Archiv für August, 2011
Das “köstlichste Gut”, das keiner haben will
Trotz gewaltiger staatlicher Fördergelder will sich ein echter Kindersegen bei uns einfach nicht einstellen. Woran liegt’s. Kinder sind das köstlichste Gut eines Volkes. Aber wer muss wen wann köstlich finden, damit das alle auch so sehen?
Ob Currywürste und Schweineohren: Unser Staat ist gerecht
Der Bundesfinanzhof hat jetzt Klartext gesprochen. Wird eine Currywurst im Stehen gegessen, braucht der der Wirt nur sieben Prozent Mehrwertsteuer abführen. Bei seßhaften Gästen sind 19 Prozent fällig.
Das kann zwar neue Jobs schaffen, für Gastronomiekräfte, die uns Schnitzel und Steak stehverzehrsgerecht filettieren. Aber vor allem springt nun wieder das ganze Leid unseres Steuerrechts an. Unser Kopfschütteln wird zum heftigen Headbanging. Wir schicken flehende Blicke steil gen Himmel und fragen: “Kann das wirklich sein? Was sind wir doch für ein Bürokraten-Staat!”
Mit Verlaub: Das ist falsch. Wir leben in einem gerechten Staat. Unser Steuerrecht ist so gestrickt, dass es versucht, jedem Einzelfall gerecht zu werden. Es will nicht eben auf Bierdeckelgröße nur einige grundsätzliche Fragen klären und den jeweils günstigsten Tarif nur den Cleveren gönnen. Es will so gut und tiefschürfend sein, dass jede/r Bürger/in mit ihrem/seinem speziellen Problem in einem Gesetzeskommentar erwähnt ist.
Und deshalb gibt es zum Regelsatz von 19 Prozent die Ausnahme. So setzte die CSU durch, dass Bergbahnen und Skilifte geringer besteuert werden. Sieben Prozent gelten auch für Pferde und Maulesel. Nicht jedoch für lebende Hausesel. Auch genießbare getrocknete Schweineohren unterliegen dem Rabatt-Steuersatz. Getrocknete Schweineohren, die nicht für den menschlichen Verzehr geeignet sind, werden mit dem vollen Satz belegt. Die ermäßigte Mehrwertsteuer gilt auch für Hausschweine, der normale Satz für Flusspferde.
Nun seufzen wir wieder tief – und sagen: “Gottseidank ist das jetzt wenigstens für den Schnellimbiss geklärt.” Aber halt, ist es das wirklich? Wie ist es zum Beispiel am Drive-In-Schalter. Sicher, wer dort bestellt, isst nicht im Lokal. Er nimmt aber sein Essen im Sitzen entgegen und verspeist es vielleicht sogar in dieser Position. 7 oder 19? Da muss man nochmal hinschauen…
Der böse Gaddafi und die Tyrannen der Herzen
Zur ersten Kategorie zählt zweifelsohne Muammar al-Gaddafi. Lange Zeit wurde er als durchgeknallte, aber eher harmlose Wüsten-Tunte angesehen. So eine Art Rolfö Schneider der Dünen. Bis wir entdeckten, dass er keinerlei Spaß versteht, wenn es ihm an sein Geld und an die Macht geht. 42 Jahre lang hat er regiert. Also länger als Helmut Kohl und Adenauer zusammen.
Wegen seiner bunten Gewänder und seiner rattenscharfen Leibwächterinnen hatten wir lange Zeit übersehen, dass es ihm gelungen ist, Libyen zum korruptesten Staat Arabiens zu machen. Jetzt ist er offenbar am Ende. Alle jubeln. Guido Westerwelle wird uns sicher noch erklären, wie Angela Merkel und er das eingefädelt haben.
Auf der anderen Seite gibt es Fidel Castro. Die Führung der Linken hat ihm gerade herzlichst zum 85. Geburtstages sowie zum 50. Jahrestag der kubanischen Revolution zu seiner Lebensleistung gratuliert. Ich vermute zwar, dass sie ihn mit Che Guevara verwechselt hat und nur für die vielen schönen T-Shirts danken wollte. Aber es zeigt doch, dass es auf die äußeren Umstände ankommt, wie jemand gesehen wird.
Klar, es macht Castro irgendwo sympathisch, dass er sich so lange erfolgreichen gegen den Großen Bruder USA gewehrt hat. Und neben den tollen Zigarren ist uns kubanische Musik wesentlich lieber als das Gejaule aus der Sahara. Fidel ist eben nett. Irgendwie.
Jedoch! Seine Insel ist der größte Journalisten-Knast der Welt. Auch er ist ein lupenreiner Diktator, aber ein beliebter.
Ich finde, wir sollten diesem Phänomen noch intensiver nachgehen. Lesen Sie also demnächst: Warum es Menschen gibt, die Uli Hoeneß mögen.
Was soll’s, wir werden immer ärmer
Ach ja. Da scheppert und kracht es also wieder an den Börsen. Wobei der neueste Absturz vielleicht nur dadurch ausgelöst wurde, dass ein wurstfingriger, jedoch trendsetzender Aktienhändler auf eine falsche Taste gedrückt und deshalb zu viele Wertpapiere verkauft hat. Die Welt ist wieder ärmer geworden. Aber im Vertrauen: Das schaffen wir in Deutschland auch ohne Spekulanten.
Zwecks Vernichtung von Massenkaufkraft dienen bei uns seit einigen Jahren Tariverhandlungen als zuverlässiges Instrument. Es gibt doch kaum noch Branchen, in denen Beschäftigte über Inflationsrate hinaus mit höheren Löhnen beglückt wurden. Das schaffen nur noch Spezialisten, Lokführer etwa.
Zum Wesen einer sozialen Marktwirtschaft würde es gehören, dass die Arbeitnehmer fair am Unternehmenserfolg beteiligt werden. Die Wahrheit ist aber eine andere. Mehr als fair beteiligt werden die Anteilseigner der Firmen, die Beschäftigten müssen damit leben, dass es aufgrund “wirtschaftlicher Zwänge” leider nicht möglich ist, Löhne und Gehälter zu steigern. Und das in der angeblich tollsten Wirtschaft der Welt.
In meiner Branche, den Zeitungsverlagen, gibt es im Wesentlichen zwei Typen von Arbeitgebern. Die einen behandeln ihre Belegschaften korrekt und jammern über gesunkene Gewinne oder gar Verluste. Die anderen haben “Restrukturierungsmaßnahmen” oder fragwürdige Fusionen durchgezogen, sind absolut profitabel – und jammern weiter. Wer Zahlen bedarfsgerecht zurechtbiegen kann, ist der Held der Spekulanten.
Manchmal denke ich mir, wie schön es wäre, einige dieser den betriebswirtschaftlichen Fakultäten entsprungenen Flanellmännchen in eine richtige Produktion zu stecken. Damit sie erleben, wie mühsam es sein kann, zehn oder zwölf Euro zu verdienen.
Aber ich sehe ein, dass das nun doch zu stark nach einer Kulturrevolution frei nach Mao Tse Tung klingt. Andererseits ist die chinesische Kombination aus politischer Unterdrückung und wirtschaftlicher Ausbeutung der Menschen zurzeit ungemein erfolgreich. Ich bin sicher: So mancher Betriebswirt ist im Herzen längst ein Kommunist.
Endlich da: Das Kuh-Yvonne-Lied
Yvonne darf nicht sterben!
Es ist ein Pech: Nürnberg hätte der Nabel des Sommerlochs werden können. Stolperte doch ein Spaziergänger im Stadtpark über eine Anakonda. Tja, die Schlange wurde sofort gefangen und weggeschafft. Hätte man sie in einiger Entfernung am Parkweiher gesehen – sie hätte die Noris-Nessi werden können.
So aber wird unser Bangen und Sehnen beherrscht von einer Kuh. Sie heißt Yvonne, lebt seit 81 Tagen im dunklen niederbayerischen Wald, und weigert sich beharrlich, auf ihren Bauernhof zurückzukehren. Das beunruhigt in Bayern, wo tierischer Freiheitsdrang nicht so gern gesehen wird. Wo wegen eines einzigen, später erschossenen Problembären, vom Landtag ein eigener Bärenbeauftragter ernannt wurde. Welcher seither vergeblich auf Arbeit wartet.
Weil einer Kuh wie Yvonne irgendwann sowieso der verfrühte Abgang ins Jenseits droht, wäre es eigentlich naheliegend, einen sauberen finalen Rettungsschuss zu setzen. Man könnte auch einen jener Hauptdarsteller der zahlreichen Zoo-Doku-Soaps engagieren, die ansonsten Elefanten, Tiger oder Nilpferde mit dem Blasrohr umnieten.
Aber irgendwie klappt das nicht. Und so drückt die “Bild”-Zeitung auf die Tränendrüsen. Sie lenkt uns ab, von Finanzkrise und Leerkäufen sowie von der dringlichen Frage, ob Ernie und Bert aus der Sesamstraße schwul sind. Unser Herz-Blatt bietet vielmehr 10.000 Euro für jeden, der sich am Finden und Retten des 6,6 Tonnen schweren Pseudo-Rehs beteiligt.
Wir sagen: Danke für so viel Tierliebe. Wir sagen: Freiheit statt Stall, nur im äußersten im Zweifel auch Heldentod statt Schlachthof. Yvonne darf nicht sterben!
PS.: Wer denn helfen will, findet unter https://www.facebook.com/Problemkuh.Yvonne alles, was er braucht.
Putin findet Schätze – was kann Merkel?
Gut, die Mächtigen in Russland sind seit langer Zeit daran gewöhnt, ihre Untertanen mit windschiefer Propaganda zu verblöden. Das war schon lange vor dem Kommunismus so. Der Begriff “Potemkinsche Dörfer” stammt noch aus der Zarenzeit.
Wie aber können wir das auf andere Regierende übertragen? Da fällt uns schon was ein. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy etwa könnte sich perfekt inszenieren, indem er den grausligen Libyer Gaddhafi während es Zwölf-Gang-Gelages mit Beaujolais unter den Tisch säuft und so zum Amtsverzicht bewegt. Silvio Berlusconi wiederum würde seine Vitalität beweisen, indem er in einer Nacht 20 Internatsschülerinnen schwängert.
Aber Deutschland? Da hätten Helden-Storys eher zur früheren Regierung gepasst. Zu Gerhard Schröder hätte es gepsst, sich am Ende eines wüchtigen Spiels der deutschen Fußball-Nationalelf einwechseln zu lassen und unter dem Pseudonym “Acker” das entscheidende Tor zu schießen. Joschka Fischer hätte bewiesen, dass man auch mit 50 Kilo Übergewicht einen Marathon laufen kann.
Aber Angela Merkel? Das geht nicht, oder? Doch. Wie wäre es, wenn unsere gelernte Physikerin im heimischen Hobbykeller gemeinsam mit Ehemann Joachim Sauer ein bislang unbekanntes, irrsinnig energiereiches Elementarteilchen entdeckt, welches fortan alle unsere Versorgungsängste beseitigt.
Und dafür sorgt, dass wir auch das Gazprom-Gas gar nicht mehr brauchen. Dann hätte es Merkel dem Hobbytaucher Putin mal so richtig gezeigt. Da würde er staunen, der Russe.
Englische Krawalle? Die Wut ist noch zu klein
Irrwitzig wirken sie, die Krawalle in London. Es ist kaum zu fassen, mit welcher Wucht sich die Gewalt junger Leute entlädt. Alleine der Sachschaden wird auf 230 Millionen Euro beziffert. Also fragt man sich: Kann das auch bei uns passieren?
Bei Krawallen denken wir an den 1. Mai in Berlin-Kreuzberg. Dort hat es jedoch vor allem Gewalt gegen Sachen gegeben. Wenn aber der Respekt vor dem Leben anderer Menschen fehlt, so dass sogar Wohnhäuser angezündet werden, ist das etwas ganz anderes.
So groß ist die Wut bei uns noch nicht. Weil es gelungen ist, die Jugend-Arbeitslosigkeit relativ niedrig zu halten. In Spanien, Großbritannien oder Italien sind 25 bis 50 Prozent der potenziellen Nachwuchs-Arbeitskräfte ohne Job. Wenn so viele Menschen von der Gesellschaft/der Wirtschaft so klar gesagt bekomment, dass sie nicht gebraucht werden, suchen sie ein Ventil für ihre Machtlosigkeit.
Bei uns ist die Lage für junge Leute zwar besser, aber Chancenlosigkeit gibt es doch. Zum Beispiel bei Hauptschülern in der Großstadt. Und es gibt auch Wut. So habe ich, als ich während eines Streiks mit einer Gewerkschaftsfahne in unserer Fußgängerzone gestanden bin, von einigen Passanten erklärt bekommen, wie ungerecht unsere Gesellschaft geworden ist. Da haben viele Menschen die geballte Faust in der Tasche.
Trotzdem ist es noch nicht so, dass ein kleiner Funke genügen würde, um Krawalle wie in England auszulösen. Ob das so bleibt, entscheiden Politik und Wirtschaft. Und natürlich wir selbst, indem wir allen, die unsozial handeln, immer wieder die Grenzen aufzeigen.
Wer streikt, darf nicht in die Straßenbahn
Da gehen also in der kommenden Woche die Tarifverhandlungen für die Zeitungsredakteure/-innen in die vielleicht entscheidende Runde. Die ver.di-Gewerkschaft, die Deutsche Journalisten-Union, wollte aus diesem Anlass mit einer Straßenbahn durch die Stadt fahren und Passanten auf ihre Forderungen aufmerksam machen. 540 Euro wäre der Gewerkschaft eine zweieinhalbstündige Fahrt wert gewesen.
Das Problem: Sie kriegt keine Straßenbahn. Das zuständige Vorstandsmitglied hat nämlich entschieden, dass das Ganze “zu politisch” sei. Oder wie es sein Mitarbeiter dem potenziellen Kunden erklärte: “Wir sind eben ein besonderes Unternehmen.” Und berichtete, dass er habe “antreten” müssen, nachdem er eine Straßenbahn an die CSU vermietet hatte.
Jedenfalls zeigt sich an dieser Stelle, dass so etwas wie ein Streik für manche Menschen etwas höchste Bedrohliches ist. Wer die Arbeit verweigert, um bessere Konditionen am Arbeitsplatz zu erreichen, gilt als destruktives und mutmaßlich gewalttätiges Element. Es könnte ja was passieren.
Übersehen wird dabei Folgendes: Gewerkschaften sind vom Grundsatz her parteipolitisch neutral. Und außerdem ist das Streikrecht ein Grundrecht. Es gehört also zu den höchsten Gütern unserer Verfassung.
Aber erkläre man das mal einem Bürokraten, der vor allem seine Ruhe haben will…
Ruhig bleiben, wenn die Geldprofis panisch sind
Nein, ich kann diesen Satz nicht mehr hören: “Die Kleinanlager sollten die Ruhe bewahren.” Jedesmal, wenn an den Börsen Panik ausbricht, ist es offenbar der letzte Rettungsanker für die globale Finanzwirtschaft, dass die Zwergspekulanten genau andersherum handeln als die famosen Finanzprofis vor ihren übergroßen Monitoren.
Gerade flippen die Experten wieder mal aus. Und das muss man nur mal auf andere Lebenslagen übertragen. Da würden Polizeibeamte nach einem Unfall auf der Autobahn kopflos herumrennen, vor einem brennenden Haus würden aufgeregte Feuerwehrleute den Mensch zurufen, dass sie doch bitte gelassen bleiben sollen, wenn es warm wird. Wenn im Freibad jemand absäuft, würde der Bademeister auf die Knie sinken, sich die Haare raufen, “Ogottogott” rufen und ansonsten nichts unternehmen. Auf der Titanic, wäre die Besatzung panisch ins kalte Wasser gesprungen, während die Passagiere salutierend abgesoffen wären.
Genau solche Leute schicken aber innerhalb von Sekunden Milliardenbeträge um den Globus. Wobei ihre einzige Leistung darin besteht, den “Verkaufen”- oder “Kaufen”-Knopf immer dann zu drücken, wenn das alle anderen auch tun. Ich denke mir: Würden auf den Stühlen der Börsenmakler Gummibäume oder Teddybären sitzen, liefe der nächste Crash nach dem gleichen Muster. Nur die Panik wäre weg.
Ich schreibe das jetzt nicht, weil gerade meiner Altersversorgung wegschmilze. Ich frage mich bloß: Warum können Profis nicht professionell handeln, also ruhig bleiben, wenn es kracht? Vielleicht kann man die Finanzwelt wirklich nicht verstehen. Aber egal: Keine Angst, ich bin nicht panisch. Ich bin bloß sauer.
Modernes Leiden, oder: Mein iPhone und ich
Ich sage: Das achte Weltwunder unserer Tage ist das iPhone. Wer es nicht hat, hat es nicht. Aber wer es hat, leidet manchmal ganz gewaltig…
Die Saftschubse verleiht den Hormonen Flügel
So allmählich müsste doch auch dem schlimmsten Betonkopf klar sein, dass es keine Frage des Geschlechts ist, ob jemand Spitzenleistungen bringt oder auf der ganzen Linie versagt. Die Weltpolitik etwa hat sich doch nicht wirklich verändert, seit immer mehr Frauen am Ruder sind. Außer vielleicht, dass in immer mehr Ländern das Haushaltsgeld fehlt.
Aber die Männer haben diese Erkenntnis geistig-moralisch noch nicht vollzogen. Dies beweist gerade eine neue Umfrage zum Thema „Welche Frauenberufe finden Männer sexy?“.
Hier zeigt sich, dass es den Herren völlig ausreicht, wenn sie die Chefin daheim haben. „Managerin“ kommt in den Top Ten nämlich nicht vor. Dafür beflügelt das Gesundheitswesen die Phantasie der Männer. Wobei das erotische Wesen besser als Krankenschwester (Platz 4) denn als Ärztin (Platz 7) daherkommt. Die Sekretärin (Platz 6) landet erstaunlicherweise hinter der Pilotin.
Naheliegend war die Einschätzung der Umfrage-Teilnehmer, dass Hostessen meistens sexy sind (Platz3). Auf dem zweiten Platz sind die Fitnesstrainerinnen gelandet.
Aber dann, die Siegerinnen: Stewardessen! Da überlegt man sich doch, was so unfassbar scharf ist an Frauen, die gestenreich die Notausgänge erklären, immer den kürzesten Weg zum Klo zeigen können und kistenweise Tomatensaft durch die Gegend fahren.
Ich weiß es nicht. Und finde das Umfrage-Ergebnis sowieso tragisch. Denn wir Männer finden uns damit ab, dass die die tollsten Frauen in 10.000 Metern Höhe herumschweben. Ach, wer verleiht uns Flügel?
Die Welt riecht besser – aber früher war sie cooler
Fast drei Jahre hatte bei uns ein Glaubenskrieg getobt. Seit genau einem Jahr nun gibt es die vom gesundheitsbewussten Teil des Volkes gewollten strikten Regeln. Und es hat sich viel verändert. Die Raucher sind – der billigen Schmuggelware sei Dank – zwar noch nicht zur völlig unbedeutenden Randgruppe geworden. Aber sie sind netter und rücksichtsvoller als noch vor ein paar Jahren. Sie stellen sich zum Beispiel in die Rauchfrei-Quadrate auf den Bahnhöfen und nehmen mit bewundernswertem Gleichmut in Kauf, wie bescheuert das aussieht.
Und doch fehlt etwas. Nämlich diese mit Unbelehrbarkeit und Krebsverachtung gepaarte Lässigkeit der Raucher. Es fehlen die Qualmer, die in ihrer Stammkneipe beim Abfackeln ihres Tabaks den Gang der Dinge analysierten, kreativ-sarkastisch in die Zukunft schauten, dabei ordentlich becherten und am nächsten Tag mit einem schweren Kopf und dunklen Augenringen aufwachten. Oder die sich bei einem Glas Rotwein an kubanischen Pralinen verlustierten. Menschen, die anders waren, als die heute so sehr als Vorbild gepriesenen Marathonläufer.
Kurzum, die Welt riecht besser – aber früher war sie cooler. Die Zeiten für Dichter und Denker sind schwierig geworden. Aber in einem Land, in dem sich die Leute freiwillig von Merkel, Westerwelle und Seehofer regieren lassen, muss das vielleicht so sein.







Von der Sex- zur Steuersteuer
Zu den edelsten Rechten der Kommunen zählt das Steuerfindungsrecht. Jede Stadt könnte, wenn sie es denn wollte, eine Abgabe auf Hauskatzen, Papageien oder Goldfische einführen. Bei uns in Nürnberg wäre auch eine Bratwurststeuer ein lukratives Geschäft. Die Stadt Bonn hat nun die Prostituierten als Geldquelle entdeckt.
Die Huren auf dem Straßenstrich müssen künftig vor Arbeitsbeginn ein “Steuerticket” ziehen. Sechs Euro kostet der Zettel, der aus einem umgebauten Parkscheinautomat gezogen wird. Dieser berechtigt die Prostitutierten zu einer “Betriebszeit” von 20.15 bis 6 Uhr.
Selbstverständlich will die Stadt Bonn durch ihre Straßenstrichsteuer niemand schröpfen. Sagt sie. Es gehe vielmehr darum, “Steuergerechtigkeit” herbeizuführen. Schließlich müssten auch stationäre Bordell-Prostituierte Geld abführen. Dass jährliche Einnahmen von 300.000 Euro erwartet werden, ist demnach nur ein netter Nebeneffekt. Ein Gerechtigkeitsbonus, sozusagen.
Nun könnte man fragen, ob eine Stadt, die sich an der Prostitution bereichert, nicht selbst zur Zuhälterin wird. Aber das ist Quatsch. Wer Kindergärten, Schulen und Sportplätze finanzieren will, muss eben dort hinlangen, wo etwas läuft. Auf dem Volksfest mit der Biersteuer, bei Starbucks mit der Kaffeesteuer, in der Schnapsbar mit der Branntweinsteuer, in Wäldern und auf Wiesen mit der Jagd- und Fischereisteuer, an unseren Arbeitsplätzen mit der Vergnügungssteuer, in den Werbeagenturen mit der Drei-Tage-Bart-Steuer, in den Stadien mit der Jubelsteuer, in den Dixie-Klos mit der Urinsteuer, in Vorgärten mit der Spatzensteuer und in Kirchen mit der Leuchtmittelsteuer auf Kerzen.
Sie finden, das alles geht zu weit? Quatsch, alle diese Abgaben gibt es oder hat es so oder so ähnlich schon irgendwann gegeben.
Sie sind deshalb froh, dass es das schlimmste fiskalische Folterinstrument nicht gibt, die Steuersteuer auf alles, was Steuern kostet? Auch Quatsch. Auch die gibt es, sie heißt nur eleganter Mehrwertsteuer. Aber die kriegen Bund und Länder. Da sind die Kommunen nicht schuld. Ausnahmsweise.