Die Liebe der Nation: Dschungelmaden auf Silikon

Die Kundschaft der Medien ist schon etwas ganz Besonderes. Sie zeigt sich voller Abscheu über inhumane Kampagnen, sorgt sich um Ethik und um die Reinheit der Kinderseelen. Deshalb rufen Leser, Hörer und Seher immer wieder nach guten, schönen, glücklich machenden Nachrichten. Wenn dann aber Menschen dazu „eingeladen“ werden, vor laufender Kamera Maden auszulutschen, Käfer zu essen oder Emu-Blut zu trinken, sitzt die halbe Nation vor den Fernsehgeräten. So geschehen beim Start der neuesten Staffel des RTL-Dschungelcamps.

6,88 Millionen Zuschauer haben die Marktforscher ermittelt, den Rekordwert für Freitagabend. Aber wie kann das sein, wo doch linke Intellektuelle solche Sendungen angewidert ablehnen, aber sogar konservative Kreise einst ein Verbot des Ekelcamps gefordert haben? Ist den Menschen gar nichts mehr heilig?

Klare Antwort: Nein. Jedenfalls nicht, wenn es um gescheiterte Promis geht. Scheiternde Berühmtheiten sind das Brot einer ganzen Branche. Wenn eine alternde Filmdiva von ihrem jungen Lover betrogen wird, wenn eine Sängerin mit ihrem Kinderwagen einen Linienbus rammt oder wenn ein Schauspieler auf Mallorca besoffen in den Hotelpool stolpert, dann tröstet das uns mutmaßlich normale Menschen. Weil es den Reichen und Schönen trotz all ihres Ruhms und ihres Geldes nicht besser geht. Noch mehr gefällt es uns, wenn sich Stars durch eigene Blödheit ruiniert haben.

Davon lebt die Klatschpresse – und davon lebt erst recht das Fachblatt für Ekeljournalismus, die Bild-Zeitung. Sie hat RTL in großen Lettern dazu gratuliert, dass schon in der ersten Sendung der neuen Staffel alle bisherigen Ekel-Grenzen überschritten wurden. Und der Umstand, dass ein übernatürlich vollbusiges Model zuallererst mit Dschungelviechern traktiert wurde, lieferte Stoff für die zweideutige Überschrift „Dschungel-Micaela schluckt alles“.

Da hechelt der geneigte Leser gemeinsam mit dem Redakteur. Und alle sind froh.

Ich eigentlich auch, aber aus einem anderen Grund. Weil in Australien wieder Stabheuschrecken gelutscht werden, werden die Schlagzeilen über unseren unglücklichen Bundespräsidenten Christian Wulff kleiner. Das Land hat ein zweites großes Thema. Hurra! Willkommen in der Normalität.

4 Kommentare in “Die Liebe der Nation: Dschungelmaden auf Silikon

  1. Das ist per Hashtag in Twitter sichbar und ich bin auch jedes Mal bass erstaunt, wer da alles mitguckt. Ich bin ein kompletter Verweigerer solcher „Shows“.

  2. Ich kann sagen dass das ein Internationales Problem ist. So ich sehe, ist es in jedem Land so. Die Medie entscheidet was im Land trend sein soll und über was all die Menschen reden sollen.

    Die Menschen aber sind ja froh, ihr Hirn mit solchen sachen zu füllen. Erstens -wie ich sehe- lieben die Menschen das Private anderer Menschen und Promis. Zweitens vorziehen sie Probleme anderen Menschen als selbst-Probleme. Deutsch-gesagt- Dank Micealas Brüsten kann man für einpaar Stunden, sogar Tagen, vergessen wie man ende des Monats die Miete zahlen soll.

  3. Bei den rund 75 Mio., die diese Sendung nicht gesehen haben, wird man doch wohl die linken Intellektuellen unterbringen?

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