Archiv für September, 2012

September 28th, 2012

Immer Kaffee – weil der Russe nicht kam

Kurt Beck geht, Peer Steinbrück kommt. Alles ändert sich. Was aber hilft in diesen turbulenten Zeiten? Selbstverständlich: Eine gute Tasse Kaffee. Das schwarze Gebräu ist – mit oder ohne Zucker, Milch und Sahne – unser Rettungsanker und/oder unser Aufputschmittel. Jedenfalls ist dieses Getränk Kult.  Also war es gut, dass am 28. September der “Tag des Kaffees” gefeiert wurde.

In meiner Jugendzeit gab es das noch nicht. Alles war anders. Unter der Woche gab es Kaffee als Pulver, das sich in heißem Wasser auflöste. Nescafé war eine beliebte Hausmarke. Anders an den Sonntagen. Dann holte Oma das feinste Geschirr aus dem Schrank. Heißes Wasser- wurde über einen mit Kaffeepulver – bevorzugt Marke Onko – gefüllten Filter – meistens Marke Melitta – in einer feierlichen Prozedur in die schicke Kanne geträufelt. Und beim Einschenken meinte Oma: “Trinken wir und essen wir noch eine Torte. Bevor der Russe kommt.”

Der Russe kam nicht, dafür tauchten zum Beispiel dieser Italiener ohne Auto oder eine gewisse Stephanie, Gräfin von Pfuel auf, welche uns Eduscho Gala schmackhaft machen wollte. Der Verzicht auf die  “Krönung” belastete das Gewissen ähnlich schwer wie ein Weichspüler-Boykott.

Aber dann tauchte er auf, der Kaffee-Vollautomat. Wir haben viel gelernt. So etwa, dass sich kleine, bunte Alubehälter und wahrhaftige Romantik nicht ausschließen. Die Nespresso-Produkte nennen sich  Capriccio, Levanto oder Fortissio, was uns verheißt, dass jeder Kaffee wie eine große Arie aus einer italienischen Oper ist. Und dank der Fernsehwerbung können Frauen davon träumen, dass sich Georg Clooney für ihre Wäsche interessieren könnte. Für solche Visionen investieren wir gerne viel Geld. Der Kaffee-Vollautomat ist statusmäßig das iPhone unserer Haushaltsgeräte.

Ein Knopfdruck genügt – und es zischt, schäumt und duftet gar wunderbar. Zu jeder Tag- und Nachtzeit. Wann immer wir wollen.

Zugegeben: Gut schmeckt er, dieser Kaffee. Aber mit Ritual, so wie damals bei Oma, war der Genuss trotzdem größer. Böser Russe, Du fehlst uns. Irgendwie.

September 24th, 2012

Auch in Arabien: Die Deppen sind die Minderheit

Es ist verrückt: Da dreht irgendein Idiot in den USA ein Video, das den Islam und den Propheten Mohammed verhöhnt. Und dann bricht in der arabischen Welt eine Welle der Gewalt los. Fahnen werden verbrannt, Botschaften werden gestürmt, Menschen sterben. Wer hat in diesem Spiel eigentlich den größten Knall?

Ich bin für Meinungsfreiheit. Es kann nicht sein, dass alles und jedes auf diesem Globus kritisiert oder karikiert werden darf, nur nicht die Religionen. Zumal diese reichlich Angriffsflächen für Ironie bieten. Satire und Hetze sind aber zwei ganz unterschiedliche Dinge. Wenn es nur darum geht, anders denkende und glaubende Menschen zu verhöhnen, wird es widerlich. Da wünsche ich mir allerdings Gelassenheit. Wenn etwa ein Salafisten-Heini vor laufender Kamera eine Bibel zerreißt, sollte man sich denken: “Der Herr schenke Dir einen Muskelkater. Wir drucken uns eben eine neue.”

Das wirklich Schlimme an den derzeitigen Medienberichten aus dem arabischen Raum ist nämlich etwas anderes: Wir geraten geistig-moralisch wieder in die Spur, in der wir nach dem 9. September 2011 waren. Wir glauben, dass es sich bei den gewalttätigen Demonstranten um “Die Araber” handelt. Araber beziehungsweise Muslime tragen entweder schlecht gestutzte Bärte oder sind voll verschleiert, sie schreien hysterisch durch die Gegend und wünschen uns Christen bei jeder Kleinigkeit Tod und Teufel an den Hals.

Tut mir leid, aber das kann nicht sein. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es zur arabischen Lebensart gehört, dass jede Familie die Flaggen von zwölf EU-Staaten zwecks öffentlicher Verbrennung griffbereit im Schrank hat. Ich mag auch nicht glauben, dass sämtliche Muslime grundsätzlich tiefgläubig und dauernd latent beleidigt sind. Auf uns hätte es doch auch nicht gepasst, wenn uns nach dem Sturm auf ostdeutsche Asylbewerberheime alle Welt für Faschisten gehalten hätte. Und wenn sich schwarz gekleidete Demonstranten mit der Polizei prügeln – sagt man dann im Ausland “Erstaunlich, dass diese Deutschen trotz alledem so gute Autos bauen”?

Es ist doch ganz sicher so, dass die allermeisten Muslime die gleichen Wünsche haben wie wir: Sie wollen ohne Geldsorgen nach ihren Bedürfnissen in Freiheit leben und keinen Streit mit ihren Nachbarn haben. Daran sollten wir denken – vor allem, wenn im Fernsehen wieder eine Fahne brennt.

September 22nd, 2012

Keine Herzens-Demo zum Opernball

Einmal im Jahr, irgendwann zwischen Volksfest und Christkindlesmarkt, gibt sich Nürnberg glamourös. Beim Opernball, der nach dem berühmtesten Maler und dem möglichen künftigen Flughafen-Namenspatron Albrecht Dürer benannt ist, werden die teuersten Abendkleider der Stadt vorgeführt. Sogar echte Stars wurden hier schon gesichtet, wenngleich es im Laufe der letzten Jahre zusehends weniger geworden sind.

Gleichwohl: Der Opernball ist das Allerheiligste der besseren Nürnberger Gesellschaft. Kann es sein, dass in diesem Umfeld demonstriert wird, wenn es einem wichtigen Gast missfallen könnte. Nein, es geht nicht.

Akut bedroht ist die Nürnberger Abendzeitung. Das “8-Uhr-Blatt” wurde 1919 gegründet und ist somit Deutschlands älteste Boulevardzeitung. Ihr derzeitiger Verleger ist der heimische Medienunternehmer Gunther Oschmann. Er hat jedoch die Freude an diesem Blatt verloren, da es laufend hohe Verluste schreibt. Noch im September soll die AZ an einen mutmaßlich interessierten Investor verkauft werden. Ansonsten droht das Aus.

Die beiden Journalisten-Gewerkschaften, die Deutsche Journalistinnen- und -Journalisten-Union (dju) sowie der Bayerische Journalistenverband (BJV) wollten verhindern, dass diese Zeitung geräuschlos verschwindet. Sie wollten Lebkuchenherzen mit der Aufschrift “Ein Herz für die AZ” verteilen.

Gepasst hätte es. Der Opernball ist der wichtigste Treffpunkt der Schönen und/oder Reichen der Region und somit auch die Zielgruppe des Boulevards. Zudem sitzt Gunther Oschmann – als unbestritten großzügiger Mäzen des Hauses – im Stiftungsrat des Staatstheaters.

Doch die Veranstalter sagten Nein, und auch das städtische Liegenschaftsamt soll sich gegen eine Herzensdemo gewehrt haben. Schade drum. Die AZ-Lebkuchen werden ihre Abnehmer finden. Wie es mit der Zeitung weitergeht, wird man in Kürze wissen.

Sollte sie sterben, dürfte sich nicht einmal die anderen Zeitungen freuen. Entsprechende Untersuchungen beweisen, dass die Zahl der Zeitungskäufer dort am größten ist, wo journalistische Vielfalt am größten ist. So etwa in München. Konkurrenz belebt das Geschäft – und ein Farbtupfer im örtlichen Pressemarkt ist auch eine in Auflage und Bedeutung geschrumpfte Abendzeitung allemal.

 

 

September 17th, 2012

Ein dicker Hals tut selten gut

Schon oft haben wir uns gewundert: Wie kann es sein, dass die härtesten Männer der Welt in Verhandlungen ziehen, aber dass es immer so läuft, dass am Ende einer langen Nacht die mutmaßlich unterlegenen Gewerkschaften oder eine Angela Merkel erfolgreich sind? Die Antwort ist nun bekannt: Zu enge Hemdkrägen machen den Unterschied.

Man hätte – zumindest bei den Gewerkschaften – die Kraft der besseren Argumente vermuten können. Oder hätte bei Angela Merkel darauf setzen können, dass dem Gegenüber der monotone Tonfall und das ständige Gesimse auf den Geist gehen. Oder man hätte vermutet, dass die Polit-Machos und Starmanager in typisch männlicher Selbstüberschätzung daran glauben, dass sie ihre Kontrahenten schon unter den Tisch saufen werden. Und dabei übersehen, dass in Angies Weinglas verdünnter Apfelsaft ist.

Nein, es ist alles ganz anders. Der Grund allen Übels liegt darin, dass zum Beispiel Wirtschaftsstrategen einen dicken Hals bekommen, sobald sie einen Klassenkämpfer auch bloß aus der Ferne sehen. Ein offener oberster Hemdknopf aber, würde die natürliche Autorität untergraben. Und eine zu lässig gebundene Krawatte würde Kompromissbereitschaft signalisieren. Was in diesen schweren Zeiten schon gar nicht geht.

Fatal falsch gedacht: Denn zu enge Hemdkrägen, so hat eine Expertin aus Ulm nun preisgegeben, scheuert und zwickt es bei jeder Kopfbewegung am Adamsapfel. Die Folge sind Konzentrationsmängel, weil der Betroffene ständig am Hemdkragen herumzupft und so in den entscheidenden Marathonsitzungen Nachteile erleidet. Dieses Problem haben Frauen in der Politik oder Gewerkschafter eher nicht.

Aber halt: Es fällt auf, dass der bayerische Finanzminister Markus Söder den Schlips gerne weglässt. Trotz seiner eindeutig konservativen Orientierung. Da hat wohl einer das Ganze durchschaut. Was uns wieder einmal lehrt: Bei diesem Mann ist besondere Vorsicht geboten.

September 13th, 2012

Die ESM-Party in der Lindenstraße

“Gib mir ein E! Gib mir ein S! Gib mir ein M! ESM! ESM!” Von unserem Bundesverfassungsgericht geht beim Thema Eurorettung eine geradezu unfassbare Magie aus. Wer immer vor dessen Eilurteil für oder gegen den ominösen Fonds war, hat nach dem Richterspruch von Karlsruhe gejubelt. Es gibt ausschließlich Sieger. Wie kann das bloß sein?

Vielleicht ja deshalb, weil das Gericht die wesentlichsten Erwartungen erfüllt hat. Es lässt den Euro beziehungsweise die Hoffnung auf den Euro weiterleben, aber es hebt auch mahnend den Zeigefinger. Für 190 Milliarden Euro, für sich gesehen eine nicht vorstellbare Wahnsinnssumme, darf Deutschland sozusagen diskussionsfrei geradestehen. Wenn es aber mehr werden sollte, muss der Bundestag gefragt werden. Die Konsequenz: Die Regierung kann weitermachen, die Skeptiker dürfen auch in Zukunft vor der ganz großen Pleite und den bösen Griechen warnen. Die Redaktionen der Fernseh-Talkshows müssen bei der Themensuche nicht allzu kreativ sein. Der Bundespräsident hat unterschreiben können.

Das freut die Spekulanten und das Europarlament, es beschert Angela Merkel einen ruhigeren Herbst und lässt der CSU immer noch genug Stoff, um bei Bedarf einen Anti-Euro-Landtagswahlkampf zu führen. Dann nämlich, wenn die eurokritischen Freien Wähler im Freistaat zu stark zu werden drohen.

Fast scheint es so, als müsste unser ESM besser FFE heißen. Also Friede, Freude, Eierkuchen. Fast scheint es so, als könnte die Eurosache noch richtig populär werden. Wir retten und retten und feiern Marshallplan-Parties. Mit Sirtaki und Ouzo, mit Stierkampf und Freikartenverlosung für Real Madrid und mit Pasta und Bun… – halt, das Ende dieses Satzes hängt davon ab, wer zum Zeitpunkt der Rettung in Italien regiert.

Fröhlich könnten wir die Sache erledigen. Ganz so wie die Spekulanten. So wär’s auch richtig, denn das Grauen kommt eh. 190 Milliarden Euro werden nicht reichen, der Bundestag muss noch zwei, drei Mal ran. Und das Bundesverfassungsgericht wohl auch.  Nein, ein Fest ist das nicht. Eher ein Bündel von Problemen und Beziehungskrisen. Als Fernsehprogramm wäre die Eurorettung wie die Lindenstraße. Mit Hans Beimer, Klausi und Gastwirt Sarikakis als Hautpdarsteller-Troika. Eine vielleicht unendliche Geschichte. Na denn, demnächst mehr in diesem Blog.

September 11th, 2012

“Bild” rettet die Seele der Bettina W.

Nein, ich habe nichts gegen Bettina Wulff. Gar nichts. Aber so allmählich weiß ich nicht mehr, was ich an ihrer Affäre nervtötender finden soll. Die Rotlicht-Gerüchte oder die machtvolle Verteidigungs-Inszenierung samt Buchverkaufs-Werbung.

Die “taz” hat es am 10. September hervorragend auf den Punkt gebracht. Auf ihrer Titelseite zeigte sie den jungen Ex-Bundespräsidenten an der Seite von Altkanzler Helmut Kohl. Die Überschrift lautete “Wulffs peinliches Vorleben enthüllt”. Im erklärenden Text hieß es: “Ein neu aufgetauchtes Bilddokument belegt, wie Bettina Wulffs Gattte als junger Mann lebte – angepasst, devot, karrieregeil und in engem Kontakt zu äußerst dubiosen Gestalten.”

Danke für diesen Wink. Er zeigt uns, dass wir schief gewickelt sind. Wir erregen uns hechelnd an einem mutmaßlichen Sex-Skandal. Und übersehen dabei nur allzu gerne die wahren Schweinereien, wie sie im Umfeld mächtiger und machtversessener Menschen immer wieder passieren. Dabei zeigen wir unsere verklemmte Doppelmoral. Denn nur mal so gefragt: Wenn die junge Bettina Wulff gegen Geld zahlungskräftige Männer durch die Nacht begleitet hätte – wäre es überhaupt der Rede wert? Man mag die Arbeit einer Bardame oder einer Escort-Lady unappetitlich finden. Aber es handelt sich um  Dienstleistungen, die normalerweise keinen Schaden anrichten.

Dagegen gibt es in zahlreichen Firmen, zum Beispiel im mittleren Management, meist männliche Huren ihrer Chefs, die als willige Vollstrecker sinnloser Anweisungen viele andere Menschen ins Unglück stürzen. Da gibt es genügend Skandale, die man anprangern könnte.

Aber wir betrachten lieber die schönen Bilder einer seelisch verletzten Frau, welche die Bild-Zeitung in diesen Tagen verbreitet. Wer anständig ist, bedauert sie. Aber wir könnten auch überlegen, wie es um den Charakter einer Person bestellt sein muss, die sich ausgerechnet von jenem Blatt hofieren lässt, das ihr vorheriges Leben zerstört hat. Wahrscheinlich weiß Bettina Wulff, dass das nutzlose Projekt einer Biographie einer 38-jährigen Frau nur durch Deutschlands beste Vermarktungsmaschine für Unsinn aller Art zum Erfolg werden kann. Wir gönnen ihr das Geld.

 

 

September 10th, 2012

Die Rente ist sicher – ein Wahlkampfthema

Die Szene gilt uns als die Rentenlüge schlechthin: Im Jahr 1986 beklebte der damalige Sozialminister Norbert Blüm eine Litfaßsäule mit einem Plakat und rezitierte in seinem hessischen Dialekt mit feierlicher Stimme den darauf gedruckten Slogan: „Denn oins ist sischää: die Räntä!“ Die Zweifel daran sind nie ausgeräumt worden. Heute weiß man: Die Rente ist sicher. Es fragt sich nur, in welcher Höhe.

Die von Ursula von der Leyen in die Diskussion gebrachte Zuschussrente wirft ein Schlaglicht auf unsere Eigenschaft, dass wir das Bekannte gerne übersehen, wenn es unangenehm ist. So geben wir uns noch immer schockiert, wenn die neuesten Schreckensnachrichten von der Polareis-Schmelze auftauchen. Bei der Rente ist Überraschung noch erstaunlicher.

Denn was Frau von der Leyen angeblich so spontan schockiert hat, die langfristige Absenkung des Rentenniveaus auf 43 Prozent, wurde 2001 von der rot-grünen Bundesregierung beschlossen. Schon damals war klar, dass ein solidarisches System nur so lange aus sich heraus funktionieren kann, so lange die Zahl und Leistungsfähigkeit der Geber und Nehmer im Lot ist. Das kann bei uns in 20 Jahren nicht mehr so sein. Die Alten werden immer älter – die Jungen immer weniger. Und Rentenbeiträge von Maschinen in durchrationalisierten Betrieben sind (noch) kein Thema. Hinzu kommt, dass die angeblich so clevere private Versicherungswirtschaft keine höheren Renditen hinbekommt als die staatliche Rentenkasse. Provisionen und Dividenden wollen ja auch bezahlt sein.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder werden die heute konsumfreudigen Rentner wieder zu zwangsweise bescheidenen Omas und Opas oder es gibt Zusatzgeld aus Steuermitteln.

Letzteres ist sinvoll, aber da ist ja noch die ideologische Hürde. Da lehnt die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer derartige Geschenke mit dem Hinweis ab, dass die Höhe der Rente immer auch ein Spiegel der Lebensleistung sein müsse. Leistung erbringen demnach also nur Besserverdiener.  Und Philipp Missfelder, der unumstrittene erprobter Unionsschnösel des Sozialwesens, rät armen Menschen dazu, doch etwas für das Alter auf die Seite zu legen. So habe man das früher auch gemacht.

Das sagt einer, der nie einen normalen Beruf ausgeübt hat, dafür aber regelmäßig durch dumme Sprüche zu Lasten Bedürftiger aufgefallen ist. Man hört und liest es, und verspürt einen grausamen Drang, solche Leute mit nicht unter sechs Wochen Spargelstechen zu bestrafen. Aber selbst das wird kaum helfen, denn wo Zukunftssorgen sind, sind die Schwätzer nicht weit.

Anders gesagt: Die Rente ist sicher – ein Thema für den nächsten Wahlkampf.

 

 

 

September 8th, 2012

Nichts ist heißer als Landlust

Was ist schön? Man weiß es nicht. Tatsächlich reagieren Menschen auf sehr unterschiedliche Reize. uf jedem Gebiet. Da ist jemand verzückt beim Anblick einer Walmdachvilla im Grünen, während der andere ein viereckiges Ding aus Glas und Stahl bewundert. Mancher findet ein zweisitziges Cabrio wunderhübsch, während sich ein anderer in ein sechs Meter langes SUV verliebt. Aber wie ist das jetzt mit der Schönheit, wenn es um Mann und Frau geht?

Kluge Philosophen warnen seit jeher davor, dem Reiz des Äußerlichen zu erliegen. Schönheit sei vergänglich. Und entscheidend sei ohnehin nicht das Gesicht, sondern das Licht im Herzen. Trotzdem gibt es ein mutmaßliches Schönheitsideal. Nämlich die 1,80 Meter große Frau mit Größe 34, die auch auf 20 Zentimetern hohen Schuhen unfallfrei unterwegs ist. Das ist Schönheit aus dem Hause Klum.

Der angebliche Traum vieler Männer wiederum sieht so aus: Langhaarig, superschlank, trotzdem mit Doppel-D-BH und den Mund 24 Stunden am Tag zum Kuss geformt. So dass auch der Verzehr eines Hiffenmark-Krapfens lasziv aussieht. Hier handelt es sich um die Schönheit vom Typ Pirelli-Kalender samt seiner meist billigen Kopien.

Seltsam ist allerdings: Nicht die erotischen Jahresplaner sind die Verkaufsschlager. Für größtes Aufsehen sorgen vielmehr die Landjugend-, Landfrauen- oder Bäuerinnen-Kalender. Kaum sind solche Machwerke auf dem Markt, stürmen die Menschen Kioske und Buchhandlungen. Dabei wirken die abgebildeten Frauen selten besonders aufregend. Die Erotik besteht manchmal nur darin, dass an der Arbeitsbluse ein Knopf zuviel geöffnet wird. Oder sie gipfelt, wie im neuen Knoblauchsland-Kalender, darin, dass eine Landfrau ihr Nachthemd mit Karpfenfischer-Stiefeln kombiniert.

Warum also ist “Landlust” nicht nur als Zeitschrift irrsinnig begehrt? Vielleicht denken Männer pragmatisch. Sie wissen, dass schöne Frauen anfangs teuer und später anstrengend sind, wenn sie älter werden. Sie wissen, dass es hilfreich sein kann, wenn eine Frau das Kaminholz hacken kann, falls die eigene Bandscheibe klemmt. Wer ein Herz für Schönheit hat, findet Schönheit überall. Alsdenn, im Kuhstall brennt noch Licht…

September 6th, 2012

Öko-Peter und die Kampfradler

Ist CSU-Verkehrsminister Ramsauer in Wahrheit ein “Öko-Peter”? Zuletzt hat sich dieser Verdacht aufgedrängt. So hat er sich dafür eingesetzt, dass durch eine Pkw-Maut das Fahren auf Autobahnen teurer wird. Und jetzt setzt er auf sanfte Fortbewegung. Deutschland soll eine fahrradfreundliche Republik, die Radfahrer selbst sollen Menschenfreunde werden.

Zweifel am Erfolg, heftige sogar, sind erlaubt. Einige Zeit vor Bekanntgbe seines Zieles, den Radanteil am Verkehr von 10 auf 15 Prozent zu steigern, hat Ramsauer die Mittel für Investitionen in Radwege um 16 auf 60 Millionen Euro gekürzt. Zudem bräuchte es auch Phantasie und entschiedenes Handeln vor Ort. Es gibt doch in jeder Stadt wichtige Stellen, an denen das Radfahren grausam gefährlich ist. In Nürnberg ist das zum Beispiel der Platz am Hauptbahnhof. Man weiß seit langem, dass es dort zu eng, zu unübersichtlich und zu kompliziert ist. Aber es passiert nichts.

Und wer Radfahren wirklich fördern will, muss zum Beispiel im Winter zumindest wichtige Radwege von Schnee und Eis räumen. Da heißt es dann, dass das zu teuer sei.

Vollends zum Wolkenkuckucksheim wird die ministerielle Offensive, wenn man meint, dass man die Radfahrer gleichzeitig zu größerer Disziplin bringt. Das wird nicht klappen. Denn es ist so, dass sich der Mensch verändert, sobald er auf sein Bike steigt. Während er im Auto selbst mitten in der Nacht bei null Verkehr fünf Minuten an der roten Ampel stehen bleibt, nimmt er diese im Ledersattel allenfalls als freundlichen Hinweis wahr. Auch Fußgänger sieht er als lästige Hindernisse an und umkurvt sie mit vollem Karacho.

Warum das so ist, ist ungewiss. Handelt es sich um eine umgekehrt evolutionäre Rückkehr zum Mitglied eines Reitervolkes? Oder ist das Leid einfach zu groß, wenn der Antrieb per Muskelkraft immer wieder jäh gestoppt wird?

Wie auch immer: So genannte “Kampfradler” wird es immer geben. Wenn die Radwege besser sind, fallen sie allerdings weniger auf.

 

 

 

 

September 3rd, 2012

Herdprämie, die stille Revolution

Oh heilige Statistik! Man stellt es sich doch ganz einfach vor. Man sammelt Daten, wertet sie aus – und weiß hinterher ganz genau, was Sache ist. Aber das stimmt nicht. Denn es kommt immer noch darauf an, wer die Zahlen anschaut. Vor allem dann, wenn es um revolutionäre Veränderungen geht.

Ich habe das bei einer politischen Diskussionsrunde am Beispiel Krippenplätze ganz frisch erlebt. Einer amtlichen Statistik zufolge verfügt München über 14.729 Krippenplätze. Das sind 52 Prozent aller Krippenplätze in Bayern. Die SPD bejubelt deshalb ihren Oberbürgermeister und Landtags-Spitzenkandidaten Christian Ude als “Usain Bolt der kinderfreundlichsten Politiker”.  Die CSU kontert prompt: In München lebten die meisten Menschen. Also sei klar, dass es dort die meisten Krippenplätze gebe. Tatsächlich stellt das CSU-geführte Sozialministerium München und Nürnberg als Bayerns größte Problemzonen in Sachen Kinderbetreuung an den Pranger. Hier fehlten die meisten Betreuungsplätze.

Aber es gibt ja noch das Betreuungsgeld. Und die von Spöttern so genannte “Herdprämie” ist eine Revolution, der weitere Revolutionen folgen könnten. Denn sie ist die erste staatliche Subvention, die gewährt wird, weil man ein Recht gegenüber dem Staat nicht in Anspruch nimmt.

Man bekommt diese Zuwendung  ja nur dann, wenn man auf einen Kinderbetreuungsplatz verzichtet. Genau das aber lässt sich weiterdenken. Es wäre demnach doch ganz normal, wenn Fußgänger Geld aus der Mineralölsteueraufkommen dafür bekämen, dass sie die Straßen nicht benutzen. Wer unterschreibt, dass er auf keinen Fall ins Opernhaus geht,  könnten seinen Anteil an den öffentlichen Kultursubventionen erwarten.

Gleiches müsste für Menschen gelten, die nie öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Und wer einen Bogen um die Stadtbibliothek macht, dürfte sich auf einen Buchgutschein freuen.

Man sieht: Es gibt schier unendliche Möglichkeiten, Prämien zu finden. Fangen wir an, gehen wir bis zum Koalitionsbruch – und danken wir Horst Seehofer und Co. für deren wunderbare Idee.