Archiv für Oktober, 2012

Oktober 30th, 2012

Wer lacht, schnieft nicht

In diesen Zeiten jäh abstürzender Temperaturen bewegt uns unter anderem dieses Problem: Wie schützen wir uns vor der zwangsläufigen Erkältung? Eine Antwort lautet: Lachen Sie und glauben Sie an eine gute Zukunft. Denn Optimisten sind seltener verschnupft.

Untersucht wurde diese Frage an Studenten und an den Beschäftigten eines Altenheimes. Hier wie dort zeigte sich, dass unser Immunsystem stark von unserer Laune abhängt.  Studenten, die in ihren Prüfungsphasen locker geblieben sind, mussten sich in dieser wichtigen Phase ihres jungen Lebens kaum schneuzen. Die optimistischen Pflegekräfte wiederum waren im Schnitt zwei Tage weniger krankgeschrieben als die von Trübsal Beladenen.

Wer aber ist Optimist? Zum Beispiel jemand der sagt: “Was auch immer kommen mag, ich krieg das schon hin.” Das klingt nach feinen Perspektiven für Heimwerker.

Jedenfalls muss Fröhlichkeit für Viren einen abscheulichen Gestank verströmen. Weshalb sie sich lieber traurige Zeitgenossen suchen, die es in dieser Republik ja auch zahlreich gibt. Die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt und steigt. Wobei niemand wirklich weiß, woran das genau liegt. Nackte Not herrscht ja nicht.

Wahrscheinlich liegt es am steigenden Durchschnittsalter der Bevölkerung. Laut kluger philosophischer Betrachtungen handelt es sich bei einem Optimisten um einen Pessimisten mit Lebenserfahrungen. Je älter die Gesellschaft wird, desto grießgrämiger werden wir. Das beste Schnupfenmittel, noch dazu rezeptfrei, wäre demnach unsere Familienministerin Kristina Schröder und ihr ambitioniertes Programm zur Steigerung der Geburtenrate. Das aber funktioniert nicht. Denn wer als wirkungsloses Placebo im Kabinett sitzt, kann nur wenig bewirken. Vor allem nicht, wenn die Menschen kein Vertrauen haben.

Verzwicktes Dilemma, das Ganze. Lasst uns Taschentücher kaufen!

Oktober 27th, 2012

CSU-Affäre, oder: Die Macht der Problembären

Wie können die bloß so blöd sein? Angesichts der Drohanruf-Affäre der CSU schießt einem diese Frage ganz zwangsläufig durch den Kopf. Spätestens seit Christian Wulffs Absturz hätte eigentlich klar sein sollen, dass derartige Aktionen gegen die Pressefreiheit äußerst gefährlich sein können. Warum ist es trotzdem passiert?

An Übereifer beim bisherigen CSU-Sprecher Hans Michael Strepp glaube ich nicht. Trotz aller Dementis. Denn der Versuch, durch “gut gemeinte Hinweise” Einfluss auf Medien zu nehmen, ist seiner Partei keineswegs fremd. So hat Markus Söders Ex-Sprecherin Ulrike Strauß beim Bayerischen Rundfunk erfolgreich gegen einen Beitrag interveniert. Vor allem aber lokale Medien werden das bestätigen.

Dazu muss man wissen, dass die CSU ihrem Wesen nach keine Großstadtpartei ist. Typische Themen oder Probleme der Zentren – Ablehnung von Institutionen, Vereinzelung, hoher Ausländeranteil, Arbeitslosigkeit, Straßenkriminalität, unkontrollierte Kreativität – sind ihr zuwider. Toleranz steht im Wertesystem der CSU nicht ganz weit oben. Sie ist mehr die Partei des “gesunden Menschenverstandes”, der mit Geranien geschmückten Eigenheime, der eifrig genutzten Beichtstühle und der Feuerwehrfeste. Laptop ja, aber bitte mit mentaler Lederhose. Dort, wo erfolgreiche Milchviehhalter Vip-Status haben, atmet der Geist der Christsozialen besonders frei. Ihr Generalsekretär Alexander Dobrindt stammt aus Peißenberg. 12.500 Einwohner hat diese Marktgemeinde. Das passt perfekt.

In solchen Umgebungen ist es normal, dass einer Partei wie der CSU nicht nur der verfassungsgemäße Beitrag zur politischen Meinungsbildung zukommt. Vor allem dort, wo sie unangefochten regiert, bestimmt sie auch gerne mit, was in der Zeitung steht. Die Ermahnung an Journalisten, dass man doch das Wohl der Stadt sehen möge, ist wohlbekannt.

Wir haben es also mit einem Problem der Mentalität und dem Verhältnis zur Macht zu tun. Die CSU war nach ihrer Wahlpleite von 2008 bescheidener geworden. Wenn aber, wie jüngst, die Umfragewerte nachoben gehen, werden die alten Denkmuster neu stimuliert. Und dann wird es gefährlich.

Das können Menschen treffend beschreiben, die das Innenleben der CSU bestens kennen. Wie etwa die allgemein kaum mehr ernstgenommene frühere “schöne Landrätin” Gabriele Pauli. Sie hat zum aktuellen Geschehen Pressemitteilungen verschickt. Ich leiste mir den Luxus, daraus zu zitieren:

“‘Wenn Horst Seehofer die CSU als ‘bärenstark’ bezeichnet, fallen mir sofort die Probleme mit dem ‘Schadbären’ Bruno aus dem Jahr 2006 wieder ein. Man weiß ja, wie die Sache damals ausging, selbst der starke Bär wurde erlegt. Die Partei lullt sich derzeit mit bestellten honigsüßen Umfragen selbst ein. Die Partei hat nach wie vor ein grosses Frauenproblem und viele männliche ‘Problembären’. Erst maulen sie über Monate hinweg lauthals gegen Merkels Europapolitik und fordern das Zudrehen des Geldhahns für Griechenland. Aber wenn die Kanzlerin beim Parteitag im Saal spricht, wirken Seehofer, Dobrindt und Söder wie kuschelige Teddybären und tanzen nach Merkels Taktstöckchen.”

Und zur Anrufaffäre lässt Pauli verbreiten: “Die CSU von 2012 unterscheidet sie in ihrer Skrupellosigkeit nicht von der CSU unter Edmund Stoiber. Sie ist machtvergessen und machtversessen. Die DDR wurde nicht aufgelöst, in Bayern lebt sie noch.” Paulis Fazit zum missratenen Telefonat: “Das ist der Anfang vom Ende der CSU bei der Landtagswahl 2013.”

Interessante Analyse, verwegene Prognose. Würde beides stimmen, wär’s ein Wunder.



Oktober 23rd, 2012

Vom alkoholfreien Bahnhof zum Badekappenzwang

Also machte er sich auf. Edmund, der weiße Ritter von Wolfratshausen, wild entschlossen, der bösen Bürokratie Einhalt zu gebieten. Das Leben in Europa sollte einfacher werden. Zuerst in Brüssel – und dann auf allen Ebenen des Zusammenlebens bis in die kleinste Gasse. Doch so läuft das nicht. Das Leben wird schwieriger.

Einen Komplikationsschub hat uns das Rauchverbot gebracht. Ob in geselliger Runde oder am Arbeitsplatz – immer wieder erlebt man, wie Menschen wortlos aufstehen und sich in böser Absicht ins Freie zu schleichen. Nur dort, an der so genannten frischen Luft, ist das Rauchen noch erlaubt. Und auf Bahnsteigen lernen wir, dass  belastbarer Himmel mit gelben Vierecken zu markieren ist.

Gut, das Rauchverbot hat überraschend gut funktioniert. Amokläufe durch zwangsentwöhnte Qualmern sind ausgeblieben.  Die CSU schnuppert wieder an der absoluten Mehrheit. Wer mutwillig Tabak verschwelt, gilt nicht mehr als kreativ, auch nicht mehr als sexy, sondern nur noch als zu schwach.

Jetzt aber kommt die nächste Säuberungswelle: Die Deutsche Bahn hat für ihren Nürnberger Hauptbahnhof ein Alkoholverbot.  An „sensiblen Tagen“, also am Freitag- und Samstagabend, darf man zwar betrunken durch den Bahnhof laufen. Trinken oder das sichtbare Mitführen von Promillehaltigem wird mit Platzverweis bestraft. Mindestens. Wer saufen möchte oder die Nähe zu Saufenden sucht, geht gefälligste ins Freie.

Für mich ist das Verbot zwiespältig. Niemand möchte zwischen Yormaz und Müller in den handfesten Streit einer Horde besoffener Jugendlicher hineingeraten. Pluspunkt. Es dienst der Gesellschaft, wenn auch einmal deutlich gezeigt wird, dass ein Rausch unerotisch und unwillkommen ist. Pluspunkt. Aber hilft es der Müllabfuhr wirklich, wenn sie noch mehr als bisher Sonntagfrüh verstopfte Mülleimer ausleeren und zerbrochene Flaschen zusammenkehren muss? Minuspunkt. Bedroht ist zudem die Volksgesundheit. Der Hauptbahnhof ist Teil einer Partymeile – und in den entsprechenden Clubs sind die Stoffe sehr dünn und die Röcke sehr kurz. Das führt bei Kälte zu gefährlichen Krankheiten. Klarer Minuspunkt.

Es stellt sich die Frage, ob das alles sein muss. Und ob es besser ist, im Freien angepöbelt zu werden. Als böse Vision habe ich als nächsten Schritt die Rückkehr zum Badekappenzwang für öffentliche Schwimmbäder aus den 70-er Jahren vor Augen. Und dabei, Edmund, hatte ich doch so an Dich geglaubt.

Oktober 22nd, 2012

Schöner Körper – böser Geist

In manchen Dingen sind wir richtig dumpf im Kopf. Nehmen wir das Thema Schönheit. Es ist nichts, gar nichts dagegen zu sagen, dass man sich am Anblick perfekt zurechtoperierter Wahnsinnsfrauen aus Venezuela freut. Unser Fehler ist nur: Wir glauben daran, dass äußerlich attraktive Menschen netter und klüger sind.

Ein israelisches Forscherteam hat das gerade wieder nachgewiesen. 118 Frauen mit einem Altersdurchschnitt von 29 Jahren machten zunächst Angaben zu Persönlichkeitsmerkmalen und Werten. Anschließend wurden Videos gedreht, in dem jede Frau einen Raum betrat, einen Tisch umrundete und einen Wetterbericht vorlas.

Die Filmchen wurden 118 Frauen und Männern vorgespielt. Das Urteil der Juroren war eindeutig: Sie stuften die attraktiveren Kandidatinnen als freundlicher, gewissenhafter, extrovertierter, als offener für neue Erfahrungen und als emotional stabiler ein. Doch die Selbsteinschätzung der Test-Frauen war eine andere. Schönere Frauen erwiesen sich als angepasster und stärker daran interessiert sich selbst in ein gutes Licht zu rücken. Ihre Mitmenschen kümmerten sie weniger. Fazit der Forscher: Unabhängigkeit und Toleranz stehen bei schönen Menschen weniger hoch im Kurs.

Das hätten wir ohnenhin wissen können. Es ist doch klar, dass es kein Ausdruck von Freiheitsliebe sein kann, wenn sich bildschöne Frauen 40 Stunden in der Woche als Verkäuferinnen dauerlächelnd vor Parfümregale stellen. Und zeigen uns nicht die Beziehungsprobleme der Models, Gesangsstars und Schauspielerinnen, dass nicht in jedem schönen Körper ein schöner Geist wohnt?

Wir aber irren uns trotzdem. Und der Fehler liegt beim Lieben Gott. Wie wäre denn die Menschheitsgeschichte verlaufen, wenn er Adam kein Vollweib vom Typ Eva, sondern einen Paradiesdrachen vom Typ Andrea Nahles aus den Rippen geschnitten hätte? Hätte es einen unüberlegten Sündenfall gegeben? Müssten wir unser Brot auch dann noch im Schweiße unseres Angesichts verdienen? Würde nicht stattdessen der Urtraum der katholischen Kirche wahr, wonach Sex nur und ausschließlich der gelegentlichen Fortpflanzung zu dienen hat?

Kann sein. Aber bekanntlich ist es anders gekommen. Damit müssen wir uns arrangieren. Und überhaupt: Seien wir froh, dass Angela Merkel keine Schönheit ist. Sonst wäre schon bald alles zu spät.

 

Oktober 17th, 2012

Dem Franken-Tatort auf der Spur

Franken bekommt endlich seinen Tatort. Und dieser Krimi wird bestimmt in düsteren Ecken spielen? Wer aber soll die wichtigsten Rollen übernehmen? Welche Todesart wird dem ersten Opfer zugedacht sein? Eine erste Spurensuche per Video – natürlich mit Ermittler-Hut…

Oktober 14th, 2012

Wem gehört der Nobelpreis?

Kümmert sich eigentlich niemand mehr ganz persönlich und vor allem überzeugend um den Frieden in der Welt? Scheint so, denn bei der Vergabe des Friedensnobelpreises geschehen seltsame Dinge. Das war schon bei US-Präsident Barack Obama so, bei dem seinerzeit eine einzige gute Rede in Kairo reichte, um ihn als Heilsbringer zu ehren. Nun aber gibt es diese Auszeichnung für die gesamte Europäische Union? Sie ist ein friedenschaffender Staatenverbund, keine Frage. Bloß, wem gehört dieser Preis? Wer soll die Prämie von 930.000 Euro bekommen?

Wie bei allen schwierigen juristischen Fragen lautet die richtige Antwort: Es kommt darauf an. Es hängt nämlich davon ab, wie man auf die Preisträgerin draufschaut. Betrachtet man sie als Institution, dann genügt ein Verrechnungsscheck an die EU-Kommission, Rue de la Loi / Wetstraat 200, B-1049 Brüssel. Das Geld könnte dort zum Beispiel für interfraktionelle Seminare für Friedensarbeit im Europaparlament verwendet werden.

Oder man beachtet die soziale Komponente. Dann würde das Preisgeld an die drei notleidensten Staaten der Eurozone weitergegeben. Vor allem die grantigen Griechen und Spanier würden besänftigt. Das Problem dabei: Die korrekte, juristisch unanfechtbare Berechnung des “europäischen Not-Koeffizienten” durch die Brüsseler Bürokratie würde 300.000 Euro kosten.  Und Großbritannien würde auch “money back” verlangen.  Es bliebe also nicht wirklich viel für die Südstaaten übrig.

Kommen wir also zur saubersten Lösung: Die Europäische Union wird gebildet aus den in ihren Grenzen lebenden Menschen. Also steht ihnen das Preisgeld zu. Zurzeit hat die EU rund 505 Millionen Einwohner. Macht umgerechnet 18.87 Cent pro Bürger/-in. Nach Abzug potentieller Zuwendungen für die Quertreiber in Stadt und Land – den Dobrindt-Anteil nehme ich gerne – müssten 30 Cent pro friedliebendem EU-Einwohner drin sein.

Das nehmen wir für ein europaweites Friedensfrühstück am Weltgebetstag der Frauen. Es gibt zwar bloß ein trockenes Brötchen. Aber es zählt das Symbol. Und schwere Zeiten sind es ja auch.

PS (Nachtrag vom 14. Oktober): Ich muss zugeben, dass ich eurokrisig gerechnet habe. Tatsächlich stünden jedem Bürger/jeder Bürgerin nur 0,1887 Cent zu. Dafür gibt’s noch nicht mal ein Brötchen, sondern bestenfalls Krümel. (Ich schäme mich)

 

Oktober 12th, 2012

Wenn Stars ihre Spuren hinterlassen

Loddar, erzähl uns was.

Komm, Loddar, erzähl uns was.

Es ist ein elementares menschliches Bedürfnis: Wenn man dereinst in den Himmel abberufen wird, möchte man wenigstens sicher sein, dass man auf Erden bleibende Spuren hinterlassen hat. Dann hat sich das Leben gelohnt. Am besten, man schreibt es auf.  Das eigene Buch ist hoch modern.

Das zeigt sich zurzeit auf der Frankfurter Buchmesse. Das Dasein echter Stars, aber auch von Menschen, deren Lebensgeschichte unmöglich mehr als 50 Seiten füllen kann, gibt es gedruckt und gebunden für das edle Eichenholzregal. Wie etwa die Autobiographie von Bettina Wulff. Auf 224 Seiten berichtet eine wenig aufregende Frau über ihr Wirken an der Seite eines der langweiligsten Männer überhaupt. Was trotzdem für Platz 10 der Spiegel-Bestsellerliste reicht.

Da ist der fränkische Fußballgott  Lothar Matthäus ein ganz anderes Kaliber. Alleine die Statistiken über seine Profieinsätze in aller Welt würden Brockhaus-Format erreichen. Für seine Beziehungsprobleme gäb’s ein pralles Taschenbuch als Dreingabe. Sexuell unersättlich, jedoch ungerecht behandelt – diesen Lesestoff bietet uns Jörg Kachelmann. Der Mann, der zwischen Azorentief und Saharahoch als “Die Fliese” Frauen reihenweise geliebt hat. Auch Arnold Schwarzenegger hat viel zu erzählen. War/ist er doch die größte Muskelmasse der Menschheitsgeschichte, Regent von Kalifornien, Schänder des Hauspersonals und Terminierer des Bösen auch aus den fernsten Welten.

Das ist wahrer Schicksalsstoff. Ganz anders als die Autobiographie von Edmund Stoiber. Er liefert uns vielleicht die Gebrauchsanleitung für’s Technokratendasein, erinnert an das Kriechen vor Übervater Franz-Josef Strauß oder schildert uns den  Tag in seinem Leben, an dem er nicht einmal “Äääh” gesagt hat. Und er lässt uns erfahren, warum er seinen Sturz bis heute nicht begriffen hat.

Egal, für christsoziale Fundamentalisten ist auch er ein Held. Aber wer steht eigentlich auf Platz 1 der Sachbuch-Charts? Jawohl, ein Mann mit dem Autoschiebernamen Heinz Buschkowsky. Seine Botschaft lautet “Neukölln ist überall”. Oh nein, das kann doch wirklich keiner wollen. Bitte, liebe Stars jegleicher Kategorie: Schreibt, schreibt, schreibt. Damit wir auf andere Gedanken kommen.

 

Oktober 10th, 2012

Wir werden alt. Wir brauchen Roboter.

“Tut mir leid. Ausverkauft.” Diese Entschuldigung höre ich, wenn bei der Schreibwaren-Zeitschriften-Lotto-Frau meines Vertrauens nach der neuesten Ausgabe der “Landlust” frage. Die Sehnsucht nach sattem  Grün, fröhlichen Schweinen und nach Bauerngärten, in denen die wackere Landfrau das Arzneipflanzenbeet nach den Visionen von Hildegard von Bingen pflegt, hat uns kollektiv erfasst. Wir wandeln auf Asphalt und wünschten, es wäre ein mit Jaucheresten aromatisierter Feldweg. Natur ist groß in Mode. Technik ist uns zuwider.

Diese Einstellung ist ganz nett. Aber, meine Herrschaften, sie muss schleunigst geändert werden. Denn wir alle werden älter, noch älter, am ältesten. Zwar lassen wir uns schon heute unseren Spargel von Wanderarbeitern aus früheren Ostblockstaaten stechen. Aus Bequemlichkeit. Aber es kommt die Zeit, in der wir auch objektiv den Rücken für diesen Job nicht mehr krümmen können. Dann brauchen wir Hilfe. Doch von wem?

Denn andere Menschen betreuen oder gar pflegen – das wollen nicht mal Schlecker-Frauen. Bereits in wenigen Jahren werden für die entsprechenden Job bis zu 300.000 Arbeitskräfte fehlen. Das wird kaum zu vermeiden sein. Die wenigen Könner werden so viel Geld kosten, dass das bisschen Rente futsch ist.

Was kann da noch helfen? Klar doch, mehr Produktivität. Klar doch, unser guter deutscher Maschinenbau. Wir sollten uns dringend daran machen, Maschinen zu konstruieren, die Routinearbeiten in der Pflege übernehmen. Und vielleicht ein bisschen kommunizieren. Das können wir, mit technischen Produkten ist die Wirtschaft dieses Landes groß geworden.

Seien wir stolz auf unsere Pflege-Ingenieure. Und freuen wir uns auf die ausverkauften neuen Zeitschriften der Zukunft: “Roboter und Hund”, “Focus-Humanoid”, “”Pflegen und Blinken” oder “Welt der Wunder – Robo Sapiens”. Das Leben wird schön.

Oktober 8th, 2012

Ein Sozi darf nicht reich sein

Ich stelle fest: Wir wissen nicht, was wir wollen. Da wird darüber gejammert, dass sich speziell junge Leute viel zu lasch durch das Leben treiben lassen. Da wird gepredigt, dass sich Leistung endlich wieder lohnen muss. Und dann arbeitet sich diese Republik an Vortragshonoraren und sonstigen Nebeneinkünften ihrer Volksvertreter ab. Das passt nicht zusammen.

Sicher ist, dass sich das Maß der Empörung über Nebenjobs unmittelbar an der jeweiligen Person beziehungsweise Personengruppe bemisst. Wenn etwa jüngere Unions-Abgeordnete verlangen, dass in Zukunft private Zusatzvorsorge für das Rentenalter verpflichtend werden muss, zwingt das viele Menschen zu einer Zusatzbeschäftigung. Denn die zehn Euro pro Monat, die sich ein Niedriglöhner nach seiner Arbeitswoche noch vom Mund absparen könnte, reißen es später auch nicht heraus. Also gilt in diesem Fall: Wer Nebenjobs ablehnt, ist ein Sozialschmarotzer.

Gering wird die Aufregung um die Nebenverdienste von FDP-Generalsekretär Patrick Döring ausfallen. Weil uns sowieso klar ist, dass sich ein Liberaler von der Wirtschaft schmieren lässt. Und seine Tätigkeit als Vorstand einer Haustierkrankenversicherungs-AG passt ins politische Bild. Denn es ist ja klar, dass künstliche Hüftgelenke für vergreiste Rauhaardackel ohne private Vorsorge nicht zu machen sind. Dass Döring als Aufsichtsrat der Bahn für Verspätungen steht, weil er das Aufpolieren der Bilanz für den Börsengang bestimmt als wichtiger ansieht als ICE-Instandsetzungsarbeiten, ist für uns unerheblich.

Ein Peer Steinbrück hingegen eignet sich als Zielscheibe. Uns interessieren ja immer die Gegensätze. Wir horchen auf, wenn etwas scheinbar nicht zusammenpasst.  “Lothar Matthäus spricht Hochdeutsch” wäre eine entsprechende Schlagzeile. Oder eben “Sozi schwimmt im Geld”.  Da ist allen klar, dass sich das nicht gehört. Wer reich ist, kann sich nicht um die Bedürftigen kümmern. Onkel Dagobert könnte nie der Willy Brandt von Entenhausen sein. Also fordern wir Transparenz.

Gut, es mag uns helfen, wenn wir wissen, wer wen für was bezahlt. Aber für mich sind Steinbrücks Honorare auch ein Stück freie Marktwirtschaft. Wenn es Firmen gibt, die ihn für eine Rede hoch bezahlen – dann soll er es nehmen. Würde ich ja auch tun.

Mich stört am neuen SPD-Star etwas ganz anderes: Beim Verhör durch Günther Jauch hat er auf die Frage nach den beiden größten deutschen Bundeskanzlern Gerhard Schröder genannt. Und das halte ich nun wirklich für beunruhigend.

Oktober 4th, 2012

22 Jahre Einheit – die Sprachmauer ist geblieben

22 Jahre gibt es sie nun, unsere wiedergewonnene deutsche Einheit. Eine wunderbare Fügung. So wunderbar, dass es sich selbst der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer nicht nehmen ließ, beim zentralen Festakt die Bürgerrechtsbewegung der DDR über den grünen Klee zu loben. Die CSU liebt also Demonstranten. Jedoch: Es gibt noch Probleme. Oder sagen wir besser Sprachmauern.

Die Ostdeutschen reden nämlich so seltsam. Laut einer neuen Umfrage eines Meinungsforschungsinstitutes names “YouGov” ist Sächsisch Deutschlands unbeliebtester Dialekt. Es klingt ja auch seltsam, ein halbes Brathähnchen – in Franken “Gigerla” -als “Broiler” zu bezeichnen. Es klingt auch sehr schnoddrig, wenn Bedauern mit “Schulldnsä!” ausgedrückt wird. Und wenngleich eingebildete Menschen uns alle nerven, fragt sich doch, ob man sie gleich “Leggarsch” nennen muss.

Jedenfalls bezeichneten in der Umfrage zur Einheit nur acht Prozent der Befragten Sächsisch als ihren Lieblingsdialekt. Vorletzter und vorvorletzter auf der Hitliste der “sympathischsten Dialekte” wurden Berlinerisch (11 Prozent) und Kölsch (13 Prozent).

Mit den Dialekten im hohen Norden und im tiefen Süden können sich die Deutschen laut dieser Umfrage dagegen am meisten anfreunden: Bayerisch mögen 27 Prozent der Befragten am liebsten, gefolgt von Spitzenreiter Norddeutsch. Die Mundart, wie sie zum Beispiel Hamburger sprechen, ist der Liebling von 29 Prozent der Deutschen. Angeblich unabhängig davon, ob die Zuhörer im Osten oder im Westen des Landes leben.

Ein Ergebnis, bei dem der gebürtige Hamburger Peer Steinbrück bestimmt die Lauscher aufstellt und auf Sympathiestimmen hofft. Allzu sicher sollte er sich aber nicht sein. Erstens wurde der überaus symphatische fränkische Dialekt in dieser Umfrage vergessen. Und zweites gibt es da noch eine gebürtige Hamburgerin, die die östliche Sprachfärbung mitbringt. Angela Merkel ist also breliebt und unbeliebt zugleich – und somit die Kandidatin aus der Mitte der Gesellschaft. Unds da wollen ja, wie wir wissen, die meisten Parteien gerne sein.

 

Oktober 2nd, 2012

Der Kampfhund der Sozialdemokratie

Der Blick sagt: Hier kommt der Kampfhund der Sozialdemokratie.

Eigentlich war man sich sicher: Mit dem Rückzug von Gerd, Joschka, Silvio und Nicolas wäre die Zeit der Testosteron-Politiker zumindest in der EU vorbei. Es würde die Ära der Führungsfrauen oder der mit massig emotionaler Intelligenz ausgestatteten Softies anbrechen. Und dann sagt die SPD dieses: Peer Steinbrück soll Bundeskanzler werden.

Gut möglich, dass nun manche über die Verjüngungsstrategien bei den Sozialdemokraten lästern. Kurt Beck kündigt mit 63 seinen Rücktritt an, Peer Steinbrück will mit 65 nochmal richtig durchstarten. Der junge, 51-jährige Sigmar Gabriel schaut in die Röhre. Er könnte,  falls Steinbrück Kanzler wird, der Prinz Charles des freiheitlichen Sozialismus werden.

Lustig ist, dass sich die Partei als potentiellen Kanzler jemand ausgesucht hat, der als Anti-Sozialdemokrat auftritt. Einen echten Sozi denkt man sich ja als Person, die voll und ganz dem öffentlichen Wohl sowie den Schutzbedürftigen verpflichtet ist. Der deshalb immer aufpasst, dass er niemand verletzt. Humorverzicht gehört zum Markenkern . Böse wird er nur, wenn es gegen kapitalistische Raubtiere, notorische Ausbeuter und gegen schlecht integrierte Sozialschmarotzer geht, die sich ihre Villen von 3000 Meter Dornenhecke, 20 Kameras und fünf Schäferhunde.

Steinbrück dagegen ist nicht nur villentauglich, er wirkt in seinen Reden und Interviews eher wie ein Bußprediger beim Starkbieranstich. Und er hat einen hohen Spaßfaktor: Zitate wie „Diejenigen, die mit Blick auf die Finanzkrise voreilig von Licht am Ende des Tunnels gesprochen haben, müssen nun feststellen, dass das in Wirklichkeit der entgegenkommende Zug war“, sind sein Markenzeichen.

Keine Frage: Der Kampfhund der Sozialdemokratie ist auf der Bühne. Sein Pech: Schon einmal hat sich gezeigt, dass nicht nur Peer Kanzler, sondern das auch Mutti Frauchen kann. Das war schon das Schicksal manchen starken Mannes…