Trauer um Robert Enke: Eine ganze Nummer zu groß
Die Trauerfeier für Robert Enke ist vorüber. Ein guter Moment, um darüber nachzudenken, ob das Aufarbeiten seines Suzidis in den Medien und die öffentliche Trauer, um den Nationaltorhüter gut und angemessen war.
Einen Maßstab liefert der Pressekodex, in dem die ethischen Grundregeln für die Medien fixiert sind. Darin heißt es: “Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt.”
Demnach wäre Berichterstattung in Ordnung gewesen, nicht aber – Stichwort Zurückhaltung – das Auswalzen dieser Tragödie in jeder denkbaren Form in sämtlichen Medien. Andererseits hat die Witwe, hat die Familie beschlossen, in die Öffentlichkeit zu gehen. Wahrscheinlich, um selbst die Kontrolle über das Geschriebene und Gesendete zu behalten. Das war respektabel. Es hat aber auch die “große Aufarbeitung” befeuert.
Das finde ich zunächst gut. Zeigte sich doch an der Trauerfeier, dass die Gesellschaft gelernt hat. Es ist noch gar nicht so lange her, da hätten sich manche Pfarrer geweigert, am Sarg eines Selbstmörders zu reden. Weil er ja Gottes Wille nicht respektiert hat, was den Zeitpunkt seines Todes angeht. Die Anteilnahme der Fans hat auch gezeigt, dass Fußball doch noch mehr ist, als ein reines Geschäft.
Andererseits: Es ging den meisten Medien garantiert nicht um Aufklärung oder Betroffenheit. Mancher Journalist mag ja das Ziel gehabt haben, anhand des Falls Enke über Depression informieren. Aber dieser Suizid hat vor allem, so hart das klingt, alle Zutaten einer Klatschgeschichte. Da scheitert einer, der als Profi-Fußballtorwart auf dem Platz keinen Fehler machen darf, an seinem Leben. Er ist berühmt und hat schon einen schweren Schicksalsschlag hinter sich. Und: Sein Tod fällt in eine Zeit ohne wirklich spektakuläre andere Nachrichten.
Und so wirkt es zwar großartig, wie viele Menschen zu seinem Gedenken ins Stadion gekommen sind. Aber wenn man sich vor Augen hält, dass da ein Fußballer die größte Trauerfeier in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bekommen hat, bleibt doch nur dieses Fazit: Einfach eine Nummer zu groß.
12 Kommentare
Wohl gesprochen, mein lieber.
Trauer und Massenmedien das verträgt sich nicht. Wenn die Kamera im Stadion die Ränge abfährt und die Trauergemeinde sich danach im Fernsehen oder gar auf der heimischen Videoaufzeichnung bewundert, dann ist das einfach nur falsch.
Letztendlich bestimmt doch die Familie, wie groß die Trauerfeier sein sollte, ob und welche Medien zugelassen sind.
Das ist auch gut so, denn jeder geht mit Trauer anders um. Da kann man der Familie nicht reinreden.
Lieber Ulrich Graser, ich habe auch größtes Mitgefühl mit den Lokführern, ganz bestimmt. Und Enke wollte bestimmt niemanden ins Unglück stürzen. Aber man muss sich folgendes überlegen: Ein Depressiver hat irgendwann keine Chance mehr, darüber objektiv nachzudenken. Da ist der Suizid-Gedanke schon zu mächtig und steuert ihn. Das ist das Wesen dieser Krankheit, wenn man nichts dagegen tut. Enkes Fehler war, dass er die Krankheit selbst nicht akzeptiert hat und sie sich selbst und anderen verschwiegen hat. Letztendlich kommen wir doch zu der Frage, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben, dass es immer mehr depressiv Erkrankte gibt, die sich aber mit ihrer Krankheit verstecken müssen, weil sie sonst als Looser und Bekloppte abgestempelt werden.
Ich gebe http://msc.haz.de/2009/11/zur-medienberichterstattung-uber-enke-das-ist-was-wir-wollen/ zu bedenken.
Ihr sprecht mir aus der Seele, lieber Klaus Schrage und pix4pix.
Sehr treffend zusammengefasst. Es ist irgendwie traurig, dass selbst derart tragische persönliche Ereignisse den medialen Sensationshype befeuern…
Ich muss Dir zustimmen. Allerdings vermute ich, dass viele Leute einfach einen ähnlichen Druck verspüren und es nachvollziehen können, wie schnell man in trübe Gedanken abdriften kann.
Wenn kein Silberstreif am Horizont erscheint und wenn es kaum noch Perspektiven gibt. Ich glaube, das ist mit ein Grund dafür, dass so viele dermaßen Anteil nehmen am Schicksal eines Robert Enke.
Und ich stimme headline zu, wenn er/sie sagt, dass die Dunkelziffer der Depressiven wesentlich höher ist als wir alle ahnen.
Schade, dass sich trotz aller warmen Worte anlässlich dieses aktuellen Ereignisses nichts an dieser Ellbogengesellschaft, in der Geld und Macht die Vorherrschaft haben, ändern wird. :-(
@headline: Der Diagnose stimme ich vorbehaltlos zu. Natürlich ist es dem Selbstmord-Kandidaten egal, wen er mit hineinzieht. Und trotzdem bin ich der Meinung, dass die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auch auf diese Menschen gelenkt werden sollte. Sie gehören zu der Diskussion über den Zustand der Gesellschaft. Als unmittelbar Betroffene. Dadurch wird nichts besser. Aber es weitet den Blick.
Lieber Klaus,
du hast völlig recht mit deiner Kritik an der schnell produzierten “großen Aufarbeitung” solcher Geschichten in einem immer größer werdenden Teil der Medien. Der immer kleiner werdende Teil der Branche, der noch zu Besonnenheit neigt und über angemessene Berichterstattung nachdenkt, spürt dabei leider zunehmend den Sog des Mainstreams und muss sich für seine andere Themengewichtung wohl öfter rechtfertigen, als dass er dafür gelobt würde.
Der Fall Enke zeigt meiner Meinung nach aber auch das immer größer werdende Verlangen der Menschen nach großen emotionalen Momenten. Egal, ob von Freude oder Trauer geprägt, ganz groß müssen die öffentlichen Erlebnisse sein. Und weil nicht jedes Jahr in Deutschland Mauern eingerissen, Fußball-Weltmeisterschaften bejubelt oder Massenmorde und Amokläufe betrauert werden können, wird das Grundbedürfnis nach emotionalen Ausnahmezuständen bei Gelegenheiten ausgelebt, die das eigentlich nicht wirklich rechtfertigen. Dafür können der arme Robert Enke, seine Familie und auch Hannover 96 nichts. Die Lawine der großen Gefühle kommt auf sehr subtile Art und Weise ins Rollen, und keiner kann dann mehr recht viel Einfluss auf ihre Endgröße nehmen.
Warum das so ist, ist eine spannende Frage. Natürlich liegen einige Antworten auf der Hand. Sehnsucht nach Gefühlen in immer kälterer Zeit. Das Massenereignis als Grundbedürfnis in unserer Gesellschaft. Ein wenig kurz springt man mit solchen Antworten aber auch immer. Die paar schlauen Menschen, die sich seit längerem mit solchen Phänomenen befassen, müsste man aufspüren und befragen. Auch wenn die Zahl derer, die das dann lesen oder im Fernsehen gucken wollen, deutlich kleiner sein wird, als beim Hype, um den es geht.
Gruß vom Krankenbett
Danke für Eure Kommentare.
Speziell Kistl (gute Besserung) und Thomas`per Link machen deutlich, dass es ein wachsendes Bedürfnis nach großen emotionalen Momenten gibt. Das stimmt. Wer in die Gesichter der Menschen im Stadion geschaut hat, kann nur sagen, dass da vielfach echte Trauer war. Die wohl geweckt wird, weil Medien, wie die Dresdner Medienpsychologin Katrin Döveling erläuter hat, den betroffenen Menschen der Öffentlichkeit ganz nahe bringen.
http://www.nordbayern.de/dpa_art.asp?art=1244623&kat=8035&man=3
Man muss leider auch dieses vermuten: Mancher, der Enkes Sarg den Fanschal entgegengereckt hat, bleibt beim Tod seiner Tante Emma gleichgültig.
Die Gesellschaft werden Enkes Tod und die riesige Trauerfeier nicht verändern. Auch wenn Beckmann noch einige TV-Gespräche führen wird. Depressive Menschen passen einfach nicht ins System. Wer nicht wie gewohnt funktioniert, hat verloren. Erst recht, wenn er in seinem Verhalten und ihre Reaktionen nicht erklärlich ist. Depressive können nur Glück haben, indem sie treue Angehörige und sonstige Helfer um sich haben.
Und die Lokführer? Die geraten viel zu häufig in solche Situationen. Robert Enke ist ja kein Einzelfall. Es wird noch viele geben, die vor den Zug springen. Man kann sie ohl nur bestmöglich auf solche Vorfälle vorbereiten und sich darum kümmern, dass Hilfe schnell zur Stelle ist, wenn es wieder mal passiert ist.
Die sportlichen Leistungen des Herrn R. Enke sind sicherlich unbestritten.
Jedoch sollte man nicht vergessen, dass sich Herr Enke
mit seinem Handeln aus jeglicher Verantwortung gegenüber seiner Familie, Angehörigen und auch seinem Verein entzogen hat.
Da helfen auch Argumente wie Krankheit, Depression, Ängste usw. nicht wirklich weiter.
Für mich bleibt die Frage offen, wie heuchlerisch denn die Initiatoren
dieser Trauerveranstaltung und auch die Redner aus Kirche, Politik und DFB sein müssen, um aus dem gegebenen Anlass, ein derartiges Schauspiel zu veranstalten.

Und immer noch werden diejenigen vergessen, die Robert Enke mit ins Unglück hineingezogen hat, jenseits der Familie: die beiden Lokführer, die er dazu ausersehen hatte, ihn zu töten. Diskussion dazu im Pendlerblog: http://blog.nn-online.de/pendlerblog