Archiv für November, 2009

November 30th, 2009

Geld ist unsexy – aber auch überflüssig?

“Geld allein macht nicht glücklich.” Wie oft haben wir diesen Satz schon gehört? Mehr als Mahnung ist er gedacht als tröstender Hinweis an all jene, die keine Kohle haben. Der Tenor: Es gibt Schlimmeres.

Oder ist alles ganz anders? Ein gewisser Mark Boyle findet nämlich, dass man erst durch völlige Abwesenheit von Geld so richtig glücklich wird. Der 30-jährige Brite hat ein Jahr ohne Geld hinter sich. Er wohnte in einem Wohnwagen in der Nähe von Bath in Südwestengland, pflanzte sein eige­nes Gemüse und suchte sich Kleidung im Abfall. „Es war befrei­end“, sagte der in Irland geborene Wirtschaftswissenschaftler. Deshalb will er nun auf „unbegrenzte Zeit“ ohne Geld leben.

Richtig ist, dass Geld ansich nicht sexy ist. Sein Wert definiert sich ausschließlich über seine Menge und über seine Währung. Es hat kein Gefühl, weshalb es auch schwer ist, ein Gefühl fürs Geld zu entwickeln.

Unglücklich macht Geld dann, wenn entweder viel zu wenig da ist, so dass man jeden Cent umdrehen muss. Oder wenn es um unüberschaubar hohe Summen geht, so dass den Eigentümer ständige Verlustängste plagen. Es gibt Psychiater, die sich speziell um Superreiche kümmern, die einen Teil ihres Vermögens verzockt haben. Reiche Menschen stecken einen 500-Euro-Schein achselzuckend in die Tasche, sehen aber richtig glücklich aus, wenn ihnen die Verdienstmedaille des von ihnen geförderten Sportvereins an die Brust geheftet wird.

Am besten ist das Leben mit Geld doch dann, wenn es zwar nicht in riesigen Mengen, aber immer ausreichend vorhanden ist, so dass man ohne ständiges Nachrechnen gut leben kann. Wenn man es also hat, wenn man es braucht. Das sagen auch psychologische Studien.

Herr Boyle aus England indes wird nur einem kleineren Teil der Menschheit eine Hilfe sein. Er hat ja auch deshalb ge- und überlebt, weil er sein Gemüse selbst angebaut hat. Das hilft Vegetariern. Andere werden ein paar Euro für Wurst und Fleisch brauchen. Es sei denn, sie wären Metzger.

November 29th, 2009

ZDF: Fatal ist, wenn der Koch zu mächtig wird

Stellen wir uns einmal vor: In unserem Lieblingsrestaurant steht der Küchenchef vor der Vertragsverlängerung. Er hat seinen Job bis dahin ordentlich gemacht, kein Mensch wirft ihm vor, dass er mieses Schlabberzeug produziert hätte.  Trotzdem muss er gehen, denn im Gastronomie-Ausschuss des Stadtrates hat sich eine konservative Gruppe gegen ihn zusammengerottet. Ihr Anführer kann zwar nicht genau sagen, warum der Koch nicht mehr tragbar ist. Entfernt wird er trotzdem.

Sie fänden das absurd? Doof? Skandalös? Sicher, aber so etwas gibt es. Nicht in einem Wirtshaus, aber beim ZDF. Der Küchenchef heißt Brender. Der andere Hauptdarsteller Koch, Roland Koch.

Sympathisch war uns der hessische Ministerpräsident ja noch nie. Er ist ein Meister der Machtpolitik alter Prägung, der eigentlich nur deshalb noch regiert, weil seine schärfste Konkurrentin Andrea Ypsilanti vorübergehend rettungslos machbesoffen war. Sollte er journalistische Kompetenz besitzen, so besteht sie wohl am ehesten in Versuchen, die öffentliche Meinung durch fiese Kampagnen zu beeinflussen.

Im ZDF-Verwaltungsrat darf so einer das große Wort führen. Und weil er willfährige Mitvollstrecker wie unseren Ex-Ministerpräsidenten Edmund Stoiber hat, klappt es mit dem Absägen eines Journalisten.

Nun hat ein Nikolaus Brender kein natürliches Recht auf eine automatische Vertragsverlängerung.  Sein ZDF ist ja ganz bestimmt keine phänomenale Vorzeige-Anstalt. Aber wenn es bei einem Sender eine klare Personalempfehlung des Intendanten gibt und einsichtige Argumente  gegen eine Person fehlen, sollten sich die Politiker ganz einfach zurückhalten.

So aber zeigt der Fall Brender wie aktuell eine frühere Mahnung des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ist. Dieser hatte vor 17 Jahren den immer übermäßigen Einfluss der Parteien in der Gesellschaft kritisiert. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ist er definitiv zu groß. Vor allem dann, wenn es Politiker gibt, die unbedingt  einmal wie Berlusconi sein möchten.

PS.:Fragt sich bloß, wer das ZDF künftig führen soll. Eigentlich gibt es als kongenialen Partner für Koch und Stoiber doch nur einen: BR-Chefredakteur Siegmund Gottlieb. Mit ihm wären, wie man so schön sagt, die Richtigen beeinander.

November 27th, 2009

Franz-Josef Jung: Einer, den keiner vermisst

Deutschland braucht einen neuen Anfang. Recht hat er, der Franz-Josef Jung.

Deutschland braucht einen neuen Anfang. Recht hat er, der Franz-Josef Jung.

Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch seine Fähigkeit zur Empathie. Gut, das größte Gehirn im Vergleich zur Körpergröße haben nicht wir, sondern der Elefantenrüsselfisch. Aber empfindet er Mitgefühl, mit all seiner Intelligenz?

Uns dagegen nimmt es mit, wenn die wunderschöne Sängerin Rihanna Liebeskummer im Alkohol ertränken muss oder Victoria Beckham von ihren High Heels derart krumme Füße bekommen hat, dass sie Söhnchen Brooklyn (oder heißt er Westend?) nicht mehr über die Straße tragen kann. Das sind Schicksale, die uns nahegehen.

Dagegen sind uns andere Menschen leidlich egal. Die Berufsvertriebene Erika Steinbach zum Beispiel, der holländische Fußballgott Louis van Gaal, der schwäbische Schnellsprecher Günther Oettinger oder der Fernseh-Allesversteher Johannes B. Kerner. Wären sie plötzlich weg – unser Leben ginge weiter, als wäre es nie ein anderes gewesen.

Und jetzt Franz-Josef Jung. Kurzzeitig hatten wir in Bayern gedacht, er sei ein großer Politiker. Weil es ja schon einmal einen Verteidigungsminister namens Franz-Josef (Strauß) gab, der zeitweise so großartig mächtig war, dass er uns fast die Atombombe gesichert hätte.  Aber wir hatten übersehen, dass dieser Jung vermutlich nur deshalb Bundesminister geworden ist, weil er dereinst dem “brutalstmöglichen Aufklärer” Roland Koch in einer Spendenaffäre durch Erinnerungslücken und Lügen den Kopf rettete.

Als Minister war er von Anfang eine blasse Figur, dessen Auftreten man unter Einsatz des allergrößten Wohlwollens als Ausdruck von Friedfertigkeit ansehen konnte. Der Mann wirkte immer überfordert, er war der Wolfgang Tiefensee der Schlachtfelder. Wobei Tiefensee, nach allem , was wir wissen, nicht gelogen hat. Aber zum großen Erstaunen der denkenden Menschen bekam ausgerechnet er den größten Teiletat des Bundeshaushalts anvertraut. Das war die Konsequenz des Wählerverhaltens.

Nun aber ist hat Angela Merkel ein Problem weniger – und eine junge Ministerin namens Köhler mehr. Die Worte des deutschen Philosophen Friedrich Theodor von Vischer werden in gewisser Weise wahr: “Jung sein ist Glück und vergeht wie Dunst.” So ist es: Da verschwindet einer im Nebel der Geschichte – und keiner will ihn zurück.

November 26th, 2009

Letzter Gruß: Ruhe sanft, meine Quelle

Getankt wird bei der Quelle schon längst nicht mehr.

Getankt wird bei der Quelle schon längst nicht mehr.

Das sind also jetzt die allerletzten Zuckungen: Am 30. November dürfen sich die Schnäppchenjäger – manche sagen auch Leichenfledderer  – noch einmal so richtig auf quelle.de austoben. Dann ist das einstmals stolze Versandhaus endgültig Geschichte.

Die Mitarbeiter(innen) haben sich am Mittwochabend mit einer “Farewell”-Party von ihrer alten Firma verabschiedet. Das ist ein netter Titel, aber leider auch ein falscher. Denn es gibt in diesem Fall kein “Lebewohl”. Die Quelle kommt nicht wieder. Und im Himmel gibt`s kein Großversandhaus.

Wenn man sich die letzten Wochen in Erinnerung ruft, erstaunt vor allem eines: Ein ehemals enorm bedeutender Arbeitgeber unserer Region wurde nahezu geräuschlos abgewickelt. Es gab eine Demonstration, als alles schon zu spät war. Aber ansonsten lief das doch genauso ab, wie sich das die Insolvenzverwalter und anderen Plattmacher wünschen. Kein Aufschrei, kaum Proteste…

Auch die Medien verlagerten das Thema zügig ins Wirtschaftsressort und widmeten sich den technischen Details der Abwicklung der Quelle.

All das ist schwer zu begreifen. Vor allem, wenn man daran denkt, wie sich die Menschen gegen die AEG-Pleite aufgelehnt haben. Wo war auf der anderen Seite der Fürther Straße der Aufstand der Gefeuerten? Wie kann es sein, dass die Kirchen engagierter und energischer für die Betroffenen aufgetreten sind als die Gewerkschaft?  Lag es daran, weil bei Arcandor eh nichts mehr zu holen ist? Daran, dass nur wenige Beschäftigte in einer Gewerkschaft waren.

Nicht die Pleite ansich ist erstaunlich, wohl aber die Ruhe, in der sie vollstreckt wird.

In diesem Sinne: Ruhe sanft, meine Quelle!

November 23rd, 2009

Männer, aufgepasst: Graue Haare sind kein Mangel

Am altersbedingten Verfall ist  leider nichts zu ändern. Bei Männern zeigt sich dieser an einer Art Schädel-Cellulitis. Daran, dass Haare weniger werden und nach und nach an Farbe verlieren. Aber : Fürchtet Euch nicht! Denn graue Schläfen sind attraktiv.

Wie eine repräsentative GfK-Umfrage ergeben hat, finden acht von zehn Frauen (79,9 Prozent) graue Schläfen bei  Männern meist attraktiv, bei den ab 30-Jährigen sind es sogar 85,6  Prozent.

Und auch das Verschwinden der Haare, welches jüngere Männer zahlreich in die Depression und ältere Herren zu Wahnsinntaten (Kauf schlecht sitzender Toupets oder Haarverpflanzung) treibt, ist kein so großes Problem.  Zwar sagen sieben von zehn Frauen (71 Prozent), dass Männer mit (beginnender) Glatze meist älter wirken als sie tatsächlich sind. Jedoch sagen mehr als vier von zehn (43,3 Prozent), dass Männer mit Glatze häufig attraktiv und sexy auf sie wirken, bei den 20- bis 49-Jährigen sind sogar 53,4  Prozent dieser Ansicht. Keinen Anklang bei Frauen findet kunstvoll dahingescheiteltes  Resthaar. 70,6 Prozent der Frauen empfehlen, schütteres Haar möglichst kurz zu schneiden oder zu rasieren.

Aber was sagt uns diese Umfrage? Zunächst einmal, dass die Erwartungen von Männern und Frauen in Sachen Partnerschaft unterschiedlich sind. Während Männer in ihrem Klimakterium durch den Kauf von Motorrad oder Allrad-SUV immerwährende Potenz demonstrieren wollen, scheint das die Damen gar nicht so umzutreiben. Schließlich sind grau werdende Haare ein klares Zeichen für einen sinkenden Testosteronspiegel. Anders gesagt: Dieser Lover war schon mal wilder.

Vielleicht aber verbinden die Frauen mit grauen Haaren ja einfach diese Hoffnung: Hier ist ein Mann, der es geschafft hat, erwachsen zu werden. Der gerne und gut zuhört, auch mal über sich selbst redet, verständnisvoll ist, der Komplimente macht und so viel Geld zur Verfügung hat, dass man nicht jeden Euro dreimal umdrehen muss. Also einer, der seine Liebste wahrhaftig auf Händen trägt und es nebenbei auch nicht mehr nötig hat, nach Abenteuern zu suchen. Oder der diesen Männergedanken gibt es auch, wegen seines Aussehen in dieser Hinsicht völlig unverdächtig ist. Und somit Sicherheit bietet.

Alles in allem bedeutet das: Der grauhaarige Mann ist das weiße Einhorn der modernen Frau. Sie muss es nur finden…

November 21st, 2009

FußballWetten: Wo der Rubel rollt, gibt`s Beschiss

Oh Jammer, oh Leid! Die Welt ist schlecht! So klingen die Kommentare zum neuesten Skandal bei Fußballwetten. Klar, es ist schlimm, dass so etwas passiert ist. Aber wo der Irrsinn groß ist, wird es so etwas immer wieder geben. Erst recht, wenn massig Geld bewegt wird.

Halten wir Normal-Menschen uns doch einmal vor Augen was es alles gibt. Die Wette auf das Ergebnis des U-21-Spiels zwischen Andorra und den Faröer-Inseln (1:1 übrigens) ist ja noch relativ normal. Aber man kann auch bei einem völlig uninteressanten Unterklassen-Fußballspiel tippen, wer den ersten Eckball bekommt oder wer im Spitzenspiel der Frauen-Bezirksliga Vorpommern Nord als letzte Spielerin der Partie im Abseits steht. Vielleicht wird es bald darum gehen, welcher Spieler während einer Begegnung am häufigsten furzt. Festzustellen per Fernsehbeweis mit Super-Zeitlupe.

Das ist alles sehr, sehr krank. Und begonnen hat das, wie so vieles Fragwürdige, mit dem Siegeszug des Computers, der uns zum Beispiel auf den Zentimeter genau sagen kann, wie weit die Mauer vom Freistoßschützen entfernt steht und mit welcher Geschwindigkeit der Ball ins Netz rauscht.

Wesentlich ist aber doch dieses: Die Leute wollen betrogen werden. Das Gespräch über einen falschen Abseitspfiff dauert länger und läuft mit größerer Lautstärke als jenes über ein Tor an sich.

Zu übertreffen ist das nur durch den geglückten Beschiss an sich. Wie jetzt gerade wieder durch den französischen Stürmer Thierry Henry im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Irland. Zwei Handspiele kurz hintereinander wurden von sämtlichen Schiedsrichtern übersehen, der Betrüger ließ sich feiern. Es war sogar – welche Blasphemie, was haben wir eigentlich für ein Bild vom Herrn? – von der „Hand Gottes“ die Rede.

Vielleicht sollten wir nachprüfen, wie die Wettwquoten waren. Oder sollten überlegen, wie die Fifa in Sachen Wiederholungsspiel entschieden hätte, wenn es ein Tor der Iren gewesen wäre.

Aber zu spät, schauen wir lieber hin, was ein solcher geklauter Erfolg bei einem fairen Sportsmann anrichtet. Iren-Trainer Giovanni Trappattoni hatte wirklich fertig.

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November 19th, 2009

Welttoilettentag: Ohne Klo droht die Revolution

Manche Klos haben konkrete Botschaften.

Manche Klos haben konkrete Botschaften.

„Pfffff“, „Hihihi“ oder auch „A su a Grambf, Mensch“: Heute ist Welttoilettentag. Und wer kann, lästert oder lacht. Dabei macht ein Klo nicht nur die Katze froh.

Nehmen wir doch einmal nur an, wir hätten unsere Traumwohnung gefunden. Mit Panoramablick über die Dächer der Stadt, riesigem Wohnzimmer, Profiküche, Tagslichtbad und Fußbodenheizung. Der Architekt hätte aber die Toilette vergessen. Würden wir auch nur ansatzweise daran denken, dort einzuziehen?

Nein, bei der Erfüllung unserer Grundbedürfnisse ist die stets problemlos mögliche Entsorgungstätigkeit ganz hoch angesiedelt. Wir können uns beherrschen,  unablässig an den Kühlschrank zu gehen, wir können vergessen, uns zu waschen, wir lassen das Kochen bleiben und rufen den Pizzadienst an. Aber niemals entkommen wir dem, was hinten rauskommt.

Man stelle sich nur vor, der Besitz einer Toilette wäre vom gesellschaftlichen Rang abhängig. Nur die Oberschicht bekäme sie serienmäßig, in der Firma hätte nur der Chef den Schlüssel und die Mitarbeiter müssten ins nahegelegene Gebüsch.

Es wäre der direkteste Weg zu einer blutigen Revolution. Wie gut geht uns dagegen wirklich? Jede(r) nimmt die selbe Schüssel. Stuhlgang verbindet.

Der Welttoilettentag der Vereinten Nationen greift genau diesen Gedanken auf. Er erinnert daran, dass mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung keine ausreichend hygienischen Sanitäreinrichtungen nutzen können. Und macht die Forderung nach Klos für Alle zum globalen Thema.

Wir sind dafür, ohne Wenn und Aber. Denn eigentlich muss man sich bei dieser gewaltigen Nicht-WC-Quote wundern, dass in Sachen Kriege und Terrorismus nicht noch viel mehr passiert.

November 18th, 2009

Notwendig? Nationalelf schreibt öffentlich an Robert Enke

Ich hatte gedacht, die öffentliche Trauer um Robert Enke wäre zum Abschluss gekommen. Was ja nicht schlecht gewesen wäre.

Aber jetzt hat die Nationalelf ihren Abschiedsbrief veröffentlichen lassen.

Dieser ist – wahrscheinlich von der Pressestelle des DFB – sehr schön formuliert worden. Trotzdem frage ich mich: Wenn es das persönliche Gedenken der Spieler sein soll, musste der Brief dannveröffentlicht und durch die Medien gereicht werden?

Öffentliche Trauer, nochmal etwas zuviel.

Wer den Terxt lesen mag, hier ist der    Wortlaut.

November 18th, 2009

Studentenprotest: Wo sind die Verbündeten?

So könnten Probleme wie Studiengebühren auch gelöst werden.

So könnten Probleme wie Studiengebühren auch gelöst werden.

Ach, früher war es so schön, Student zu sein. In verrauchten Kneipen schmökerte man in einem wichtigen Buch, in endlosen Diskussionen beleuchtete man den Zustand dieser Welt – und nach dem 20. Semester machte man sich zwischen zwei Straßenkämpfen mit der Polizei so ganz allmählich Gedanken darüber, was aus dem Ganzen werden könnte.

Demonstriert wurde gerade wieder, aber die Romantik ist vorbei. Junge Menschen heute hetzen durch das G 8 , um hinterher in die Tretmühle eines Bachelor-Studiums zu geraten. Langsamkeit oder Nachdenklichkeit sind verpönt. Bildung hat vor allem ein Ziel: Der Mensch muss schnellstmöglich für die Wirtschaft nutzbar gemacht werden. Das ist ein Erbe der zurückliegenden neoliberalen Phase.

Und kaum wird protestiert, kommen gallige Kommentare. Der Philologenverband lässt verlauten, dass hier “linksextreme und politikunfähige Gruppen” als Drahtzieher am Werk seien. Klar, man wird  ja kaum kein Interesse an der geforderten Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems. Was freilich nicht gesagt wird.

Nehmen wir andererseits die Abschaffung der Studiengebühr. Sie ist tatsächlich überfällig, denn es kann doch niemand wegleugnen, dass 1000 Euro im Jahr in etlichen Familien mitentscheidend dafür sind, ob ein Kind studieren darf oder nicht. Andererseits würde Gebührenfreiheit irgendwo auch den Unis helfen. Deren Verwaltungen sind ja durch die Zwangsabgabe erstmals in die Situation geraten, dass sie Studenten und deren Eltern plötzlich auch als Kunden haben.  Wer einmal dort angerufen und eine Frage gestellt hat, weiß aber, dass deren Mitarbeiter(innen) damit überhaupt nicht umgehen können. Univerwaltungen pflegen die herrschaftliche Bürokratie alter Schule. Wenn auch vielleicht nicht alle.

Gerade die Studiengebühren werfen aber auch eine ganz andere Frage auf: Wo waren bei diesem Thema eigentlich die konkret Mitbetroffenen, die Eltern? Bei der Einführung haben die Zahler zwar kurz gegrummelt, aber letztlich den Mund gehalten. Man hat es hingenommen – und das hat Länderregierungen wie in  Bayern Mut gemacht, kräftig hinzulangen.

Es sind gute und richtige Ziele, für die die Schüler und Studenten auf den Straßen gehen. Ihre Eltern sind ihre natürlichen Verbündeten. Wann wachen sie auf? Wann gehen sie mit?

November 17th, 2009

Unglaublich, aber wahr: Es gibt die Christmieze

Betty ist die Christmieze Nr. 1.
Betty ist Nürnbergs Christmieze Nr. 1.

Es ist schon erstaunlich, dass man auch als erfahrener Journalist einen ganz billigen Fehler macht:  eine falsche Tatsachenbehauptung.

In meinem Beitrag zur ziemlich verrückten Wahl des Nürnberger Christhündle hatte ich geschrieben, dass sich ein treuer Hund schon mal zum Deppen machen ließ, dass sich Katzen aber keine Weihnachtsmannmütze oder ein Rentiergeweih aufsetzen lassen würden.

Das ist nachweislich falsch. Familie Pöppel-Reuss hat ihre Katze namens Betty zum Mitmachen überredet. Glückwunsch.

Und wir warten auf  Christhamster, Weihnachtskarnickel und Santa-Claus-Goldfisch…

November 15th, 2009

Trauer um Robert Enke: Eine ganze Nummer zu groß

Die Trauerfeier für Robert Enke ist vorüber. Ein guter Moment, um darüber nachzudenken, ob das Aufarbeiten seines  Suzidis in den Medien und die öffentliche Trauer, um den Nationaltorhüter gut und angemessen war.

Einen Maßstab liefert der Pressekodex, in dem die ethischen Grundregeln für die Medien fixiert sind. Darin heißt es: “Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt.”

Demnach wäre Berichterstattung in Ordnung gewesen, nicht aber – Stichwort Zurückhaltung – das Auswalzen dieser Tragödie in jeder denkbaren Form in sämtlichen Medien. Andererseits hat die Witwe, hat die Familie beschlossen, in die Öffentlichkeit zu gehen. Wahrscheinlich, um selbst die Kontrolle über das Geschriebene und Gesendete zu behalten. Das war respektabel. Es hat aber auch die “große Aufarbeitung” befeuert.

Das finde ich zunächst gut. Zeigte sich doch an der Trauerfeier, dass die Gesellschaft gelernt hat. Es ist noch gar nicht so lange her, da hätten sich manche Pfarrer geweigert, am Sarg eines Selbstmörders zu reden. Weil er ja Gottes Wille nicht respektiert hat, was den Zeitpunkt seines Todes angeht. Die Anteilnahme der Fans hat auch gezeigt, dass Fußball doch noch mehr ist, als ein reines Geschäft.

Andererseits: Es ging den meisten Medien garantiert nicht um Aufklärung oder Betroffenheit. Mancher Journalist mag ja  das Ziel gehabt haben, anhand des Falls Enke über Depression informieren. Aber dieser Suizid hat vor allem, so hart das klingt, alle Zutaten einer Klatschgeschichte. Da scheitert einer, der als Profi-Fußballtorwart auf dem Platz keinen Fehler machen darf, an seinem Leben. Er ist berühmt und hat schon einen schweren Schicksalsschlag hinter sich. Und: Sein Tod fällt in eine Zeit ohne wirklich spektakuläre andere Nachrichten.

Und so wirkt es zwar großartig, wie viele Menschen zu seinem Gedenken ins Stadion gekommen sind. Aber wenn man sich vor Augen hält, dass da ein Fußballer die größte Trauerfeier in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bekommen hat, bleibt doch nur dieses Fazit: Einfach eine Nummer zu groß.

November 13th, 2009

Die fiese Frage: “Schatz, war ich zu laut?”

Es ist einfach so: Das  Leid ist auf dieser Welt einfach überall. Und sei es in den Betten all jener, die sich eigentlich doch nur lieben wollen. Denn es ist zu laut.

Erholsam tief und fest schlafen und dann frisch in den Tag starten. So wünschen wir uns das. Doch die Nacht ist anders gelaufen. Nein, unser Problem war nicht, dass 20 Schwertransporte am schlecht isolierten Fenster vorbeigedonnert sind. Wir haben nicht unter den Laubbläsern gelitten, die um 4 Uhr früh ausrücken. Es hat uns auch nicht der psychopathische Köter vom Nachbarn geärgert.

Nein, es war Schatzi, Putzi oder Bommel. Denn fast jede/r zweite Bundesbürger/in (44, Prozent)  hat einen Menschen im Bett, der zumindest ab und zu schnarcht. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der “Apotheken Umschau“. Fast jede/r fünfte Betroffene (18,5 Prozent) gibt an, das Geräusch sei ziemlich oder sogar unerträglich laut. Acht von Zehn (81,5%) halten das schnarchen des Partners für gerade noch erträglich, so dass sie nur selten davon aufwachten.

Insgesamt schnarcht in Deutschland jede zweite Frau (49,8% Prozent) zumindest ab und zu, bei den Männern sind es über zwei Drittel (68,8 Prozent).

Und so wird uns wieder bewusst, wie sehr die Frage nach dem Glück von kleinen Rahmenbedingungen abhängt. Wie zärtlich könnte die Antwort auf die Frage “Liebling, war ich zu laut?” klingen. Und wie bitter fällt sie oft tatsächlich aus…

November 12th, 2009

Christkindle? Nein, Christhündle?

Sieht so ein würdiges Nürnberger Christhündle aus? Foto: Iannicelli

Sieht so ein würdiges Nürnberger Christhündle aus? Foto: Iannicelli

„Ihr Herrn und Frau’n, die Ihr einst Welpen wart..“. Der wahre Christkindlesmarkt-Prolog geht unwesentlich anders, aber die Aktion einer ortsansässigen Hundeboutique verlangt eben nach Modifizierungen. 40 Jahre nach der Kür des ersten Nürnberger Christkindes soll 2009 ein „Christhündle“ gewählt werden.
Die Notwendigkeit hierfür liegt auf der Hand. Denn am 19. und 20. Dezember feiert auch in unserer weltberühmten Weihnachtsstadt der „Christhündlesmarkt“ Premiere. Rund ums Waldschießhaus in der Günthersbühler Straße 145 in Erlenstegen soll es alles geben, was Tier braucht, um Jesu Geburt freudig bewinseln zu können. Unter anderem werden kuschelige Hundebetten, Hemdchen mit glitzernden Swarovskisteinen oder Tiernahrung in Bioqualität im Programm sein.
Das Christhündle wiederum hat selbstverständlich eine Botschaft mit Tiefgang. Es soll daran erinnern, dass Hunde zur menschlichen Kultur gehören und dass sie als die allertreustene Begleiter eine gute Behandlung verdienten.
Und anhänglich, wie Hunde nun mal sind, lassen sie sich — anders als Katzen — Frauchen und Herrchen zuliebe auch mal zum Deppen machen. So etwa für ein lustiges Bewerbungsfoto. Wer also seinen Liebling zum Weihnachtsboten machen möchte, setzt ihm Nikolausmütze oder Rentiergeweih auf und schickt das Bild bis zum Montag, 16. November per Mail an huendle@christhuendlesmarkt.de.
Unter allen Einsendern werden Preise verlost. Und das Siegertier-Begrüßungslied mit hundgerechtem Text könnte so gehen: „Leise pieseln im Schnee…“

November 11th, 2009

Wenn Managern die Angst im Nacken sitzt

Wie wir spätestens seit Quelle oder Hypo Real Estate wissen, ist es gar nicht so einfach, die richtigen Chefs für einen Konzern zu finden,. In Familienbetrieben ist das einfacher: Da machen es Bub oder Tochter – machmal mit mehr, manchmal mit weniger Erfolg.

Aber was führt eigentlich zu einer Karriere? US-amerikanische Entwicklungspsychologen haben diese Frage untersucht. Sie sagen nun: „Es ist der Charakter.“ Menschen mit hoher Gewissenhaftigkeit und geringem Neurotizismus (emotionale Labilität pluis Neigung zur Angst) hätten die besten Chancen auf Zufriedenheit im Beruf und ein hohes Einkommen.

Am Beginn ihrer Karriere hätten auch stark extrovertierte Persönlichkeiten Vorteile, heißt es im Ergebnis der Studie weiter. Diese profitierten von ihrem vergleichsweise größeren sozialen Netzwerk. Und: Ein höheres Einkommen suggeriere mehr Souveränitat. Angst sei vor allem ein Problem der schwächer bezahlten Mitarbeiter(innen).

Hätten die amerikanischen Forscher recht, wäre es üblich, dass Karriere geradlinig verlaufen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es bei Beförderungen immer wieder die Falschen trifft. Dann aber wird, wie britische Forscher herausgefunden haben, der Karrieresprung zur Belastung mit langfristigen Folgen. Die unfähigen beziehungsweise überforderten Manager verfielen in Angstzustände oder Depressionen.

Der nächste Schritt sind die Flucht in eine Kunstwelt und das Überdecken von Problemen mit markigen Sprüchen. Der ängstliche Versager keift, beißt um sich, serviert vermeintliche Gegner ab und verschafft sich so Respekt auf Zeit. Die Paranoiden überleben länger. All das kennt man von diversen Unternehmen, man hat es vielleicht selbst schon im eigenen Umfeld erlebt.

Wer sich über die Middelhoffs dieser Welt erregt, sollte also auch einmal hinsehen, wer diese für einen Job engagiert hat. Oft geht hier das Übel los Der Fisch stinkt vom Kopf her auf eine ganz besondere Art.

November 9th, 2009

Mauerfall: In der Einheit wächst das Trennende auch

Zwei, die auch mitfeiern: Gorbi und Wowi.

Zwei, die auch mitfeiern: Gorbi und Wowi.

Ist doch schön: Am heutigen 9. November ist auf dem Nürnberger Willy-Brandt-Platz eine Statue des Namensgebers aufgestellt worden. Also jenes früheren Berliner Bürgermeisters und Bundeskanzlers, der einen der nachhaltigsten Sätze zur Deutschen Einheit formuliert hat: „Es wächst zusammen, was zusammen gehört“, meinte er am 9. November 1989.

Es ist auch völlig richtig, den zu seiner Zeit geradezu unwirklichen Mauerfall zu feiern. Aber für viele Menschen ist es ein glückliches Ereignis mit Widerhaken. Was sich ganz vornehm so ausdrücken lässt: In der Einheit wächst das Trennende auch.

Davon können viele Familien in Ostdeutschland ein Lied singen. Junge, begabte, ehrgeizige Menschen dort sind häufig dazu gezwungen, ihre Heimat gen Westen zu verlassen, wenn sie Karriere machen wollen. Wirklich gute Jobs mit Zukunftsaussichten sind im Osten einfach zu rar.  Nur wenige kehren zurück, weshalb manche Stadtplaner in der früheren DDR vor einer absurd wirkenden Aufgabe stehen: Sie müssen nicht darüber streiten, welche Flächen neu bebaut werden dürfen, sondern sich darum kümmern, wie überflüssig gewordene Wohnhäuser möglichst spurlos verschwinden.

Und auch in Familien mit Menschen aus beiden Teilen Deutschland hat die politische Einheit die gegenseitige Bindung nicht unbedingt verstärkt. Als es die DDR noch gab, waren Begegnungen ein besonderes Ereignis. Und an Weihnachten gab es den jedes Jahr gleichen Austausch von Geschenken: Kaffee, Schokolade und Strumpfhosen nach Osten – Christstollen und Räuchermännchen aus dem Erzgebirge in die Gegenrichtung. Wenn es Aldi und Lidl auf beiden Seiten gibt, funktionieren solche Rituale nicht mehr.

Das pure, völlig ungetrübte Glück gibt es eben nicht. Oder anders gesagt: Freiheit ist ein wunderbares Ding, kann sich aber manchmal auch kalt anfühlen.