, ist anonym aus dem Internet aufgetaucht. Ab diesem Moment hatte die Ministerin kaum noch eine Chance. Den Mitteilungen geheimer Ermittler wird gerne geglaubt. Selbst von Menschen, die das weltweite Netz ansonsten als Tummelplatz für Betrüger und andere Gauner ansehen.

Früher hätten sich Medien geweigert, Geschichten zu veröffentlichen, die auf unbekannten, nicht überprüfbaren Quellen beruhen. Zumal von Menschen, die nicht unmittelbar betroffen sind und somit getrost zusehen können, wie ihre Giftpfeile wirken. Man kann darüber streiten, ob die anonymen Attacken gegen sie verdienstvoll oder feige waren. Aber letztlich geht es in diesem Fall nur um eine einzelne Person.

Anlass zur Empörung haben unsere Regierungs-Politiker/-innen jedenfalls nicht. Setzen sie doch selbst auf den virtuellen Hinterhalt, wenn sie sich daran machen, für die Bundeswehr unbemannte Drohnen anzuschaffen. Also fliegende Tötungsmaschinen, die von Menschen gesteuert werden, die irgendwo auf der Welt vor Computer-Bildschirmen sitzen. Menschen, die mit dem von ihnen ausgelösten Sterben genauso wenig zu tun haben, wie der Teenager, der auf seinem Laptop ein Vernichtungsspiel spielt. Sie arbeiten effizient, risiko- und gefühlsfrei. Eine überlegene Technik, die es leicht macht, Krieg zu führen.

Unterm Strich gibt es einen großen Trend: Das offene Visier ist von gestern. Erfolg hat, wer nicht erkannt wird, wer nichts zu befürchten hat. Es lebe die Tarnkappe!

Wenn der Doktortitel zum Fluch wird…

Schlimm, schlimm: Annette Schavan, Forschungsministerin im Kabinett von Angela Merkel, darf ihren Doktortitel nicht mehr tragen. Dieses Ereignis wird an einer bedeutenden Säule unserer Gesellschaft rütteln. Doktortitel verlieren an Glanz. Sie entwickeln sich zum Fluch, tragen die Gefahr in sich, irgendwann im Leben zum Makel zu werden.

Früher platzten die Familienoberhäupter vor Stolz, wenn es Tochter oder Bub zum Doktor gebracht hatten. War es doch der Beweis, dass die eigenen Gene intelligenztechnisch in Ordnung waren und dass die Erziehung des Kindes im Großen und Ganzen in Ordnung war. Ein „Dr.“ im Pass war etwas Seltenes, etwas wirklich Vorzeigbares. Heute aber herrscht Inflation, werden in Deutschland pro Jahr 25.000 Doktorarbeiten eingereicht. Wobei das oft zwanghaft geschieht. So ist vielen Geisteswissenschaftlern bewusst, dass sie ohne akademischen Grad beruflich nur schwer über das Herumschubsen von Einkaufswagen hinauskommen. Andererseits gibt es Familien, in denen der Doktortitel zum guten Ton, gewissermaßen zur Grundausstattung der Abkömmlinge gehören. Ein gewisser Karl Theodor zu Guttenberg fällt in diese Kategorie.

Während man bei diesem stets perfekt lackierten Landbaron schnell daran geglaubt hat, dass er ein eitler Blender ist, ist uns das bei Frau Schavan sehr schwer gefallen. Sie sieht eben nicht so aus wie eine Frau, die sich fröhlich und kokett über Regeln hinwegsetzt. Nicht mal vor 33 Jahren, als sie ihr Werk mit übergroßer Hornbrille geschrieben hat. Annette Schavan wirkte auf uns wie der Prototyp der korrekten Pflichterfüllerin.

Aber kann sie jetzt Forschungsministerin bleiben? Grundsätzlich ja. In der Politik war es noch nie erforderlich, dass Menschen in Spitzenämtern eine nachgewiesene Vorbildung mitbringen. Schon mancher Minister hat lustig von heute auf morgen die Stühle gewechselt. Philipp Rösler etwa, der als Arzt zum Gesundheitsminister geworden war, wechselte aus persönlichen und politischen Gründen ins Wirtschaftsressort. Heute gilt er als Blinddarm der FDP. Markus Söder, bayerischer Finanzminister und erfolgreiches Marylin-Monroe-Double, schrieb seine Arbeit über das Thema „Von altdeutschen Rechtstraditionen zu einem modernen Gemeindeedikt. Die Entwicklung der Kommunalgesetzgebung im rechtsrheinischen Bayern zwischen 1802 und 1818“. Die schlechte Benotung spricht übrigens gegen ein Plagiat.

Nein, in der Politik ist es nicht notwendig Doktor zu sein. Dagegen spricht zum Beispiel der famose Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel, der Doktor ist. Dagegen spricht aber auch Kristina Schröder, ihres Zeichen promovierte Soziologin. Muss sie als Politikerin wirklich sein? Wohl nicht. Ministertitel werden aber nicht von Universitäten aberkannt. Sondern von Angela Merkel oder von den Wählern. So lasst es bald geschehen.

Der Mann schrubbt – leider oft vergebens

Männer, auch begabte Sexisten, müssen sich damit abfinden: Die einzige sichere Eigenschaft von Frau ist ihre Widersprüchlichkeit. Da läuft seit gut 30 Jahren unter dem Stichwort „Feminismus“ ein riesiger gesellschaftlicher Feldversuch mit dem Ziel der Umerziehung des Mannes zu einem kooperativen, gerechten, sanften, hilfsbereiten Wesen. Und nun das: Ehemänner, die Hausarbeit leisten, verlieren die Lust auf Sex und werden von ihren Frauen als weniger attraktiv eingeschätzt.

Das behauptet Medien zufolge das Center for Advanced Studies am Juan-March-Institut in Madrid. Mittels einer Befragung von 7002 Teilnehmern will es herausgefunden haben, dass insbesondere das Erledigen von Arbeiten, die als typisch weiblich gelten, die Libido beeinträchtigen. Wogegen Männer, die im Garten arbeiten oder Rechnungen bezahlen, gemäß dieser Studie häufiger Tanzkarten verteilen.

Ich gebe zu bedenken: Hinter den meisten Umfragen steckt ein Auftraggeber. Und selbst Professoren sind bestechlich. Einen Geldgeber wird es auch hier gegeben haben, zumal es sich bei diesem bislang völlig unbekannten Institut entweder um eine frische Existenzgründung oder um eine betrügerische Briefkastenfirma handeln könnte. Wer weiß, vielleicht stecken die Baumärkte in der Umsatzkrise und wollen Hornbach-Erotik mit Nachdruck salonfähig machen. Eventuell wollen uns die darbenden Handelskonzerne einbleuen, dass das Abzeichnen von Quittungen ein majestätischer, mega-männlicher Akt ist. Oder die von einbrechenden Verkaufszahlen gebeutelte Autoindustrie wollen den Männern wieder klar machen, dass das Einseifen der verdreckten Karre schärfer macht als das Schrubben der Toilettenschüssel. Zumal Letzteres zwangsläufig den Anteil der Sitzpinkler steigert.

Vielleicht aber leben wir nur in seltsamen Zeiten. Wenn das RTL-Dschungelcamp für einen angesehenen Fernsehpreis nominiert wird, kann es ja sein, dass in unserer Wahrnehmung die Grenzen zwischen blöd und originell verwischen. Was auch für Umfragen gelten könnte.

Zumal es auch andere Studien gibt. Demnach hängt die Zufriedenheit von Frauen in der Ehe stark davon ab, ob und wie stark sich ihre Männer im Haushalt beteiligen. Tja. Frauen sind eben so – unbestimmt. Und für den Mann des 21. Jahrhunderts gilt wohl ein schöner fränkischer Satz. „Wäimers machd, is verkährd.“ (Wie man es macht, ist es verkehrt) Und so putzen wir vergebens. Das ist die Tragik des Lebens.