Wenn die Macht wie Pattex klebt…

Wer soll das begreifen? Da lehnt sich ein Volk gegen seinen Präsidenten auf. Aber der alte Mann will nicht aufhören. Zunächst mal. Man fasst sich an den Kopf und fragt sich: Was ist los mit diesem Hosni Mubarak? Warum macht er nicht endlich das, was wir alle erwarten? Wir haben schließlich auch noch anderes zu tun.

Um Antworten zu finden, blicken wir doch mal in unsere eigene jüngere Geschichte. Der letzte deutsche Mubarak war ein Sozialdemokrat namens Gerhard Schröder. Nachdem er seine Wahl verloren, sah er zunächst keinen Grund zum Aufhören. Offensichtlich angetrunken maulte er vor laufenden Kameras herum, musste aber schließlich einsehen, dass nichts mehr zu machen war. Immerhin durfte seine Partei noch ein bisschen mitregieren.

Ein härteres Kaliber war Helmut Kohl. Ihm war – ebenfalls im fortgeschrittenen Alter – die Macht so wichtig, dass er seine CDU mit nach unten riss. Wie sein ägyptischer Freund hatte auch er nicht begriffen, dass seine Zeit vorbei war. Der heutige, unumstrittene Mubarak Europas ist jedoch Silvio Berlusconi. Er ist ein wahrer Bruder im Geiste des Despoten vom Nil, inzwischen aber auch ein Auslaufmodell. Sein möglicher, vermutlich aber letzter Erbe, dürfte aus heutiger Sicht Nicolas Sarkozy sein. Der ja auch aussieht wie Mubarak in klein.

Alle genannten Politiker irritieren uns, weil die jetzige Generation ziemlich verweichlicht ist. Was hatten wir nicht für Rücktritte. Der Bundespräsident geht, weil er kurzfristig beleidigt ist. Der Hamburger Bürgermeister, weil er sich lieber schöngeistigen Dingen widmen will. Der hessische Ministerpräsident, weil er lieber Bagger fährt.

Ein Mubarak verstört uns aber auch, weil er in anderen Zeitdimensionen denkt. Wir gehen ja davon aus, dass persönliche Schicksale in kürzester Zeit entschieden werden. So kennen wir das vom Fernsehen. Ein Rücktritt darf nicht zu lange dauern, weil die Angelegenheit sonst langweilig werden könnte. 18 Tage Revolution – das ist schon jetzt eine Qual für unsere Medien.

Der ägyptische Staatschef hingegen beschwört, dass er seinem Land seit 60 Jahren diene. Außerdem sei die Lage immer dann am besten gewesen, wenn man zusammengehalten habe. Das sei am Nil seit 7000 Jahren so. Nicht gesagt hat Mubarak in seiner Rede, dass er die Pyramiden selbst gebaut hat. Ich vermute: Diesen Hinweis hat er sich für seine nächste Rede aufgehoben…

4 Kommentare in “Wenn die Macht wie Pattex klebt…

  1. Die alten Männer hängen an der Macht (ok, Merkel ist kein alter Mann, aber…). Der Bundespräsident war ja mehr ein „Schüttelschorsch“ als ein Inhaber einer echten Machtposition.

    Glücklicherweise ist es bei uns aber noch üblich, die Macht ohne Tote und Verletzte zu übergeben.

    Ich frage mich jeden Tag: Würde ich für die Freiheit auf die Strasse gehen? Wäre ich so mutig wie der Ägypter, der zur Demo sein Leichentuch mitbrachte und sagte: ‚Frei oder tot‘? Würde ich Leib und Leben für Freiheit und Demokratie einsetzen?

    Die Ägypter sind uns weit voraus!

  2. Ja, die Ägypter sind uns weit voraus. Sie haben aber auch – ich drück’s mal vorsichtig aus – eine andere Qualität der Einschränkung ihrer Freiheit erlitten. Die Not muss groß sein, wenn ich rufe „Lieber tot , als frei!“
    Und wegen dieses Qualitätsunterschiedes scheue ich mich auch, Mubarak mit Kohl, Schröder oder Berlusconi zu vergleichen, weder bei uns noch in Italien steht Leben auf dem Spiel.

  3. … und was ist mit dem Flüchtlingsstrom aus Afrika die unter Lebensgefahr versuchen, die ital. Insel Lampedusa zu erreichen? Immer wieder ertrinken Menschen im Mittelmeer, die auch hätten gerettet werden können. Die Not dieser Menschen ist nicht weniger groß…

  4. ich als Ägypter der in Nürnberg sogar Demos gemacht habe gegen Mubarak, glaube nicht das er je sagen würde das er die Pyramiden selbst gebaut hat, da wenn es Ihn möglich wäre Hätte er sie zerlegt und verkauft, das Problem liegt aber da dass bis Heute wird er bzw. sein System noch von der USA&Co unterstützt, auch von Deutschland, bis Heute gibt es verhaftung und Folter in Ägypten. und wir sehen wie es in der Ganze Region jetzt ist

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