Archiv für Mai, 2012

Mai 31st, 2012

Austauschen ist besser als kurieren

Na sowas: Da wird in allen Medien gemeldet, dass in deutschen Krankenhäusern zu schnell und unnötig oft operiert wird. Vor allem Hüftgelenke würden zu oft ausgetauscht. Aber: Warum wundert das jemand?

Man kann es doch Ärzten und Klinikverwaltern nicht vorwerfen, wenn sie auf die Politik hören. Sie sollen marktgerecht arbeiten. Denn der Markt ist immer besser als alles andere.

Also ist die Frage, wie ein Leiden mit geringstmöglichem Aufwand korrigiert werden kann, nur ein Aspekt von vielen. Das interessiert ja nur die Patienten, also die Randfiguren unseres Gesundheitswesens. Ansonsten geht es darum, für welche Maßnahme es welches Honorar gibt. Nur über den Schnupfen reden und heißen Tee empfehlen, geht nicht. Der Blutdruck muss gemessen werden. Leistung muss sich schließlich lohnen.

Und: Sanfte Therapie baut darauf, dass der Patient mitmacht. Ein schöner Gedanke. Aber welcher 60-Jährige geht plötzlich drei Mal die Woche ins Fitnesscenter, wenn er bis dahin nur bei Bier und Chips auf dem Sofa herumgelegen ist? Vertrauen in die Kranken bringt doch nichts. Dann lieber Ersatzteile hernehmen und das alte Zeug austauschen.

Ein Verfahren, dass ja auch zum Wesen unserer Gesellschaft beziehungsweise Wirtschaft gehört. Was wird schon noch repariert? Wegschmeißen und ersetzen, lautet die Devise.

Das wird sich in Zukunft eher noch verstärken. Und irgendwann werden wir froh sein, wenn es dabei nur um verschlissene Körperteile und nicht gleich um den ganzen Menschen geht.

Mai 29th, 2012

Pkw-Maut: Wird die CSU jetzt grün?

Über die Politik wundert man sich immer wieder. Warum, so frage ich mich, drängt ausgerechnet die CSU auf die Einführung einer Pkw-Maut? Warum machen das nicht die Grünen? Oder die Piraten?

Die CSU war doch immer der Devise “Leben und leben lassen” verpflichtet. Nich umsonst hat zum Beispiel der freie Zugang zu den bayerischen Seen im Freistaat Verfassungsrang. Also sollte doch das Benutzen der Autobahnen frei sein. Zumal die “Schwarzen” bei anderen Fragen wie Tempolimits immer fest an der Seite des ADAC gestanden sind. Der Slogan “Freie Fahrt für frei Bürger” wurde immer politisch mitgetragen.

Erleben wir also eine Mutation der CSU zur Ökopartei? Will sie die Grundlage schaffen, um nach der nächsten Landtagswahl mit den Grünen koalieren zu können? Oder geht es ihr tatsächlich um schlaglochfreien Asphalt und staufreien Verkehrsfluss? Wir werden es genauer wissen, sobald die Sache akut werden sollte.

Aber eine Frage stellt sich doch noch: Warum möchte die CSU die Pkw-Maut nur per Vignette einführen? War nicht die elektronische Lkw-Maut der große Beweis für die hohe Qualität des Technologiestandortes Deutschland? Ein potentieller Exportschlager erster Güte? Warum also kann dieses famose System nicht für Autos genutzt werden?

Tja, ich hätte da eine Vermutung: Auf den Autobahnen sind routinemäßig Geschäftswagen und flottere Fahrzeuge der Firmen BMW und Audi unterwegs. Die kleinen Kisten aus Korea werden im Stadtverkehr und nur selten auf den Schnellstraßen bewegt. Wer aber dort auch nur einmal unterwegs sein will, muss sich die Vignette anschaffen.

Die Kleinen zahlen also überproportional für die Großen mit, während bei einem elektronischen System für die konkrete Nutzung bezahlt werden würde. Man nennt das Solidarität – auf konservativ-liberale Art. Richtig nett, oder?

Mai 27th, 2012

Currywurst? Unvernunft wird zum Genuss

Schon mehrfach habe ich mich hier an dem Problem abgearbeitet, dass die Menschheit einfach nicht vernünftig werden will. Nun gibt es einen neuerlichen Belg für die Richtigkeit dieser Vermutung: Die Currywurst bleibt das beliebteste Kantinen-Essen in Deutschland.

Ist dieses Essen politisch korrekt? Zumindest so korrekt wie das Verspeisen anderer Tiere. Und das ist in er Evolution für den Menschen angelegt. Ideologisch belastet ist die Currywurst nicht. Sie wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfunden. Die Berliner Imbissstand-Betreiberin Herta Heuwers nahm sie erstmals 1949 ins Sortiment. Die erste urkundliche Erwähnung als Kantinenkost stammt aus dem Jahr 1974. Damals integrierte Volkswagen die pikante Brühwurst in sein firmeneigenes Ernährungsprogramm.

Aber das ist 38 Jahre her. Seitdem hat es Dutzende von Lebensmittelskandalen gegeben. Wir müssten endlich begriffen haben, dass Salat-Esser einen großartigen Beitrag zum Klimaschutz erbringen. Die Currywurst ist als Mittel zur Rettung des Planeten nur mäßig geeignet. Wenngleich ihr Verzehr der Überfischung der Weltmeere entgegenwirkt.

Aber: Diese Wurst schmeckt, mit scharfer Soße und Pommes Frites, einfach großartig. Es geht eben beim Essen nicht nur um Vernunft, sondern auch um die ganz banale Lust auf ein Lieblingsgericht.

Ein Phänomen bleibt für mich allerdings rätselhaft: In den Kantinen geht am besten, was man sich daheim nicht kocht. Wer macht sich schon eine Currywurst mit Pommes? Wer brutzelt Pfannengyros mit Zaziki? Zeigt sich da ein Drang zur kulinarischen Anarchie? Oder braucht der Mensch bloß Gründe, warum er gerne in die Arbeit geht? Es wäre zu untersuchen…

Mai 23rd, 2012

Eurovison Song Contest – die ganze Wahrheit

Der Eurovision Song Contest in Aserbaidschan war mein Thema bei der jüngsten PechaKucha-Nacht im Neuen Museum in Nürnberg. Vor über 200 Zuhörern durfte ich den famosesten Gesangswettbewerb der Welt knapp sieben Minuten lang beleuchten. Mein Kollege Thomas Gerlach hat den Auftritt dokumentiert. Hier ist er – ungeschnitten, werbefrei, also praktisch wie live. (Zur Erläuterung: Bei PechaKucha werden 20 Bilder jeweils 20 Sekunden lang besprochen)
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Mai 20th, 2012

Nicht nur im Fußball: Gerecht ist selten

Aus einem “Tatort” ist uns durch Hauptkommissar Schimanski folgende Erkenntnis überliefert: “Eher findest Du bei einer Hure die Unschuld, als im Leben Gerechtigkeit.” Und so war das wieder, an diesem Samstagabend. Der FC Bayern München war besser, aber hat sein legendäres “Finale dahoam” verloren. Der Champions-League-Pokal geht nach London.

Als Fan des 1. FC Nürnberg könnte ich mich zurücklehnen und mich grinsend den Bauch kraulen. Gilt mir doch jeder Bayern-Sieg zunächst als Unrecht. Aber das Finale wirkte anders. Der Gegner hat ja hauptsächlich den anderen beim Fußballspielen zugeschaut. Noch dazu ein Gegner, an dessen aus Öl-Milliarden finanzierten Trikots sozusagen die Not des russischen Volkes klebt.

Aber: Fußball muss so sein. Ginge es nämlich nur nach dem Können der einzelnen Spieler, gäbe es niemals Pokalsensationen durch Amateure aus entlegenen Provinzstädtchen. Wir müssten das Wort “Sensation” streichen, spannend wären nur noch Begegnungen gleichstarker Teams. Bei dieser Vorstellung schlafen einem doch die Schreibfinger ein.

Und ist uns nicht auch der Boxer sympathisch, der zwölf Runden lang angeschlagen durch den Ring torkelt, um seinen Gegner mit einem unfassbaren Verzweiflungsschlag niederzustrecken? Den Igel, der sich bei Gefahr völlig destruktiv zusammenrollt, mögen wir auch lieber als den Kampfhund, den er in die Schnauze sticht. Leistung muss sich nicht immer lohnen.

Stattdessen gilt: Die Liste der Ungerechtigkeiten auf dieser Welt reicht für ein mittleres Lexikon. Ob das Spiel vom Samstag darin eingetragen wird, ist für mich allerdings gar nicht so sicher. Man hätte ja nur ins Tor schießen müssen…

Mai 18th, 2012

Kleine Lügen tun uns gut

Man sagt das so schön: “Ehrlich währt am längsten”. Aber was ist dran an diesem Spruch? Nicht so viel. Denn wer stets die Wahrheit sagt, wird deshalb noch lange nicht glücklich. Ein bisschen darf, ja sollte man lügen.

Und das nicht, weil es so spannend ist, ob man andere überlisten kann, sondern weil es sympathisch macht. Nehmen wir nur mal diese Situation: Jemand kommt auf dich zu und fragt: “Wie geht’s?” Antwortest du – wahrheitsgemäß – “beschissen”, steht der andere verstört da und weiß nicht, wie er reagieren soll. Also sagst du “gut”, ihr beide lacht kurz – und das Gespräch hat ein gutes Ende genommen.

Es kann auch passieren, dass eine Kollegin freudestrahlend ins Büro kommt. Tags zuvor hat sie sich eine ultimative Modefrisur verpassen lassen. Der Schnitt erinnert an die Glanzzeiten von Pumuckl, das Haar erstrahlt in allen Farben des Regenbogens. “Na, wie findest du das?”, kommt die Frage. Wird man da “echt übel” oder “wirklich flott” sagen?

Jeder will auch selber belogen werden. Etwa wenn man sich als Hobbykoch vier Stunden lang mäßig erfolgreich an einem Feiertagsmahl abgearbeitet hast. Will man dann hören, dass es ungenießbar ist? Auch wenn man es selber schmeckt? Und passt nicht auf die berühmte Frage “War ich gut?” nur eine einzige Antwort? Zwei Buchstaben, waagrecht oder senkrecht.

Alsdenn, Lügen, die keinen Schaden anrichten, sollte man sich durchaus leisten. Man darf es nur nicht übertreiben. Denn ein enttarnter Schleimer ist am Ende auch nicht beliebter als der aufrechte Unsympath.

Ein anderes Sprichwort lautet “Lügen haben kurze Beine”. Da fragt man sich, wieso so viele großartige Präsidenten – Italien, Frankreich, Russland, Fifa – kleingewachsen sind. Aber das ist die Politik. Die Welt, in der Parteifreund die Steigerung von Todfeind ist. Das Thema “Lügen als Überlebensfrage” behandeln wir ein andermal.

Mai 16th, 2012

Wenn sich große Denker täuschen…

Sie geben uns Orientierung, Halt und weisen uns den Weg zu einem besseren Dasein. Allerdings: Manchmal geben die großen Dichter und Denker lebensferne Tipps. Etwa diesen: “Lerne loszulassen, denn das ist der Schlüssel zum Glück.” Mehr kluge Sprüche gibt’s im Video…

Mai 14th, 2012

Röttgen, oder: Wenn der Blender bleich wird

Norbert Röttgen: Schöne Brille, aber sonst?

Norbert Röttgen: Schöne Brille, aber sonst?

Es gehört zu unseren Grundbedürfnissen, dass wir Menschen rein äußerlich mit ihren Aufgaben identifizieren möchten. Ein Model muss dürr, ein Profifußballer tätowiert und ein Popstar bunt angezogen sein. Darin steckt die Chance für die Blender dieser Welt. Es ist gut wenn diese scheitern. So wie am Sonntag der vormalige CDU-Star Norbert Röttgen.

Mit den größten Blendern der jüngeren Vergangenheit, Allzweckminister Karl Theodor zu Guttenberg oder Multimanager Thomas Middelhoff, kann Röttgen nicht mithalten. Aber so wie ihn hat man sich einen klugen Politiker schon vorgestellt. Graumeliertes, sorgfältig frisiertes Haar, Klugschau-Brille, geschliffene Rhetorik. Eben einer, der optisch auch einen Konzernmanager geben könnte und den man sich auch deshalb für die ganz großen Aufgaben (Merkel-Nachfolge?) vorstellen konnte.

Und dann versagt dieser Mensch in einem Wahlkampf von vorne bis hinten. Erklärt, dass „leider“ die Wähler/-innen und nicht die Parteifreunde über sein Schicksal entscheiden oder dass in Nordrhein-Westfalen über die Europa-Sparpolitik seiner Kanzlerin abgestimmt wird. Zudem gibt er zu erkennen, dass ihm dieses Bundesland nur dann nicht egal ist, wenn er dessen Chef wird.

Tja, heute gibt’s Blümchen von Angela Merkel. Vermutlich so ein mickriges Verlierergesteck, das Menschen beim Discounter für ihre nicht so sehr geliebten Müttern kaufen. Das haben zuletzt etliche hoffnungsvolle CDU-Politiker bekommen. Ein schöner Kranz wäre jeweils ehrlicher gewesen. Wahrscheinlich auch für Norbert Röttgen, den nächsten bald Vergessenen.

Mai 10th, 2012

Pendelwesen retten keine Planeten

Es hilft uns alles nichts: Der Mensch ist ein Pendelwesen. Und deshalb sollten wir uns auf das Schlimmste gefasst machen. Wir werden diesen Planeten nicht retten. Eher schon er sich vor uns. Weil es so kommen muss.

Die Sache mit dem Pendeln steckt nicht nur in unseren Genen, sie wird uns auch von zirka 832 Lebensberatungs-Lexika vorgegeben. “Lassen Sie doch mal die Seele baumeln”, steht da geschrieben. Eine Verheißung ist dieses Bild keineswegs. Wer Schiffschaukeln kennt, weiß auch, dass es einem beim Baumeln ganz schön schlecht werden kann. Oder die Seele baumelt zu arg, die Verbindung zur Verankerung reißt, und sie fällt in ein Loch. Das nennt man dann Burnout, depressives Belastungssyndrom oder noch schlimmer.

Man kennt es auch im Beruf. Schicke Unternehmensberaterinnen in schwarzen Kostümchen geben unseren Chefs allerfeinste Tipps, wie diese ihre Mitarbeiter/-innen mit ein paar Freundlichkeiten und einer Prise Angst zu Höchstleistungen treiben. Da gehen dann einige Gruppen in Klausur und schreiben eine knallharte Agenda mit dem Titel “Kundenglück Zwanzichzwanzich”.

Anschließend laufen alle Beschäftigten breit lächelnd und mit feurigem Blick durch die Gegend. Allerdings nur maximal acht Wochen. Die Beraterin ist über alle Berge, der letzte Hochmotivierte ist weitere 14 Tage später wieder “eingenordet”. Alles ist wie zuvor. Die Belegschaft ist zurückgependelt.

Warum sollte das mit der Energiewende anders sein? Vielleicht hat sich ja jemand als Konsequenz aus Fukushima eine sparsame Gefriertruhe gekauft. Vielleicht lässt jemand öfter das Auto stehen, weil er aus Prinzip nie für mehr als 20 Euro tankt, und deshalb nicht mehr so weit kommt. Aber die große Masse ändert ihre Gewohnheiten nicht. Oder pendelt zurück, sobald der Schrecken überstanden ist.

Letztlich wird nichts anders. Wir sind süchtig nach Energie. Und das wissen auch unsere Kanzlerin, ihr Umweltminister sowie die vielen offenen und verdeckten Atomlobbyisten. Vielleicht ein halbes Jahr noch – und dann geht es rein in die Talkshows. Weil dem Volk erklärt werden muss, dass man trotz Kernkraft gut die Seele baumeln lassen kann. Werden wir’s glauben?

Mai 9th, 2012

CSU-Party? Seehofer braucht High Heels

Jung, trendy, stylish, sexy: Diese Attribute hat man bisher eher mit Dolce & Gabbana als mit Seehofer & CSU in Verbindung gebracht. Doch das hat sich seit Dienstagabend geändert. Die erste Partei-Facebook-Party hat stattgefunden. Ohne Tote und Verletzte, vielleicht mit einer paar Besoffenen.

Nach Auskunft von Teilnehmern soll die Party ganz nett gewesen sein. Der erwartete riesige Ansturm sowie die Rache der am Einlass Enttäuschten ist ausgeblieben. Die Zahl der Medienvertretert war groß, alles lief in ruhigen Bahnen. Also alles in Butter?

Finde ich nicht. Es gab immer wieder mal Diskussionen über die Frage, ob Parteienwerbung durch öffentliche Gelder finanziert werden darf. Die CSU hat mit ihrer flapsigen Einladung das Versprechen auf ein riesiges Chaos ausgelöst. Belohnt wurde sie mit einem überragenden Medienecho. Der Polizeieinsatz zur Absicherung der Veranstaltung wiederum geht auf Kosten der Steuerzahler. Die Partei zahlte ihren Gästen gerade mal ein Freigetränk.

Ausgeprägte Volks- oder Zielgruppennähe hat die CSU eh nicht bewiesen. Um Horst Seehofer nahe zu sein, musste die Jugend der Welt laut Medienberichten zehn Sicherheitsschleusen passieren. Als Veranstaltungsort wurde eine Nobeldisco ausgewählt, wie sie auch einem Sarkozy gefallen hätte. Schließlich: Jede Salsa- oder High-Heels-Party in einer mittelfränkischen Großdisco lockt mehr Besucher an als die CSU-Facebook-Sause. Schöne Schuhe hätten vielleicht was gebracht.

Der Erfolg bestand letztlich in der öffentlichen Wahrnehmung. Weil man dachte, dass an diesem Abend Dinge zusammenwachsen könnten, die eigentlich nicht zusammengehören. Wahrscheinlich nehmen sich andere Institutionen bald ein Beispiel. Die FDP-Facebook-Party bei der Heilsarmee ist nur noch eine Frage der Zeit.

Mai 7th, 2012

Der Präsident bremst an der Dänen-Ampel

Die Wahlen sind gelaufen. Jetzt ist die Stuner, um die Ergebnisse sorgfältig in den Gremien zu analysieren. Da mach’ ich doch mal mit.

Vor allem ist mir Sonntagabend aufgefallen, wie provinziell wir denken. Oder wie wenig internationales Hirn uns die seriösen Medien zutrauen. Entgegen aller Bekundungen, dass Europa für unser Schicksal entscheidend sei, wurden wir fast ausschließlich mit Schleswig-Holstein befasst. Sicher, man darf ein Bundesland mit 2,8 Millionen Einwohnern nicht vernachlässigen. Aber muss tatsächlich bei jeder noch so nebensächlichen Regionalwahl die komplette Demoskopie-, Wählerwanderungsanalyse-, Elefantenrunden- und Talk-Show-Maschinerie in Gang gesetzt werden?

Ich kann zwar gut über den Begriff “Dänen-Ampel” schmunzeln, aber es ist es mir reichlich egal, wie viele Krabbenfischer zu den Piraten übergelaufen sind. Und dass der “Genosse Trend” nicht stramm marschiert, sondern eher mit dem Rollator herumschlurft, sollte der SPD inzwischen auch ohne Kieler Ergebnisse klar sein.

Da ist die Wahl in Frankreich doch erheblich schicksalshafter. Immerhin haben einige Atomraketen den Besitzer gewechselt. Ex-Präsidenten-Gattin Carla Bruni hat gerade dies an ihrem Nicolas très sexy gefunden. Der sitzt nun, seines Phallus’ beraubt, beschäftigungslos auf dem Sofa. Meine Prognose: Von dieser Ehe werden wir noch einiges hören und lesen.

Tja, und dann Griechenland. Dieser Staat ist für Europa von der Einwohnerzahl ungefähr so bedeutend wie Schleswig-Holstein für Deutschland. Das dortige Wahlergebnis sollten wir uns aber ganz genau anschauen. Offensichtlich wird der politische Kurs, der die einen kaputt macht, während sich andere im Glanz ihrer Exporterfolge sonnen, nicht mehr akzeptiert.

Erschreckend viele Griechen haben radikalen Politikern Vertrauen geschenkt. So haben Revolutionen oder sogar Bürgerkriege begonnen. Alsdenn: Diese Wut sollte uns viel mehr interessieren, als die Frage, ob ein norddeutscher Landtag künftig in Jamaika liegt.

Mai 4th, 2012

Willkommen zum Benzinwucher-Livestream

Der Pranger war im Mittelalter eine beliebte Erziehungsmaßnahme. Diebe, Ehebrecher und andere Bösewichte wurden auf den Markplatz geschraubt und durften dort begafft, beschimpft und bespuckt werden. Das auf diese Weise geläuterte Opfer war hinterher ein guter Mensch. Wenn es nach dem Bundeskabinett geht, werden demnächst die Mineralölkonzerne als Kleinkriminelle bloßgestellt.
Es gibt es ja drei Dinge, die vom Volk unbedingt gebraucht und deshalb zu Wucherpreisen verkauft werden: Benzin, Diesel und das Sortiment von Apple. Aggressionen löst allerdings nur die Ausbeutung der Autofahrer aus. Weil es sich um stinkendes Zeug handelt, das von hässlichen Widerlingen verkauft wird, die mit ihrer Kundschaft weder Gnade noch Erbarmen kennen.
Das kann die Politik nicht ruhen lassen. Also müssen die Betreiber der 14700 Tankstellen in Deutsch­land künftig bei einer “Markttransparenzstelle” detailliert melden geben, wann und in welchem Umfang sie die Preise erhöhen oder senken. Die Kundschaft kann im Internet in Echtzeit zuschauen.
Eine famose Idee! Die Preise werden weiter steigen. Weil es auf dieser Welt immer eine Krise gibt. Sei es nun das Auftauchen eines politischen Halbirren in Arabien, sei es die steigende Nachfrage in China oder die sinkende Nachfrage in Portugal. Sei es der Bau einer teuren Pipeline, sei es der Umstand, dass diese Pipeline zwecks Schutz des kaukasischen Wanderhamsters nicht gebaut werden kann. Schließlich wegen der Fünf-Euro-Kräfte, die die neuen Tarife eintippen.
Aber die ganze Welt schaut zu, wenn die Preisschilder ausgetauscht werden. Weshalb sich die Manager der Ölkonzerne in Zukunft richtig schlecht fühlen werden, wenn sie ihren Aktionären Rekorddividenden verkünden. Und weshalb sie die Abrechnungen mit ihrem Millionengehalt nur noch mit allergrößter Verachtung entgegennehmen werden.
“Denen haben wir es aber gezeigt”, werden wir uns freuen. Und vielleicht erreicht die Meldebehörde sogar ihr eigentliches Ziel: Dass Philipp Rösler und seine FDP als Groß-Verbraucherschützer ans rettende Fünf-Prozent-Ufer hüpfen können. Oder mit seinen Worten gesagt: Pack den Laubfrosch in den Tank.

Mai 2nd, 2012

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

Manchmal wäre ich gerne altmodisch. Es würde mir gefallen, wenn ich zur Maikundgebung nur deshalb gehen würde, weil ich das als Lebensritual so gewohnt bin. Es würde mir gefallen, wenn ich sicher sein könnte, dass es Fahnen, Transparente, Parolen und Reden eigentlich nicht mehr braucht. Weil für die Menschen alles gut geregelt ist. Dummerweise stimmt das nicht.

Ich denke da an die Situation junger Menschen. Bei uns, mehr aber noch in anderen EU-Staaten. Da gibt es gerade eine Generation mit äußerst mäßigen Zukunftsaussichten. Manchmal kommt es mir so vor, als hätten unsere Weltkonzerne das “alte Europa” abgeschrieben. Da gibt es noch eine Generation, die anständig Geld verdient hat und verdient. Die darf ihren Erben über die Runden helfen. Die wahren Zukunftsmärkte sind aber woanders.

Zur heutigen Lage fällt mir Karl Marx ein. Er hat geschrieben, dass der Ochse dem Bauern keineswegs seine Arbeitskraft verkauft, sondern dass der Ochse dem Bauern ganz gehört. Und so hätten es viele Chefs gerne mit ihren jungen Beschäftigten. Nicht nur, dass die modernen Kommunikationsmittel eine ständige Erreichbarkeit nach Feierabend ermöglichen. Man macht sich die Menschen auch durch Befristungen gefügig.

Fragt man einen Chef, warum er feste Jobs nicht gleich vergibt, wird er vielleicht sagen, dass das üblich und letztlich doch gar nicht so schlimm sei. Oder er wird sagen, dass es gut sei, gerade junge Menschen durch eine Befristung zusätzlich zu motivieren.

Tatsächlich aber will er eine größere Macht über seine Nachwuchskraft. Und wenn diese erst einmal zum Gehorsam erzogen ist, wird sie später nicht mehr aufmucken. Der Mitarbeiter ist gut, wenn er zum Ochsen geworden ist.

Mich widert das an. Aber es zeigt auch, dass niemand darauf warten sollte, dass Fairness quasi von oben herunterregnet. Wer alleine keine Macht hat, muss gemeinsam auftreten. Also ist klar, wo ich am 1. Mai 2013 sein werde. Auf der Straße. Schön wär’s, wenn es dabei nur um Rituale ginge.