Wg. Quelle: Freistellung ist ein dreckiges Wort

„2000 Mitarbeiter gehen in die Freistellung.“ So lauten neuere Nachrichten zum Schicksal der Quelle-Beschäftigten. Ich hasse dieses Wort.

Denn es wird der Situation der von der Quelle-Pleite betroffenen Menschen in keinster Weise gerecht. Suggieriert es doch, dass Arbeitslosigkeit etwas mit Freiheit zu tun hätte. Sicher, man muss nicht mehr jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit an seinem Arbeitsplatz antreten. Aber was nützt Freiheit, wenn sie nur Sorgen bringt, wenn sie mit Hoffnungslosigkeit verbunden ist?

Juristisch ist der Begriff völlig korrekt. Wer freigestellt ist, ist noch nicht arbeitslos. Er ist nicht gekündigt, er erhält weiter Lohn und Gehalt und kann an seiner Zukunft arbeiten. Von Fußballtrainern kennt man den Begriff „beurlaubt“.

Trotzdem: Wir alle, besonders auch wir Journalisten, sollten eine klarere Sprache sprechen als die Amtspersonen. Wer freigestellt ist bei Quelle, wurde abgeschoben, weggetreten, entsorgt. Per Telefonanruf, ohne ein persönliches Wort oder gar einen Dank für die erbrachte Leistung.

Man wünscht sich ja Firmen, in denen eine Sozialpartnerschaft gelebt wird. Aber die Wahrheit ist wohl eine andere: Wenn es hart auf hart geht, erleben Arbeitnehmer, was sie wirklich zählen. Wenig bis nichts.

Für sie gibt es den finalen Tritt. Und das heißt dann, zum Beispiel, „Freistellung“. Es ist ein dreckiges Wort.

6 Kommentare in “Wg. Quelle: Freistellung ist ein dreckiges Wort

  1. Sozialpartnerschaft in Firmen? Wo soll’s das geben? Auf dem Sozi-Planeten? Wenn ein Manager 15 Mio Euro für 6 Monate „Füße auf dem Tisch“ erhält, die Mitarbeiter aber für ein Brötchen rausgeschmissen werden, dann hat das wohl mit Sozialpartnerschaft nicht mehr viel zu tun. Na ja, wenn Schwarz-Gelb den Kündigungsschutz erschiesst, dann braucht man nicht mal mehr auf das geklaute Brötchen zu warten. Hire and Fire – funktioniert ja in den USA prächtig. Nur die 10.000 Obdachlosen in New York stören das Straßenbild, aber das Problem kann ja dann durch die „Null Toleranz“-Strategie der Ordnungshüter (mit Unterstützung einiger Bundeswehr-Panzer) in die Slums verschoben werden.

  2. „Entsorgen“ ist genauso ein dreckiges Wort. Irgendwo anders hin mit dem Zeug, weswegen man sich sorgt. Sich ent-sorgen, woanders gibt’s auch ein schönes Plätzchen. Aus den Augen, aus dem Sinn, entsorgt. Ich hab kürzlich einen Entsorgungspark entdeckt. Den Rest meines Wutausbruchs inkl. „Freistellen“ gibt’s hier: http://sudelbuch.heikerost.de/?p=1476

  3. Ich habe gelesen, dass man im Englischen den Begriff „garden leave“ verwendet, eine zumindest ebenso unangemessene Beschönigung für Arbeitslosigkeit:
    Die Engländer lieben ihre Gärten und ohne Arbeit haben sie – so wird zwischen die Zeilen gepresst – auch endlich genug Zeit dafür.

  4. Ach wie schön unser Amts- und Bürokratendeutsch doch ist. Ich sage immer; „Gib dem Kind einen richtigen Namen!“. Ich kann solche Begrifflichkeiten wegen oder trotz des Wissens über die Macht der Sprache nicht gutheißen. In der „Breiten Masse“ wird dieser Begriff aber genau das bewirken was er soll. Füße stillhalten nämlich. Danke für den guten Post. Hab meinen Feedreader mit Ihrem Blog betankt.

  5. Entsorgt? freigestellt?
    Ausgesperrt, Rausgeschmissen, wäre wohl die richtige Bezeichnung.
    Ausgesperrt allein, birgt immer noch die Chance, dass die die Tür wieder aufgesperrt wird, wie bei Tarifverhandlungen, deswegen sollte es nie allein stehen. Ein „Endgültig Ausgesperrt“ sein kommt der Wahrheit schon näher, noch deutlicher ist, die „Vernichtung“ des Arbeitsplatzes, ein durchaus legitimer Begriff.
    Wessen Arbeitsplatz vernichtet wurde, ist Opfer. Und wo Opfer existieren, sind die Täter nicht fern. Nach den Verantwortlichen fragt aber niemand mehr, wenn man statt „Vernichtung“ die Worthülse „Freistellen“ verwendet.

    „Freistellen“ passt deswegen gut in die Wort Ekelfamilie, in der sich auch das Unwort „Ethnische Säuberung“ tummelt. Auch hier würde die korrekte Bezeichnung „Völkermord“ klarstellen, dass es neben den Opfern auch Täter gibt.

    Daran haben die Verantwortlichen kein Interesse und erfinden kaschierende Worthülsen, hinter denen sich in aller Regel die Täter verstecken.

    Deswegen will ich hier mal in den Ring werfen: „Holocaust“.
    Das englische Wort für „Feuersturm“ im Sinne von Brandkatastrophe war ursprünglich der Titel einer TV-Serie über den, duch die Deutschen verübten Massenmord an Menschen jüdischen Glaubens.

    Vielen deutschen Tätern bot der Filmtitel offenbar die Gelegenheit, dieses, klar zwischen Opfern und Tätern definierende Wort „Massenmord“ auszutauschen, gegen das überwiegend unbekannte unbd elegant klingende Neuwort „Holocaust“. Es gab sogar die Forderung, das Neuwort in Deutsch auszusprechen: „Hohlo-Kauhst“, um den peinlichen Bezug zum Filmtitel ebenfalls zu kaschieren.

    Das Ergebnis ist, dass es den Massenmördern gelang, ihre Verbrechen hinter einem Neuwort zu verstecken und gleichzeitig zu vermeiden, die bereits existierende Bezeichnung der Opfer dieser Verbrechen in den deutschen Sprachgebrauch zu zu übernehmen: Shoah! Ich kann nur vermuten, warum das die Täter den hebräischen Begriff auf jeden Fall vermeinden wollten: Sie hätten sich dahinter nicht so elegant verstecken können.

    Nachdem ich als Kind das erste Mal den damals üblichen Begriff ‚Massenmord‘ und ‚Massenmörder‘ hörte, stellte sich mir die Frage nach Opfern und den Tätern ganz von selbst, denn was Mord ist, wusste ich bereits und die heute für Regierungsmorde übliche Kaschierung „Gezielte Tötung“ war noch nicht erfunden.

    Einer heutigen Generation muss man die kaschierenden Neuwörter erst mal erklären, sonst verwechseln sie „ethnische Säuberung“ tatsächlich mit Aufräumen. Da die wenigsten Eltern den Ursprung solcher Worthülsen kennen und selbst darauf hineinfallen (sollen), entstehen schwebende Begriffe, deren Existensz einfach so hingenommen wird, Begriffe, die unberührt lassen, weil niemand mehr nach den Opfern fragt.

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