Die Quoten-Maschine: Loddar und Micaela in Love

Der Verfall von Menschen lässt sich im normalen Leben ungefährt so ablesen: Rennrad, Limousine, Rollator. Bei berühmten Persönlichkeiten läuft es so: Wetten, dass…?-Couch, Beckmann, Perfektes Promi-Dinner, Leute heute, Doku-Soap, Dschungelcamp.

So gesehen stehen wir gerade an der Schwelle zu einer Götterdämmerung des Weltfußballs. Lothar “Loddar” Matthäus, dereinst zum besten Kicker, in Bulgarien aber jüngst zum schlechtesten Trainer der Welt gewählt, wird Selbstdarsteller in einer Doku-Soap auf Vox. Er öffnet sein Leben für die Gaffer und Spötter, wird Kollege von Ehepaar Geissen und Daniela Katzenberger.

“Ganzheitlich” will er sich präsentieren. Mit seiner Freundin Joanna, seinen Kindern, seinen Reisen, seiner Arbeit und seiner Freizeit. Sätze wie “Die Schuhe müssen immer zum Gürtel passen!” oder “Die Frauen haben sich entwickelt in den letzten Jahren. Sie stehen nicht mehr zufrieden am Herd, waschen Wäsche und passen aufs Kind auf.” gibt es also irgendwann im Wochenrhythmus frei Haus. (Der Sendetermin ist noch unklar)

Jedoch: Im Schlaf- und Badezimmer sollen keine Kameras stehen. Das ist, Verzeihung, ein Quoten-Hemmnis. Genau das wollen die Leute ja ehen.

Aber vielleicht fehlt dazu die richtige Frau, vielleicht ist Joanna zu schüchtern. Wie also wäre es, wenn sich Loddar Micaela Schäfer krallen würde. Sie ist als 28-Jährige vielleicht ein bisschen zu alt für ihn. Sie hat aber gerade in Australien Erfahrungen mit schweren Lebensprüfungen gesammelt, die ihr auch ein Leben als Frau Matthäus ermöglichen sollten. Sie verabscheut textile Bekleidung, die Brüste sind bereits vergrößert.

Alsdenn: “Lothar und Micaela in Love”. Das wär’ der Quoten-Bringer. Ganz bestimmt!

Wir wollen alle anders sein

“Ich will so bleiben, wie ich bin. Du darfst.” In der Rangliste der verlogensten Werbeversprechen stünde dieser Vorschlag für mich ganz oben. Ich kenne nämlich nur ganz wenige Menschen, die das überhaupt wollen. Die große Mehrheit verwendet eine ungeheuere Energie darauf, anders zu sein oder zu werden.

Wir leben in Zeiten der Castings und des Benchmarkings, also der vergleichenden Forschung. Und so finden wir uns fast alle zu dick. Das ist angesichts der fortschreitenden Fettleibigkeit unserer Gesellschaft nicht verwunderlich. Aber hilft dieses Problem letztlich nicht vor allem den Verfassern von Abnehm-Ratgebern und den Herstellern von Diät-Kost? Es mag ja sein, dass wir mal unter Schmerzen zehn oder zwanzig Kilo abspecken. Das Problem ist bloß, dass wir nach einem halben mindestens genauso viel wiegen wie vor unserer Kur. Anstatt Bücher und neue Regale zu kaufen, könnten wir also gleich ein paar Flaschen Wein aufmachen.

Das mit den Haaren ist auch so ein Problem. Wir möchten sie auf dem Kopf sehr zahlreich und dicht haben, auf dem Körper aber weniger. Leider ist das vor allem bei Männern im fortgeschrittenen Alter meistens umgekehrt. Da wachsen neue Haare im Kopfbereich nur noch aus den Ohren. Also wird transplantiert, rasiert und epiliert was das Zeug hält.

Wer aber glaubt, das schöne dünne Menschen keine Probleme hätten, sieht sich auch getäuscht. Das zarte Frauenwesen gilt erst dann als wirklich sexy, wenn es die Brüste einer sizilianischen Pastaköchin hat. Und schon klingeln bei den Silikonschnipplern im Arztkittel die Kassen gar wunderbar.

Wir wären zufriedener und reicher, wenn wir einsehen würden, dass nicht einmal wir in jeder Hinsicht perfekt sein können. Aber das werden wir nicht schaffen, zumal das Erreichen jeden Zieles den Hunger auf ein neues Ziel weckt. Unter den gegenwärtigen Anforderungen unserer Gesellschaft wird am Ende der brasilianische Arzt und Nobelpreisträger Dr. Drauzio Varella richtig liegen.

Er hat so in die Zukunft geschaut: “In der heutigen Welt wird fünfmal mehr in Medikamente für die männliche Potenz und Silikon für Frauen investiert als für die Heilung von Alzheimerpatienten. Daraus folgernd haben wir in ein paar Jahren alte Frauen mit grossen Titten und alte Männer mit hartem Penis, aber keiner von denen kann sich daran erinnern wozu das gut ist.”

Hilfe, mich plagt das Milliardärs-Mitleid

Liebe Leser, ich muss zugeben: Ich bin verwirrt. Einfach deshalb, weil ich Mitleid mit einer Ex-Milliardärin habe. Jawohl, Madeleine Schickedanz tut mir leid. Und ich wünsche ihr, dass ihre famosen Anlageberater ordentlich zahlen müssen.

Die Quelle-Erbin ist mir in ihrer ganzen Tragik sympathisch. Sie kann nicht mit Geld umgehen, was sie mit mir als Journalisten definitiv verbindet. Angehörige meines Berufsstandes wollen ja – zumindest wenn sie jung sind – zuallererst die Welt retten und erst anschließend über die Bezahlung reden.

Madeleine Schickedanz hat geerbt, hat sich aber mit fiesen Gestalten in Nadelstreifen eingelassen. Dabei hat sie irrsinnig viel Geld verloren. Für Superreiche ist das superschlimm. Denn wenngleich ein paar wenige Milliönchen übrigbleiben sollten, so ist doch das Renomée im Eimer. Das tut besonders weh – ein Psychiater in New York hat sich darauf spezialisiert, diese Wunden der Betuchten zu heilen. Schickedanz hatte ihr Vermögen darauf gesetzt, dass ihr Konzern gerettet werden kann. Das ehrt sie, die Geldgeier Marke Esch und Middelhoff haben jede denkbare Retourkutsche verdient.

Die gönne ich auch dem Drogerie-Patriarchen Anton Schlecker. Er konnte sein riesiges Vermögen dank Leiharbeit, Lohndumping und Schikanen gegenüber der Belegschaft scheffeln. Bei ihm sage ich: Es ist an der Zeit, dass er einen gewissen Rest-Charakter zeigt und in die Rettung der Arbeitsplätze investiert.

Sollte er es nicht tun, stelle ich folgende Frage: Warum kann man eigentlich nur die Konten von afrikanischen und arabischen Tyrannen einfrieren? Das müsste bei deutschen Wirtschafts-Diktatoren doch auch gehen.

Guttenbergs Brief: Bis Ende 2013 gescheitert

“Vorerst gescheitert” lautet der Titel des Buches mit dem Männergespräch zwischen Karl-Theodor zu Guttenberg und Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Seit heute wissen wir, dass das Scheitern bis Ende 2013 anhalten wird. Der ehemalige Politik-Star hat den CSU-Mitgliedern einen entsprechenden Brief geschrieben. Hier ist er. Sprachanalytiker, Graphologen und sonstige Kommentatoren bitte vortreten…

Von Döner-Morden, Herdprämien und Peanuts

Erinnern Sie sich? Barack Obama hat den Friedensnobelpreis bekommen. Geholfen hat es nichts bis wenig. Aber es macht uns klar, dass Jury-Entscheidungen mitunter seltsam sind. Das Preisgericht für das „Unwort des Jahres“ hat allerdings hervorragende Arbeit geleistet. „Döner-Morde“ sind wahrhaftig ein ekliger Begriff.

Schlimm ist der Rassismus, der hier mitschwingt. Türkinnen und Türken werden mit einem bestimmten Essen identifiziert, das bei uns zudem deutlich häufiger verkauft und gegessen wird, als in deren Heimat. Man muss sich fragen: Hätte jemand „Spagehtti-Morde“ gesagt, wenn die Neonazis Italiener erschossen hätten? Wäre nach einer Anschlagsserie in Nürnberg der Begriff „Lebkuchen-Morde“ denkbar? Würde man sich in München um die Aufklärung der „Weißwurst-Morde“ bemühen? Sicher nicht, der Respekt vor den Opfern wäre zu groß. Gut, dass die Jury daran erinnert.

Aber was ist aus früheren Unwörtern geworden? Werden sie noch benutzt oder sind sie verschwunden? „Alternativlos“ wurde 2011 gewählt. Angela Merkels Politik funktioniert noch immer so. Aber sie erklärt sie heute anders.

Die Schmähung „Betriebsratsverseucht“ aus dem Jahr 2009 ist zwar nicht aus allen Querköpfen, dafür aber aus dem Sprachgebrauch verschwunden, während uns „Notleidende Banken“ (2008) als angebliche Tatsache noch länger begleiten werden. Die „Herdprämie“ aus dem Jahr 2007 ist als Begriff zu Recht geächtet. Konservative Politiker verfolgen den Plan aber weiter.

Und wie steht es um ältere Unwörter? 1991 wurde „Ausländerfrei“ gewählt. Das dazugehörige Denken ist bei den entsprechenden Fanatikern auf jeden Fall da, wir werden es bald auch auf irgendwelchen Wahlplakaten lesen. Auch für „Ethnische Säuberung“ oder „Überfremdung“ – die Unwörter von 1992 und 1993, gibt es immer Aussender und Publikum. Das “Sozialverträgliche Frühableben” aus dem Jahr 1998 wird uns in einer netteren Formulierung noch begegnen, wenn wir darüber diskutieren müssen, welche lebenserhaltende Therapien für welche Kranken wirtschaftlich zu rechtfertigen sind.

Ein Star unter den Unwörtern ist für mich aber „Peanuts“. Der Begriff, mit dem 1994 der Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper die 50 Millionen-Mark Schaden abtat, der Handwerkern durch Immobilien-Pleitier Jürgen Schneider zugefügt worden war. Aus Erdnüssen wurden lästige Kleinigkeiten. Und jeder meint das, wenn er “Peanuts” sagt. Wir gratulieren!

Die Liebe der Nation: Dschungelmaden auf Silikon

Die Kundschaft der Medien ist schon etwas ganz Besonderes. Sie zeigt sich voller Abscheu über inhumane Kampagnen, sorgt sich um Ethik und um die Reinheit der Kinderseelen. Deshalb rufen Leser, Hörer und Seher immer wieder nach guten, schönen, glücklich machenden Nachrichten. Wenn dann aber Menschen dazu “eingeladen” werden, vor laufender Kamera Maden auszulutschen, Käfer zu essen oder Emu-Blut zu trinken, sitzt die halbe Nation vor den Fernsehgeräten. So geschehen beim Start der neuesten Staffel des RTL-Dschungelcamps.

6,88 Millionen Zuschauer haben die Marktforscher ermittelt, den Rekordwert für Freitagabend. Aber wie kann das sein, wo doch linke Intellektuelle solche Sendungen angewidert ablehnen, aber sogar konservative Kreise einst ein Verbot des Ekelcamps gefordert haben? Ist den Menschen gar nichts mehr heilig?

Klare Antwort: Nein. Jedenfalls nicht, wenn es um gescheiterte Promis geht. Scheiternde Berühmtheiten sind das Brot einer ganzen Branche. Wenn eine alternde Filmdiva von ihrem jungen Lover betrogen wird, wenn eine Sängerin mit ihrem Kinderwagen einen Linienbus rammt oder wenn ein Schauspieler auf Mallorca besoffen in den Hotelpool stolpert, dann tröstet das uns mutmaßlich normale Menschen. Weil es den Reichen und Schönen trotz all ihres Ruhms und ihres Geldes nicht besser geht. Noch mehr gefällt es uns, wenn sich Stars durch eigene Blödheit ruiniert haben.

Davon lebt die Klatschpresse – und davon lebt erst recht das Fachblatt für Ekeljournalismus, die Bild-Zeitung. Sie hat RTL in großen Lettern dazu gratuliert, dass schon in der ersten Sendung der neuen Staffel alle bisherigen Ekel-Grenzen überschritten wurden. Und der Umstand, dass ein übernatürlich vollbusiges Model zuallererst mit Dschungelviechern traktiert wurde, lieferte Stoff für die zweideutige Überschrift “Dschungel-Micaela schluckt alles”.

Da hechelt der geneigte Leser gemeinsam mit dem Redakteur. Und alle sind froh.

Ich eigentlich auch, aber aus einem anderen Grund. Weil in Australien wieder Stabheuschrecken gelutscht werden, werden die Schlagzeilen über unseren unglücklichen Bundespräsidenten Christian Wulff kleiner. Das Land hat ein zweites großes Thema. Hurra! Willkommen in der Normalität.

Gesucht: Ein alter Mann zum Anlehnen

Achtung, hier kommt ein Stoßseufzer: Dieses Land braucht Vorbilder! Dringendst! Wenn selbst der Bundespräsident, also der “Erste Mann im Staat” in merkwürdige Geschäfte und Kungeleien verwickelt ist, müssen wahre Helden her. Aber wie das so ist, in unserer schnelllebigen Zeit. Diese sind voraussichtlich nur noch zeitlich begrenzt für uns da.

Denn das Volk zieht gnadenlose Konsequenzen aus dem Scheitern der Ministerial-Praktikanten von der FDP: Es setzt auf alte Männer. Nach einer neuen Umfrage im Auftrag der Zeitschrift “stern” gilt Nelson Mandela (bald 93) den Deutschen als absolute moralische Institution. 82 Prozent nannten ihn ein “großes Vorbild”. Gleich dahinter folgt Alt-Kanzler Helmut Schmidt (im Dezember) mit 74 Prozent. Ihm wird sogar verziehen, dass er Kettenraucher ist. Der Dalai Lama alias Tendzin Gyatsho auf Platz drei bekommt 69 Prozent. Er ist ein netter Kerl – und hat eventuell den Platz von Jopi Heesters eingenommen.

Wir haben also wieder Lust auf den Opa, der uns im Lehnstuhl sitzend die Welt erklärt. US-Präsident Barack Obama, der mit 64 Prozent den vierten Umfrage-Platz erreicht, ist in diesem Sinne ein echter Ausreißer. Während der Fünfplatzierte, Günther Jauch, mit 55 Jahren unverschämt jung ist, aber eben auch Unmengen sinnlosen Wissens unter die Menschen streut.

Der Trend zur Erfahrung zeigt sich auch beim ersten Fußball-Star unter den Vorbildern. Nicht Gomez oder Götze liegen vorne, sondern Bundestrainer Joachim Löw. Mit 54 Prozent rangiert er drei Punkte vor Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Papst Benedikt XVI., der in seinem schonungslosen Kampf gegen die Überbevölkerung die Homosexuellen zur Bedrohung für die Welt erklärt hat, rangiert mit 32 Prozent schon deutlich dahinter. Und erst dann folgt unser eigentliches hauptamtliches Vorbild, Christian Wulff. Nur jede/r Fünfte erklärt ihn um Idol.

Das ist dramatisch schlecht, aber wir wollen gerne annehmen, dass Guido Westerwelle und Herr Achmedinedschad aus Teheran noch schlechter dastehen. In unserer schnelllebigen Zeit wird man eben leicht mal unpopulär.

Eine Frage aber bleibt: Wo sind unsere vorbildlichen Frauen? gut, Inge Meysel und Heidi Kabel sind tot. Aber was ist mit unserer Familienministerin? Ach so, Kristina Schröder ist zu jung. Stimmt, doch Hoffnung ist da. 93 wird sie im Jahr 2070. Bis dahin, ganz sicher, ist sie eine richtig gute Politikerin.

Warum Babynamen immer kürzer werden

Früher hießen Kinder Kurt-Heinrich oder Edeltraud, im Jahr 2011 waren die beiden beliebtesten Vornamen Mia und Ben. Auch die meisten anderen Lieblingsnamen der Eltern haben höchstens fünf Buchstaben. Nicht mehr lange, und in unseren Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen herrscht ein einziges Vornamen- Stakkato. Aber was sind die Gründe für den Trend zur Kürze? Weiter lesen