Von First Lady bis Neonazis: Die Hirndübel-Top-Ten 2012

Noch ein Jahresrückblick? Muss das sein? Muss nicht, kann aber – also biete ich mit diesem Beitrag das Hirndübel-Best-Off von 2012.

Ich klaue damit eine Idee meines Kollegen Peter Viebig. Er hat zurückgeschaut, was in seinem vipraum im alten Jahr am häufigsten angeklickt wurde. Logisch, die meistgesehenen Beiträge müssen nicht die besten gewesen sein. Es kommt ja auch darauf an, an welchem Wochentag und zu welcher Uhrzeit man postet, ob eine Geschichte über soziale Netzwerke weiterverbreitet wird, undsoweiter. Aber die Leser(innen) haben ein gutes Gespür dafür, was interessant, intelligent oder witzig ist. Es kommt kaum vor, dass Gelungenes bezeihungsweise Relevantes ignoriert wird.

Klicktechnisch die Nummer 1 von 139 Beiträgen war der Text über unsere Nürnberger „First Lady“, Daniela Schadt. Das berührt die Frankenherzen, zudem wirkt meine Herkunft als Ex-Gesellschaftsreporter nach. Sehr erfolgreich war auch eine – national betrachtet – Verrätergeschichte: Ich habe dem Fußballgott für die EM-Niederlage gegen Italien gedankt. Das große Fußballturnier landet mit Betrachtungen zu den verschiedenen Tier-Orakeln auch noch auf Platz 8.

Auch das (doofe) Fernsehen interessiert immer. Deshalb gab es Platz 3 für den Beitrag „Verblöden mit dem Bachelor“. Platz 4 für einen Beitrag über das Meldegesetz überrascht mich, dagegen ist Platz 5 für meinen Vorschlag, Markus Söder zum König von Griechenand zu ernennen, aus meiner Sicht normal. Markus Söder ist in unserer Region vom Aufmerksamkeitswert her so etwas wie die Tatjana Gsell der großen Politik. Also ein zuverlässiger Quotenbringer.

Unerwartet oft geklickt war ein Video über die DJ-Ausbildung im Jahr 1969. Es kam auf Platz 6. Dagegen landete der Beitrag über die Promi-Saufbilanz beim Bundespresseball schon wegen seiner gesellschaftlichen Bedeutung zurecht auf Platz 7. Platz 9 gab es für einen Beitrag über die Folgen von Stromausfällen. Und ebenfalls in den Top Ten landete der Aufruf, gegen Nazis klare Kante zu zeigen.

Hier also meine Meistklick-Liste für 2012:

1. Glückwunsch an unsere First Lady

2. Lieber Fußballgott, Du bist so weise

3. Voll im Trend: Verblöden mit dem Bachelor

4. Meldegesetz: Wir surfen über Schlaglöcher

5. Markus Söder, unser neuer König von Griechenland

6. Ein DJ braucht saubere Finger

7. In Stadion oder Ballsaal: Der Alkohol lenkt alles

8. EM-Orakel: Ein göttlicher Funke steckt in jedem Tier

9. Wenn der Strom ausfällt, wächst das Vertrauen

10. Gegen Nazis hilft nur die klare Kante

Vorsätze sind gut – sie müssen bloß passen

Preissturz? Sale? Ja, gut, das gibt es in diesen Tagen auch. Aber wenn bei uns, und nicht in England, demnächst Pfunde purzeln sollten, ginge es um etwas anderes: Wir hätten das Unmögliche geschafft. Wir wären unseren guten Vorsätzen gerecht geworden.

Es gibt offenbar kein Entkommen vor dem Drang, ab Gültigkeit einer neuen Jahreszahl unser Leben zum Besseren zu wenden. Wir wollen schlanker, schöner, sportlicher, tabak- und alkoholfreier, mitfühlender, freundschaftlicher und hilfsbereiter werden, als wir es vielleicht jemals zuvor gewesen sind. Und selbst im fortgeschrittenen Alter fragen wir uns nicht, warum wir immer wieder vor den selbst gestellten Aufgaben versagt haben. Am 1.1. muss was passieren. Am Veränderungs-Feiertag.

Ein nachweisliches Erfolgsrezept ist der persönliche Jahreswechsel-Relaunch aber nicht. Eine englische Studie mit 3000 Teil­nehmern hat ergeben, dass 88 Prozent ihre guten Vorsätze nicht einhalten. Das ist sehr viel. Andererseits: 12 Prozent sind auch etwas. Hierzulande können sie reichen, um einer Bundesregierung anzugehören. Als Verzinsung von Guthaben sind sie ein Traum, bei der Verzinsung von Dispokrediten Realität. Stellen wir uns doch nur vor, Jahr für Jahr würden 12 Prozent der Fettleibigen schlank. Schon nach fünf Jahren hätten wir nur noch halb so viele Dicke. Die Änderungsschneidereien würden zur Boombranche.

Doch das passiert nicht. Auch deshalb, weil wir uns die falschen Ziele setzen. Warum müssen wir immer gut und besser werden? Warum können wir uns nicht vornehmen, wenigstens ein Mal im Monat ordentlich mit Freunden zu saufen? Warum versprechen wir uns nicht, konsequent ein Jahr lang jede Sportschau vom Anfang bis zum Ende zu schauen? Warum schwören wir nicht, 2013 einen Wälzer von Umberto Eco nicht zu lesen? Warum nehmen wir uns nicht vor, dass wir uns auch im neuen Jahr auf gebratenes Fleisch und Vollbier freuen?

Setzen wir uns doch Ziele, die zu uns passen. Erst dann entfaltet die Weisheit, dass es zum Optimismus keine sinnvolle Alternative gibt, ihre wundersame Wirkung.  Und übrigens: Ich habe zwischen dem 15. und 17. November 2007 mit dem Rauchen aufgehört. Das Jahr hat also 365 Veränderungstage. Wenn man nur will.

Die Killerlogik der Waffenlobby

Frieden schaffen mit immer mehr Waffen! Pflugscharen zu Schwertern! Die Verlautbarungen der US-Waffenlobby nach dem Massaker an der Grundschule von Newtown/Connecticut haben bei uns friedliebenden Deutschen für helle Empörung gesorgt. Aber: Ist vielleicht etwas dran, dass sich irre Leute am besten durch Waffen einschüchtern lassen? Kritischer Journalismus verlangt, dass das zumindest hinterfragt wird.

Die Waffenhändler und die Menschen, die ihnen dienen, wirken für sich betrachtet verrückt. Da läuft also ein Vollidiot durch eine Schule und knallt alles nieder, was ihm gerade vor die Flinte läuft. Und was sagen die Gewehr- und Pistolenverkäufer? Wäre alles nicht passiert, wenn der Typ gewusst hätte, dass er einer zu allem entschlossenen Grundschullehrerin oder einem vernichtungsfrohen Klassensprecher gegenübergestanden hätte.

Das ist die Logik des Kalten Krieges. Diese besagt, dass jede Aufrüstung auf einer Seite mit einer Aufrüstung auf der anderen Seite beantwortet werden müsse. Auf dass der Erst-Aufrüster wisse, dass ihm sein Tun gar nichts nützt. Was im Klartext bedeutet: Wenn Du mich blöd anpisst, schlage ich dermaßen zurück, dass alles kaputt ist, so dass keiner von uns etwas davon hat. Dank dieser hervorragenden politischen Handlungsweise sitzen wir alle mittlerweile auf einem Arsenal von Atomwaffen, welches ausreicht, um diese Welt mehrfach zu vernichten.

Im normalen Leben erlebt man solche Verhaltensstrategien bei Ehescheidungen. Aber das hilft den von Psychopathen bedrohten Grundschülern nichts.

Weshalb ich hier zunächst feststelle, dass die Waffenlobby richtig liegen könne. Nehmen wir das Autofahren. Wie schrecklich ist doch diese Rücksichtslosigkeit im Verkehr. Jeder Depp, der sich dank eines schufafreien Kredits in einen Audi oder BMW mit 300 PS setzen darf, macht fortan Jagd auf den Rest der Welt. Dagegen helfen Radarfallen nur bedingt.  Viel wirksamer ist es doch, wenn viel mehr andere Leute dicke Audis oder BMW’s kaufen. Dann würde das Überholen schwerer. Vor allem aber würde es bei immer mehr langstreckentauglichen Autos immer mehr Staus geben. Und da kann selbst der freieste Bürger nicht mehr nach Belieben düsen.

Punktsieg für die Waffenlobby. Andererseits:  Viele Menschen leiden darunter, dass sie von Besoffenen angepöbelt werden. In der US-Killerlogik kann das Pöbeln durch böse Besoffene nur dadurch bekämpft werden, dass sich möglichst viele gute Menschen ordentlich besaufen und ihrerseits lospöbeln, ehe der Pöbler auch nur auf die Idee kommt, dass er Spaß am Pöbeln haben könnte.

Nichts gegen Alkohol, wirklich nicht. Aber ich glaube nicht, dass das funktioniert. Die US-Gesellschaft scheint mir so gestrickt zu sein, wie das mal in der TV-Serie Stromberg erzählt wurde: „Wenn ein Wolf im Wald einem Wolf begegnet, denkt er: ‚Aha, ein Wolf.‘ Wenn ein Mensch im Wald einem Menschen begegnet, denkt er: ‚Aaaaahhh, ein Mörder.‘“

Wer will in einer solchen Gesellschaft leben, in der man schon den grantigen U-Bahn-Fahrgast als existenzielle Bedrohung empfindet? Ich nicht. Sie?

 

 

Gutscheine gegen die Apokalypse

Wir haben hoch gepokert. Weil ja nun Weltuntergang sein wird, haben wir es uns erspart, durch die Fußgängerzone zu rennen und sind dem Liefertermin-Pokerspiel mit Online-Versendern ausgewichen. Wo alles futsch ist, braucht es auch kein Weihnachtsgeschenk. Ist doch logisch.

Doch spätestens seit heute nagen an uns schwere Zweifel. Laut Zeitung hat das Nürnberger Regionalbischofs-Ehepaar klipp und klar erklärt, dass es keinen Weltuntergang geben wird. Und jetzt stehen wir da. Ohne alles. Als Geizkrägen, herzlose Fieslinge, als Stimmungszerstörer. Gibt es da gar keine Rettung? Jawohl, die gibt es: den Gutschein.

Die Schenkkultur hat sich ja geändert. Früher haben die Verwandten an Weihnachten zuverlässig Christstollen geschickt und wurden dafür mit Bohnenkaffee und Strumpfhosen belohnt. Oma 1 schenkte grundsätzlich Socken und Unterhosen (Feinripp, mit Eingriff), Oma 2 eher mal geschmacklose Blumenvasen. Das war nicht immer wirklich hilfreich, aber es gab einen gemeinsamen Plan.

Heute jedoch herrscht große Ratlosigkeit. Man kennt die wahren Bedürfnisse der anderen noch weniger als früher. Man will es auch gar nicht. Man sieht eigentlich gar nicht ein, warum man den anderen das Geld auch noch hinterherschmeißen soll. Aber: Schenken und sparen, geht das?

Das geht. Man muss nur richtig vorgehen.  Nämlich so: Man stelle einen Bon aus, der erst beim Einlösen zu bezahlen ist. Und schenke dem Schäufeles-Freund einen Gutschein für das ayurvedische Veggie-Restaurant, dem Fußball-Hooligan das Anrecht auf Ballett-Eintrittskarten,  dem Heimwerker ein „Brigitte“-Abo und dem 98-Jährigen ein Prepaid-Guthaben bei Vodafone.

So müsste es gehen. Und wenn die Welt doch noch untergeht, war es so viel Arbeit wenigstens nicht.

 

Weltuntergang? Die Lügen lauern überall

Ach bleibt uns doch vom Hals mit Weltuntergang, Weihnachten und sonstwas. Das Problem ist doch: Wir werden alle belogen. Soweit wir Autofahrer sind, sogar an jedem neuen Tag.

Logisch, es sind unfassbar viele rücksichtslose Menschen auf unseren Straßen unterwegs. Leute, die sich einen Dreck darum scheren, ob andere behindert oder gar gefährdet werden. Da muss der Staat, da muss die Stadt handeln. Denn jedes Verhalten geht nur so lange, wie niemand anderes beeinträchtigt wird. Nennt man „Kategorischer Imperativ“. Frei nach Philosoph Kant.

Dumm ist aber: Das hehre Ziel der Verkehrssicherheit wird in Wahrheit gar nicht verfolgt. Schauen wir uns doch an, wo die Radarfallen stehen. Ganz bestimmt nicht nur dort, wo die Gefahr am größten ist. Sondern auch dort, wo am besten gemessen werden kann. Also an vier-, sechs- oder achtspurigen Ausfallstraßen mit langen Geraden.

Was das Falschparken angeht, sehen wir das ähnlich. Wenn in einer unbedeutenden Straße jemand unverschämt in der zweiten Reihe den Verkehr blockiert, wenn jemand seine Kiste tagelang auf Anwohnerparkplätze platziert, sind garantiert kein Strafzettelschreiber in der Nähe. Die sind schließlich gerade dort, wo möglichst viele ablaufende Parkuhren auf möglichst engem Raum stehen. Weil es nämlich darum geht, dass die Kommunen Geld brauchen. Und dass Personal rationell eingesetzt werden muss.

Es gibt da nur ein winzig kleines Problem: Das Phänomen des „Immer ich“. Wir sind sicher, dass bei uns die Ampeln immer auf Rot springen, dass für uns immer das Kleingeld für den Parkscheinautomaten fehlt und dass unsere Staus immer die längsten sind. Aber wahrscheinlich täuschen wir uns. Die Welt ist gar nicht so schlimm. Verschieben wir den Untergang, bleiben wir noch ein bisschen – auch wenn es Strafzettel bringt.

 

 

 

 

 

Der Seehofer ist dem Söder sein Freund

Warum schlägt Horst Seehofer bloß so um sich? Und haut den armen Söders Markus? Ist er nun ein Politiker von Format, der das freistaatliche Schiff durch die Wogen der bayerischen Flüsse und Seen lenkt? Oder ist er Crazy Horst, der ewige Punk? Der es, wenn unter dem zu engen Anzug das Brustwarzenpiercing zwickt, so richtig krachen lässt? Bitte glauben Sie mir: Der Horst weiß genau, was er tut. Er ist dem Markus sein bester Freund.

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, einen Menschen berühmt zu machen. Weg 1: Man lobt ihn ohn‘ Unterlass. Für seine Freundlichkeit, sein großes Herz, für seine Offenheit, sein Toleranz undsoweiterundsofort. Irgendwann sind die letzten Skeptiker mürbe gemacht. Sie glauben, dass das alles stimmt. Der Held ist geboren – und kann damit beginnen, den Nachweis zu erbringen, dass Menschen ohne auch nur eine schlechte Eigenschaft nicht existieren. Zumindest nicht auf diesem Planeten.

Weg 2: Du greifst den künftigen Helden frontal an. Du sprichst seine schlechten Eigenschaften an. Dass er viel zu ehrgeizig, zu egoistisch ist. Dass er alle Konkurrenten gnadenlos aus dem Weg räumt. Egal, welche „Schmutzelei“ es dafür braucht. Und dass er Macht gegebenenfalls skrupellos anwendet.

Wer so angegangen wird, kann einen nachhaltigen Imagewechsel schaffen. Denn er ist zum Opfer geworden. Und den Opfern gilt unsere Sympathie. Was vorher war, was – bei unfähigen Menschen – nicht war, interessiert dann nicht mehr. Das ist der Dienst, den der gute böse Onkel seinem Zögling leisten kann.

Wir können sicher sein: Horst Seehofer weiß, was er tut. Er hat Markus Söder als seinen Kronprinzen auserwählt. Über Schmutzeleien redet jetzt keiner mehr. Sondern darüber, dass der Markus einen neun Meter hohen Christbaum samt energiesparenden LED-Leuchten auf die Nürnberger Kaiserburg gestellt hat. Auf dass das Nadelgewächs  – höher als jedes Minarett dieser Welt – vom Christlichen in der Sozialen Union künden möge.

Eigentlich ist der Söder doch gar nicht so…

 

 

 

Nach der Schnapszahl kommt der Schmerz

Was nun? Was tun? Unsere Kalender müssen dringend überarbeitet werden. Denn: Wie soll diese Gesellschaft ohne Schnapszahlen funktionieren?

Gerade haben wir wieder erlebt, wie riesig das Bedürfnis nach lustigen Zahlenkombinationen ist. In den Standesämtern reihten sich am 12.12.12 die ansonsten so beziehungsskeptischen jungen Menschen in Schlangen ein. In den Kreißsälen dieses Landes wurden viele, viele Kinder per Kaiserschnitt ans Licht der Welt geholt.  Neuntes Monat? Achteinvierteltes Monat? Völlig egal. Hauptsache, der Geburtstag ist originell. Die Erlanger Uniklinik wurde sogar auf der Titelseite meiner Zeitung dafür gefeiert, dass sie es am 12.12. umd 12.12 Uhr Just-in-Time geschafft hat.

Dass Ärzte einen solchen Blödsinn mitmachen, ist schlimm genug. Aber dem Hobbypsychologen stellt sich an dieser Stelle auch die Frage, was es für ein Babay bedeutet, wenn es aus dem Mutterleib gezerrt wird, obwohl es dazu noch gar keine Lust hat. Droht ein seelischer Schaden, der vielleicht noch größer ist, als nach einer Beschneidung am achten Tag?

Wir können das in aller Ruhe erforschen, dann das Problem mit den Schnapszahlen hat sich erstmal erledigt. Einen 13.13.13 gibt es genauso wenig wie ein paar Jahres später den 34.34.34. Wir fragen uns: Werden die Heiratszahlen nunmehr wieder sinken? Hat die Institution Ehe ihre letzte Chance bis zum Neustart am 10.10.10 verwirkt?

Hofffentlich nicht. Wahrscheinlicher ist die Rückkehr zum Geburtsschmerz. Schnapszahl-Kaiserschnitte sind out, die Wehe wieder normal. So ist es eben in unserer Wirtschaft. Alles wandelt sich. Was dem Chirurgen schadet, hilft der Schwangerschaftsgymnastin. Aber alles geht weiter. Irgendwie.

 

Prophetin Merkel erobert die Welt

Der Prophet gilt wenig im eigenen Land. Es ist gar nicht so selten, dass Menschen von ihrem unmittelbaren Umfeld als relativ erfolglos, lästig oder bestenfalls alternativlos wahrgenommen werden, dass sie aber fern der Heimat einen überragenden Ruf haben. So geht es auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Bei uns tippen sich die Leute an die Stirn, wenn sie ihre Koalition als erfolgreichste Bundesregierung aller Zeiten bezeichnet. Was ja auch verständlich ist, da zu dieser Regierung Menschen wie Guido Westerwelle oder Philipp Rösler gehören. Diese Namen vertragen sich mit dem Wort „Erfolg“ wie ein Rinderhüftsteak mit der Speisekarte eines vegetarischen Restaurants.

Dann aber meldet sich „Forbes“ zu Wort. Das für seine Ranglisten der bedeutendsten oder reichsten Persönlichkeiten berühmt-berüchtigte  Magazin, hat unsere „Angie“ zum zweitmächtigsten Menschen der Welt ernannt. Die US-Zeitschrift platzierte die CDU-Politikerin direkt hinter US-Präsident Barack Obama. „Merkel ist das Rückgrat der Europäischen Union und trägt das Schicksal des Euro auf ihres Schultern“, wurde die Auswahl begründet. „Durch ihren harten Sparkurs in der europäischen Schuldenkrise hat sie ihre Macht gezeigt.“

An US-Präsident Barack Obama ist Merkel nicht vorbeigekommen. Wohl aber an Persönlichkeiten wie dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, Microsoft-Gründer Bill Gates, Papst Benedikt XVI. und dem Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke. Selbst der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi und der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, Xi Jinping, sind gegen „Angie “ chancenlos.

Wir reiben uns verwundert die Augen. Zumal wir wissen: Eine Spitzenkraft kann immer nur so gut sein, wie die Menschen, die sie unterstützen. Rainer Brüderle und Kristina Schröder zählen somit zu den Politikern von Weltniveau. Das hätten wir nun wirklich nicht vorhergesagt.

Die Not hilft nur den "höheren Wesen"

„It’s the economy, stupid“. Mit diesem Satz hat Bill Clinton vor 20 Jahren die US-Präsidentenwahl gewonnen. Es kommt auf die Wirtschaft an. Zwar sträubt sich bei mir innerlich etwas gegen diese Erkenntnis. Weil ich das Leben lieber idealistisch betrachten möchte. Aber ich muss zugeben: Der Mann hatte recht.

Außerdem: Seit einiger Zeit sind mir bestimmte Textzeilen aus der „Internationalen“ ins Hirn gedübelt. In diesem Arbeiter-Kampflied heißt es:  „Es rettet uns kein höh’res Wesen. Kein Gott, kein Kaiser, noch  Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, müssen wir schon selber tun.“ Über 100 Jahre ist dieser Text alt. Und trotzdem hoch aktuell. Denn er sagt auch: Wenn die Wirtschaft nicht richtig funktioniert, wenn Wohlstand nicht gerecht verteilt ist, wächst die Sehnsucht nach höheren Wesen.

Ein Beispiel dafür ist für mich Ägypten. Dort hat das Volk einen Diktator aus dem Amt gejagt. Es gab die Hoffnung, dass dort die Demokratie ausbrechen würde. Aber die Wirtschaft ist am Ende, auch deshalb, weil die Touristen, aus Angst vor unkontrollierten freiheitlichen Umtrieben, weggeblieben sind. Kein Geld, keine Perspektive – also hilft vielleicht der liebe Gott. Man baut auf die Religion und auf jene, die sie für Machterwerb und -erhalt nutzen. Solche Kräfte haben zudem die reichsten Sponsoren. Wahrscheinlich wird eine Diktatur durch eine andere ersetzt.

In Europa sieht es nicht besser aus.  Je mehr Menschen in EU-Staaten in die Armut getrieben werden, desto voller werden die Kirchen. Umso größer werden aber auch die Chancen für politisch extreme Rattenfänger. Man sieht das in Ungarn, wo im Parlament unverblümt gegen Juden gehetzt wurde. In Italien, wo die Demokratie von einer vermeintlichen Lichtgestalt so ziemlich erledigt wurde, sind rassistische Ausfälle gegen afrikanische Bootsflüchtlinge oder gegen Rumänen gesellschaftsfähig. Und auch in Griechenland wächst die Zustimmung für „höhere Wesen“ vom rechten Rand. In Spanien herrscht eine enorm hohe Arbeitslosigkeit, vor allem bei jungen Leuten.  Unter Hinweis auf die Krise wurden Rechte von Arbeitnehmern beschnitten.

Während Deutschland dank niedriger Zinsen bisher stark von der Krise profitiert, wird anderswo die Demokratie kaputtgespart. Dass das nicht mehr lange gut geht, ist schwer zu befürchten. Wenn aber die „höheren Wesen“ eingreifen, wird es ganz bestimmt so sein.

 

Frisierte Bilanzen regieren die Welt

Lange ist’s her, dass wir den Hütern des Geldes bedingungslos vertraut haben. Damals, als wir in demütiger Haltung an den Tresen des „Herrn Bankbeamten“ getreten sind, um mit leichter Gesichtsröte einen kleinen Teil unseres Sparguthabens zurückzufordern. Damals, als wir den Buchhalter unserer Firma zwar als einen strohtrockenen, aber eben auch unbestechlichen Typen eingeschätzt haben. Das Geld war bei diesen Menschen in guten, wenn nicht gar in allerbesten Händen. Bilanzen könnten auch frisiert werden? Nein, diese Zweifel hatten wir nicht.

Das hat sich dramatisch geändert. Und das Üble ist, dass uns immer wieder Beispiele geliefert werden, die uns in unserer Skepsis bestätigen.

Nehmen wir den Nürnberger Opernball. In meiner Zeit als Gesellschaftsreporter war diese Veranstaltung für mich ein absolutes Muss. Die Prominenz aus Politik, Selbstdarsteller-Industrie und Mittelstand durfte sich dort eine Nacht lang so wichtig geben, wie sie es nach eigener Einschätzung war. Ich wiederum durfte zum Beispiel die zarte Hand von Verona Pooth drücken. Was ja früher als toll empfunden wurde. Oder Reiner Calmund und Gotthilf Fischer gleichzeitig interviewen.

Der Ball als solcher war für sich betrachtet nicht unbedingt notwendig. Aber es war immer ganz nett dort. Vor allem aber hat er keinen Schaden angerichtet. Glaubte man. Bis jetzt.

Denn in allen Pressegesprächen und -informationen war davon die Rede, dass dieser nach Albrecht Dürer benannte Ball (war dieser große Maler überhaupt ein guter Tänzer?) eine regelrechte Geldmaschine sei. Jedes dieser Feste finanziere eine Opern-Inszenierung im Gegenwert von einer halben Million Euro. Also dachten alle: Ist doch prima, wenn das ansonsten hoch subventionierte Bildungsbürgertum den Geldbeutel aufmacht und zum kulturellen Selbstversorger wird. Aber falsch gedacht. Heute wird von einem über mehrere Jahre aufgelaufenen Defizit in stolzer sechsstelliger Höhe geredet.

Wurden also die Presse, wurde die Öffentlichkeit belogen? Das glaube ich nicht mal. Es hat sich wohl nur im Theater die Meinung durchgesetzt, dass es diesen Ball nicht mehr braucht. Man legt das also politisch fest – und schaut sich die Bilanz an. Da findet man leicht Dienstleistungen, die man bisher auf einer anderen Position verbucht hat. Die schlägt man der Walzernacht zu. Und schon sieht die Sache anders aus.

Es ist ein typisches Verfahren. Frisierte Bilanzen gibt es beim Bundeshaushalt, bestimmt bei der Euro-Rettung, aber auch in Firmen, die entweder Aktionäre für sich begeistern wollen oder ihrer Belegschaft klarmachen wollen, warum sie auf’s Weihnachtsgeld verzichten soll. Mit Kohle wird Politik gemacht. So oder so. Was bekanntlich bedeutet: Glaube nie einer Bilanz. Es sei denn, du hast sie selbst gefälscht.