Deutschenfeindlichkeit: Kann man im eigenen Land fremd sein?

Für gewöhnlich verbringe ich meine Herbst-Urlaube fernab der deutschsprachigen Medienzivilisation. Kein Internet, nicht mal ein Stand mit der “Bild”-Zeitung. Es gibt nur das italienische Fernsehen. Dann wundere ich mich (unter anderem darüber, dass selbst News-Moderatoren mehr schreien als reden und dass es dort einen Lotto-Jackpot mit 158 Millionen Euro gibt), denke mir aber dann, dass ich eben anders bin. So, wie das Karl Valentin umschrieben hat: “Der Fremde ist ein Fremder nur in der Fremde.”

Letzten Sonntag aber schlurfe ich doch an einem international bestückten Kiosk vorbei. Und lese auf Seite 1 der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung diese Schlagzeile: “Kampf der Deutschenfeindlichkeit”. Also wirklich: Während meinen früheren Urlauben ist Bundeskanzler Helmut Schmidt zurückgetreten und ist die Berliner Mauer gefallen. Was ist denn jetzt daheim schon wieder los?

Da hat also unsere junge-dynamische und nach eigenen Worten mehrfach als “deutsche Schlampe” beschimpfte Ministerin Kristina Schröder ein neues Thema erkannt. Aber was ist dran am Vorwurf?

Es stimmt, das Wort “Scheiß-Deutscher” habe ich schon live gehört. Und Mezut Özil haben die türkischen Fans gerade 90 Minuten lang ausgepfiffen. Am Beispiel der Star-Fußballer sieht man aber auch schon, dass es schwieriger geworden ist, Deutsche wegen ihres Deutschseins zu beschimpfen. Wen würde es denn treffen? Cacau, Klose, Khedira, Aogo…? Unser Land ist für pauschale Beschimpfungen schweinefleischfressender Pickelhaubenträger  inzwischen viel zu bunt. Ich selber könnte mich am ehesten dazu hinreißen lassen, Gesundheitsminister Rösler zu diskriminieren. Allerdings ausschließlich wegen seiner Politik.

Jedenfalls bezweifle ich die These der Familienministerin, deutschenfeindliche Aktionen hätten häufig den Hintergrund, dass die Chefs islamistischer Vereinigungen Überlegenheitsgefühle gegen Ungläubige fördern wollten. Mir scheint es eher so zu sein, dass aus hilfloser Wut gegen jene getreten wird, die man oben wähnt. Das mag zwar weniger schlimm sein, als wenn selbst ernannte Herrenmenschen nach unten austeilen. Eine Lappalie ist es aber nie. Wer andere wegen ihrer Herkunft oder Sprache attackiert, verletzt deren Grundrechte und gehört bestraft.

Fremdenfeindlichkeit gegen Deutsche in Deutschland geht für mich aber nicht. Da steht mir Karl Valentin geistig-moralisch näher als Kristina Schröder. Wie schon gesagt: Der Fremde ist ein Fremder nur in der Fremde.

5 Kommentare in “Deutschenfeindlichkeit: Kann man im eigenen Land fremd sein?

5 Comments
  1. Naja, ich für meinen Teil bin in einer Stadt im Rhein/Main gebiet aufgewachsen und zur Schule gegangen, bei uns an der schule waren nur ganze 21% der Schüler wirklich Deutsche, der rest hatte damals einen migrationshintergrund. Daher kamm es schon sehr sehr häufig vor das man sich als “Fremder” fühlte, das man als Katoffel, scheiß deutscher, opfer und so weiter beschimpft wurde. Das war alles stellenweise schon nicht einfach, wenn ich alleine schon dran zurück denke das im Koran unterricht mehr schüler aus einem jahrgang waren als in Katolisch und Evangelisch unterricht zusammen, dann frage ich mich wie da eine integration stattfinden soll wenn nicht mal in der Schule versucht wird die “Welten” zusammen zu bringen, integration steht nicht auf dem lehrplan an den Schulen also wird in die richtung auch sogut wie nichts gemacht.

  2. Das ist natürlich ein verdammt heikles Thema. Ich bin selber in Berlin zur Schule gegangen und kann nur sagen, dass man sich dort wirklich mehr als nur fremd fühlt. Besonders im Stadtteil Neukölln ist es wirklich eine Ausnahme, einen deutschen Schüler in seiner Klasse zu haben. Denn meistens spricht sich so ein Ruf auch schnell rum und die meisten deutschen Familien meiden dann solcherlei Schulen.

  3. Unter der Schülerschaft kann man sich an so einer Schule schon als Außenseiter fühlen, die “Scheiß Deutsche”-Mentalität ist in diesem Fall aber weniger Hass gegen Deutsche als reguläre soziale Gruppenbildung, in der in diesem Fall einfach die Ausländer überwiegen…

  4. Das ist ein spannendes Thema und ich denke diesbezüglich wird es uns in naher Zukunft noch sehr häufig begegnen. Die Politik kann und darf vor Deutschfeindlichkeit einfach nicht die Augen verschließen.

    Und das Statement von “Otto” ist ja mal ganz stark :-) “die “Scheiß Deutsche”-Mentalität ist in diesem Fall aber weniger Hass gegen Deutsche als reguläre soziale Gruppenbildung” … wie siehts denn in den anderen Klassen aus wo die Deutschen überwiegen? Doch schon etwas gemäßigter , oder?

  5. Finde es schon wirklich erstaunlich wie weit es mittlerweile gekommen ist.
    Mein Junge geht in den Kindergarten. Er ist 3 1/2 Jahre alt. Wir waren spazieren zwischen Wiesen und Wäldern. Auf einmal reißt er “Dreckklumpen” aus dem Feld neben dem Feldweg, wirft sie weg und ruft “Scheiß Kartoffel” ! Woher er das nur hat?

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