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Papst mit unverdientem Glamour-Faktor
Allmählich schwirrt mir der Kopf. Aber so richtig. Erst eine Katastrophe nach der anderen, jetzt Freudenfeste am laufenden Band: Traumhochzeit in London, Meisterjubel in Dortmund – und Seligsprechung des früheren Papstes Johannes Paul II. Geballtes Glück, an jedem Tag des Wochenendes. (In den USA jubeln sie jetzt sogar, wenn einer erschossen wird)
Ja, man hätte in Rom sein müssen. In der ewigen Stadt, beim Heiligen Vater. Die katholische Kirche hat dort am Sonntag bewiesen, dass sie es in Sachen Protz und Prunk mit den Windsors aufnehmen kann. Zwar fehlte eine hübsche Frau in der Hauptrolle, aber auch die goldbesetzten Gewänder der geistlichen Oberhäupter können sich sehen lassen. “Let’s Dance”-Juror Harald Glööckler hätte seiner Wertung gewiss das Krönchen für den Glamour-Faktor aufgesetzt.
Die Seligsprechung von Johannes Paul II. hat zudem gezeigt, warum man christliche Gläubige gerne auch Schafe nennt. Weil sie blind gehorchen.Denn mal ehrlich: Dieser Papst war – bei all seiner viel gepriesenen Güte, all seinem Charisma und all seinen Verdiensten – eben auch ein kreuz-konservativer Knochen. Einer, der zum Beispiel den Befreiungsbewegungen in Lateinamerika die Zähne gezogen hat.
Aber es ist immer so im Leben, dass das Schlechte im Laufe der Jahre vergessen wird. Das ist bei unseren persönlichen Erinnerungen so. Das gilt aber erst recht bei unserem Blick auf die Toten. Man denkt ans Bewunderungswürdige zurück, lässt sie aber ansonsten ruhen.
Wäre es anders, hätten auch schlichteste Gemüter Zweifel an dieser Seligsprechung bekommen müssen. Denn wie kann man sonst an diese seltsame Geschichte mit der wundersam geheilten Nonne glauben?
Und dann dieses Blut-Ampulle. Ich habe noch nie verstanden, wie es sein kann, dass Nicht-Heiden Fingernägel, Hirnschalen oder Körperflüssigkeiten anbeten. Mich deprimiert das sogar außerordentlich. Würde doch meine Seligsprechung von vorneherein daran scheitern, dass es von mir keine Blutkonserven gibt. Unter diesem Aspekt hätte unter den lebenden Deutschen Ex-Radprofi Jan Ullrich die besten Chancen.
Nein, mit dem früheren Papst hat einer die Vorstufe zum Heiligen erreicht, der es für mich nicht verdient. Weil er mit seinen Anti-Pillen- und Anti-Kondom-Predigten nicht wenige Hunger-Kinder und Aids-Opfer auf dem Gewissen hat. Aber gut. Ich lasse den Toten ruhen, nehme es mit Humor und lasse die Nebenwirkungen des Glaubens vom Dichter Christian Morgenstern kommentieren:
“Ein Hecht, bekehrt von Sankt Anton
beschloss mit ehefrau und Sohn
am vegetarischen Gedanken
sich moralisch hochzuranken.
Er aß jetzt nur noch das und dies
Seerose, Seegras und Seegrieß,
doch Grieß, Gras, Rose floss, oh Graus
entsetzlich hinten wieder raus.
Der ganze Teich ward angesteckt
fünfhundert Fische sind verreckt.
Doch Sankt Anton, gerufen eilig
rief “Heilig! Heilig! Heilig! Heilig”