Bei Wahlen siegt die Wahrheit – aber nicht immer

„Nur die Wahrheit trägt den Sieg davon.“ So also sprach ums Jahr 400 herum der Kirchenvater und Heilige Augustinus Aurelius. Wie wahr dieser schlichte Satz auch in der heutigen Zeit ist, hat sich am Sonntag in den Bindestrich-Ländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gezeigt. Die Grünen haben gewonnen. Und wie.

Ein Sieg der Wahrheit war es insofern, als tatsächlich nur die Grünen immer gegen Kernkraft waren. Das war in den Anfängen dieser Partei auch ziemlich einfach, weil mit einer Regierungsbeteiligung nicht zu rechnen war. Dort, wo sie mittlerweile mitregiert hat, drückte die Öko-Partei zwar nicht so ganz strikt auf den Abschaltknopf. Aber das macht nichts. Den Menschen war klar: Von allen deutschen Politikern/-innen hat Claudia Roth den Super-Gau von Fukushima am wenigsten gewollt. Und nur sie und ihre Freunde garantieren, dass Mercedes, Saumagen und Riesling für immer weniger verstrahlt sind als Toyota, Sushi und Reiswein.

Die CDU zeigte im Wesentlichen zwei Gesichter: Da moserte Bildungsministerin Annette Schavan bei Anne Will über die Ungerechtigkeit, dass ihr Stefan Mappus weniger Stimmenanteile verloren habe als Kurt Beck in Mainz, anders als dieser aber abtreten müsse. Andererseits zeigte die frühere Weinkönigin Julia Klöckner als CDU-Spitzenkandidatin in Rheinland-Pfalz, dass man auch von 2,5 Prozent besoffen werden kann.

Die SPD wiederum erweiterte das Spektrum der menschlichen Psychologie um die Erscheinungsform des überglücklichen Verlierers. Fast zehn Prozent weniger in Rheinland-Pfalz? Egal? Nur noch drittstärkste Kraft in Baden-Württemberg? Total wurscht, so lange die anderen verlieren? In dieser Schönheit hat man einen solchen Verlierer-Jubel zuletzt nach der Fußball-Vizeweltmeisterschaft 2006 gesehen.

Und die FDP? So bot ein Bild des Jammers. Und sie widerlegte unseren Heiligen Augustinus. Da hatte ihr Spitzenmann Rainer Brüderle in Sachen Atom-Wahltaktik die Wahrheit gesagt – und trotzdem gab es zwei Klatschen. Tja, wenn die Wahrheit aus einer Ecke kommt, aus der man sie am wenigsten erwartet, ist es eben auch nicht recht.