Archiv für März, 2011

März 31st, 2011

Der Islam? In der Tasse ist er gut

In dieser bebenden, radioaktiven, unübersichtlichen Welt dürstet es uns danach, dass uns wenigstens einzelne Politiker die Gewissheit geben, dass unser Weltbild trotz Japan, Knut und Grün-Rot in Baden-Württemberg weiterhin im Lot ist. Und für diese Aufgabe ist, wir ahnen oder wissen, nur eine Partei geeignet: die CSU. Sie muss durch ihr Spitzenpersonal neuerdings nicht mehr Deutschland am Hindukusch verteidigen, also verteidigt sie die Nation gegen den Islam.

Der neue Innenminister Hans-Peter Friedrich hat diesen Job übernommen. Mit seinem Hinweis, dass der Islam – historisch gesehen -nicht zu Deutschland gehöre, hat er einen uralten Pflock seiner Partei erneut in den Boden gerammt. Damit hat er die Mitglieder der Islamkonferenz gegen sich aufgebracht. Aber alte Stammtischbrüder werden zufrieden sein.

Wenn es nur stimmen würde. Denn die Früchte morgenländischer Kultur sind bei uns allgegenwärtig. So greifen unsere Mediziner auch heute noch im Wesentlichen auf jahrhundertealte Erkenntnisse arabischer Ärzte zurück. Auch das Grundrezept für Seife stammt aus dem Orient. Deutschland ohne Islam würde also nicht gut riechen.

Und schließlich: Der Kaffee. Dieses Getränk wurde der Legende nach von Hirten in Jemen entdeckt. Im 17. Jahrhundert wurde in Venedig des erste europäische Kaffeehaus eröffnet. Mit ausdrücklicher Billigung des damaligen Papstes Clemens VII. Christliche Fanatiker hatten ihn gedrängt, das heidnische Teufelsgesöff zu verbieten. Der Pontifex fand es jedoch so köstlich, dass er erklärte, dass es eine Sünde wäre, es alleine den Ungläubigen zu überlassen. (So schildert es das Arabische Museum Nürnberg)

Heute liegt der Konsum an Kaffee pro Kopf in Deutschland nach der Statistik bei 146 Litern im Jahr – bei Mineralwasser sind es nur 130 Liter, und auch Bier wird weniger getrunken. Nicht mal CSU-Wähler kämen auf die Idee, 800 Euro und mehr für einen Schankbier-Dosierautomaten auszugeben. Für eine Espressomaschine schon.

Also, lieber Herr Friedrich. Wer mir die Freude an meinem Kaffee nehmen will, kriegt meine Stimme nicht. Und überhaupt: Glaubwürdig wären CSU und Bayerische Staatsregierung erst, wenn sie feierlich erklären würden, dass Franck Ribéry (Moslem) kein Teil von Bayern München ist.

März 28th, 2011

Bei Wahlen siegt die Wahrheit – aber nicht immer

“Nur die Wahrheit trägt den Sieg davon.” So also sprach ums Jahr 400 herum der Kirchenvater und Heilige Augustinus Aurelius. Wie wahr dieser schlichte Satz auch in der heutigen Zeit ist, hat sich am Sonntag in den Bindestrich-Ländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gezeigt. Die Grünen haben gewonnen. Und wie.

Ein Sieg der Wahrheit war es insofern, als tatsächlich nur die Grünen immer gegen Kernkraft waren. Das war in den Anfängen dieser Partei auch ziemlich einfach, weil mit einer Regierungsbeteiligung nicht zu rechnen war. Dort, wo sie mittlerweile mitregiert hat, drückte die Öko-Partei zwar nicht so ganz strikt auf den Abschaltknopf. Aber das macht nichts. Den Menschen war klar: Von allen deutschen Politikern/-innen hat Claudia Roth den Super-Gau von Fukushima am wenigsten gewollt. Und nur sie und ihre Freunde garantieren, dass Mercedes, Saumagen und Riesling für immer weniger verstrahlt sind als Toyota, Sushi und Reiswein.

Die CDU zeigte im Wesentlichen zwei Gesichter: Da moserte Bildungsministerin Annette Schavan bei Anne Will über die Ungerechtigkeit, dass ihr Stefan Mappus weniger Stimmenanteile verloren habe als Kurt Beck in Mainz, anders als dieser aber abtreten müsse. Andererseits zeigte die frühere Weinkönigin Julia Klöckner als CDU-Spitzenkandidatin in Rheinland-Pfalz, dass man auch von 2,5 Prozent besoffen werden kann.

Die SPD wiederum erweiterte das Spektrum der menschlichen Psychologie um die Erscheinungsform des überglücklichen Verlierers. Fast zehn Prozent weniger in Rheinland-Pfalz? Egal? Nur noch drittstärkste Kraft in Baden-Württemberg? Total wurscht, so lange die anderen verlieren? In dieser Schönheit hat man einen solchen Verlierer-Jubel zuletzt nach der Fußball-Vizeweltmeisterschaft 2006 gesehen.

Und die FDP? So bot ein Bild des Jammers. Und sie widerlegte unseren Heiligen Augustinus. Da hatte ihr Spitzenmann Rainer Brüderle in Sachen Atom-Wahltaktik die Wahrheit gesagt – und trotzdem gab es zwei Klatschen. Tja, wenn die Wahrheit aus einer Ecke kommt, aus der man sie am wenigsten erwartet, ist es eben auch nicht recht.

März 26th, 2011

Todesanzeige für Knut: Wenn Tierliebe hirnkrank wird

Ich will ja gar nichts sagen. Nein, ich will ruhig sein. Die Hände betroffen vor den Mund legen und mir mit einem Taschentuch eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Aber ich schaffe es nicht. Ich denke an die Trauergemeinde von Eisbär Knut – und schreie laut “Aaaargghhhh!!!”.

März 25th, 2011

Der Cäsium-Heiner und sein Brüderle

Wie ist sie doch groß, die Empörung über Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Da hat er also im Kreis erlauchter Energiemanager erklärt, dass man das mit dem Atom-Moratorium nicht so eng sehen dürfe. Es seien schließlich Wahlkampfzeiten. Und die Reaktionen waren so, als würde die politische Welt aus dem Gleichgewicht geraten.

Tja, so weit kommt es, wenn ein Politiker mal ganz unvorsichtig die Wahrheit sagt. Denn es war doch völlig klar, dass die neuesten Atomkraft-Verrenkungen der Regierung Merkel nur dazu da waren, um einem gewssen Stefan Mappus ein dauerhaftes Amtsmoratorium zu ersparen. Es war der Versuch, eine Brücke für die Brückentechnologie zu schlagen.

An Brüderles Worten war nichts verkehrt. Wir wussten eh Bescheid, und sind sicher, dass Politiker selten die Wahrheit sagen. Also hat er unsere Erwartung nicht erfüllt, in dieser schwierigen Lage wenigstens ein bisschen beruhigt und belogen zu werden. Das hat uns schwer irritiert.

Die Brüderle-Affäre ist auch ein harter Schlag für Groß-Verrenkung Nummer zwei, die Ethik-Kommission. Da will Angela Merkel die bei einem Bahnhofsbau bewährte Methode auf Atomkraftwerke übertragen. Ein alter, als weise eingeschätzter Mann soll eine Gesprächsrunde leiten, bei der das Für und Wider dieser Energieart abgewogen werden soll. Klaus Töpfer soll, gewissermaßen als Cäsium-Heiner, in die Fußstapfen seines Kollegen Geißler treten.

Aber auch dieser Auftrag von Angela Merkels ist leicht durchschaubar. Es geht vor allem um Zeitgewinn und darum, dass Argumente formuliert werden, dass man Atomstrom – bei allen Risiken – doch brauchen könne.  Um das zu sagen,  braucht es aber bestimmt keine Kommission. Es gibt ja kaum eine Technik, über die seit Jahrzehnten derart umfassend gestritten wird.

Die Kanzlerin wollte tricksen – aber wir haben es durchschaut. Einfach dumm gelaufen, Frau Merkel.

März 24th, 2011

Einfach mal abschalten – auch auf dem Sofa

“Wer lächelt statt zu toben, ist immer der Stärkere.” Sicher, es ist nicht leicht in diesen Tagen, nicht aufgeregt oder nicht empört zu sein. Aber niemand wird einen Zustand der chronischen Wut schadlos überstehen. Also sollte man mal Gas wegnehmen und sich entspannen.

Glaubt man den Psycho-Experten der Frauenzeitschriften, so ist dieser Zustand ohnehin dem wahren Glück am nächsten. Aber wie kommt man hin? Im Auftrag der “Apotheken Umschau” wurde dies in einer Umfrage untersucht. Und siehe da: Knapp  drei Viertel, nämlich 73,3 Prozent nanntzen Fernsehen als Mittel zur Entspannung.

Wie bitte?

März 21st, 2011

Schwatzkisten-Jubiläen: Ein Hoch auf Loddar und Twitter

Immer schön: Lothar Matthäus spricht mit der Welt.

Immer schön: Lothar Matthäus spricht mit der Welt.

Ein guter Spruch zur rechten Zeit lässt uns lächeln, beflügelt unsere Phantasie, macht uns glücklich. Deshalb verehren wir Menschen, die uns zuverlässig mit originellen Wortgebilden beglücken. Zwei solcher Schwatzkisten feiern unde Jubiläen: Lothar Matthäus wird 50, das Kurznachrichten-Netzwerk Twitter wird fünf Jahre alt.

Ich gratuliere unserem fränkischen Ex-Weltfußballer “Loddar” allerlherzlichst zum runden Geburtstag. Schließlich hat er mir mehrfach  hirndübel-tauglichen Stoff geliefert. Weniger mit lieblichen Aphorismen, wohl aber als notorisch liebeskranker Held.

Legendär ist Matthäus gleichwohl für seine Sprüche. Die Kolleginnen und Kollegen der Nürnberger Nachrichten haben da eine schöne Sammlung veröffentlicht.  (Der Link) Sie wäre vielleicht noch um diese Aussagen zu ergänzen: “Jeder, der mich kennt und der mich reden gehört hat, weiß genau, dass ich bald englisch in sechs oder auch schon in vier Wochen so gut spreche und Interviews geben kann, die jeder Deutsche versteht.” Oder: “Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken.”

Ich trete jede Wette an: Wäre ein Lothar Matthäus nicht 1961, sondern 1981 oder später geboren worden, er wäre nicht nur Starfußballer, sondern auch Follower-König. Er wäre ein Popstar des Twitter. Denn auch in diesem Netzwerk geht es neben sehr privaten Mitteilungen und der gelegentlich Unterstützung von Dikatoren-Stürzen vor allem um Originalität, Witz und einen Hauch von Wahnsinn. Letzten Endes gilt: Die Durchgeknallten kommen besser durch.

Und produziert wird wie irre: Jede Woche senden die Twitter-Nutzer eine Milliarde Meldungen. Über 200 Millionen registrierte Nutzer soll es geben, alleine im vergangenen Monat sind laut Anbieter jeden Tag 460.000 hinzugekommen. Das nennt man Wachstum XXL.

Wird unser krummbeiniger Held also irgendwann vom Sprüche-Tsunami weggespült und in Vergessenheit geraten? Wohl kaum. Denn noch weiß niemand so ganz genau, womit Twitter Geld verdienen soll, um seine wachsende Mitarbeiterschar auf Dauer zu ernähren. Diese ist letztlich schlechter gegen eine Pleite abgesichert, als des Ex-Fußballers Ex-Frauen.

Meine Prognose: Ein Lothar Matthäus macht Schlagzeilen, so lange es ihn selbst und  junge Frauen gibt. Wir werden also noch viel Freude mit ihm haben…

März 19th, 2011

Guido Westerwelle – konsequent inkonsequent

Gerade Politiker(innen) der derzeitigen Bundesregierung reden gerne davon, wie wichtig Werte für Individuum und Gesellschaft sind.  Worum es sich dabei handelt, haben wir als Kinder so gelernt: In vergleichbaren Situationen verhalten sich andere Menschen (speziell unsere Eltern)  nach übersichtlichen Regeln. Enttäuscht hat uns hingegen, wenn Versprechen nicht eingelöst oder Ankündigungen heiße Luft waren.

Natürlich: Konsequentes Verhalten kann der schwierigere Weg sein. Wer sich anpasst, anstatt den eigenen Standpunkt zu vertreten, hat es oft leichter. Wer mit den Wölfen heult, hat weniger gefährliche Feinde. Wer Konflikten aus dem Weg geht, lebt sicherer.

Viele glauben das und leben danach. Aber manchmal macht man damit eine ganz schlechte Figur. So wie Außenminister Guido Westerwelle mit seiner Enthaltung bei der Abstimmung des UN-Sicherheitsrates über eine Flugverbotszone über Libyen.

März 14th, 2011

Merkels Weg: Vom Aussitzen zum Aussetzen

In früheren Zeiten galt das “Aussetzen” allgemein als unmoralische Handlung. Man verwendete dieses Wort in Zusammenhang mit Haustieren, die zum Beispiel auf Parkplätzen ihrem Schicksal überlassen wurden. Die Gesellschaft war sich einig in der Ablehnung dieser Unsitte. Allen war klar: Wer aussetzt, hat einen schlechten Charakter.

Bis Angela Merkel kam. Seitdem sie Guido Westerwelle an ihrer Seite hat, ist das Aussetzen zur Grundlinie der deutschen Politik geworden. Wehrpflicht? Ausgesetzt. Steuersenkungen? Zunächst ausgesetzt. Gesundheitsreform? Entscheidung ausgesetzt.

Und nun also das Prinzip bei der Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke. Gut, es war klar, dass angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen so etwas kommen musste. Aber es ist nicht logisch. Denn gerade vor dem Beschluss, die “Brückentechnologie” viele Jahre länger zu nutzen, hätte es eine genaueste Überprüfung der Sicherheit geben müssen. Das war wohl nicht der Fall.

Und wie war es früher? Angela Merkels Vor-Vorgänger Helmut Kohl hatte auch seinen eigenen Politikstil. Den nannte man “Aussitzen”. Ist demnach in der konservativen Politik seit 1998 lediglich ein Vokal nach vorne gerutscht? Und kommt in einigen weiteren Jahren dann logischerweise das “Aussatzen”? Das klingt schon mal unappetitlich. Wir sollten es nicht wollen.

Ein kleiner Hinweis sei der Kanzlerin gegönnt. Wer bei Gesellschaftsspielen aussetzt, wird meistens abgehängt.

März 13th, 2011

Atomkraft- die Brückentechnologie ins Jenseits

Die Katastrophe ist da – jetzt kommt das Krisenmanagement. Die Ereignisse in Japan haben uns wieder mal vor Augen geführt, dass Kernkraftwerke gefährlich sind. Wird die Bundesregierung also umdenken und ihren halbseidenen Atomdeal mit den Energiekonzernen korrigieren? Ich denke nicht. Es kommt wohl anders.

Der Super-Gau von Fukushima ist für Angela Merkel und ihre Freunde ein extrem dummes Ereignis. Beim Atomunfall in Tschernobyl vor bald genau 25 Jahren konnte man ja darauf hinweisen, dass dieses Kraftwerk von sozialistischen und somit menschenverachtenden Ingenieuren samt ostblock-typischer Schlamperei entwickelt und gebaut worden war. Diese radioaktive Wolke war demnach vorherzusehen. Nun jedoch erwischt es Japan.

März 11th, 2011

Japan zeigt: Unsere Probleme hätten andere gern

Die wahnsinnigen Ereignisse nach dem Erdbeben im Japan machen es wieder einmal deutlich: Alles in allem gesehen geht es uns gut. Sehr gut sogar.

Nehmen wir doch mal drängende Fragen dieser Tage: Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht? Ist eine klitzekleine Steuersenkung vielleicht doch möglich? Dürfen, was CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär heftig kritisiert, Germany`s Next Top Models in einer Kirche Brautkleider vorführen? Und kann es gutgehen, dass bei DSDS Nina Richel durch Sarah Engels ersetzt wird?

Unsere Richter-Skala der überflüssigen und belanglosen Themen ist nach unten offen, während es in Japan viele Erdbeben- und Tsunamiopfer gibt und sogar eine atomare Katastrophe droht. Und während der irre libysche Diktator nahezu ungestört seine Gegner beschießen lässt. Was er die nächsten Tage sogar wieder besser kann, weil es seit heute ein anderes großes Thema gibt.

Logisch. Es überfordert uns, für das komplette Weltgeschehen Interesse oder echte Gefühle für Opfer von Katastrophen zu entwickeln. Kein Mensch will und kann Tag und Nacht nur die ganz großen Probleme lösen. Wir brauchen auch das Einfache, das Triviale, um uns gut zu fühlen.

Also mag es unglaubwürdig sein, heute von Trauer oder “tiefer Betroffenheit” zu reden. Aber wir könnten innehalten und unsere eigenen Probleme gelassener betrachten. Der Sarkasmusgenerator in meinem Gehirn jedenfalls hat gerade Sendepause. Und das ist auch gut so.

März 9th, 2011

Seehofer hat lieber Mut als Mist

Aufgepasst: Wir leben in einem “Premiumland”. So hat es Horst Seehofer auf dem Politischen Aschermittwoch der CSU verkündet. Gemeint hat er mit Sicherheit vor allem Oberbayern. Stimmungsmäßig geholfen hat ihm der oberfränkische Freiherr.

Während der Rede des Parteichefs war der Jubel nämlich am lautetesten, als Seehofer versprach, er werde persönlich dafür sorgen, dass Karl Theodor zu Guttenberg/ in die große Politik zurückkehren kann.

März 8th, 2011

Konfetti am Frauentag? Da sind wir mal ganz leise…

Also, das ist kalendarisch saudumm gelaufen. Der Internationale Frauentag fällt ausgerechnet auf einen Faschingsdienstag. Oder umgekehrt. Und dabei wollte ich schon einmal darauf hinweisen, dass dieser Gedenktag seinen Sinn hat.

Wobei ich weniger an ein CSU-Quorum oder an Chefinnen-Quoten in Dax-Konzernen gedacht hätte, sondern zum Beispiel daran, dass es laut Welternährungsorganisation in den Entwicklungsländern 12 bis 17 Prozent weniger Hungernde geben würde, wenn die Bäuerinnen mehr zu sagen hätten.

Aber gut, der Weltfrauentag 2011 ist mit Konfetti versaut.

März 7th, 2011

E10-Benzin? E 605 ist uns lieber

“E10 muss weg!” Mitten hinein in vereinzelte Guttenberg-Rückholaktionen ist eine Protestbewegung entstanden, die dem politischen Führungspersonal dieser Republik noch einiges Kopfzerbrechen bereitet. Das Volk lehnt ein neues Benzin ab – und das sagt auch einiges über den Zustand dieser Gesellschaft.

Ich bin mir noch nicht so sicher, was ich denken soll. Das ist so, weil ich als Dieselfahrer nicht betroffen bin. Aber dann wird`s schon dialektisch. Einerseits finde ich es immer prima, wenn die Menschen der Politik und den Konzernen mit ihrer geballten Verbrauchermacht zeigen, dass sie nicht jeden Quatsch klaglos mitmachen. Die angeblich segensreichen Auswirkungen des Biosprits in Sachen Klimawandel sind weiß Gott sehr umstritten.

Und die Risiken für die Automotoren sind offenbar nicht hundertprozentig erforscht. Soll demnach – um mal eine Verschwörungstheorie zu entwerfen – durch höheren Verschleiß ein verstecktes Konjunkturprogramm gestartet werden? Nach dem Motto: Wi mehr kaputt, wird mehr gekauft?

Andererseits: Gab es nicht schon früher vor Neuerungen aufgeregte Warnungen? Hieß es nicht, dass bleifreies Benzin sämtliche Motoren ruinieren würde? Und wurde uns nicht gesagt, dass Katalysatoren sündhaft teure Verschleißteile seien? So schlimm war es dann ja doch nicht.

Es gibt aber noch ein anderes Problem: Der heftige Streit um E10 zeigt, dass unsere wahren Sorgen Maschinen gelten. Wenn unserem Auto Schaden droht, gehen wir auf die Barrikaden oder zeigen den Herstellern durch unseren Boykott die Rote Karte.

Nach Lebensmittelskandalen ist die Aufregung anfangs auch groß. Aber dann gehen wir recht schnell wieder zur Tagesordnung über. Ja, wir zahlen freiwillig deutlich mehr Geld für ein vermeintlich “gesünderes” Produkt. Bei Lebensmitteln sind wir da weniger konsequent.

Zusammengefasst heißt unsere Parole: Lieber E605 als E10. Oder machen wir uns über Schädlingsbekämpfungsmittel ähnlich viel Gedanken wie Pflanzenöl im Sprit? Doch eher nicht, oder?

März 5th, 2011

Babynamen 2010: Stillstand statt Pfefferminza

Alarm, Alarm! Diese Republik stagniert. Ablesen lässt sich das aktuell an der von der  Gesellschaft für deutsche Sprache herausgegebenen Rangliste der beliebtesten Vornamen für Neugeborene. Die Favoriten sind schon seit Jahren die gleichen. Was ist bloß los? Wo bleibt die Innovationskraft in diesem Land der Dichter, Denker und Weltmarktführer?

So hat ein Standesamt den Wunschnamen Pfefferminza abgelehnt. Gut, die dazugehörigen Eltern haben einen Sprung in der Schüssel. Aber: Es ist ein Name aus der Weltliteratur, nämlich einer der fünf Vornamen von Pippi Langstrumpf. Nicht genehmigt wurden auch Gihanna und Menez. Obwohl das verdächtig nach DSDS-Kandidaten klingt.

März 3rd, 2011

Bis zum Comeback helfen Heidi und Ken

Ken (50) - irgendwie der bessere zu Guttenberg

„Wir wollen Guttenberg zurück!“ An diesem 3. März gegen 11 Uhr hatten sich hierzu auf Facebook bereits über eine halbe Million Menschen bekannt. Aber geht es diesen Menschen wirklich um gute Politik? Darum, dass Deutschland am Hindukusch durch die CSU verteidigt wird? Nein. Hinter diesem Aufschrei steckt unsere Sehnsucht nach Schönheit. Der Trost: Uns kann geholfen werden.

Gut, auch Thomas de Mazière hat das Gesicht eines Politikers, welcher ernsteste Probleme löst. Aber er ist keine „Stilikone“, wie „Bild“ seinen Vorgänger betitelt hat. Doch was soll man machen, wenn ein Stern zunächst so gleißend hell strahlt, um dann umso schneller zu verglühen?

Eine viel größere Ausdauer zeigt zu Guttenbergs in feinsten Kunststoff gegossenes Ebenbild. Ken, der keimfreie Gefährte von Barbie, feiert bald seinen 50 Geburtstag. Am 11. März 1961 tauchte er unter seinem vollständigen Namen Ken Carson erstmals im Handel auf. Bei seiner Premiere trug er rote Badeshorts, Sandalen und ein gelbes Handtuch. 1973 gab es Ken erstmals mit kämmbarem Haar, er erschien uns als Pilot, Olympiawettkämpfer oder Pilot.

Dass er von Anfang an ein ziemlich hirntoter Lackaffe war, wurde ihm angesichts des blendenden Äußeren verziehen. Das kennen wir ja von irgendwo her.

Aber eine aufs Sofa gesetzte Puppe, so wird mancher nun einwenden, ersetzt doch keinen Politiker aus Fleisch und Blut. Gut, dann legen wir eben noch was drauf: Heute, am Tag 2 nach Guttenbergs Rücktritt, beginnt wieder die famose Castingshow „Germany`s Next Top Model“. Und auch dort wird unsere Super-Dummina Heidi Klum Fachwissen darüber vermitteln, wie wichtig es im Leben ist, immer blendend auszusehen.

Die stilbewussten Guttenberg-Fans sollten Ken und diese Sendung nutzen, um die Zeit bis zum Comeback ihres wahren Stars zu überbrücken. Denn dass es zur glänzenden Wiederkehr kommen wird, lehrt uns der Lyriker Rainer Maria Rilke: „Alle, die in Schönheit gehen, werden in Schönheit auferstehn.“