Vom Sülzeaufstand zur Gurkenrevolution

Es sind also die Gurken. Ausgerechnet Gurken! Mit dem neuesten Skandal-Lebensmittel und dessen viralen Folgen erleben wir eine neuerliche Zeitenwende. Bisher galt es als ausgemacht, dass fieses Essen und Trinken ausschließlich aus gepanschten Flüssigkeiten oder tierischen Produkten bestünde. Wenigstens die Veganer, so lautete die verbreitete Überzeugung, könnten sich in Sicherheit wiegen. Das ist vorbei.

Erinnern wir uns. Anfang der 70-er Jahre wurden in Milch Rückstände aus der Produktion des Pflanzenschutzmittels Lindan festgestellt. Hexachlorcyclohexan hieß der giftige Stoff. Es folgten Salmonellen im Geflügel, Hormone in Kalbfleisch, Frostschutzmittel im Wein, Flüssig-Ei mit Hühnerkot in Nudeln, Perchlorethylen in Olivenöl, Würmer in Fischen, Gammelfleisch, Botulismus-Bakterien im Joghurt, BSE-Rindfleisch, Koli-Bakterien in Hamburgern, Chemiebutter aus Italien, und, und, und…

Nur einmal, im Jahr 2000, sorgte verseuchtes Gemüse für Aufregung. Damals war es Paprika aus Spanien, die mit einem Anti- Milbenmittel sowie mit Fungiziden und Pestiziden belastet war. Wundern braucht man sich nicht. Sind doch Obst und Gemüse von der iberischen Halbinsel die Garanten für Niedrigstpreise. Billigst bearbeitet und geerntet von Menschen, die die Bootsfahrt von Nordafrika nach Spanien überlebt haben. Die allerdings illegal im Land sind und deshalb wie Leibeigene ausgebeutet werden können.

Dieser Skandal lässt uns aber kalt. Sonst müsste sich unser Zorn entladen wie beim Hamburger Sülzeaufstand. 1919 machte in der Hansestadt in der Bevölkerung das Gerücht die Runde, dass verfaulte Kadaver zu Sülze verarbeitet und verkauft würden. Der Fabrikbesitzer wurde in die Alster geworfen und entkam so dem sicher Tod durch die wütende Menge, die ihn lynchen wollte.

Wie wir vom Atomstreit wissen, lässt sich die Politik inzwischen durch handfeste Proteste beeindrucken. Nach einer Gurkenrevolution würde sie genau darauf achten, dass Lebensmittel in Zukunft sauber sind.

Dann könnten wir mit einem rundem guten Gefühl zubeißen. Bloß: Qualität hat ihren Preis. Sie kostet mehr. Und wollen wir das wirklich?

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