Archiv für August, 2012

August 31st, 2012

Ergo-Skandal: Die nächste Lustreise führt ins Kloster

“Versichern heißt verstehen.” So laut ein Werbeslogan der Ergo Versicherung. So richtig Verständnis findet das Unternehmen zurzeit aber nicht. Die Welt wundert sich darüber, dass es zur Motivation der Verkäufer offenbar Lustreisen in Bordelle oder Swingerclubs braucht. Die Welt fragt, ob das nicht anders geht.

Unbedingt geht das. In allen Unternehmen, die etwas verkaufen oder mit cleveren Dienstleistungen punkten wollen, ist die Motivation der dafür zuständigen Mitarbeiter/-innen ein ganz großes Thema. Eine ganze Branche – die Unternehmensberatungen, Coaching-Agenturen und sonstigen Psychoberater – lebt davon. Und denkt sich auch viel aus: Da gibt es Gespräche, in denen die Hilfschefs fachlich und seelisch die Hosen herunterlassen müssen. Führungskräfte bekommen auf Seminaren das Wesen des “Lean Management” – mit rückläufigem Humankapital immer effizientere Ausbeutung realisieren – erläutert.

Abteilungsleiter und Unterabteilungsleiter hängen an Bäumen, sie stolpern zwecks “Teambildung” über Hochseilgärten. Sie kriechen auf der Suche nach dem richtigen Weg durch dunkle Höhlen, sie marschieren durch Wälder, wo sie sich drei Tage lang nur von Beeren ernähren können. Sie sausen in Schlauchbooten durch Stromschnellen und entdecken die pure Lust am gemeinsamen Kentern.

Viel Psychologie steckt in all diesen Formen der Gehirnwäsche. Aber eine Ergo Versicherunges verspricht nicht nur via Werbung “Klartext”, sie wählt auch die direkte Art. Da man seit der Antike weiß, dass der Entzug von Sex Frieden zu stiften vermag, ist es auch klar, dass wilder, hemungsloser Sex den Mann erst richtig zum Krieger macht.  Und herrscht nicht Krieg in der Versicherungsbranche? Kann man unrentable Lebensversicherungen ohne pathologischen Testosteronüberschuss überhaupt überzeugend verkaufen?

Die Antworten liegen auf der Hand.  Für die Turboverkäufer der nunmehr moralisch geläuterten Ergo Versicherung dürfte dennoch bald ein anderer Wind wehen. Sie werden die jeweils neuen Verkaufsziele in Exerzitien in abgelegenen Klöstern verinnerlichen. Auf die Ergebnisse der konzerninternen Studie zum Thema “Auswirkungen des Heiligenscheins auf die strukturelle Abschlussorientierung” sind wir wahrlich gespannt.

 

 

August 30th, 2012

Am Lagerfeuer mit Herrn Jauch

Ist es nicht phantastisch? Wir leben im Land der unbegrenzten Freizeitmöglichkeiten. Selbst in unserer “staden Zeit”, den Sommerferien, haben wir tagtäglich die Auswahl unter mindestens zwei Dutzend Angeboten. Wir können ins Museum gehen, ein Konzert anhören, mit dem Volksfest-Riesenrad fahren oder uns mit Freunden im Biergarten treffen. Aber was tun wir wirklich? Wir sitzen vor der Glotze.

Fernsehen ist nach einer Studie der BAT-Stiftung die liebste beziehungsweise häufigste Freizeitbeschäftigung der Deutschen. Wobei uns das Programm oft gar nicht fesselt. Wir sitzen vielmehr da, machen irgendetwas nebenbei und konzentrieren uns frühestens ab der 125.000-Euro-Frage. Klingt nach purer Zeitverschwendung. Ist es auch. Und es ist verständlich.

Dann auch wir haben unsere Geschichte. Wir haben als Homo sapiens  nicht im Paradies, sondern in der afrikanischen Savanne begonnen. Wir haben nach Wurzeln gegraben, Beeren gepflückt und bei Bedarf ein Tier erlegt. Kühlschränke hatten wir nicht, also mussten wir es auch nicht übertreiben. Ein Zwei- bis Vier-Stunden-Arbeitstag hat gereicht.

Der Rest war Freizeit. Und abends haben sich die Jäger und Sammler vor dem Lagefeuer versammelt. Sie haben sich wilde Geschichten erzählt oder stumm in die dunkle Wildnis geblickt, ehe sie der Fortpflanzung ihrer famosen Spezies dienten. Auch dafür war Zeit. Man konnte ja locker verschlafen. Dann kam ein heftiger Klimawandel, weshalb man sich aufmachte, den Rest der Welt zu erobern. Was ja überzeugend gelungen ist.

Das war vor hunderttausend Jahren. Unsere heutige städtische Lebensweise dagegen ist noch nicht einmal 200 Jahre alt. Dementsprechend  stresst sie uns. Denn so sehr wir auch durch die Gegend rennen, steckt die Sehnsucht nach dem Lagerfeuer tief in unserem Hirn. Womit wir bei den Talkshows wären. Auch da sitzen Menschen herum und erzählen seltsames Zeug, von dem uns schon am nächsten Tag nichts mehr in Erinnerung ist.

Eigentlich fatal. Aber sehen wir es doch gelassen. Er gefällt uns eben, der Abend am Lagerfeuer mit Herrn Jauch. Nehmen wir das doch einfach hin. Denn die Suche nach der perfekten sinnvollen Freizeit ist wieder auch eines: Neuer Stress, den wir eigentlich nicht brauchen können.

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August 27th, 2012

Angies Mundwinkel verjagen den Qualm

Wenn es um Veränderungen im menschlichen Handeln geht, schlägt die Stunde der Psychologen. Direkte Anweisungen funktionieren nur unter heftiger Strafandrohung nachhaltig. Allemal besser ist es, Menschen zu überlisten oder sie so anzusprechen, dass Hirn und Herz  gemeinsam erreicht werden. So, dass die Botschaft tief sitzt.

Andere auf die falsche Spur zu führen, ist ein bewährtes Erfolgskonzept. Man weiß zum Beispiel, dass eine auffällig hingestellte Radarfallen-Atrappe Autofahrer besser zum Abbremsen bringt als ein getarntes Blitzgerät. Bei der Bundeswehr befasst sich eine komplette Dienstvorschrift mit dem Thema “Tarnen und Täuschen”. Deren Botschaft lautet auf den Punkt gebracht: Wer zuletzt gesehen wird, kann als Erster schießen.”

Voll auf Frontalbeschulung setzt dagegen die Europäische Union. Sie plant, Zigarettenschachteln in Zukunft mit Ekelbildern zu versehen. Fotos von schwarzen Lungen oder entzündeten Raucherbeinen sollen die Qualmer dazu bringen, die Finger von den Glimmstängeln zu lassen.

Bringen wird das nicht viel. Die Raucherinnen und Raucher wissen schließlich um die Risiken für ihre Gesundheit. Wegen Geschwüren auf Pappschachteln werden die Verkaufszahlen für Tabakwaren nicht einbrechen. Eher wird der Verkauf von Etuis für Zigarettenschachteln angekurbelt.

Somit ist Psychologie gefragt. Viel besser wäre es doch, Politikerporträts auf die Schachteln zu kleben. Also eine Angela Merkel mit tief herunterhängenden Mundwinkeln oder ein fröhlich grinsender Philipp Rösler – verbunden mit der Botschaft: “Rauchen Sie ruhig weiter. Sie/Er freut sich über Ihre Steuern.” Oder in der CSU-Variante: “Tabaksteuer? Da lacht der alte Grieche.”

Jede Garantie: Der Abgewöhnungseffekt wäre gewaltig. Denn wenn wir einem unser Geld nicht gönnen, ist es der Staat. Alsdenn.

 

August 24th, 2012

Die Jugend wird brav, Opa ist der Punk

Wir wissen es schon seit Sokrates. “Die Jugend liebt den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Die Jugend steht nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widerspricht den Eltern und tyrannisiert die Lehrer.“ So sagte es der alte Grieche. Und, auch das ist sicher: Die Teenager rauchen, saufen und  kiffen bis zum Koma. Klare Erkenntnis. Stimmt aber nicht.
Kinder und Jugendliche in Deutschland sind seit dem Jahr 2002 gesundheitsbewusster geworden. Dies hat die entsprechende Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO ergeben. So ist das Rauchen als frühpubertäre Form der Rebellion und Lässigkeit völlig aus der Mode gekommen. Nur noch drei Prozent der 13-Jährigen paffen regelmäßig. 2002 war es noch jeder Siebte.
Auch Alkohol ist nicht mehr so schick. Die WHO hat ermittelt dass sich die Werte für wiederholte Rauscherfahrungen für die 13-Jährigen mehr als halbiert und bei den 15-Jährigen um ein Viertel reduziert haben. Haschisch reizt auch nicht mehr. Hatten früher 22 Prozent der Jungen angegeben., schon einmal einen Joint geraucht zu haben, sind es neuerdings nur noch 10,7 Prozent. Bei Mädchen sind es nur 5,7 Prozent.
Brave junge Leute. Irgendwann wirkt es eben, wenn Mama auf tierversuchsfreie Kosmetik umstellt und Papa vom Sofa steigt und Marathon läuft.
Aber sind damit Sucht und Verderben aus unseren Familien verschwunden? Das nicht. Denn es gibt ja noch Oma und Opa. Viele haben einen kleinen Helmut Schmidt daheim, der nicht einsieht, mit 80 das Rauchen aufzugeben. Und beim Alkohol sind die Alten sowieso bestens trainiert. Sie langen kräftig hin. Ob es nun – bei kleiner Rente – das Machwerk der Bilig-Brauerei oder – bei stattlicher Pension – der edle Tropfen von Weinhändler Jacques ist.
Wir ahnen es: Die Rentner sind heute die wahren Punks. Scharf auf Luxus, schnoddrig und respektlos gegenüber der Jugend und dem Personal vom Pflegedienst. Na denn, Prost!

 

 

August 20th, 2012

Knechte werden nicht berühmt

Machen wir uns nichts vor: Wir alle wollen bedeutend sein. Wenigstens ein bisschen. Wenn wir dereinst über den Jordan gegangen sind, sollen die anderen sagen: “Ach, traurig. Das war doch der feine Kerl , der immer so toll…” Und 500 Leute sollen bei der Trauerfeier weinen.

Im Berufsleben ist das mit der Berühmtheit so eine Sache. Hier gilt der Satz “Wertschätzung entsteht durch Präsenz.” Wer Karriere machen will, tut demnach gut daran, seine Arbeitszeit mit jener des Chefs zu harmonisieren. Das kann man als Teilzeitkraft natürlich nicht. Aber auch Vollzeit muss nicht so gelebt werden, dass man sich nach einer 35-Stunden-Woche dumpf und faul ins Freibad legt. Macht der Chef ja auch nicht. Der geht höchstens am Vormittag auf den Golfplatz. Zwecks aktiver Kundenpflege. Aber man selbst punktet gewaltig, wenn man dem hervorragenden Vorbild folgt. Gemäß der Devise “Als Erster kommen und als Letzter gehen.”

Dazu muss der heutige Mensch natürlich nicht im engen Käfig seines Büros sitzen. Smartphones und Tablets eröffnen den Weg zur völligen Freiheit. Wir müssen gar nicht am Arbeitsplatz sein – und sind trotzdem jederzeit frei erreichbar. Das mag der Chef, denn das ist gelebte Solidarität mit jenem Menschen, der sich seine Firma ja nun wahrhaftig aufreibt. Ob Spielplatz, Wanderweg, Kneipe oder Wasserbett- der Boss ist immer dabei. Das bringt sie, die entscheidenden Karrierepunkte. Und der Chef lobt einen als leuchtendes Vorbild.

Dummerweise hat das Ganze eine Kehrseite. Kaum ein Mensch will sich wirklich ganz und gar seiner Arbeit verschreiben. Man schuftet bei ständiger Erreichbarkeit gegen die eigenen Bedürfnisse, was sich – wie Krankheitsstatistiken zeigen – immer häufiger bitter rächt. Mit Burn-Out oder gar richtig harten Depressionen. Nicht zuletzt dann, wenn man merkt, dass Chefs auf willige Sklaven in Wahrheit mit Verachtung herabsehen. Die Kollegen sowieso.

Und wenn man dann über den Jordan gegangen ist, sitzen höchstens zehn Leute in der Trauerfeier. Man tuschelt “Das war doch dieser Arschkriecher, den es nach einer 70-Stunden-Woche weggepfiffen hat. Selber schuld.” Und die Trauerrede im Auftrag der Firma hält der Unterabteilungsleiter.

Ein schöner Satz heißt “Leistung muss sich lohnen”. Gut. Aber ein bisschen leben sollte man  auch noch…

 

 

 

 

August 18th, 2012

Baumeister Wowereit und der Kölner Dom

Wir haben es doch gewusst! Dieses Berlin ist keine wahre Weltstadt. Sie kriegen es nicht einmal hin, einen Flughafen zu bauen. Also ob das so unmöglich wäre: Ein paar Landebahnen, Sicherheitsschleusen, Wartebereiche, einen Taxistand und eine Einkaufsstraße für überteuerte Waren. Das müsste doch nach Zeitplan hinzubekommen sein. Und nicht auch noch mehr als eine Milliarde Euro teurer als vorgesehen.

Aber was will man erwarten, wenn ein solches Projekt von einem auf Party regierenden Bürgermeister verantwortet wird, dessen Spruch “Arm, aber sexy” die ersten Jahre dieses Jahrtausends ähnlich geprägt hat wie der Satz “Der Islam gehört zu Deutschland”? Klaus Wowereit ist eben ein leichtfertiger Springsinsfeld, dem Probleme jeglicher Art zuwider sind. Er ist für uns der Grieche des Ostens. Wer ihn prügelt, hat recht. Scheinbar.

Tatsächlich sind wahrhaft große Projekte sind immer wie ein gutes Pils. Sie dauern auch mal länger. Nehmen wir das Opernhaus von Sydney. Dieses Gebäude, das lächerliche 184 Meter lang ist, zählt heute zum Weltkulturerbe. Sein Bau war das Grauen. Die geplanten Kosten waren am Ende 14-mal so hoch. Statt 1965 wurde es 1973 eingeweiht. Der Architekt verließ – anders als Wowereit – fluchtartig das Land und ward in Australien nicht mehr gesehen.

Oder erinnert sich noch jemand an die Entstehungsphase von Toll Collect? Auch dieses satellitengestützte System zur Berechnung der Lkw-Maut stand im Verdacht, den Technologiestandort Deutschland lächerlich zu machen. Vor fast genau neun Jahren sollte es in Betrieb gehen, geklappt hat es erst 2006. Heute sprudelt das Geld – von Blamage redet keiner mehr.

Betrachten wir schiließlich ein anderes deutsche Großprojekt, nämlich den Kölner Dom. Baubeginn war im Jahr 1248, das Ende der Arbeiten wurde jedoch erst 1880 gefeiert. Und trotzdem ist dieses Bauwerk vermutlich zu klein oder zu verwinkelt, um auch nur einen einzigen Airbus A 380 aufzunehmen. Auch Demokratie in Russland geht nicht so schnell.

Das alles zeigt uns: Der neue Berliner Flughafen wird ein wahrhaft großes Werk. Und Klaus Wowereit wird als Baumeister der Extraklasse in den Geschichtsbüchern stehen. Geduld, Geduld. Es wird. Nicht wann, sondern irgendwann. Dafür aber ganz bestimmt.

 

 

 

August 14th, 2012

Arme Heidi Klum: Die Krise vermiest uns die Bulimie

Sie ist schon arm dran, unser Germany’s First Top-Model, Heidi Klum. Nicht nur ihr Ehemann, sondern auch scharenweise Fernsehzuschauer sind ihr davongerannt. Und bestimmt fragt sich die gestrenge Modetante: Was ist bloß in diesem Land? Die Antwort kommt aus London. Schuld sind die Griechen, Spanier, Italiener und andere. Denn in der Wirtschaftskrise erstirbt der geheime Charme der Bulimie.

Forscher der Westminister-Universität haben das Phänomen in einer Studie mit dem Titel “The Impact of Psychological Stress on Men’s Judgements of Female Body Size” untersucht. Es geht also darum, wie Psychostress das Beuteschema von Männern verändert. Normalerweise sind Heidis zarte Wesen in ihren Kleidchen in Größe 34 und darunter die Inkarnation des Glamourösen. Entsprechend viele Männer träumten davon, mit einer solchen Begleiterin auf einer Party aufzutauchen. Sie waren bereit, dafür so richtig Geld rauszuhauen.

Doch das gilt nur, wenn ihre Seele  intakt ist und wenn die Zukunftsperspektiven stimmen. Doch heute wirkt die Finanzkrise als purer Stress, die Angst vor Geld- und Jobverlust macht Männer fertig. Dann heißt es:  Ade, schöne Zicke. Hallo, Mama. Im wissenschaftlichen Versuch bedeutete das, dass die unter Stress gesetzten Probanden üppige Frauen auf vorgelegten Fotos attraktiver fanden.

Damit bestätigten die Forscher die Hypothese, dass Menschen wie auch Tiere in Stresssituationen einen erhöhten Bedarf an Sicherheit haben. Evolutionsgeschichtlich gesehen signalisieren rundere weibliche Formen ausreichenden Zugang zu Nahrung, eine bessere Gesundheit und einen stabileren weiblichen Zyklus als dünne Frauenkörper, erläuterten die Forscher.

Und damit drohen Heidi Klum ganz schwere Zeiten. Sie hat das bereits gemerkt, und zu einem der letzten Mittel gegriffen. Sie ließ sich unter den Rock fotografieren und präsentierte lachend ihr mit Photoshop bearbeitetes Hinterteil.

Hilft bloß nix. Denn die Krise wird noch stärker werden. Also, Heidi: Lerne endlich, was es heißt, anständig zu essen. Oder gib deinen  Sendeplatz an ein erfolgversprechenderes Format ab: Tine Wittler und Dirk Bach präsentieren “Germany’s Next  Top-Moppel”.  Wir werden uns auf dem Sofa amüsieren und noch mehr Chips und Nüsse futtern als bisher. Denn das Signal zum unbegrenzten  Zugang zu Nahrung gefällt uns – in diesen schweren Zeiten.

August 10th, 2012

Die Liebe lässt uns mächtig rudern

Wo die Liebe hinfällt, bleibt nicht selten ein Krater zurück. Aber muss man eine Frau dafür bestrafen, dass sie mit einem Deppen zusammen ist? So wie im Rudersport? Und was ist schön daran, jeden Abend Helmut Schmidt zuzuhören? Denken wir darüber nach…

August 7th, 2012

Markus Söder, unser neuer König von Griechenland

Mal Baggerfahrer, mal Bergsteiger: Markus Söder

Mal Baggerfahrer, mal Bergsteiger: Markus Söder. Foto: Gerullis

Von Joschka Fischer stammt die Erkenntnis, dass ein Amt den Menschen mehr verändert als der Mensch das Amt. Bei Markus Söder hat man sich das erhofft. Man hätte meinen können, dass er als Herr über die bayerischen Schlösser und Seen sukzessive königlichen Sanftmut entwickelt. Aber Nein. Söder bleibt ein Haudrauf. Zurzeit knöpft er sich die Griechen vor.

Die Hellenen müssten, so meint er, schleunigst raus aus der Eurozone. Das sei wie beim Bergsteigen: “Wenn jemand an deinem Seil hängt und dabei ist, dich mit in den Abgrund zu reißen, musst du das Seil kappen.” Überhaupt müssten die Griechen selbstständiger werden. Denn “irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen”.

Aber macht sich Markus Söder nicht bloß ehrliche Sorgen um sein Franken- und Bayernland? Quatsch, er macht sich Sorgen um seine Partei. Die Dominanz der CSU im Freistaat ist gefährdet, und deshalb besinnen sich ihre Strategen auf alte Traditionen. Nämlich darauf, dass die Partei immer dann am erfolgreichsten war, wenn sie vorgeben konnte, das Land gegen einen bösen Feind zu verteidigen. Egal, ob von innen oder außen. Hauptsache, es galt das “mir san mir”.

Kostproben gefällig? 1949 wurde  der Slogan “Ich bin Christ, bin Bayer und Deutscher. Darum wähle ich CSU” plakatiert. 1953 hieß es: “Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau!”. 1957 kam der Spruch “Denkt an Ungarn: Seid wachsam!”. Weiter ging es mit “Setzt Deutschland nicht aufs Spiel” (1961), “Die Enteignung ist bei der SPD einkalkuliert!” (1972) und dem legendären “1976 Jahr der Entscheidung Freiheit oder Sozialismus”. 1980 warb die CSU mit dem Spruch “Endstation Volksfront”, 1986 mit  ”Gegen Terror und Gewalt. Den inneren Frieden sichern” und 1990 mit “Schluss mit dem Asylmissbrauch”.

Mal waren es die Kommunisten und Sozialisten, dann die Ausländer, die Sozialhilfeempfänger und später die Islamisten. Immer war das weiß-blaue Biotop für Laptop und Lederhosen bedroht. Und immer gab es nur eine Rettung: Die CSU.

Jetzt also leben die Monster im Süden Europas. Die Griechen, die mit ihrer unfassbaren Faulheit, ihren falschen Zahlen und ihrer grundsätzlichen Unfähigkeit die bayerische Idylle und das christliche Abendland insgesamt in den Abgrund ziehen. Da kappen wir das Seil. Sollen sie doch samt ihren Faulenzer-Inseln in den Fluten der Ägäis versinken.

Wie es richtig geht, wüsste unser Finanzminister, wenn er nur einen Funken Geschichtsbewusstsein hätte. Seit 1826 war Griechenland völlig überschuldet. Und um Kredite von 472.000 britischen Pfund sowie 60 Millionen Drachmenedit durch England, Frankreich und Russland politisch abzusichern, haben die europäischen Großmächte von außen eine Monarchie installiert. 1832 wurde der bayerische Prinz  Otto, Sohn von König Ludwig I. von Bayern, als Otto I. König von Griechenland.

Was damals funktioniert hat, kann heute nicht schlecht sein. Es wäre doch wunderbar, wenn König Markus I. bei Heimweh auf der Akropolis den Frankenrechen hissen ließe. Mit der Verwaltung von Schlössern kennt er sich ja schon mal aus.

 

 

August 5th, 2012

Gegen Nazis hilft nur die klare Kante

Neonazis stellen sich ihren Gegnern.

Neonazis stellen sich ihren Gegnern. Foto: Wraneschitz

Vor ein paar Tagen haben Neonazis Nürnberg “beglückt”. Sechs NPD-Funktionäre haben mehr als hundert Mal so viele Gegner auf die Beine gebracht. Und mancher fragt: Musste das sein? Das Geschrei? Die Konfrontation mit der Polizei? Ich finde: Ja, es musste sein.

Sicher, unsere Sehnsucht ist eine andere. Wir würden lieber die NPD-Gestalten auf einem Platz ohne jedes Publikum herumschreien lassen und unser Bekenntnis zur Demokratie ganz friedlich an einem anderen Treffpunkt abgeben. Aber so kann man Neonazis nicht beeindrucken. Wo man sie machen lässt, kommen sie wieder. Über schöne Reden ein paar Häuserblocks weiter lachen sie bloß.

Deshalb war es großartig, dass ein Infostand von Demonstranten komplett verhindert und das Verbreiten rechter Parolen in Langwasser praktisch unmöglich gemacht wurde. Die selbst ernannten Retter des Vaterlandes gaben sich dabei ziemlich feige. Obwohl durch die Polizei beschützt, verschanzten sie sich – wie das Bild aus Nürnberg-Langwasser zeigt – hinter ihrem Werbe-Lkw. So wollen sie bestimmt nicht gesehen werden.

Absurd erscheint mir die Verhaftung des stellvertretenden ver.di-Geschäftsführers von Mittelfranken, Ulli Schneeweiß. Ich kenne ihn persönlich. Schneeweiß ist in seiner Haltung gegen Neonazis klar und strikt. Er steht aber auch für gewaltfreien Protest und hat immer wieder entsprechend auf andere Demonstranten eingewirkt. Für mich gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder es war ein Missverständnis. Oder jemand anders steht auf der falschen Seite.

 

August 3rd, 2012

Blasphemie? Der Papst ist kein Gott

Kämpfer gegen Blasphemie: Erzbischof Ludwig Schick.

Kämpfer gegen Blasphemie: Erzbischof Ludwig Schick.

Die Ferienzeit ist die Zeit der überflüssigen Nachrichten. Hauptsächlich bringt das so genannte Sommerloch absurde Ideen  unbedeutender Politiker hervor. Aber was Parlaments-Hinterbänkler können, schafft auch ein Gottesmann: Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat gefordert, Gotteslästerung unter Strafe zu stellen. Auslöser für seinen  Vorstoß war ein Titelbild der Satire-Zeitschrift “Titanic”. Darauf war der Papst mit einem gelben Flecken auf der Soutane zu sehen.

Sicher, es ist geschmacklos, über eine mögliche Inkontinenz bei einem alten Mann zu spotten. Aber worüber redet Erzbischof Schick? Das griechische Wort Blasphemie steht für eine durch Taten und Worte offenbarte Ehrfurchtlosigkeit der Gottheit gegenüber. Ganz früher fühlte sich die Gemeinschaft von der Rache der verspotteten Gottheit bedroht. Das Schandmaul musste weg, üblicherweise durch Steinigung. So steht es bei Moses im Alten Testament.

Während sich aber diese Hinrichtungsart in verschiedenen islamischen Ländern derart bewährt hat, dass sie auch heute noch für weitaus harmlosere Delikte genutzt wird, gibt es bei uns den Paragraphen 166 des Strafgesetzbuches. Darin heißt es: “Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.”

Eine Strafandrohung existiert also, weshalb man mit den Worten von Fußballgott Giovanni Trappatoni fragen könnte: “Was erlaube  Schick?”. Aber es geht noch um etwas anderes, nämlich um die Frage, ob Papstlästerung blasphemisch ist.

Selbstverständlich nicht. Benedikt XVI. ist nicht Gott, er wird vielmehr als Stellvertreter Christi auf Erden geführt. Nun war auch dieser kein voller Gott, sondern wenigstens ein halber Mensch. Joseph Ratzinger wiederum ist kein Heiliger. Er ist Vorstandsvorsitzender  eines global agierenden Weltanschauungskonzernes, der allerdings in der Öffentlichkeit zumeist mit salbungsvoller Stimme spricht. Hinzu kommt: Da uns Gott selbst hat wissen lassen, dass er keine anderen Götter neben sich duldet, sollte man den Papst nicht mit ihm auf eine Stufe stellen.

Verlassen wir uns doch darauf, dass die unverschämten Satire-Redakteure durch Gott selbst gerecht und angemessen bestraft werden. Und sei es durch eine Verhandlung vor dem Jüngsten Gericht. Wenn man sich allerdings so anschaut, welche absurden und üblen Dinge tagtäglich auf dieser Welt passieren, könnte man sich auch vorstellen, dass sich der himmlische Zyniker die Hände reibt und sich diebisch darüber freut, dass seinem Bayern-Beni mal eine reingewürgt wurde.

Das aber wissen wir nicht. Wir wissen nur dies: Die Wege des Herrn sind unergründlich.

 

 

 

August 2nd, 2012

Neue Heimat für die Kaufhof-Zecher

Südstadt-Idylle: Der Biergarten der "Silbernen Kanne".

Südstadt-Idylle: Der Biergarten der "Silbernen Kanne".

Als bekannt wurde, dass der Kaufhof in der Nürnberger Südstadt schließen wird, war ich wirklich traurig. (siehe hier) Nun soll der große Betonklotz am Aufseßplatz abgerissen und durch etwas Neues ersetzt werden. Irgendwann. Aber wohin hat es das Stammpublikum des alten Kaufhauses verschlagen? Eine Stück neue Heimat gibt es: Das Gasthaus “Silberne Kanne” in der Breitscheidstraße.

An der Fassade prangt noch immer der stolze Schriftzug „Speisehaus“. Doch das ist Vergangenheit. Die “Silberne Kanne“ nennt sich jetzt “Sportsbar” und ist seit ihrer Wiedereröffnung vor vier Wochen ganz auf den „Glubb“ eingestellt. Und sie ist ein Asyl für besondere Heimatvertriebene.

Wirtin Sandy Schmalfuß (32) hatte zuletzt im “Dinea”-Restaurant im 200 Meter Luftlinie entfernten Kaufhof am Aufseßplatz gearbeitet. Sie kannte auch die Stammkunden der dortigen “Franeknstube”. Diese war Treffpunkt von Clubfans und hatte daneben immer auch die Funktion und das Flair einer Wärmestube. Auch wer sonst keine recht Heimat hatte, war dort willkommen.

Noch vor der Schließung des Kaufhofs entschloss sich Schmalfuß, ihrem Stammpublikum ein neues Nest zu bauen. Sie wurde sich mit den Eigentümern der seit zirka eineinhalb Jahren geschlossenen Lokals einig. Ihre Mutter Annette Basse kündigte ihren ungeliebten Job an der Kasse eines Discounters – fertig war die Wirtschafts-Gründung.

Montags bis samstags ist von 11 bis 22 Uhr geöffnet. Das rustikale Mobiliar des ehemaligen Speiselokals ist mit Devotionalien des ruhmreichsten aller fränkischen Fußballvereine geschmückt. Alle Spiele des 1. FC Nürnberg werden live zu sehen sein. Dazu gibt es Faß- und Flaschenbiere zu Preisen zwischen zwei und 2,60 Euro. Die Hauptgerichte sind Schnitzel mit Beilage oder drei Bratwürste mit Kraut für jeweils 5,90 Euro.

Eine Attraktion für sich ist der Biergarten. Gäste sitzen dort unter sechs mächtigen Kastanien. Ein unerwartetes Ambiente an dieser Stelle der Südstadt. Die Nachbarschaft wird dessen Existenz spätestens am Samstag, 4. August, registrieren: Dann ist Sommerfest mit Live-Musik.Das gab’s nicht mal im Kaufhof.