Politische Kunst in Nürnbergs CSU: Die gespielte Empörung

Ach ja, die Politik. Zu den vielen Fähigkeiten, die für eine erfolgreiche Arbeit am und mit dem Volk erforderlich sind, gehört die überzeugend gespielte Empörung. Gerade wieder zu erleben an der scheinbaren Aufregung über ein Interview der ehemaligen CSU-Bundestagsabgeordneten Renate Blank in den Nürnberger Nachrichten. „Parteiausschluss“ tönt die scharfe Parole.

Blank hatte ihrem Bezirksvorsitzenden Markus Söder dieses vor den Latz geknallt: „Nun hat er alle gleichgeschaltet.“ Der Umweltminister dulde keinen Widerspruch. Wer störe, werde abserviert. Zuletzt wurde der örtliche Vorsitzende der Senioren-Union, Hel­mut Schallock, zum Rücktritt getrieben. Er hatte seinen Parteivorsitzenden Horst Seehofer aufgefordert, öffentlich Klarheit über sein Privatleben zu schaffen. Blank wiederum  forderte ihre Partei auf, den Slogan „Näher am Menschen“ mit Leben zu erfüllen. Man könne keine Wahlen gewinnen, wenn man sich immer nur kurz davor bei den Bürger sehen lasse.

Der Bezirksvor­stand der CSU zeigte sich nun in einer Verlautbarung „erschüt­tert“ über diese Angriffe. Das aber ist Käse. So heftig sind die Emotionen nie und nimmer. Es geht vielmehr darum: Söder weiß, dass er reagieren muss. Selbst will er es aber nicht machen, weil er seine Kontrahentin damit aufwerten würde. Also lässt er einen persönlichen Kampfhund von der Leine. Einen, der in der Partei noch etwas werden will. In diesem Fall den Vorsitzenden des Ortsverbandes St. Leonhard. Dieser empört sich öffentlich über den „Affront“ und teilt Renate Blank im Auftrag seines Chefs mit, dass sie ja nie über den Status einer Hinterbänklerin hinausgekommen sei.

Überrascht dürfte in der Nürnberger CSU über Blanks Aussagen allerdings niemand gewesen sein. Die Ex-Abgeordnete hat ihre tief empfundene Abneigung gegen Markus Söder nie verborgen. Beim Ball der Union 2007, gleich nach Stoiber Sturz, ließ sie sich in Bezug auf ihren „Parteifreund“ von mir so zitieren: „Manchmal genügt es, am Ufer eines Flusses zu sitzen, und zu warten, bis die Leiche des Feindes vorüberschwimmt.“ Dass der langjährige Stoiber-Fan und „Lebensminister“ (Söder über Söder) ein genialer Überlebenskünstler in eigener Sache ist, hatte sie damals aber vielleicht nicht gedacht…